Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Brief an einen Pfarrer

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Brief an einen Pfarrer

Eine Freundin gab mir einen Brief zu lesen, den sie an den Pfarrer der Gemeinde geschrieben hat, wo sie regelmäßig den Gottesdienst besucht. Leider blieb der Brief unbeantwortet. So habe ich um ihre Erlaubnis zum Abdruck gebeten und werde mir gestatten, ihre Gedanken um meine eigenen zu ergänzen. Hier also der Brief:

Benedikt v. Nursia Makonde Schnitzerei

Benedikt v. Nursia
Makonde Schnitzerei

„Lieber Herr Pfarrer W.,

ich besuche seit etwa einem Jahr die Messen in St. xxx und bin sehr dankbar über die Möglichkeit, in dieser beeindruckenden Kirche einen Ort  zum Beten und Eucharistiefeiern mit vielen anderen Gläubigen gefunden zu haben.

Bei Ihrer „Urlaubsvertretung“ Herrn Pfarrer M. (Anm. ein Vertretungspriester afrikanischer Herkunft) habe ich zu meinem großen Glück eigentlich erstmals erfahren, wie einfach und erfüllend eine Messe sein kann, die nur von der Liturgie getragen ist.

Ich habe erlebt, daß der Pfarrer jemand sein kann, der mich mit seiner Stimme, seinem Körper, seiner Konzentration, seiner Andacht, in die Anbetung und die Wandlung begleitet und mich in den Kern des Evangeliums führt.

Ich als Gläubige hatte es ganz leicht, ich mußte mich nicht anstrengen und nichts hat mich abgelenkt. Jedes Mal in der Messe „ging mir das Herz auf“ und die Kommunion war eine heilige Handlung, die mich umfangen und noch in den folgenden Tagen ganz erfüllt hat.

Diese Messen waren wie eine Umarmung, Pfarrer M. hat es mit seiner Einfachheit und geistlichen Führung verstanden, daß ich mich in Gottes Gegenwart gleichzeitig geborgen und hellwach fühlen konnte.

Auch die Liedbegleitung der vertretenden Organisten war sehr angenehm. Mich stört es sehr, wenn Ihr Kantor über Lautsprecher der sehr laute Vorsänger bleibt und die Gemeinde übertönt. In diesen Urlaubsmessen hat man gemerkt, daß die Gemeinde recht unsicher im Gesang ist, da sie sich eigentlich nie selber hört.

Heute Abend war es wieder so, daß Sie als eloquenter Redner äußerst prominent im Vordergrund standen.

Ich fühle mich in meiner Andacht unterbrochen durch Ihren kreativen Umgang mit der Liturgie und mit dem Evangelium. Wozu Dornröschen? Wir Gläubigen sind durchaus in der Lage, einen Lukastext zu verstehen – auch ohne Erklärungsbeispiele auf Kindergartenniveau. Das ist sehr ärgerlich und unnötig.    

Auch möchte ich nicht jedes Mal über interne Probleme mit der Pfarreiengemeinschaft hören und Bürozeiten gehören sicher nicht in eine Messe.

Ich möchte die Stimmen der Gläubigen hören, statt den Kantor mit der zugegeben beeindruckenden Singstimme.

Eine Messe ist keine „Event“ – Inszenierung. Wir müssen nicht „den Herrn in unsere Mitte holen“, ER ist längst da und von meinem Pfarrer erwarte ich, daß er mir in diese MITTE hilft, in SEINE Gegenwart.

Ich glaube, daß  Menschen ein „liturgisches Gen“ besitzen, das sie in die Lage versetzt zu unterscheiden zwischen richtigen und falschen Vollzügen. Ich glaube, daß Gottesdienstbesucher mündige, kluge und lebenserfahrene Menschen sind, die voller Sehnsucht nach Gemeinschaft mit Gott eine Messe besuchen.

Freunde zeichnen sich dadurch aus, daß sie sich ohne Scheu die Meinung sagen dürfen (so haben Sie mal eine Predigt eingeleitet). Ich bin sehr froh, Ihre schöne Kirche gefunden zu haben, und hoffe, Sie lesen meine kritischen Gedanken als die Gedanken eines Freundes.

