Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Das Gehen mit dem Rosenkranz

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Warum sieht man unsere Päpste immer wieder im Gehen mit dem Rosenkranz? Ist das nur ein reizvolles „Motiv“ für Fotographen? Oder welche Bewandtnis hat es mit dem Gehen und Rosenkranzbeten?

Bei einer der ersten Polenreisen

Ich gehöre zu den „Spätberufenen“ in Sachen Rosenkranzgebet. Erst mit 26 Jahren habe ich „richtig“ gelernt so zu beten von einer „Beterin vor dem Herrn“ mit der ich befreundet war: im Wald, beim Gehen. Inmitten der Jahreszeiten, begleitet von Gottes schönster Musik, dem Vogelgezwitscher.

Das Schwerste für jeden Beter ist die Sammlung, das Stillwerden, das nach Innen gehen. Je dynamischer und kraftvoller ein Mensch ist, je lebendiger sein Geist, desto schwerer wird es, diese Bewegung von außen nach innen zu vollziehen, aufrecht zu erhalten, dabei zu bleiben. Man muß es beständig üben.

Romano Guardini beschreibt das sehr gut:

„Ein Wort, welches der religiös-ethischen Sprache der Vergangenheit vertraut war, in neuerer Zeit aber nur selten genannt wird, ist das der Sammlung, des gesammelten Menschen. (…)

Um besser zu verstehen, was es meint, wollen wir uns zu Bewußtsein bringen, wie unser Dasein gebaut ist. Es richtet sich nämlich nach zwei Polen aus – jenen verwandt, von denen im Kapitel über Schweigen und Sprechen die Rede ist. Der erste ist die Innerlichkeit des Menschen, seine Mitte. Was diese »Mitte« ist, wäre nicht leicht zu sagen; aber jeder, der das Wort von sich selbst her spricht, weiß, was er damit meint: den Beziehungspunkt nach innen hin; das, was macht, daß seine Kräfte, seine Eigenschaften, seine Gesinnungen und Handlungen kein Durcheinander, sondern eine Einheit bilden.

Das ist der eine Pol; der andere ist der Zusammenhang der Dinge draußen, der Vorgänge, Zustände, Beziehungen; die anderen Menschen, wie sie leben und was sie tun, die Geschichte – kurz, die Welt, so weit beim Einzelnen die Kraft des Überschauens, die Fähigkeit des Erlebens zu ihr Beziehung findet.

Wenn ich etwas tun will, arbeite ich nicht einfach darauf los, sondern überlege: Was ist hier zweckmäßig? Was verlangt die Situation? Ich entscheide mich, und so erst bekomme ich »draußen« für mein Tun Richtung und Ordnung. Habe ich dann gehandelt, so besinne ich mich wieder und prüfe: War alles in Ordnung? Bin ich dem betreffenden Menschen gerecht geworden? Habe ich meine Pflicht getan?

Das alles ist vereinfachend gesagt. Das »Hinaus« und »Zurück«, und wieder »Hinaus« und abermals »Zurück« vollzieht sich nicht nur einmal, sondern unzählige Male; ist ein beständig geschehendes Spiel der Akte, aus denen sich das tägliche Leben bildet.

So beziehen beide Bereiche sich auf einander. Was draußen geschieht, wird von innen her gelenkt und beurteilt; das Innere wird von draußen her gerufen, geweckt, gespeist. Wenn wir uns fragen, welcher Mensch in dieser Hinsicht als wohlgeschaffen anzusehen sei, dann lautet die Antwort: Der, in dessen Leben diese beiden Pole im richtigen Verhältnis zur Auswirkung kommen; der sich weder draußen verliert, noch drinnen verspinnt; in dessen Leben vielmehr die beiden Bereiche im Gleichgewicht einander wechselseitig bestimmen und vollenden.

Zwischen diesen beiden Polen, der Mitte in mir und der Welt um mich, spielt mein Leben. Immerfort gehe ich hinaus zu den Dingen, beobachte, erfasse, nehme Besitz, forme, ordne. Dann kehre ich in mein Inneres zurück, und dort frage ich mich: Was ist das? Warum ist das Ding so? Welchem anderen sieht es ähnlich, und wie unterscheidet es sich? Worin besteht sein Wesen? Darin, in der Erkenntnis, vollendet sich erst, was ich draußen erfahren habe.

