Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Der lästige Verkäufer

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Der lästige Verkäufer

Rom2015_7661Ja, ich gebe es zu: die fliegenden Händler in Rom (und anderswo) gehen mir auf die Nerven. In diesem Jahr waren „Selfie“ – Stäbe und chinesische Plastikschirmchen der „Hit“. Auf Schritt und Tritt verfolgen sie dich, stellen sich dir in den Weg und rufen „Selfie“… und gewöhnlich wirst du blind und unempfindlich, schaffst dir die Rufer mental vom Hals, wie lästige Fliegen. Schließlich bist du beim Gehen perfekt zum autistischen „Selfie“ mutiert und landest in diesem ernüchternden Zustand menschlicher Taubheit beim nächsten Pilgerziel und ringst um christliche Ergriffenheit. Kognitive Dissonanz…
Zum Glück hatten wir gleich zu Beginn unseres Aufenthaltes ein Erlebnis, das aufweckte.
Mit dem ersten Kaffee des Tages saßen wir auf unserem Balkon im vierten Stock und beobachteten das Leben auf der Straße.

Rom2015_7632Ein junger Schwarzer fiel mir ins Auge, der unten  zwischen zwei parkenden Autos kauerte und sich auf seine Tagesarbeit rüstete. Aus einem großen Plastiksack packte er eine Menge Taschen aus und füllte sie mit Zeitungspapier, um seine Waren (Billigrepliken) dem kaufwilligen Touristen später gefällig zu präsentieren.

Rom2015_7634Er tat das sorgfältig und routiniert und man merkte gleich, er hat sein System. Im morgendlichen Müßiggang beobachteten wir ihn weiter und er weckte mit seinen konzentrierten Bewegungen immer mehr mein Interesse. Ich fing an über ihn nachzudenken. Wo mochte er hergekommen sein? War er einer der unzähligen Bootsflüchtlinge aus Afrika? Wie lebt er hier? Hat er Familie? Ist er ein Ausgebeuteter?

Rom2015_7642Da ist er fertig mit seiner Arbeit, steht auf, sammelt seine restlichen Papierfetzen ein und hebt allen Dreck vom Bürgersteig um sich herum auf und stopft ihn in seine Mülltüte: achtlos weggeworfene Kippen, Verpackungen, was da halt so liegt. Habe ich schon jemals in Rom etwas vom Boden aufgehoben und in den Müll geworfen, frage ich mich. Er trägt alles zum Container vor unserem Haus und behält dabei seine Taschen im Auge.

Rom2015_7643Am liebsten würde ich ihm eine abkaufen sagt meine Freundin vor sich hin, aber vielleicht ist er so ein armer Kerl, der nur für Drücker arbeiten muß –
Ich sage, Drücker hin oder her, er lebt davon; ja, mach doch, ich zahle die Hälfte, dann hat er für heute schon mal was verdient…
Unser afrikanischer Freund blickt auf sein Handy: „schnell, gleich ist er weg“.

Rom2015_7644Aber er kauert sich wieder neben seine aufgereihten Taschen und … faltet die Hände und betet.
Die Freundin schnappt ihren Geldbeutel und beeilt sich, nach unten zu kommen. Gerade will er loslaufen und ich rufe ihn, er möge warten. Er lacht zu mir hoch und bietet an, nach oben zu kommen, wir gestikulieren ein bißchen, da tritt meine Freundin schon aus dem Haus.

Rom2015_7648Ich sehe sie miteinander handeln und habe meine Freude. Sehr professionell zeigt er ihr seine Taschen und als sie handelseinig sind, besteht er darauf, die Zeitungen herauszunehmen und beide Taschen (ja, sie hat zwei gekauft) in Tüten zu verpacken.

Rom2015_7650Dann schaut er strahlend hoch, wo ich mit der Kamera stehe, umarmt die Freundin und winkt. Er hängt sich die restlichen Taschen in den Arm und geht los Richtung Petersplatz.

