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Carl Sonnenschein: Die Probe

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Carl Sonnenschein: Die Probe
Die Probe

Wenn wir Deutschland helfen wollen, dürfen wir Menschen nicht predigen, was wir selbst nicht glauben. Was uns selbst nicht ganz ausfüllt. Was uns selbst nicht im Leben und Sterben glücklich macht! Lassen wir die Verlogenheit der Bourgoisie! Die Wein trinkt und Wasser predigt. Die die Vorhänge zuzieht und hinter verriegelten Türen Orgien feiert. Nachher mit falschem Stimmenschlag den Mühsamen und Elenden Gottes Vorsehung empfiehlt.

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Alle Lügen brechen!
In der Religionsgeschichte brechen sie zuallererst.
Die Menschen müssen in unsere Zimmer schauen können. Bis in die Speisezimmer! Bis in die Keller. Bis in die Schlafstuben! Unser Christentum muß – bei Gott – sein wie ein Glaspalast. Jede Haltung, jeder Genuß, jede Nacht muß die Probe der Menschheit vertragen können. Carl Sonnenschein

Wie punktgenau passt dieser Ausruf zu unserer Gegenwart in Kirche und Gesellschaft!
Wer von den „Lautsprechern“ hält der Probe stand?
Zu Carl Sonnenschein lohnt es sich, mehr zu erfahren:

Ein unkonventioneller Streiter für soziales Engagement

Carl_SonnenscheinSonnenschein wird 1876 in Düsseldorf geboren. Er wächst in einer Zeit heran, in der der Kulturkampf zwischen Bismarck und den Katholiken formal beendet ist. Das gesellschaftliche und politische Engagement der katholischen Kirche wird durch den Staat vielfach behindert und eingeschränkt. Sonnenschein studiert in dieser Atmosphäre Theologie, erst in Berlin, dann von 1894-1901 in Rom. In Rom lernt er zwei katholische Persönlichkeiten kennen, die die christlich-soziale Bewegung in Italien erheblich geprägt haben: Guiseppe Toniolo und Romolo Murri. Sonnenschein lernt durch sie die soziale Lage der Arbeiter kennen und den Umgang mit dem Proletariat.

Gleichberechtigung

1901 kehrt er nach Deutschland zurück. An drei Stationen wird er als Kaplan eingesetzt; jedes Mal endet es mit einem Fiasko. Sonnenschein fällt es sehr schwer, sich in den Dienst und die hierarchische Ordnung der Kirche einzufügen. Sieht er eine Aufgabe vor sich, packt er sie an – unabhängig von Zuständigkeiten, Konventionen oder Rücksichten. Sonnenschein verdammt die feudalbürgerlichen Vorstellungen und macht daraus auch öffentlich keinen Hehl.  Herrendasein und soziale Ignoranz bezeichnet er als „gesellschaftliches Heidentum“. Seine Vision ist die gesellschaftliche Gleichberechtigung aller Volksschichten. 1908 gründet Sonnenschein das „Sekretariat sozialer Studentenarbeit“. Es bietet einerseits Hilfe und Selbstverwaltung. Andererseits hat es die soziale Arbeit durch Studenten zum Ziel. Die Studenten fühlen sich Anfang des 20. Jahrhunderts als privilegierter Stand und sind von ihrer Exklusivität durchdrungen. Sonnenschein bringt Studenten und Arbeiter zusammen. So organisiert er Kurse, in denen Studenten Arbeiter unterrichten. Das Sekretariat sozialer Studentenarbeit war der entscheidende Ansatz für soziale Bildungsarbeit im akademischen Raum. Sonnenschein wendet sich auch an die christlichen Gewerkschaften und mischt sich mit Nachdruck in den Gewerkschaftsstreit ein. Der erste Weltkrieg bringt eine tiefe Zäsur.

Das Kaiserreich bricht zusammen, die Weimarer Republik ist geboren. Sonnenschein ist davon überzeugt, dass sich durch die veränderte Situation völlig neue Perspektiven eröffnen. Ihm schwebt eine katholische politische Bewegung zur sozialen Erneuerung vor. Um 1920 leben in Berlin ca. 400.000 Katholiken – ohne allerdings so etwas wie eine gemeinsame Identität zu haben.

Soziale Erneuerung

In den zwanziger Jahren ist Berlin der politische, geistige und wirtschaftliche Mittelpunkt Deutschlands – und Sonnenschein  will, dass von einem starken und selbstbewussten Berliner Katholizismus starke Impulse ins ganze Reich gehen. Mit einem sicheren Gespür für wirksame Mittel und ohne Rücksicht auf Empfindlichkeiten übernimmt er 1924 die Redaktion des katholischen Kirchenblatts. Wenn es um die Organisation von Hilfe geht, ist Sonnenschein unwiderstehlich: Auf Abendgesellschaften bittet er nicht, er ordnet finanzielle Unterstützung an.

Hilfe für Notleidende

Manche wohlhabende Berliner erkundigen sich bei Einladungen vorab, ob auch Sonnenschein kommen werde. Doch Sonnenschein kommt auch dann, wenn er nicht eingeladen ist. Es geht ihm aber nicht nur um materielle Hilfe, sondern immer auch um Bildung und um die Förderung einer gemeinsamen Identität. Er gründet in Berlin die katholische Volkshochschule, den katholischen  Wassersportverein, den Kreis katholischer Künstler und viele andere Initiativen. Sonnenschein ist zeit seines Lebens rastlos – ohne Rücksicht auf seine Gesundheit oder seine wirtschaftliche Lage. Im Alter von 52 Jahren stirbt er an den Folgen einer Nierenerkrankung. Sein Porträt (s. Foto rechts) hängt im Eingangsbereich der Osnabrücker Geschäftsstelle. Der Maler des Ölgemäldes ist nicht bekannt.

Textgrundlage: Theodor Eschenburg, Carl Sonnenschein, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Heft 4/1963, S. 333-361. Quelle: http://www.mit-menschlichkeit-stiften.de/54798.html

 

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