Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Der heilige Joseph und das Herz Jesu

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Rückseite Pilgermedaillen
1910 – 1925

Zwei Pilgermedaillen für Väter

Die Rückseite der Medaillen aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts zeigen den heiligen Joseph, Ziehvater Jesu und Ehemann Maria von Nazareths. Daneben ein klassisches Herz Jesu Bild, auf dem Jesus auf das flammende Herz weist und auf Gott, den Vater: Der Weg zu Gott ist die Liebe – leicht zu verstehen, schwer zu befolgen.

Der „alte Fritz“ und seine Soldaten

Bevor ich auf die beiden Bilder eingehe, folgt ein kurzer Rückgriff in unsere Geschichte. Man muß sich in die Zeit von Friedrich dem Großen versetzen, um Vieles von dem zu verstehen, was uns Deutsche geprägt hat. Ich greife einen Aspekt heraus: Friedrich war der Sohn des Soldatenkönigs, der Preußen groß machen wollte und dazu einen gut funktionierenden, durchorganisierten Staat brauchte. Diese Epoche hat Jochen Klepper in seiner Biographie „Der Vater“ unnachahmlich eingefangen. Der „moderne Staat“, der da aus dem Zeitalter der Aufklärung herauswachsen sollte, wird oft mit Toleranz („jeder soll nach seiner Façon selig werden“), Abschaffung der Leibeigenschaft, allgemeiner Schulpflicht, funktionierender Verwaltung und dergleichen assoziiert. Gerne wird jedoch vergessen, daß die neue „Staatsauffassung“ den Menschen auch der jeweiligen Staatsdoktrin in ungekannter Weise unterordnete und der Hoheitsanspruch des Staates immer tiefer auch in persönliche Lebensvollzüge eingriff. Zunächst einmal brauchten die Staaten Soldaten und eine Erziehung, die tüchtige Soldaten hervorbrachte (siehe auch: Preussische Armee) Der Soldat war im Zeitalter der europäischen Staatsgründungen geradezu das entscheidende Mittel zum Erfolg und als Söldner ein Exportschlager (Unabhängigkeitskriege der USA), der Geld in die Kassen der Landesherrn spülte.

Das Mittel zur Erlangung disziplinierter Soldaten war eine entsprechende Erziehung zu Disziplin und Gehorsam, die weit über den Gehorsam des Kindes gegenüber seinen Eltern hinausgeht. Heute reden wir mit Recht von „Schwarzer Pädagogik“, einer Erfindung des 18. und 19. Jahrhunderts:

Diese ersten Jahre (des Kindes) haben unter anderem auch den Vorteil, dass man da Gewalt und Zwang brauchen kann. Die Kinder vergessen mit den Jahren alles, was ihnen in der ersten Kindheit begegnet ist. Kann man da den Kindern den Willen nehmen, so erinnern sie sich hiernach niemals mehr, dass sie einen Willen gehabt haben.“

Johann Georg Sulzer: Versuch von der Erziehung und Unterweisung der Kinder, 1748

„Affenliebe“

Geächtet wurde, was weich macht: „Affenliebe ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für eine „übertriebene“ Liebe, häufig von Eltern zu ihren Kindern. Das Wort und die Redewendung wurden zumindest schon im 18. Jahrhundert verwendet, um eine übertrieben zärtliche und liebevolle Erziehung zu kennzeichnen, die in der damals vorherrschenden Meinung als unvernünftig galt. Die angeblich unangemessen zärtliche Haltung von Affenmüttern ihren Jungen gegenüber, die diese nahezu erdrücken und ablecken, wurde zum Sinnbild dieser Erziehungsweise.

So definierte Pierer’s Universal-Lexikon Affenliebe als „eine durch Übertreibung schädliche Liebe zu Kindern, da die Äffin ihr Junges aus Liebe zuweilen so herzen soll, daß es erstickt.“  und Adelungs Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart als „eine blinde, unvernünftige Liebe, besonders der Ältern gegen ihre Kinder, dergleichen die Affen gegen ihre Jungen haben, welche sie oft aus allzu großer Zärtlichkeit zu erdrücken pflegen“ sowie Kirchner/Michaëlis‘ Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe als „blinde Zärtlichkeit der Eltern gegen ihre Kinder, welche deren Fehler übersieht, ableugnet und ihnen schadet.“ (Wiki)

Disziplin und Härte entsteht, das wussten schon die Spartaner, wenn man das Kind frühzeitig von „zärtlichen Müttern und Vätern trennt“. Eine Veränderung im preussischen Staat, die heute kaum bekannt ist, war die staatliche Reglementierung der Geburtshilfe. Was traditionell eine Sache der Frauen war, wurde nun dem neu entstehenden Ärzte- und Beamtenwesen unterstellt.

