Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Das erlösende Leid Christi

| Keine Kommentare

Das erlösende Leid Christi
Johannes Paul II. über den Sinn des Leidens

JanPawelII-foto-helsinki„Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter gehört zum Evangelium vom Leiden. Es zeigt in der Tat, wie die Beziehung eines jeden von uns zu seinem leidenden Nächsten sein sollte. Es ist uns nicht erlaubt, gleichgültig »weiterzugehen«, sondern wir müssen bei ihm »stehenbleiben«. Ein barmherziger Samariter ist jeder Mensch, der vor dem Leiden eines Mitmenschen, was auch immer es sein mag, innehält. Dieses Innehalten bedeutet nicht Neugier, sondern Bereitschaft. Es öffnet sich gleichsam eine gewisse innere Bereitschaft des Herzens, die auch ihren emotionalen Ausdruck hat.

Ein guter Samariter ist jeder Mensch, der für das Leiden des anderen empfänglich ist, der Mensch, der beim Unglück des Nächsten »Mitleid empfindet«. Wenn Christus, der das Innere des Menschen kennt, diese Gefühlsregung hervorhebt, will er damit sagen, daß sie für unser ganzes Verhalten dem Leiden des anderen gegenüber wichtig ist. Wir müssen also in uns jene Empfindsamkeit des Herzens pflegen, wie sie das Mitleid für einen Leidenden bezeugt. Manchmal bleibt dieses Mitleid der einzige oder der wichtigste Ausdruck unserer Liebe zu einem leidenden Menschen und der Solidarität mit ihm.

Doch der barmherzige Samariter im Gleichnis Christi bleibt nicht bei Mitgefühl und Mitleid stehen. Sie werden für ihn Ansporn zu einem Handeln, das dem verletzten Menschen Hilfe bringen soll. Ein barmherziger Samariter ist also letztlich, wer Hilfe im Leiden bringt, wie beschaffen auch immer es sein mag. Wirksame Hilfe, soweit es möglich ist. Dafür setzt er sein Herz ein; doch er spart auch nicht mit materiellen Mitteln. Man kann sagen, er gibt sich selbst, sein eigenes »Ich«, indem er dieses »Ich« dem anderen öffnet. Wir berühren hier einen der Schlüsselpunkte der ganzen christlichen Anthropologie. Der Mensch kann »sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden«.(92) Ein barmherziger Samariter ist der zu dieser Selbsthingabe fähige Mensch.

© Victoria Wacca

© Victoria Wacca

29. Dem Gleichnis des Evangeliums zufolge könnte man sagen, daß das Leiden, welches unter so vielen verschiedenen Formen in unserer Menschenwelt vorhanden ist, auch dazu dienen soll, im Menschen die Liebe zu wecken, eben jene uneigennützige Hingabe des eigenen »Ich« zugunsten der anderen, der leidenden Menschen. Die Welt des menschlichen Leidens fordert sozusagen unaufhörlich eine andere Welt: die Welt der menschlichen Liebe; und jene uneigennützige Liebe, die in seinem Herzen und in seinem Handeln erwacht, verdankt der Mensch in gewissem Sinne dem Leiden.

Der Mensch als »Nächster« kann im Namen der grundlegenden menschlichen Solidarität und erst recht im Namen der Nächstenliebe nicht gleichgültig am Leiden des anderen vorübergehen. Er muß »innehalten«, »Mitleid haben« und handeln wie der Samariter im Gleichnis des Evangeliums. Das Gleichnis bringt eine zutiefst christliche, zugleich aber ganz allgemein menschliche Wahrheit zum Ausdruck. Nicht ohne Grund wird auch in der Alltagssprache jede Tat zugunsten von leidenden und hilfsbedürftigen Menschen als Werk »eines barmherzigen Samariters« bezeichnet.{…}

Codex purpureus von Rossano Christus hilft dem Geschundenen auf

Codex purpureus von Rossano
Christus hilft dem Geschundenen auf

Dieses Gleichnis findet schließlich wegen seines wesentlichen Inhalts Eingang in die ergreifenden Worte über das Weltgericht, die Matthäus in seinem Evangelium anführt: »Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht«.(95) Den Gerechten, die fragen, wann sie ihm denn all das getan hätten, wird der Menschensohn antworten: »Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan«.(96) Der umgekehrte Spruch wird jene treffen, die sich anders verhalten haben: »Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan«.(97)

John_paul_II_crossMan könnte die Aufzählung der Leiden, die menschliches Mitleid und Hilfe gefunden haben oder auch nicht, gewiß noch verlängern. Die beiden Teile der Botschaft Christi vom Weltgericht weisen eindeutig darauf hin, wie wesentlich es für jeden Menschen im Hinblick auf sein ewiges Leben ist, »innezuhalten« – wie der barmherzige Samariter es tat – beim Leiden des Nächsten, »Mitleid« mit ihm zu haben und schließlich ihm zu helfen.

Im messianischen Programm Christi, zugleich Programm für das Reich Gottes, ist das Leiden dafür in der Welt, um Liebe zu wecken, um Werke der Nächstenliebe zu veranlassen und die gesamte menschliche Zivilisation in eine »Zivilisation der Liebe« zu verwandeln. In dieser Liebe verwirklicht sich die Heilsbedeutung des Leidens bis ins letzte und erreicht ihre endgültige Dimension. Die Worte Christi über das Weltgericht lassen uns das mit der ganzen Schlichtheit und Klarheit des Evangeliums verstehen.

Herz Jesu Innsbruck um 1830 © A.Wolf

Herz Jesu
Innsbruck um 1830
© A.Wolf

Diese Worte über die Liebe, über die Werke der Liebe in Verbindung mit dem menschlichen Leiden lassen uns noch einmal am Grunde aller menschlichen Leiden das erlösende Leiden Christi entdecken. Christus sagt: »… das habt ihr mir getan«. Er selber ist es, der in einem jeden die Liebe erfährt; er selber ist es, der die Hilfe empfängt, wenn diese ausnahmslos jedem Leidenden gewährt wird. Er selber ist in diesem Leidenden gegenwärtig; denn sein heilbringendes Leiden wurde ein für allemal jedem menschlichen Leiden geöffnet. Und alle, die leiden, sind ein für allemal dazu berufen, »Anteil an den Leiden Christi zu haben«.(98) So wie alle dazu berufen wurden, durch ihr eigenes Leiden »zu ergänzen, was an den Leiden Christi noch fehlt«.(99) Christus hat zugleich den Menschen gelehrt, durch das Leiden Gutes zu wirken und dem Gutes zu tun, der leidet. In diesem doppelten Aspekt hat er den Sinn des Leidens bis zum letzten enthüllt.“

Aus: SALVIFICI DOLORIS,
ÜBER DEN CHRISTLICHEN SINNDES MENSCHLICHEN LEIDENS
Hier sind nur Auszüge wiedergegeben, es lohnt sich sehr, das ganze Dokument zu lesen.

Einen segensreichen Karfreitag in Verehrung unseres gekreuzigten Herrn allen Lesern dieses Blogs!

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.