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Gebet – Kunst – Geschichte

Der Priester meiner Kindheit, Sankt Martin und die Nazis

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Der Priester meiner Kindheit, Sankt Martin und die Nazis

Pfr. Johannes Bechem (1911 - 1984)

Pfr. Johannes Bechem
(1911 – 1984)

Der Pfarrer meiner Kindheit hieß Johannes Bechem und stammte aus Düsseldorf.
Er lebte von 1911 bis 1984 und war von Mai 1942 bis zu seinem Tod der Pfarrer von Christkönig in Limbach, Bistum Speyer. Ich kannte ihn so gut, wie ein Kind seinen Pfarrer kennen kann und er hat mich geprägt. Weil heute der 9. November ist, will ich an ihn erinnern.

Er war 1937 im Kölner Dom zum Priester geweiht worden. Köln hatte seinerzeit „Priesterüberschuß“ und lieh Pfarrer Bechem an das Bistum Speyer aus. Bevor er nach Limbach kam, war er Kaplan in Neustadt St. Marien (meiner späteren Taufkirche), wo kurz zuvor der damalige Pfarrer Josef Bauer verhaftet und ins Konzentrationslager gebracht worden war. Unser „Diaspora – Dorf“ übernahm er als Kurat im Mai 1942 und sollte dort die Seelsorge aufbauen.

Im „Totenkranz“ des Pilgerkalenders von 1985 heißt es: „…ein Pfarrhaus gab es nicht, Wohn-, Schlaf-, und Amtszimmer – das war ein und dasselbe, elf Jahre lang. Mit dem Fahrrad fuhr er zum Religionsunterricht in den Schulen von Limbach, Altstadt, Niederbexbach, Ludwigsthal, Kleinottweiler sowie Bexbach, wo er auch in der Seelsorge…aushelfen musste. Nach dem Zweiten Weltkrieg, da nun auch die Erzdiözese Köln unter Priestermangel litt, wurde mehrfach der Versuch gemacht, Kurat Bechem in das Heimatbistum zurückzuholen. Doch die Bischöfe Dr. Wendel und Dr. Emanuel wollten ihn unbedingt im saarpfälzischen Teil des Bistums behalten, wo er sich selbst heimisch und mit Volk und Klerus tief verbunden fühlte….er war getragen von tiefem Glauben und großer Liebe zur Kirche. Er förderte kirchliches Brauchtum und Geselligkeit. So führte er schon 1945 den Martinsumzug in Limbach ein, zu einer Zeit als dieser Brauch im Bistum noch kaum bekannt war.“

Unsere Kirche war 1933 als Filialkirche von Bexbach, St. Martin geweiht worden und Pfarrer Bechem radelte mit Anfang 30 über die Dörfer. Als alter Mann fuhr er mit Bus und Zug oder ging zu Fuß (ab 1957 war Limbach mit Beeden und Altstadt eine Pfarrei). Wie oft hat meine Mutter, wenn sie uns von der Schule abholte oder sonstwie mit dem Auto unterwegs war „den Herrn Pastoor per pedes“ aufgelesen…(unvorstellbar für heutige Confratres).

Nach dem Krieg hatte er 1600 Seelen in fünf Gemeinden zu betreuen. In Beeden wurde anfangs in einem Wirtshaussaal, später in einer Notkirche der Gottesdienst gehalten. Sein ganzer Stolz war der Bau der Remigiuskirche in Beeden mit ihrem herrlichen Geläut, das ich immer noch „in den Knochen habe“ (Kommunion und Firmung durch Bischof Wetter).

© plassmann

© plassmann

Ja, der Martinstag.
Das war in unserer Gemeinde eine ganz große Sache und ein echtes Ereignis in der ganzen Gegend. Der Pfarrer und seine Schwester ließen kistenweise Süßigkeiten aus dem Rheinland schicken, Laternen zum Basteln mit Martinusszenen und Pechfackeln. Wir Kinder halfen dann „Fräulein Bechem“/“Fräulein Berta“ beim Befüllen von Tütchen, die der Hl. Martin, nachdem er den Mantel dem Bettler umgelegt hat, an alle Kinder verteilte. Eine Martinsgans wurde verlost (es ist mir nicht bekannt geworden, daß sie wirklich jemals verspeist wurde) und dann kam der große Abend.