Mit herzlichen Grüßen und Gottes Segen“ – soweit der Text.

Für „Cradle – Katholiken“, wie mich, ist das keine Überraschung: wir kennen das und nehmen es mehr oder weniger gottergeben hin, wenn unser Priester vom „Entertainment – Virus“ ergriffen ist. Mancher hat irgendwo ein „liturgisches Refugium“ oder erholt sich bei Vertretungen oder Jungpriestern, im Dom oder bei Papstmessen via TV.

Man hat auch kleine Kniffe entwickelt, wie man liturgischen „Leerlauf“ oder „Schluderigkeit“ oder schlechte Organisten/Kantoren übersteht, ohne die Andacht zu verlieren oder gar wütend zu werden. Ich helfe mir z.B. über ewig lange Vermeldungen, die mich vom Schlußsegen abschneiden, hinweg, indem ich mich hinsetze und ein Gesätz vom Rosenkranz bete, auch eine kindische Predigt überstehe ich (geistig unterfordert) dank Rosenkranz. Geübt, wie ich bin, nehme ich dann die Worte vom Ambo wie „Bienensummen“ wahr… Daß jemand, der erst 10 Jahre katholisch ist, ähnlich erlebt, hat mich überrascht, ich wußte es nicht umfänglich von ihr. Schließlich fehlt ja die „liturgische Prägung“, dachte ich.

Auch ich habe – umständehalber – den Sommer und Herbst in fremden Gemeinden verbracht. Dabei erlebte ich neben den routinierten „Alt – Priestern“ drei junge Kapläne, zwei afrikanische Priester und zwei indische Priester (einer alt, einer Kaplan). Dazu eine Heilige Messe in Assisi mit einem italienischen Monsignore. Es würde den Rahmen eines Blogartikels sprengen, wollte ich meine Eindrücke differenziert schildern.

Benedikt v. Nursia Ebenholz Rosenkranz  Sansibar

Benedikt v. Nursia
Ebenholz Rosenkranz
Sansibar

Nur so viel: die Jungpriester haben mich in ihrem liturgischen Eifer, bei gleichzeitiger Nüchternheit der Zelebration der ordentlichen römischen Messfeier allesamt beeindruckt. Da kommen gute Leute auf uns zu, die verstehen, welche Bedeutung die Liturgie hat.
Wirklich ergriffen und am Herzen „erwischt“ haben mich die afrikanischen Priester und der ältere indische Priester mit ihrer Demut, ihrer Einfachheit und Tiefe. Ich habe nachgedacht, warum es mir so „wohl erging“ mit ihnen und man kann es auf einen Nenner bringen:
„Sie standen der Feier der Heiligen Geheimnisse nicht im Weg herum mit ihren persönlichen Absichten. Sie waren ganz Aufmerksamkeit und Konzentration auf IHN. Sie waren Diener.“

Und da fällt mir das kleine Gebet von Father Mychal ein:

Lord, take me where you want me to go, let me meet who you want me to meet, tell me what you want me to say, and keep me out of your way.

Anfangs (waren es die 90er, als sie vermehrt in die Gemeinden kamen?) habe ich „gefremdelt“ mit den Priestern „aus den fernen Ländern“, es dauerte, bis ich mich „eingehört“ hatte. Inzwischen freue ich mich, wenn einer kommt. Und ist das denn so ungewöhnlich für unsere Kirche?
Erst sind die römischen und irischen Väter gekommen, um uns die Frohe Botschaft zu bringen, dann sind wir Europäer als  „weiße Väter“ in alle Welt gegangen und nun kommen die „farbigen Väter“, um uns wieder „auf die Beine zu bringen“. Diese bescheidenen afrikanischen Männer, so herrlich frei von den Lasten und Deformationen des deutschen „Betriebskatholizismus“ können sofort und unverstellt zum Eigentlichen kommen. Und mit Freude und Staunen kann man wieder erleben, wieviel „Power“ das Eigentliche hat, wenn es im alleinigen Mittelpunkt steht.

