Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Das betende Herz der Kirche

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Das betende Herz der Kirche

So heißt ein kleines Büchlein von 1986 und darin ist ein kostbarer Aufsatz enthalten, den ich Ihnen hier nicht vorenthalten kann:

Andreas Heinz
Der Rosenkranz – ein immerwährendes Jesusgebet

tatjana_goritschewaZum Stichwort „Immenwährendes Jesusgebet“ fiel mir spontan der Name einer Frau ein. Sie heißt Tatjana Goritschewa. Aus ihrer russischen Heimat ist sie vor einigen Jahren in den Westen ausgewiesen worden. Sie war einmal überzeugte Atheistin, kommunistische Jugendführerin, von der Partei hofierte, vielversprechende Nachwuchswissenschaftlerin und Dozentin an der Leningrader Universität. Und diese Frau, die von Gott und der Kirche keine Ahnung hatte, stieß eines Tages bei einer Yoga-Übung auf den Text des Vaterunsers. Sie war zutiefst betroffen von diesen Worten. Dieses Erlebnis war der Anfang ihrer Bekehrung.

Sie erzählt in packender Weise von ihrem Weg zum Glauben in ihrem bekannten Buch „Von Gott zu reden ist gefährlich“. Tatjana Goritschewa war letztes Jahr in Trier. In ihrem Vortrag in der Katholischen Akademie berichtete sie von dem erstaunlichen religiösen Aufbruch unter der Jugend Rußlands, von jungen Leuten, die durch die Schulen des Atheismus gegangen sind und die heute, über sechzig jahre nach der Oktoberrevolution, auf unerklärliche Weise den Glauben finden und sich taufen lassen. Das Lieblingsgebet vieler dieser Neubekehrten in Rußland ist das Jesusgebet. Sie beten es unbemerkt in der U-Bahn, am Fließband, zu Hause vor den Ikonen, wenn sie Schlange stehen vor den Geschäften. Das Jesusgebet gibt uns, so etwa sagte Tatjana Goritschewa, eine Sicherheit in Gott, eine innere Ruhe, Güte und Mitgefühl mit den Menschen um uns und Standvermögen in einer Umwelt, die uns ständig klar machen will, daß es Gott nicht gibt und daß Glauben und Beten sich längst überlebt haben.

Das Jesusgebet der Ostkirche

ElderPaisiosWas ist das für ein Gebet, das Jesusgebet? Manche werden es kennen, einzelne es vielleicht sogar selbst praktizieren. Unser Gesangbuch „Gotteslob“ (GL 6, 1) erwähnt bemerkenswerterweise im Abschritt „persönliche Gebete“ auch das Jesusgebet der Ostkirche. Wer es betet, wiederholt ständig, immer wieder von neuem, die immer gleichen Worte: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner!“ Die Mönche der Ostkirche, die seit langem Erfahrungen mit diesem Gebet haben, raten einem, den ganzen Leib mitbeten zu lassen. Es ist wichtig, zunächst ganz still zu werden, sich zu entspannen, ruhig ein- und auszuatmen. Und dann spricht man die Worte des Jesusgebetes langsam im Rhythmus des Atmens. Wenn man einatmet: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes“, und wenn man ausatmet: „Erbarme dich meiner!“ So versenkt sich der Beter in die Gegenwart dessen, der unser Leben trägt und erfüllt.
Er erfährt die Wahrheit des Psalmwortes: „Wenn er mich anruft, bin ich ihm nahe!“ Und diese erfahrene Nähe Christi ändert einen Menschen, dieser Umgang mit Jesus macht ihn gütiger, selbstloser; das Jesusgebet hilft einem, „so gesinnt zu sein wie Christus Jesus“
(vgl. Phil 2, 5).
Das Jesusgebet ist in der Frömmigkeit des christlichen Ostens zu Hause, bei den orthodoxen Christen in Griechenland, in Rußland, im Libanon, in Äthiopien, im Heiligen Land, auf dem Berg Athos. Es ist wahrhaftig nicht verkehrt, wenn wir vom Beten unserer Mitchristen im Osten lernen. Im Gegenteil: Das Ietzte Konzil hat uns ermuntert, die Schätze der Spirirualität in der Frömmigkeit der orientalischen Kirchen wiederzuentdecken und uns davon bereichern zu lassen.
Aber eigentlich brauchen wir nicht in fremden Traditionen auf die Suche zu gehen. Wir haben in unserer eigenen Überlieferung ein Gebet, das so etwas wie das westliche Gegenstück zum östlichen Jesusgebet ist: der Rosenkranz.

