Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Albino Kardinal Luciani – Mein Rosenkranz

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Am 7. Oktober 1973 hielt Albino Luciani, der spätere Papst Johannes Paul I., als Patriarch von Venedig zum 400. Jahrestag des Rosenkranzfestes in der Kirche der Jesuiten in Venedig diese Predigt:

enn ich bei einer Versammlung von Katholiken die anwesenden Damen und Herren auffordern würde, zu zeigen, was sie in ihren Jacken- oder Handtaschen haben, kämen sicher Unmengen von Kämmen, Lippenstiften, Portemonnaies, Feuerzeugen und andere mehr oder weniger nützliche Dinge ans Tageslicht.

Ludwig Windthorst, ein deutscher Staatsmann, wurde einmal von Freunden, die keine praktizierenden Katholiken waren, aufgefordert, ihnen seinen Rosenkranz zu zeigen. Natürlich ein Scherz: sie hatten ihn vorher aus seiner linken Hosentasche gezogen! Windthorst, der den Rosenkranz in der linken Tasche nicht finden konnte, griff in die rechte – und die Situation war gerettet: er hatte nämlich immer einen Ersatz- Rosenkranz bei sich! Der große Musiker Christoph Gluck pflegte sich bei Empfängen am Wiener Hof einige Minuten lang zurückzuziehen, um in Ruhe den Rosenkranz beten zu können. Die heilige Bernadette bestätigte, dass die Muttergottes, als sie ihr erschien, den Rosenkranz um den Arm hängen hatte und sie aufforderte, den Rosenkranz zu beten, falls sie einen solchen habe. Dieselbe Aufforderung ging auch die die drei Hirtenkinder in Fatima.

Warum ist der eine oder andere gegen den Rosenkranz? Und sagt, dass es sich dabei um ein Gebet handelt, das kindisch, abergläubisch, eines erwachsenen Christen nicht würdig ist? Ein Gebet, das in Automatismus verfällt, nicht mehr ist als ein hastig heruntergeleiertes, monotones und langweiliges Wiederholen des Ave Maria. Oder, dass es Schnee von gestern ist, es heute besseres gibt: Das Lesen der Bibel beispielsweise, das vom Rosenkranz so verschieden ist wie Tag und Nacht.

Hier möchte ich als Seelenhirte gerne ein paar Worte anfügen.

Dies ist mein erster Eindruck: die Krise des Rosenkranzes steht erst an zweiter Stelle. Davor kommt heute die Krise des Gebets im allgemeinen. Die Menschen haben heute vor allem materielle Interessen; wer denkt da schon an die Seele. Und der ganze Krawall hat dann unsere Existenz überschwemmt. Macbeth könnte wiederholen: ich habe den Schlaf getötet, ich habe das Schweigen getötet!

Für unser Innenleben oder das vertraute Zwiegespräch mit Gott, findet man nur schwer Zeit. Das ist ein Schaden. Wie schon Donoso Cortés sagte: “In der Welt geht es drunter und drüber, weil es heute mehr Krieg als Gebet gibt.”

 

 

Die Gemeinschaftsliturgie ist groß im Kommen, und das ist sicher etwas Gutes; aber das allein genügt nicht, auch das persönliche Zwiegespräch mit Gott ist wichtig.

Mein zweiter Eindruck: Wenn man vom Gebet eines “erwachsenen Christen” spricht, übertreibt man manchmal. Ich persönlich fühle mich, wenn ich allein zu Gott oder Muttergottes spreche, lieber als Kind denn als Erwachsener. Mitra und Ring verschwinden dann: Ich schicke den Erwachsenen auf Urlaub, und auch den Bischof, mit seiner ernsten, gesetzten und bedachten Haltung, um mich ganz spontaner Zärtlichkeit hinzugeben, wie ein Kind zu seiner Mutter und zu seinem Vater. Wenigstens eine halbe Stunde vor Gott das zu sein, was ich wirklich bin – mit all meiner Erbärmlichkeit und mit meiner besten Seite: spüren, wie in meinem Innersten das Kind in mir wieder erwacht, das lachen, plaudern, den Herrn lieben will, und das manchmal den Wunsch verspürt, zu weinen, damit ihm Barmherzigkeit zuteil wird -, hilft mir zu beten. Der Rosenkranz, einfaches und schlichtes Gebet, hilft mir wiederum, Kind zu sein. Und dessen schäme ich mich ganz und gar nicht.