Rom2015_7653Jetzt sieht er wieder aus wie die Masse der nervenden, lästigen Händler in Rom…

Rom2015_7661Aber nein, von nun an haben sie für uns ein Gesicht, ein arbeitendes, Ordnung schaffendes, betendes, lachendes, winkendes, menschliches Gesicht.
Natürlich war ich weiter „genervt“ vom unendlichen Händlerparcour mit den „Selfie“ – Rufen, aber … Menschen, Gott befohlen!

Aus „Laborem Exercens“, der Sozialenzyklika zur menschlichen Arbeit
vom Hl. Johannes Paul II., 14. September 1981

23. Die Arbeit und das Problem der Emigration

obrero0002Schließlich sind zumindest einige wenige Worte zum Thema der sogenannten Arbeitsemigration zu sagen. Sie ist eine schon von früher her bekannte Erscheinung, die sich jedoch ständig aufs neue abspielt und auch heute wieder beträchtliche Ausmaße annimmt durch die Komplikationen des modernen Lebens. Der Mensch hat das Recht, seine Heimat aus verschiedenen Gründen zu verlassen – wie auch dorthin zurückzukehren – und in einem anderen Land bessere Lebensbedingungen zu suchen. Dies bringt zweifellos Schwierigkeiten verschiedener Art mit sich; vor allem stellt es im allgemeinen einen Verlust für das Land dar, aus dem man auswandert. Es verliert einen Menschen, ein Mitglied der großen Gemeinschaft, die durch Geschichte, Tradition und Kultur zusammengehalten wird; dieses Mitglied beginnt ein Leben inmitten einer anderen Gesellschaft, welche durch eine andere Kultur und meist auch durch eine andere Sprache geeint ist. Es geht somit ein arbeitender Mensch verloren, der mit den Leistungen seines Verstandes oder seiner Hände zur Steigerung des Gemeinwohls im eigenen Lande hätte beitragen können; nun kommen dieser Beitrag und diese Leistung einem anderen Land zugute, das in einem gewissen Sinne geringeres Recht darauf hat als das Heimatland.

Gleichwohl ist die Emigration, wenn auch in mancher Hinsicht ein Übel, so doch unter bestimmten Umständen ein, wie man sagt, notwendiges Übel. Man muß darum alles daransetzen – und sicher geschieht bereits vieles zu diesem Zweck -, daß dieses objektive Übel nicht größere Schäden in moralischer Hinsicht mit sich bringt, ja daß es sogar so weit wie möglich zu einem Vorteil für das persönliche, familiäre und soziale Leben der Emigranten werde, und dies im Hinblick auf das Gastland wie auch auf das Herkunftsland. In diesem Bereich hängt sehr viel von einer gerechten Gesetzgebung ab, besonders wenn es um die Rechte des arbeitenden Menschen geht. Ein solches Problem gehört darum selbstverständlich in den Rahmen der vorliegenden Erwägungen, gerade wenn man es vom angegebenen Standpunkt aus betrachtet.

Das Wichtigste ist, daß der Mensch, der als ständiger Emigrant oder auch als Saisonarbeiter außerhalb seines Heimatlandes arbeitet, im Bereich der Arbeitnehmerrechte gegenüber den anderen Arbeitern aus dem Gastland selbst nicht benachteiligt wird. Die Arbeitsemigration darf in keiner Weise eine Gelegenheit zu finanzieller oder sozialer Ausbeutung werden. Hinsichtlich des Arbeitsverhältnisses müssen für den eingewanderten Arbeitnehmer die gleichen Kriterien gelten wie für jeden anderen Arbeitnehmer des betreffenden Landes. Der Wert der Arbeit muß mit dem gleichen Maßstab gemessen werden und nicht nach der verschiedenen Nationalität, Religion oder Rasse. Erst recht darf die Notlage, in der ein Emigrant sich befindet, nicht ausgenützt werden. Alle diese Umstände müssen – natürlich unter Berücksichtigung der jeweiligen Besonderheiten – vor dem fundamentalen Wert der Arbeit zurückstehen, der mit der Würde der menschlichen Person verbunden ist. Das grundlegende Prinzip sei hier nochmals wiederholt: Die Rangordnung der Werte und der tiefere Sinn der Arbeit fordern, daß das Kapital der Arbeit diene und nicht die Arbeit dem Kapital.“
Es lohnt sich, den ganzen Text zu lesen!

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