Der Hl. Martin hoch zu Pferd in römischer Soldatenmontur und leuchtend rotem Mantel ritt durch die Straßen rund um die Kirche, die Blaskapelle vorne weg. Um das Pferd durften die Jungs mit den Pechfackeln laufen und es folgten die Mädchen und Kindergartenkinder mit den Laternen.
SANYO DIGITAL CAMERAEs wurden Martinslieder gesungen in der Dunkelheit und dann kam man wieder vor dem Kirchentor an, der Heilige stieg ab und ging in die Kirche und alles drängte nach, um die berühmte Bettlerszene zu sehen. Die Kirche war so voll, daß man keinen Stein mehr sehen konnte. Ein alter Mann, kaum bekleidet, dünn und frierend kauerte unter der Kanzel und Martin nimmt sein großes Schwert und zerteilt mit imposanter Geste den roten Mantel und legt ihn dem alten „Bettler“ um. „St. Martin, St. Martin war ein guter Mann…“ und „Großer Gott, wir loben Dich“, dann gings heim, mit Laterne, Pechfackel und Martinstüte. Unvergesslich.
Und ein schöner Gedanke, daß über unseren Dorfpfarrer der rheinländische Brauch Richtung Süden gewandert ist – ins Saarland und die Pfalz hat er ihn sicher gebracht.

Viele Erlebnisse fallen mir ein. Am Trauertag um die „Reichspogromnacht“ von 1938 will ich aber erzählen, wie unser Pfarrer uns gegen den Nazi – Ungeist (der ja langsam wieder salonfähig wird) immunisiert hat. Er hat uns von den Nazis in Köln und Düsseldorf, vom Krieg erzählt in eindrucksvoller und offenbar kindgemäßer Weise: wie sie die Katholiken bedrängt und verfolgt haben von Anfang an; (siehe: Kath. Kirche im Nationalsozialismus)

NS Dokumentationszentrum Koeln

NS Dokumentationszentrum
Koeln

die katholische Jugend aufgelöst und wie man sich doch heimlich in Kellern, Kirchtürmen und in der Natur getroffen hat. Wie sie in den Kirchen hockten mit ihren Ledermänteln und mitstenographierten. Wie sie mit Fotoapparaten vor den Kirchen standen und neben den Prozessionen hergingen, um die Gläubigen einzuschüchtern.
„Da sind wir als junge Seminaristen ausgeschwärmt, sind ihnen vor der Linse herumgetanzt und wenn sie sich beschwert haben, dann haben wir gesagt, wir wollen nur mit auf’s Bild…“. Wie die Braunen  dann anfingen die jüdischen Bürger zu schikanieren und wie die katholische Jugend nachts heimlich die Parolen an den Wänden unleserlich machte mit Kalkfarbe oder Plakate abriß.

Und dann finde ich durch Zufall: unser Pfarrer hat es ihnen „nachgemacht“ und hat sie fotographiert und ihre Umtriebe dokumentiert.

„Die Grausamkeiten der NS-Zeit sind uns heute bekannt. Schwer nachfühlbar sind die ständig virulente Propaganda und die aggressive menschenverachtende Atmosphäre im Alltagsleben. Das Regime selbst hat uns Bild- und Tondokumente überliefert, etwa in den „Wochenschauen“, die aber – distanzlos – manipulieren wollen. Das private Fotografieren von Propagandaaktionen aber war riskant. Umso wertvoller sind Fotos wie sie im Historischen Archiv des Erzbistums kürzlich entdeckt wurden:
Hxnde_weg_vom_3._Reich.jpg_221844431Auf dem Foto sind Karikaturen eines Geistlichen (mit Hinweis „Rom“) und eines Juden (mit Hinweis „Juda“ plus Geldsack) abgebildet; zwischen beiden die Umrisse von Deutschland mit dem Text: „Hände weg vom 3. Reich“. Hier wurde auf die subtilen Vorurteile und Ängste angespielt, „Juden und Pfaffen“ könnten als „Feinde des Volkes“ den „Fortschritt“ des neuen Deutschen Reiches verhindern.

Wie sind diese Fotos entstanden? 1945/46 erließ das Generalvikariat an die Pfarrer etliche Aufrufe, über Verfolgungen und Probleme während des „Dritten Reiches“ zu berichten. Als Antwort auf den Aufruf im Kirchlichen Anzeiger von 1946, Nr. 135, sandte Johannes Bechem am 23.7.1946 sechs Fotos aus der Düsseldorfer Pfarrei St. Dreifaltigkeit nach Köln ein. Sie stammen aus seinem Privatbesitz und wurden wohl auch von ihm gemacht. Bechem war gebürtiger Düsseldorfer. Zu der Zeit, in der die Fotos entstanden, war er Seminarist im Priesterseminar Köln. Nach seiner Weihe 1937 wurde er in der Diözese Speyer eingesetzt, wo er schließlich als Pfarrvikar in Limbach bei Homburg an der Saar wirkte. Von dort aus schickte er auch die Fotos ans Kölner Generalvikariat.“ (Archiv Erzbistum Köln)