Das Ave-Maria als Jesusgebet

Rosenkranz  Innerschweiz um 1800

Rosenkranz
Innerschweiz
um 1800

Manche werden vielleicht einwenden: Aber ist der Rosenkranz nicht ein Mariengebet?
Von evangelischer Seite wird uns der Rosenkranz bisweilen als das typische Negativ-Beispiel vorgehalten, wie sehr wir Katholiken angeblich Maria überbewerten.
Hier liegt ein Mißverständnis vor. Das „Gegrüßet seist du, Maria“, das wir im Rosenkranz fünfzigmal beten (in der Vollgestalt des Rosenkranzes mit seinen fünfzehn Gesätzen sogar einhundertfünfzigmal nach der Anzahl der Psalmen im Alten Testament), ist zweifellos Mariengruß und Mariengebet. Aber es ist auch Christuslob.
Wir beginnen das Wiederholungsgebet mit den Worten des Erzengels Gabriel: „Gegrüßet seist du (Maria), voll der Gnade, der Herr ist mit dir!“ (Lk 1, 28). Diesen Worten des Engels fügen wir den Gruß Elisabets hinzu: „Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes!“ (Lk 1, 42). Das ist die Spitze des Ave-Maria, sein Höhepunkt. Das Herzstück des „Gegrüßet seist du, Maria“ lautet: „Gebenedeit ist die Frucht deines Leibes.“ Wir bleiben also nicht beim Marienlob stehen; wir schreiten fort zum Lob dessen, den Maria der Welt geboren hat. Und damit noch deutlicher wird, wer es ist, der da gebenedeit wird, haben die Christen des Mittelalters, seit dem 13. Jahrhundert etwa, ausdrücklich seinen Namen hinzugefügt: „… gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.“ Sooft wir ein Ave-Maria im Rosenkranz beten, sooft wir Maria grüßen, nennen und loben wir ihren Sohn Jesus Christus. So ist also das immer von neuem wiederholte, an den Perlen des Rosenkranzes gezählte „Gegrüßet seist du, Maria“ schon in sich so etwas wie ein immerwährendes Jesusgebet.

Leben-Jesu-Meditation im Rosenkranz

Mönch und Rosenkränze Rheinisch um 1484 Kurpfälzisches Museum Heidelberg

Mönch und Rosenkränze
Rheinisch um 1484
Kurpfälzisches Museum Heidelberg

Zum Jesusgebet ist der Rosenkranz noch ausdrücklicher geworden, seit man jedem Ave-Maria in der Reihe des „Ave-Fünfzigers“ ein „Geheimnis“ hinzugefügt hat. Die Fachleute, die sich mit der Entstehung des Rosenkranzes befaßt haben, sind sich heute weitgehend einig: zum ersten Mal ist das im Trierer Land geschehen. Von Trier aus hat der Leben-Jesu-Rosenkranz seinen Siegeszug um die Welt angetreten. Nach allem, was wir wissen, waren es Zisterzienserinnen in St. Thornas an der Kyll, eines infolge der Französischen Revolution untergegangenen Frauenklosters unweit von Himmerod, die vor fast siebenhundert Jahren (um 1300) als erste der Reihe der fünfzig oder einhundert oder einhundertfünfzig Ave-Maria, wie sie die Gläubigen des Mittelalters zu beten pflegten, Betrachtungsgeheimnisse aus dem Leben Jesu hinzufügten. Damit haben sie den Rosenkranz zu einer großartigen Christus-Meditation gemacht. Wenn es im Ave Maria hieß: “ … gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus“, fügten die Schwestern von St, Thomas jeweils einen Satz hinzu, der sagt, weshalb Jesus gebenedeit und gelobt werden muß. Da heißt es zum Beispiel: “ … gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus, weil er uns nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat“; oder: “ … weil er bei der Botschaft des Engels in deinen Schoß herabstieg und neun Monate dort blieb“; oder: “ …. weil er dem Schächer das Paradies versprochen hat“; oder: „… weil er zum Vater heimgekehrt für uns eintritt“, Die Zisterzienserinnen aus St. Thomas schrieben als Titel über ihren Rosenkranz: „Danksagung für die Wohltaten der Menschwerdung.“ Er war ein reiches, biblisches Jesusgebet. Er bedachte das ganze Christusmysterium. In einhundert Geheimnissen lobte und dankte der Beter für alles, was Jesus Christus für seine erlösungsbedürftigen Menschenbrüder und -schwestern getan hat und tut und noch tun wird.