Hl. Benedikt Makonde

Hl. Benedikt
Makonde

Und just zu diesen Erwägungen entdecke ich „im Niemandsland“ eine Makonde Figur (ein afrikanischer Stamm auf der Grenze zwischen Tansania und Kenia, berühmt für seine Ebenholzschnitzereien, Missionsgebiet der Benediktiner von St. Ottilien), eine Skulptur des Heiligen Benedikt, die ich nicht „ihrem Schiksal überlassen“ konnte und kaufen musste. Gleich hat mich die Innerlichkeit berührt, die der afrikanische Schnitzer eingefangen hat.

Und dann schenkt mir kurz darauf eine „erleuchtete Seele“ einen Rosenkranz aus Ebenholz, Herkunft Tansania / Verkauf Sansibar.
Heilige Messe, Rosenkranz und Benedikt von Nursia auf „afrikanisch“ – wie schön!

Deo gratias
für Afrika und seine Frommen, die uns nun beschenken mit ihren Gaben! Weltkirche im kleinen Dorf oder im Provinzstädtchen.

 

 

14 Kommentare

  1. Mein Mann und ich – konvertiert vor 9 bzw. 11 Jahren sind nach ca. 2 Jahren bereits auf Tour gegangen auf der Suche nach einer Messe, die uns Gott näher bringt statt einem Priester eine Erzählstunde zu ermöglichen, wir sind nur deshalb nicht mehr auf der Suche weil wir einen sehr guten Priester gefunden haben. Ich habe erst kürzlich auf unserer Wallfahrt im Gespräch mit einer cradle-Katholikin verstanden, wie Ihr Ringelpietz- und ähnliche Messen übersteht – nämlich genau so, wie Du das beschreibst und mit einer gehörigen Portion Fatalismus. Die Konvertiten, die ich kenne gingen noch weit früher auf die Flucht als erst nach 10 Jahren. Und manche stehen dann durchaus in Gefahr gleich ganz weg zu laufen – zum Beispiel auch zu den Pius-Brüdern. Mit Konvertiten schmücken sich „moderne“ Katholiken nur so lange gerne bis sie das nachfragen weswegen sie konvertiert sind: ein erwachsener katholischer Glauben mit Kreuz und Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus, mit Himmel, Hölle, Fegefeuer, Beichte, Engeln und Erzengeln und einer Madonnenverehrung, die diesen Namen verdient.

  2. Ich bin erst seit kurzem „auf Wanderschaft“, weil unser alter Pfarrer in Pension ging und wir jetzt eine „Seelsorgeeinheit“ aus fünf Gemeinden sind mit einem äußerst coolen Pfarrer. Für mich zu cool….
    Das ganze „Wandern“ erlebe ich aber sehr ambivalent, weil Treue auch zur Gemeinde gehört (wie zum Bistum) und man mit der Wanderei auch seine Gemeindebindung verliert. Zum Glück haben wir auch Patres und Pensionäre, die zelebrieren – man weiß es halt vorher nicht. Jetzt vor Allerheiligen schmerzt mich besonders die Gräbersegnung durch die Pastoralreferentin: ich segne mein Grab ständig und es unterscheidet mich nichts von ihr. Kann nicht einmal im Jahr ein geweihter Priester dort auftauchen? Ergo ich gehe nicht mehr hin seit wir so ein Super PastoralTEAM haben…Ich sehe ein, daß wir sehr verwöhnt waren in Deutschland (ich kenne Mexiko und weiß, wie lange die Menschen z. T. auf einen Priester warten müssen) und es immer noch sind: die „Priesterdichte“ ist noch immer viel höher, als sonstwo in der Welt. Es werden halt die Prioritäten falsch gesetzt: die Geweihten sind doch eigentlich zu schade für den „Beamtenkram“ in der Kirche. Und gebe Gott, daß mir noch vergönnt ist, von einem geweihten Priester beerdigt zu werden…