Mein dritter Eindruck: Ich darf und will von niemandem schlecht denken, aber ich muss doch zugeben, dass ich des öfteren versucht war, über den ein oder anderen zu urteilen, der sich erwachsen fühlte, nur weil er auf dem Richterstuhl saß und die anderen kritisieren konnte. Ich verspürte dann den Wunsch, ihm zu sagen: “Von wegen Reife! Wenn Du beim Gebet doch nichts anderes bist als ein unbeholfener Teenager, ein Enttäuschter und ein Rebell, der noch nicht die Aggressivität dieses unbeholfenen Alters überwunden hat!” Gott vergebe mir dieses verwegene Urteil!

Und nun komme ich zu den anderen Einwänden.
Der Rosenkranz – ein wiederholendes Gebet? Pater Charles de Foucauld sagte: “Die Liebe drückt sich mit wenigen Worten aus, stets denselben, die immer wiederholt werden. ”Eine Frau, die im Zug reiste, hatte ihr Kind zum Schlafen ins Gepäcknetz gelegt. Als der Kleine aufwachte, sah er von oben seine über ihn wachende Mutter unter sich sitzen. “Mama!” rief er. Und sie: “Liebling” von unten. Anderer Worte bedurfte es nicht.

Und die Bibel? Nicht alle sind vorbereitet und haben Zeit, sie zu lesen. Und denen, die sie lesen, wird es dann, in gewissen Momenten auf Reisen, auf der Straße, in besonderen Momenten der Bedürftigkeit, nützlich sein, mit der Muttergottes zu sprechen, wenn man glaubt, dass sie uns Mutter und Schwester ist. Wenn das Lesen der Bibel nur als akademisches Studium geschätzt wird, sind die meditierten Geheimnisse das Herz der Bibel, werden zu deren geistlichem Saft und Blut.

Langweiliges Gebet? Kommt darauf an. Vielmehr kann es ein Gebet voller Freude und Frohsinn sein. Wenn man sich darauf versteht, wird der Rosenkranz zu einem Blick auf Maria; einem Blick, der immer intensiver wird, je weiter man fortschreitet. Es kann auch zu einem Refrain werden, der aus dem Herzen sprudelt und der, wiederholt, die Seele wie ein Lied hinschmelzen lässt.

Der Rosenkranz – ein armes Gebet? Und was soll dann das “reiche Gebet” sein? Der Rosenkranz ist eine Reihe von “Vaterunser”, das von Jesus gelehrte Gebet, eine Reihe von “Ave Maria”, der Gruß Gottes an die Jungfrau durch den Engel, und einige “Ehre sei dem Vater”, Lob der Heiligsten Dreifaltigkeit. Oder soll ich vielleicht noch mit anderen theologischen Überlegungen fortfahren? Doch die wären wenig geeignet für die Armen, die Alten, die Demütigen, Einfachen. Der Rosenkranz drückt den Glauben aus ohne falsche Probleme, ohne Gekünsteltes, ohne Wortspiele, hilft bei der Hingabe an Gott, dem großzügigen Akzeptieren des Schmerzes. Gott bedient sich auch der Theologen, aber beim Austeilen seiner Gnaden bedient er sich mehr noch der kleinen Dinge der Einfachen und derer, die sich seinem Willen unterwerfen.

Und dann wäre da noch eine andere Überlegung: die Familie sollte eigentlich die erste Schule der Frömmigkeit und religiösen Spiritualität für die Kinder sein. Das pädagogisch-religiöse Wirken der Eltern – wie Papst Paul VI. meinte – ist delikat, autorisiert, unersetzlich. Delikat wegen des uns umgebenden permissiven, auf weltliche Dinge bezogenen Klimas. Autorisiert, weil es Teil der den Eltern von Gott übertragenen Sendung ist. Unersetzlich, weil man in den frühen Kindheitsjahren die Gewohnheit der religiösen Frömmigkeit und die Neigung dazu entwickelt. Der abends von den Eltern gemeinsam mit den Kindern gebetete Rosenkranz – wenn auch in gekürzter und angepasster Form – ist eine Heimliturgie.

Der Schriftsteller Louis Veuillot gestand, dass am Anfang seiner Rückkehr zum Glauben der Anblick einer römischen Familie gestanden hatte, die gemeinsam den Rosenkranz betete.

Mit dieser Überzeugung im Herzen war es mir ein großer Trost, von der Initiative der Feiern in diesen Tagen zu hören. Ich bin zu dieser Liturgie gekommen wie zu einem fröhlichen Fest. Im Rosenkranzgebet wird die Muttergottes unter dem Namen “Königin des Friedens” angerufen. Lasst uns – angesichts der Kriege in der Welt – mit Nachdruck beten:
“Regina pacis, ora pro nobis – Königin des Friedens, bitte für uns!”

aus: Albino Luciani – Johannes Paul I., Gesamte Werke, Bd. VI, S.199-202  30Giorni 0211/12

(Anm. Das „W“ als Kapitel Buchstabe stammt aus der Otto Heinrich Bibel)

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