Diese älteste Form des Rosenkranzes, die wir bisher kennen, habe ich vor zehn Jahren in einem handgeschriebenen Gebetbuch aus St. Thomas, das heute in der Stadtbibliothek Trier (Hs 1149/451) aufbewahrt wird, entdeckt. Es scheint, daß der Zisterzienserrosenkranz über St. Thomas hinaus kaum bekannt geworden ist. Gut einhundert Jahre später, im Advent 1409, hat ein junger Mönch namens Dominikus von Preußen in der ehemaligen Trierer Kartause den Leben-Jesu-Rosenkranz sozusagen neu erfunden.

Clausulae des Dominikus von Preussen um 1410 Stadtarchiv Trier

Clausulae des Dominikus von Preussen um 1410
Stadtarchiv Trier

Der fünfundzwanzigjährige Novize Dominikus hatte den genialen Einfall, an den Namen Jesus im „Gegrüßet seist du, Maria“ jeweils ein Betrachtungsgeheimnis aus dem Leben Jesu anzufügen. Er zerlegte das Leben Jesu, wie es in den Evangelien verkündet wird, in fünfzig Punkte, schrieb sie auf einen Zettel und meditierte so im Rosenkranz das ganze Werk Jesu von der Verkündigung bis zur Verherrlichung und Wiederkunft. Der damalige Prior der Trierer Kartause, Adolf von Essen, sorgte dafür, daß diese Erfindung seines Schützlings schnell bekannt wurde. Die Zettel mit den Rosenkranzgeheimnissen des Dorninikus gelangten von Trier aus kreuz und quer in die entlegensten Klöster Europas. Es waren schließlich die Kölner Dominikaner, die die fünfzig Geheimnisse auf unsere fünfzehn heutigen kürzten. Diese fünfzehn kann man auswendig behalten, und in dieser reduzierten Form hat sich dann der Rosenkranz über die Rosenkranzbruderschaften – die erste wurde 1475 in Köln gegründet – rasch allgemein durchgesetzt. Er ist zu dem großen katholischen Volksgebet geworden, als das alle Welt den Rosenkranz heute kennt.

Im letzten will der Rosenkranz Jesusgebet sein, Leben-Jesu-Meditation. Es geht darum, dankbar zu bedenken, was ER durch seine Menschwerdung, durch seine Passion und durch seine Auferstehung für uns gewirkt hat. Wir stellen im Rosenkranz sozusagen Jesus-Bilder vor uns auf und betrachten sie in der Gesinnung der Frau, von der es im Evangelium heißt: „Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach“
(Lk 2, 19).
Romano Guardini hat es so ausgedrückt: „Der Rosenkranz bedeutet das Verweilen in der Lebenssphäre Marias, deren Inhalt Christus ist.“

Zwei Anregungen

Lassen Sie mich abschließend zwei Anregungen geben:
1. Wir beten den Rosenkranz gewöhnlich in einem bestimmten Anliegen. Das ist nicht verkehrt. Aber wir sollten das Rosenkranzgebet auch wieder stärker sehen und erfahren als Lobgebet. So war es ursprünglich gedacht. Es ist wichtig, daß es in unserer religiös gleichgültigen und vielfach gottvergessenen WeIt Menschen gibt, die nicht vergessen haben, daß Gott gelobt werden muß.
2. Die ältesten Formen des Rosenkranzes hatten viel mehr Betrachtungspunkte als die heute übliche Form. Nichts spricht dagegen, die üblichen Gesetze zu ergänzen durch andere Geheimnisse aus dem Leben Jesu. Unser Gesangbuch empfiehlt zum Beispiel neben den freudenreichen, schmerzhaften und glorreichen Geheimnissen die sogenannten trostreichen Geheimnisse (GL 33,6). Im Rosenkranz des Dominikus von Preußen (+ 1460) begegnen uns zum Beispiel Betrachtungspunkte wie diese: “ … Jesus, der die Kranken geheilt hat“; oder: “ … Jesus, der seinen Jüngern die Füße gewaschen hat“; oder: “ … Jesus, der wiederkommen wird zu richten die Lebenden und die Toten“.