In unserer durchschnittlichen Wirklichkeit ist es aber anders. Darin haben die Dinge des äußeren Lebens eine gewaltige Übermacht. Die Fülle ihrer Gestalten; die Eindringlichkeit ihrer Eigenschaften; die Aufgaben, die sie uns stellen; ihr Wert, der das Begehren weckt; ihre Gefährlichkeit, die Furcht einflößt – alles das ist so stark, daß es das Übergewicht bekommt und unser Leben hinauszieht. So entsteht der »nach außen gewendete« Mensch, dessen Inneres schwach ist und stets schwächer wird.“

(aus „Tugenden – Meditationen über Gestalten sittlichen Lebens“, Werkbund-Verlag, Würzburg 1963, neu aufgelegt hier momentan nur antiquarisch zu bekommen)

Das Gehen in der Natur, vorausgesetzt ich habe einen bereits gebahnten Weg, der meine Aufmerksamkeit nicht fordert, gibt bereits meinem Körper einen „Rhythmus mit dem man mit muß“ (wie meine Mutter sagte). Natur, für uns Deutsche ist das Landschaft, Wald, Garten, ist für die meisten Menschen an sich schon eine Quelle der Erholung, der Beruhigung, der Muße – uns, seit wir Kinder waren, vertraut.

L’Osservatore Romano
Juli 2008

Im Gehen mit dem Rosenkranz dann den Verstand „binden“, einen Rhythmus geben mit dem Sprechen von vertrauten Gebeten. Das eröffnet den Raum, in dem die eigentliche Betrachtung stattfinden kann.

Der Körper in Bewegung im Rhythmus von Atem und Schritt. Der Geist schließt sich nach und nach dem „Takt“ an und das Gebet, ob im Geiste, laut gesprochen oder im Wechsel mit einem Zweiten hindert mich daran, die Gedanken „schweifen zu lassen“, es bindet meine Aufmerksamkeit. (Wandere ich nämlich ab in Gedanken, dann verhaspele ich mich in den Gebetsworten. Daran kann ich sehen, daß ich den „Rosenkranzweg“ gedanklich verlassen habe.)

Die eigentliche Betrachtung der „Geheimnisse“, das durch die „Clausulae“ evozierte Schauen der Bilder, die aus meinem Inneren aufsteigen (oder woher kommen sie eigentlich?) ist nun das, wonach jeder Rosenkranzbeter sucht, verlangt, das ist das Eigentliche! „Die Übermacht der äußeren Dinge“ ist gebrochen – es ist, als sei ich nun erst „zuhause“, bereit, IHN zu treffen. Dabei ist es keineswegs gleichgültig, welche Gebetsworte ich benutze.

Das „Om Mani Padme Hum“ aus dem Sanskrit könnte meinen Geist nicht „binden“ und „halten“. Könnte den Raum, um den es geht, nicht formen, die „Privatkapelle“. Oft wird das Rosenkranzgebet von Ungeübten mit mantrischem Meditieren gleichgesetzt. Es geht jedoch beim Rosenkranzbeten nicht so sehr um Gleichmut, Abstand von den Dingen oder Trance. Es gibt Ähnlichkeiten aber doch auch grundlegende Unterschiede.

Beim repetitiven Beten im Rosenkranz  geht es um die Schaffung von Raum, der sich füllen kann, füllen darf. Der „Englische Gruß“ allein ist schon ist sehr spezifisch, er zeugt von einer spezifischen Begegnung:

Gegrüßet seist Du, Maria, voll der Gnade,

der Herr ist mit Dir,

Du bist gebenedeit (gesegnet) unter den Frauen (den für Gott empfänglichen Menschen),

und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes (Begegnung mit Gott), JESUS, (der Erlöser)…

Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder (auch für mich)

jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen (so sei es).

Dieses repetitive Gebet formt einen eindeutigen Raum, wie eine Kirche ein eindeutiger Raum ist. Es spricht von einer historischen Begegnung um eine Begegnung, eine Erfahrung JETZT in meinem Inneren zu ermöglichen. Die Clausulae (Geheimnisse) sind der eigentliche Gegenstand der Betrachtung und doch sind auch sie wie eine Monstranz, die das Eigentliche birgt und zeigt.

Guardini sprach von „Mitte“, von Sammlung und meinte Verallgemeinerbares im Wechselspiel zwischen „Innen“ und „außen“. Ich sage „Herz“ und Herzensgebet und meine den Rosenkranz. Aber ich bin ja auch eine Frau…

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Ein Kommentar

  1. Vielen Dank für die Bilder von „meinem“ Papst, bei dessen Anblick mir immer noch das Herz aufgeht, als würde ich einen geliebten Freund wiedersehen.
    Mir kommt es vor, als sei ich auf seinen Armen in die katholische Kirche gesegelt.

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