Früher halfen sich die Frauen gegenseitig, mit der Hilfe erfahrener Hebammen durch die Geburt und feierten das Kindbett gemeinsam und unter sich, brachten Geschenke, Spezereien, Gebackenes und Alkohol, versorgten Mutter und Kind und genossen die Gemeinschaft.  Das war feste Sitte im ländlichen Raum, die Männer hatten eigene Rituale zur Feier des Nachwuchses und die „Weibergesellschaft“ war in ihrer Ausnahmezeit unbehelligt. Beendet wurden diese „Ausschweifungen“ durch Verbote durch den Staat. Nachzulesen in dem spannenden Buch von Eva Labouvie „Andere Umstände – Eine Kulturgeschichte der Geburt“ . Von nun an wurden Mutter und Kind zunehmend hospitalisiert und voneinander getrennt. Die „Lehre von der Säuglingspflege“ wurde zur „Staatsangelegenheit“.

Doch nun zurück zu unseren Medaillen. Ist es im „preussischen Zeitalter“ nicht einigermaßen überraschend, daß die Herz – Jesu – Verehrung einen ungekannten Aufschwung nimmt? Fast in jedem katholischen Haushalt findet man bis ins 20. Jahrhundert hinein figürliche oder gemalte Darstellungen der Mutter mit Kind, des heiligen Joseph mit dem Jesuskind, der heiligen Familie Hand in Hand. Auch den heiligen Antonius sieht man in großer Nähe zum Jesuskind, das ihm vertraulich ins Ohr flüstert. Wir lehnen diese Darstellungen als den „betulichen“ Kitsch einer vergangenen Epoche ab und es kommt uns gar nicht in den Sinn, daß sie vielleicht Gegenbilder zu einer lieblosen, harten und private Gefühle und Bindungen ablehnenden Zeit waren. Einer Zeit, die Menschen verlangte und privilegierte, die „zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl“ sein wollten und dem Staat ein guter Untertan sein sollten. (Siehe Heinrich Mann, „Der Untertan“)

Diese „verweichlichten“ Katholiken mit ihrer Affenliebe zum Herrgott und zu ihren Kindern, mit ihrer kindlichen Hörigkeit und Verehrung gegenüber ihren Bischöfen und ihrem Papst, mit diesen ewigen Festen, Feiertagen und Wallfahrten und mit dieser höchst ärgerlichen Maria – nein, mit solchen Leuten „ist kein Staat zu machen“. In Reisebeschreibungen preussischer Bürger aus dem 19. Jahrhundert findet man die ganze Abscheu und Verachtung gegenüber der katholischen Lebensart im ländlichen Süden.

Auch gläubigen Juden galt das Mißtrauen des Staates und der Assimilationsdruck im 19. Jahrhundert wurde immer stärker. Was heute gerne als „Einschränkung kirchlicher bzw. religiöser Macht“ gefeiert wird, war letztlich im wahrsten Sinne ein „Kulturkampf“, ein „clash of cultures“ zwischen preussisch – viktorianischer Welt und katholischem Süden oder, wie Luis Racionero in „Die Barbaren des Nordens“ schreibt, zwischen dem protestantischen Arbeitsethos des Nordens und dem „mediterranen“ Lebensgefühl des Südens.

Jenseits der theologischen Bedeutung, die das Aufkommen der Herz – Jesu – Mystik und die Betonung von Zärtlichkeit und Nähe im religiösen Bild haben (darüber ließe sich viel sagen), halte ich den geschichlichen Kontext, in dem das geschieht, für äußerst bedeutsam. Im Zeitalter der Soldaten betrachten die Katholiken liebevolle und zärtliche Väter und Mütter mit offenem Ohr für das Kind, einen Jesus mit flammendem Herzen und das mitleidende Herz der Gottesmutter.

Ich habe hier zwei „Hausbücher“ vom Vorabend des Ersten Weltkrieges – zu ihrer Zeit „Bestseller“ und in vielen Haushalten vorhanden: Predigten des Hofpredigers von Wilhelm II. von 1914 und „Das Goldene Herz-Jesu-Buch“ aus München von 1909. Der Gegensatz in der Bibelauslegung ist atemberaubend, das Gottes- und Menschenbild könnten verschiedener nicht sein.

Kann es sein, daß auch wir Katholiken Vorurteile entwickelt haben – Kitsch, Gefühlsduselei, etc. – und nicht mehr verstehen, was der tiefere Sinn hinter unseren Frömmigkeitsformen war? Sind wir vielleicht „preussischer als die Preussen“ geworden mit unserem Bildersturm der letzten 80 Jahre?

Ich kann nur empfehlen, diese Bilder neu zu betrachten und zu meditieren. Uns wird auffallen, daß sie mehr als notwendig sind in unserer „Zivilisation des Todes“ (Johannes Paul II.), in der das menschliche Leben, die Person auf ungekannte Weise zur Disposition stehen. Ich wünsche mir Männer, Väter, die sich wieder diese Männer – den liebenden Jesus, den zärtlichen und beschützenden Joseph, den lauschenden Antonius – zum Vorbild, zum Schutzpatron nehmen und diese „Ikonen gegen den Zeitgeist“ mit neuen Augen anschauen.

Heilige Familie
Netzfund – für Hinweise bin ich dankbar!


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