Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Bayerischer Rosenkranz aus der Zeit des Ersten Weltkrieges

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Bayerischer Rosenkranz aus der Zeit des Ersten Weltkrieges –

zu Ehren meines Großvaters Jakob Wolf (1899 – 1972)

und seines älteren Bruders Emil (1894 – 1918)

Kreuz: Großvater Jakob
in der Stellung 1918

Vom Ersten Weltkrieg, der nun schon fast 100 Jahre zurückliegt und den Historiker als die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts beschreiben, wissen die Zeitgenossen zu wenig. Man muß schon Jüngers „In Stahlgewittern“ oder Remarques „Im Westen nichts Neues“ gelesen oder die seltenen Filmdokumente gesehen haben, um sich heute annähernd eine Vorstellung machen zu können. Es gibt kaum eine Familie, deren Schicksal nicht von diesem Krieg berührt und verändert wurde. Die Erinnerung an diese einschneidenden Ereignisse werden in der Familienüberlieferung meist vom Grauen der Nazizeit und des Zweiten Weltkrieges überlagert.

Am Muttertag, Sonntag, dem 14. Mai 1916 konnten bayerische Katholiken ihren Müttern, Ehefrauen und Töchtern diesen Rosenkranz kaufen. Es gab ihn in zwei Ausführungen, einmal mit bayerisch weiß – blauen Glasperlen in Weißdrahtkettelung mit einfachem Kreuz und Aluminium – Mittelstück und

Rosenkranz zu Muttertag 1916
Kreuz nicht original
roter Anhänger aus späterer Zeit

mit Perlmuttperlen und goldgefärbtem Zinn – Mittelstück und goldgefärbter Weißdrahtkettelung (edlere Metalle waren „kriegswichtig“ – auch Füllhalter durften keine Goldfedern haben…). Auf der Vorderseite des Mittelstücks sieht man die „Patrona Bavariae“ im Strahlenkranz, die Türme der Frauenkirche, ein Wappen mit Rose und das bayerische Rautenwappen.

Patrona Bavariae

Die Umschrift lautet:

Patrona Bavariae – Maria Hilf 14.5.1916.

Auf der Rückseite der Erzengel Michael mit Waage und Schwert, als Drachentöter. Die Umschrift lautet: Heiliger Erzengel Michael

Erzengel Michael

bewahre uns vor geistiger Finsternis.

Das sind in einer Zeit von preussischem „Hurra – Patriotismus“ überaus nachdenkliche Töne und zeugen nicht gerade von Kriegsbegeisterung der bayerischen Katholiken. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, was wohl inmitten des Krieges mit „geistiger Finsternis“ gemeint war und warum dem Frommen der Heilige Michael, Schutzpatron der Deutschen, mit seiner (Seelen-) Waage vor Augen geführt wird…

Zum Andenken an meinen evangelischen Großvater und seinen 1918 gefallenen

Furchtlos und Treu
Wilhelm I. und sein
kriegführender Enkel
Wilhelm II.

älteren Bruder habe ich dem Rosenkranz diese „evangelisch – patriotische“ Medaille von 1914 hinzugefügt: innerfamiliäre Ökumene am Rosenkranz…

Gott schütze unsere Krieger
1914

 

 

 

 

 

 

 

Meine erzkatholische Großmutter, einzige Tochter aus altem pfälzischem „Bauernadel“ hatte ihr Herz an den evangelischen Weinbauernsohn verloren und sie heirateten. Das war seinerzeit sehr gewagt und ging auch nicht gut aus…aber das ist eine andere Geschichte.

Onkel Emil
gefallen 1918

Beide Brüder kämpften als bayerische Süd – Pfälzer in der königlich-bayerischen Armee, erlangten das Ritterkreuz und Emil sogar die bayerische Tapferkeitsmedaille. Der Onkel Emil (hoffnungsvoller Hoferbe und Weinbauer) fiel 1918. Mein Großvater, von Natur aus Kaufmann und schon im Krieg als „Organisierer“ in der Etappe, abenteuerlustiger Reiter und erst in reiferen Jahren verantwortungsbewußt, musste nun das Weingut übernehmen und auch das ging nicht gut aus. Wie bei vielen Männern, die aus diesem Krieg kamen, war auch sein Lebenslauf „gebrochen“. Viele waren verwundet, traumatisiert und die Familien der Heimkehrer mitbetroffen. Hier ein bruchstückhafter Eindruck aus dem Krieg, den diese Männer „zu verdauen“ hatten:

aus: Verdun – Mythos und Alltag einer Schlacht
von Matti Münch

Carl Zuckmayer schreibt in seinen Erinnerungen, wie die Männer schwiegen über das Erlebte, man habe sich stumm angeblickt und habe gewußt, ja Du warst auch dort, Du hast es auch gesehen…. Da hört man beim Betrachten dieser Rosenkränze das Beten der Frauen und Mütter, „Maria Hilf“,  am Muttertag 1916 ganz besonders laut im Herzen und man versteht, was noch immer im Gedächtnis der Familien schlummert, wenn auch oft unverstanden.Mein Vater, der einzige Sohn von Jakob, erlebte dann als sechzehnjähriger Flakhelfer ab Juni 1944 den Zweiten Weltkrieg. Kurz vor seinem Tod sagte er bei der Betrachtung der Kriegsbilder zu mir: „Wenn Du in diesem Krieg 17 warst, dann kannst Du einen 17 – Jährigen von heute nicht verstehen…“

Mannheim im März 1945
im Hintergrund die Ruine des Schlosses

Und wieso bin ich da und kann davon erzählen? Weil meine fromme Großmutter meinen an Diphterie erkrankten Vater, ihren einzigen Sohn, inmitten von Kriegsgetümmel im März 1945 (vor dem großen Luftangriff) aus dem Flak – Unterstand vor dem Mannheimer Schloß holte und bis zum Kriegsende Woche für Woche mit Schinken, Fleisch und Eiern den Arzt um ein neues Krankheitsattest „bestach“.

Zu all dem kann man nur die Bitte an den Erzengel erneuern:

Herr bewahre uns vor geistiger Finsternis

Manchmal habe ich Angst, daß das alles vergessen wird, je weiter wir uns zeitlich davon entfernen: Maria vom Frieden, hilf uns …

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