Ich möchte Sie ermuntern, neue Erfahrungen mit dem alten Rosenkranz zu machen. Er ist nicht nur ein Gebet für alte Leute. In Polen hat man mir letztes Jahr erzählt, daß in der katholischen Jugendorganisation „Oase“ der Rosenkranz des Dominikus von Preußen mit seinen fünfzig Betrachtungspunkten bei den Jugendlichen viel Anklang findet. Der Leben-Jesu-Rosenkranz hat sich in fünfhundert Jahren bewährt. Er ist heute noch immer und in Zukunft eine gültige Form des Jesusgebets und der Christus-Meditation, ein echt biblisches Jesusgebet, das aus unserer Tradition erwachsen ist – ja, das dürfen wir mit einem gewissen Stolz sagen, das das Trierer Land der katholischen Welt geschenkt hat.

Anhang I
Danksagung für die Wohltaten der Menschwerdung
Fünfzig „Geheimnisse“ aus dem ältesten Zisterzienserrosenkranz (um 1300) aus St. Thomas an der Kyll.
Nach dem Namen „Jesus“ wird in jedem „Gegrüßet seist du, Maria“ jeweils einer der folgenden Betrachtungspunkte eingefügt.
Gegrüßet seist du, Maria … und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus:
1. der uns nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat;
2. der dich von Ewigkeit her zu seiner lieben Mutter erwählt hat;
3. der bei der Botschaft des Engels in deinen Schoß herabstieg und neun Monate dort Wohnung nahm;
4. der Johannes im Mutterschoß und seine Mutter Elisabet bei deinem Besuch froh gemacht hat;
5. der uns als Kind geboren und als Sohn geschenkt ist;
6. den du in Windeln gewickelt und in eine Krippe gelegt hast;
7. den Engel und Hirten angebetet haben;
8. den du im Tempel dargestellt hast;
9. der nach Agypten fliehen mußte;
10. der seinen Eltern untertan war;
11. den Johannes mit Wasser getauft hat;
12. der, in die Wüste geführt, Hunger und Durst gelitten hat;
13. der vom Teufel versucht worden ist;
14. der vorn Umherziehen und Predigen müde geworden ist;
15. der durch glorreiche Zeichen und seine Lehren die Kirche auferbaut hat;
16. der die Leidenden, die an ihn glaubten, geheilt hat;
17. der Tote erweckt hat;
18. der mit Ehren in Jerusalem empfangen worden ist;
19. den ein Jünger verraten hat;
20. der um Geld verkauft wurde;
21. der beim Abendmahl uns täglich als Speise für unseren Lebensweg gereicht wird;
22. der die Füße seiner Jünger gewaschen hat;
23. der freiwillig zum Ort seines Leidens geeilt ist;
24. der begann, sich zu ängstigen und betrübt zu sein bis zum Tod.
25. der den Vater gebeten hat, daß er den Kelch an ihm vorübergehen lasse;
26. der dem Willen des Vaters seinen eigenen Willen unterworfen hat;
27. der betend für uns Blut geschwitzt hat;
28. der wie ein Räuber. um unseretwillen ergriffen wurde;
29. der von den liebsten Freunden verlassen worden ist;
30. den Petrus verleugnet hat;
31. der wie ein Gaukler in einem weißen Gewand von Herodes und den Seinen verspottet wurde;
32. der nackt an die Säule gebunden und mit Ruten grausam gegeißelt wurde;
33. der mit überspitzen Dornen gekrönt worden ist;
34. der anstelle eines Räubers zur Hinrichtung begehrt und gewährt wurde;
35. der, von Faustschlägen mißhandelt, sein Kreuz bis zur Leidensstätte getragen hat;
36. der zwischen Räubern wie ein Verbrecher aufgehängt war;
37. der für seine Henker zum Vater gebetet hat;
38. der dem Schächer das Paradies versprochen hat;
39. der dich seinem geliebten Jünger anvertraut hat;
40. der laut gerufen hat, er sei um unseretwillen verlassen;
41. der nach unserem Heil gedürstet hat;
42. der mit lautem Rufen und unter Tränen seinen Geist in die Hände des Vaters empfahl;
43. der nach dem Tod, da er hätte ausruhen sollen, bis ins Herz verwundet worden ist;
44. der dem Leibe nach begraben worden ist;
45. der, nach seiner Auferstehung am dritten Tag, dir, seiner Mutter, und Maria Magdalena erschienen ist;
46. der, zum Vater aufgefahren, für uns eintritt;
47. der den Seinen den Tröstergeist hinterlassen hat;
48. der dich in eine unsagbare Herrlichkeit aufgenommen hat;
49. der als gerechter Richter wiederkommen und jedem nach seinen Werken vergelten wird;
50. der uns als sein Königreich seinem Vater übergeben und selbst unser Lohn sein wird.
(Original Stadtbibliothek Trier Hs 1149/451. Übersetzung aus dem Lateinischen, Auswahl und Bearbeitung Andreas Heinz)