Und das NS – Dokumentationszentrum der Stadt Köln schreibt:

Nachdem schließlich mehrere Polizeiverordnungen den Aktionsbereich der Kirche auf den rein kirchlich- religiösen Raum eingeschränkt hatten, reagierten viele Gläubige mit Formen der Verweigerung und des Protestes. Vor allem mit der Teilnahme an kirchlichen Massenveranstaltungen wie Gottesdiensten im Dom, Prozessionen und Wallfahrten unterstrichen Katholiken, dass sie sich der nationalsozialistischen Gleichschaltung nicht vollends unterordneten. Nur wenige Katholiken allerdings leisteten aktiven Widerstand.Zu diesen wenigen Aktiven in Köln gehörten insbesondere einzelne Geistliche sowie Laienfunktionäre der katholischen Arbeiterbewegung und der Kolpingfamilie.

Mitte der 1930er Jahre fanden im Kettelerhaus, später auch im Kolpinghaus in der Breite Straße, konspirative Treffen statt. Die Mitglieder dieser Treffen standen in Verbindung mit dem Widerstandskreis, der das Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 vorbereitete. Im Rahmen der sogenannten Aktion »Gewitter« wurden die meisten Mitglieder des Kreises im August 1944 von der Gestapo verhaftet und zunächst in der Deutzer Messe oder im EL-DE-Haus inhaftiert. Einige von ihnen, wie Nikolaus Groß (Anm. 2001 von Johannes Paul II. seliggesprochen) und Bernhard Letterhaus, wurden nach einer Verurteilung durch den Volksgerichtshof hingerichtet, andere in Konzentrationslager verschleppt und dort ermordet.“ {…}

„Die Opposition von Jugendlichen gegen das NS-Regime konnte verschiedene Motive haben. Ein Teil der Jugendlichen wie die »Swing-Jugend« wünschte sich eine freiere Freizeitkultur, andere knüpften an die Traditionen der 1933 verbotenen bündischen Jugendbewegung an, wieder andere lehnten den Staat aus religiösen Gründen ab. Eine Reihe von Jugendlichen ging aus Abenteuerlust in die Opposition. Ihnen gemeinsam war das Bestreben, sich der totalen Vereinnahmung durch die HJ zu entziehen und sich eine eigene Jugendidentität aufzubauen.

Bildschirmfoto 2013-11-09 um 18.07.54In der Weimarer Republik hatten sich vor allem viele Heranwachsende in der bündischen Jugend zusammengefunden, die eine freie Jugendkultur propagierte und unabhängig von den traditionellen Trägern der Jugendarbeit wie Kirchen, Gewerkschaften und Parteien organisiert war. Trotz des Verbotes trafen sich nach 1933 in verschiedenen Stadtteilen Kölns Gruppen von Jugendlichen – z.B. die »Navajos« –, um die bündische Lebensformen und Traditionen weiterzuführen und – abseits vom Drill der HJ – gemeinsam mit Liedern und Fahrten eine eigene Lebensform zu verwirklichen. Im Krieg – durch Arbeits- und Militärdienst – wechselte die Zusammensetzung dieser Gruppen sehr stark. Einige der Gruppen politisierten sich und gingen zu politischen Aktionen über.

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Guardini auf Rothenfels
Quickborn Jugend

Die Zahl der nicht angepassten Jugendlichen aus bündischen und konfessionellen Kreisen war in Köln sehr groß. In einer von der Gestapo aufgebauten Kartei sollen bereits Ende der 1930er Jahre mehr als 3000 von ihnen erfasst gewesen sein.
Damit stellten diese Jugendlichen zahlenmäßig ein viel größeres Resistenzpotenzial dar als jede oppositionelle Gruppe von Erwachsenen. Das Regime verfolgte und bekämpfte die Jugendgruppen nachdrücklich und mit steigender Intensität und Härte. Die Gestapo führte immer wieder Razzien durch, bei denen zahlreiche Jugendliche festgenommen wurden. Wenn es in den meisten Fällen auch bei Verwarnungen blieb, so kam es doch zu Gerichtsverhandlungen mit teilweise empfindlichen Freiheitsstrafen. In der Kriegszeit wurden unangepasste Jugendliche von der Gestapo, nun unter dem Sammelbegriff  „Edelweißpiraten“ weiter verfolgt.“