  3. Gräbersegnung durch die Pastoralreferentin? Also bei fünf Pfarreien sind es natürlich viele Friedhöfe, aber da stellt sich schon die Frage, was für ein Bild von Priester und Laie dahinter steht. Eine gute Pastoralreferentin kann sehr segensreich sein, wenn sie sich ihrer Aufgaben bewusst ist und nicht Priester spielen will…

    (liebe A., ich bin der Nikodemus, aber habe nach dem Umzug in ein neues Forum den Nick gewechselt)

  4. Ja das ist das Problem. Gemeindebindung geht einem verloren, wenn man auf die Flucht gehen muß, aber ohne eine wirklich heilige Messe mutiert eine Gemeinde auch leicht von einer Glaubensgemeinschaft zum Kaffeekränzchenverein. Das reicht für eine Bindung dann auch nicht, vor allem weil die Kaffeekränzchen die Tendenz haben Neue nicht willkommen zu heißen, sondern sie darauf zu überprüfen, ob sie so sind wie sie selber – und das ist nicht möglich, weil ein Konvertit nun mal anders gelebt hat als ein cradle-Katholik. Mit tief gläubigen Menschen finde ich hingegen immer eine Ebene des Verständnisses und dann gehen auch die Türen gegenseitig auf.

    • In unserer Gemeinde ist eigentlich noch vieles in Ordnung (Oberschwaben) und das ist ausgesprochen KEINE Kaffeekränzchen – Gemeinde. Obwohl es die natürlich für die Alten auch gibt – finde ich auch wichtig. Wir haben auch unseren alten Pfarrer noch als Pensionär im Pfarrhaus wohnen. Drumrum gibt es auch „gute Orte“. Wenn ich jammere, dann auf höchstem Niveau! Der neue Pfarrer, der „stört“ halt ein bißchen ( 😉 )….

  5. Ich lese hier zum ersten Mal, dass es „Cradle-Katholiken“ gibt. Ich habe mich bislang nie als „Konvertitin“, immer als Katholikin bezeichnet und mich gefreut über meine Schwestern und Brüder im Glauben. Ich kann nachvollziehen, dass jemand durch seine katholische Sozialisation anders geprägt ist als jemand, der in protestantischen oder nichtchristlichen Bezügen aufwuchs. In meiner Gemeinde bin ich von allen, die mir wichtig sind, als eine der ihren akzeptiert worden, bin im Pfarrgemeinderat und in Ausschüssen sowie als Kommunionhelferin und Lektorin tätig. Dafür bin ich sehr dankbar. Oft schon habe ich es als meinen Vorteil erlebt, eben keine „katholische“ Sozialisation zu haben, sondern wegen der Liebe zur Liturgie und zu Jesus Christus in seine Kirche gerufen worden zu sein. Das hilft mir, mich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Auch ich kenne den Verdruss, durch die Person des Priesters von der Feier der Hl. Messe abgehalten zu werden und finde das ärgerlich. Ehrlich gesagt ist es mir seither nicht mehr so bedeutsam, dass ein Priester geweiht ist. Ich habe kürzlich einen Wortgottesdienst unserer Gemeindereferentin erlebt, der mich mehr berührt hat als so mancher Gottesdienst eines anderen mir bekannten Priesters (der sich sehr wichtig nimmt und dazu sehr hektisch ist), v.a. auch durch ihre Ruhe und ihre demütige Art. Auch bei uns segnet sie im Wechsel mit dem Pfarrer die Gräber, da wir zwei Friedhöfe haben, auch darf sie beerdigen und ich finde, sie macht das sehr gut, weil, wie gesagt, sehr andächtig und eben ohne sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Für mich kommt es hier fast mehr auf die Person als auf den Beruf bzw. das Amt/die Weihe an. Zum Glück haben wir an meinem Wohnort überwiegend wunderschöne Gottesdienste und ich durfte in den letzten 10 Jahren miterleben, wie unser junger Pfarrer an seiner ersten Pfarrstelle nun auch in seinem Dienst, in seiner Person, in seiner Gottesdienstgestaltung gewachsen und gereift ist. Für mich hat es sich gelohnt, der Gemeinde und ihm treu zu bleiben.

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