ANHANG II

Der Leben-Jesu-Rosenkranz
Die fünfzig Rosenkranz-Geheimnisse des Trierer Kartäusers Dominikus von Preußen (+ 1460).

Dominikus von Preussen  50 Clausulae um 1410 2. Seite

Dominikus von Preussen
50 Clausulae um 1410
2. Seite

Nach dem Namen „Jesus“ in jedem Ave Maria wird, der Reihe nach, jeweils einer der folgenden Betrachtungspunkte eingefügt. Im Rosenkranz meditieren wir so das ganze Heilswerk Christi von seiner Menschwerdung bis zu seiner Wiederkunft und Herrschaft ohne Ende.
Gegrüßet seist du, Maria … und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus:
1. den du bei der Botschaft des Engels vom Heiligen Geist empfangen hast;
2. den du in die Berge Judäas zu Elisabet getragen hast;
3. den du, 0 Jungfrau, mit Freuden geboren hast;
4. den du als deinen Schöpfer angebetet und an deiner Brust genährt hast;
5. den du in Windeln gewickelt und in eine Krippe gelegt hast;
6. den die Engel durch den Gesang: „Ehre sei Gott in der Höhe“ gelobt und den die Hirten in Betlehem gefunden haben;
7. der am achten Tag bei der Beschneidung Jesus genannt worden ist;
8. der von den drei Weisen, die ihm Geschenke brachten, andächtig angebetet worden ist;
9. den du auf deinen Mutterarmen zum Tempel getragen und Gott, seinem Vater, aufgeopfert hast;
10. den der greise Simeon, Gott dankend, in seine Arme nahm, und in dem Hanna den Heiland erkannt hat;
11. mit dem du vor Herodes nach Agypten geflohen bist;
12. mit dem du, durch den Engel gemahnt, heimgekehrt bist;
13. den du als Zwölfjährigen in Jerusalem verloren und nach dreitägigem, schmerzlichem Suchen im Tempel wiedergefunden hast;
14. der täglich zunahm an Alter, Gnade und Weisheit vor Gott und den Menschen;
15. den Johannes im Jordan getauft und auf den er hingewiesen hat als auf das Lamm Gottes;
16. der 40. Tage in der Wüste gefastet hat und vom Satan dreimal versucht wurde;
17. der Jünger um sich gesammelt und der Welt das Reich Gottes verkündet hat;
18. der die Blinden sehend, die Aussätzigen rein, die Lahmen heil und die vom Teufel Geknechteten frei gemacht hat;
19. dessen Füße Maria Magdalena mit ihren Tränen benetzt, mit ihren Haaren getrocknet, geküßt und mit kostbarem Öl gesalbt hat;
20. der Lazarus und andere Tote zum Leben erweckt hat;
21. der am Palmtag, auf einem Esel sitzend, unter großem Jubel vom Volk empfangen worden ist;
22. der beim Abendmahl das heilige Sakrament seines Leibes und Blutes eingesetzt hat;
23. der mit seinen Jüngern in den Ölgarten ging und dort, zum Vater betend, blutigen Schweiß vergossen hat;
24. der seinen Feinden freiwillig entgegenging und sich willig in ihre Hände gegeben hat;
25. den die Knechte der Juden mit Stricken gebunden und gefesselt zu den Hohenpriestern geführt haben;
26. den sie durch falsche Zeugen verklagt, bei verbundenen Augen ins Gesicht gespuckt und ohne Grund geschlagen haben;
27. den sie vor Pilatus und Herodes als Verbrecher, der den Tod am Kreuz verdient, verleumdet haben;
28. der, seiner Kleider beraubt, auf Befehl des Pilatus lange und grausam gegeißelt worden ist;
29., den sie mit Dornen gekrönt, mit einem alten Purpurmantel bekleidet, verspottet und verhöhnt haben;
30. den sie unschuldig zu einem schmachvollen Tod verurteilt und zusammen mit zwei Verbrechern zur Stadt hinaus geführt haben;
31. den sie an Händen und Füßen ans Kreuz genagelt und mit Essig und Galle getränkt haben;
32. der für seine Peiniger gebetet hat: Vater, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“;
33. der zu dem Verbrecher zu seiner Rechten gesagt hat: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!“;
34. der zu dir, seiner heiligen Mutter, gesagt hat: „Frau, siehe deinen Sohn!“ und zu Johannes: „Siehe, deine Mutter!“;
35. der laut gerufen hat: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“;
36. der sprach: „Es ist vollbracht.“;
37. der sterbend gebetet hat: „Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist.“;
38. der einen bitteren und seligen Tod für uns arme Sünder gestorben ist;
39. dessen Seite der Soldat mit einer Lanze geöffnet hat, so daß Blut und Wasser herausfloß zur Vergebung unserer Sünden;
40. dessen heiligen Leib sie vom Kreuz ab genommen und tot in deinen Schoß gelegt haben; (Anm. „Ut pie dicitur“)
41. den gerechte und heilige Männer gesalbt, in Leinen gehüllt und begraben haben;
42. dessen Grab die Juden versiegelt und mit Wächtern gesichert haben;
43. der in das Reich des Todes hinabgestiegen ist, um die dort wartenden Gerechten mit sich ins Paradies zu führen;
44. der am dritten Tage zu deiner Freude auferstanden ist;
45. der nach seiner Auferstehung seinen Jüngern mehrmals erschienen ist und sie im Glauben bestärkt hat;
46. der vor deinen und der Jünger Augen zum Himmel erhöht wurde und sich zur Rechten des Vaters gesetzt hat;
47. der seinen Gläubigen am Pfingstfest den versprochenen Heiligen Geist gesandt hat;
48. der seine liebe Mutter zu sich aufgenommen, zu seiner Rechten gesetzt und mit Ehren gekrönt hat;
49. der auch uns am Ende dieses Pilgerweges aufnehmen und ins Reich seines Vaters bringen möge;
50. der mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebt und regiert als Sieger und König in Ewigkeit.
(Original Stadtbibliothek Trier, Hs 751/299, fol. 180 ff Übersetzung aus dem Lateinischen und Bearbeitung Andreas Heinz.)

