Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Belehrungen und Gebete für eine gute Wallfahrt

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Belehrungen und Gebete für eine gute Wallfahrt
„Pilgerbüchlein, Wegweiser und Begleiter der Pilger nach Maria Einsiedeln“, Einsiedeln 1924

Wallfahrten
von P. Fridolin Segmüller O.S.B.

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Andachtsbild
frühes 19. Jahrhundert
Prag

„Wallfahrten sind eine altchristliche Uebung. Der Besuch heiliger Orte seitens der Nichtchristen zeigt, wie solche Betfahrten einem Herzensbedürfnis entgegenkommen. Im alten Testament war den Israeliten von Gott selbst der Besuch des heiligen Tempels in Jerusalem zu verschiedenen Zeiten vorgeschrieben. Die hl. Familie selbst nahm, wie das Evangelium berichtet, an solchen Fahrten teil. Die ersten Christen besuchten zunächst andächtig die Leidensstätten des göttlichen Erlösers; später zogen sie zu den Gräbern und Ueberresten der für Christus getöteten Märtyrer, dann auch an Orte, wo durch berühmte Bilder Christi und der Heiligen die Andacht geweckt und das Vertrauen der Gläubigen oft mit wunderbaren Gebetserhörungen belohnt wurde

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Pilgerbuch
Maria Einsiedeln
1913 (1924)

Die katholische Kirche billigt die Wallfahrten, die im rechten Sinn und Geiste unternommen werden. Merke wohl: Wallfahrten sind in keiner Weise eine Pflicht, sie sind ein freiwilliges gutes Werk. Damit sie Wert vor Gott haben, dürfen dadurch nie Standes- oder Berufspflichten versäumt werden.

Ebenso sollen sie nicht der Neugier und Zerstreuungssucht dienen; sie müssen im Gegenteil aus Bußgeist unternommen, in guter Meinung vollführt und dabei eifrig Gebet und Betrachtung geübt und die heiligen Sakramente würdig empfangen werden.

Eine Pflicht würde für Dich die Wallfahrt nur dann, wenn Du etwa in einem dringenden Anliegen, in Not und Gefahr, eine solche versprochen hättest. Aber beachte auch, daß man nicht leichtfertig ein solches Gelübde ablegen soll; wer nicht frei ist, darf es nur mit Bewilligung tun, z.B. Ehegatten mit Zustimmung des anderen Eheteils, Kinder mit Erlaubnis der Eltern usw.. Eine gelobte Wallfahrt soll so bald als möglich ausgeführt werden. Treten Hindernisse ein, die die Ausführung unmöglich oder sehr schwierig machen, so berate Dich darüber mit dem Seelsorger oder Beichtvater.

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Andachtsbild
um 1900
Benziger, Einsiedeln

Eine Pilgerfahrt ist nicht eine Lustfahrt. Früher wurden Wallfahrten stets zu Fuß unter Gebet und Fasten und anderen Abtötungen unternommen. Wenn sies wegen Mangel an Zeit oder Gelegenheit selten mehr so gehalten werden kann, so sorge, daß Deine Fahrt eine Bußfahrt werde, durch Bezähmung Deiner Neugier, Bewachung der Augen und der übrigen Sinne, durch geduldiges Ertragen von Leiden und Widerwärtigkeiten, welche mit solch einer Reise immer mehr oder weniger verbunden sind, durch andächtiges, eifriges Gebet und reumütigen Empfang der heiligen Sakramente.

Wenn Du so eine Wallfahrt machst, ist sie Dir auch zum großen Vorteil. Sie stärkt Deinen Glauben und Dein Vertrauen zu Gott, sie fördert die Innigkeit Deines Gebetes und verschafft Dir dadurch Erhörung in Deinen Anliegen, sie erhöht Dein Verdienst vor Gott, wendet Dir reichlich Ablässe, also Tilgung zeitlicher Sündenstrafen, zu und stärkt Dich wunderbar in Beobachtung Deiner guten Vorsätze und in Führung eines tugendhaften christlichen Lebens.

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Gebetszettel Einsiedeln
19. Jahrhundert

Die berühmtesten Wallfahrtsorte der Welt sind Jerusalem (heiliges Grab) und das heilige Land, Rom („Schwellen der Apostel“), Loretto (heiliges Haus), Santiago de Compostella (Reste des heiligen Apostels Jakobus des Älteren); zu den meistbesuchten gehören unstreitig Maria Einsiedeln in der Schweiz, Maria Lourdes in Frankreich und Maria Altötting in Bayern.“ (S. 3/4, die Hervorhebungen entstammen dem Original)

Soweit der alte „Belehrungstext“ von P. Fridolin. Im Wesentlichen finde ich ihn auch noch für heute bedenkenswert. Neugier und Zerstreuungssucht scheinen auch bereits zwischen 1913 und ’24 ein Problem gewesen zu sein beim Wallfahren…. Das Pilgern erfreut sich neuer Beliebtheit, auch mit Unterstützung aus überraschender Quelle (Hape Kerkelings Santiago Buch zum Beispiel). Auch nach den Einleitungsworten in diesem genau 100jährigen Pilgerbuch sind meine Bedenken gegenüber der Erwartung „emotionalen Durchgeschütteltwerdens“ an Erscheinungsorten, bei Pilgerreisen nicht zerstreut. Zwischen der „nüchternen Trunkenheit des Geistes“ und „charismatischer Eventlust“ scheint mir doch eine allzu große Kluft zu existieren. Daß ich mehr der Nüchternheit zugeneigt bin, muß ich wohl nicht eigens betonen.

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Rosenkranz Maria Einsiedeln
19. Jahrhundert

 

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