Weiterführendes Schrifttum:
A.Heinz, Christus- und Marienlob, Historische und geistliche Besinnung zum Rosenkranzgebet: Gottesdienst 15 (1981) 129-131. 141.
Ders., Lob der Mysterien Christi. Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte des Leben-Jesu-Rosenkranzes, in: Liturgie und Dichtung, hrsg. von H. Becker – R. Kaczynski, St. Ottilien 1983, I 609-639.
L. Holtz, Mysterium und Meditation. Rosenkranzbeten heute, Trier (Paulinus-Verlag) 1976.
E. Jungclaussen. Das Jesusgebet. Anleitung zur Anrufung des Namens Jesus, Regensburg (Pustet- Verlag) 1976.
R. Scherschel, Der Rosenkranz – das Jesusgebet des Westens, Freiburg 1979.

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Prof. Dr. Andreas Heinz
Dr. theol., Lic. phil. geb. 3.10.1941,
ordentlicher Professor für Liturgiewissenschaft
seit 1.4.1981, Emeritus seit 1.4.2007;
Mitarbeiter am Deutschen Liturgischen Institut in Trier

Publikationen

Die Abbildungen der Handschrift mit den Clausulae des Dominikus sind dem Aufsatz “Die Entstehung des Leben-Jesu-Rosenkranzes” von Prof. Andreas Heinz in “Der Rosenkranz, Andacht Geschichte Kunst”, Bern 2003 entnommen.

Dieser Text ist entnommen: Hubert Mockenhaupt, Das betende Herz der Kirche, Leutesdorf 1986.

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Ein Kommentar

  1. Danke für diesen Aufsatz! Mir persönlich sind beide Gebete – Jesusgebet und Rosenkranz- sehr kostbar und durchaus unterschiedlich in Ihrer Wirkung, damit auch für mich nicht direkt vergleichbar. Beide sind für mich ein Schatz und öffnen auf je eigene Art eine je andere Tür zu meinem Herzen. Das ist meine persönliche Erfahrung, die vermutlich jede und jeder auf seine eigene Art und auch anders macht. Liebe Grüße!

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