Ja, das war unser Pfarrer Bechem. Wenn er davon erzählte, dann ging es um Tapferkeit, Gewitztheit und Glaubenstreue. Daß man sich nicht einschüchtern läßt von dem Bösen, daß man mit Gott Mauern überspringt. Und erst heute beim Schreiben fällt mir ein, daß er immer mit den Meßdienern bei Limo und Kaffeestückchen in der Glockenstube unseres Kirchturms saß (darum habe ich meinen Bruder sehr beneidet) und warum ich zu einer Zeit, wo es völlig unüblich und verpönt war, zu den Pfadfindern ging und jeden Sonntag in Pfadfindertracht in der Kirche saß. (Remember: das war die Minirock und „Uniform ist blöd“ – Zeit, Pfadfinder in „Kluft“, Fahnen wurden als HJ – Revival beschimpft…).
Er hatte es nicht leicht in den Sechzigern und hat es den Leuten auch nicht leicht gemacht – die jungen Erwachsenen, unsere Eltern, fanden ihn „altmodisch“. Ich verdanke ihm Orientierung und Halt und Fundamente im Glauben. Das war unter damaligen Verhältnissen sehr viel.
Bei seinem Requiem hieß es: „Dieser Priester hat das Evangelium verkündet, ob gelegen oder ungelegen. Ein Priester aus Leidenschaft, der immer ansprechbar war und dem auch ohne Auto kein Weg in seiner Gemeinde zu weit war.“
Sollen die Glocken von St. Remigius für ihn läuten: Die göttliche Vorsehung, St. Remigius und St. Johann Baptist.

Siehe auch: Angelo Roncalli und Vorfreude auf das Konklave

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6 Kommentare

  1. Ein wahrhaft beeindruckender Priester und Mensch!!!

    Gesegneten Sonntag!
    Regina

  2. Ja, man merkte, daß diese „kämpferischen“ Jugendjahre und frühen Priesterjahre ihn total geprägt hatten. Zudem war er Rheinländer und ziemlich humorvoll, hatte eigentlich immer eine „gutgelaunte“ Ausstrahlung und war zudem ein „homo liturgicus“. Meine Brüder sehen ihn viel kritischer, ich weiß, was sie meinen, habe es aber anders erlebt (wohl auch, weil ich viel mehr mit ihm und seiner Schwester zu „tun“ hatte und viel Wertschätzung erlebte…).
    Er ist sehr plötzlich gestorben (Herzinfarkt) und ich war zu der Zeit in einem „völlig anderen Film“, wohnte auch nicht mehr im Ort. Habe mich nicht wirklich verabschiedet und nicht gedankt.

    Liebe Grüße,
    A.

  3. Ja, wer weiß schon, ob und wann man die Gelegenheit hat, sich von wichtigen Menschen zu verabschieden? Aber DANKEN kann man immer – und das wirst du auch getan haben bzw. immer wieder tun! 🙂

    P.S.: Es ist ein großer Segen, wenn man einen Priester als Lebensbegleiter hat. Meiner hat mich getauft, Erstkommunion gefeiert, war bei der Firmung dabei, hat uns getraut sowie einige unserer Kinder getauft. Sowas kommt heutzutage wohl nicht mehr oft vor. Schade, denn so entsteht Beziehung zum Glauben, zur Kirche und zur Pfarre.
    Seit fast 20 Jahren ist er tot und die Pfarre hat keinen beständigen Hirten mehr, alle paar Jahre eine Veränderung…. was das für die Gemeinschaft heißt, überlasse ich der Fantasie der Leser. 🙁

  4. Im Herbst beim Laubrechen fallen mir die beiden immer ein: ich gehörte zu den Kindern, die regelmäßig beim Rechen im großen Kirchhof mit seinen hohen Bäumen halfen. Anschließend gab’s Kakao und Kuchen im Pfarrhaus.
    Ja, ein Pfarrer, der mit seiner Gemeinde lebt, das wird immer seltener. Andererseits konnte man in unserer „Diasporasituation“ sehen, wie ein Pfarrer mit erst fünf, dann drei großen Gemeinden das „hinkriegt“. Hier im Süden fallen die Leute aus allen Wolken, wenn sie sich darauf einrichten müssen…

  5. Vielleicht hat er ja auch meine tiefe Abneigung gegen jede Art von „Stürmer – Stil“, Hetzte, Verleumdung, Propagandalüge grundgelegt? Sollte das in so jungen Jahren, zwischen 7 und 10 Jahren möglich sein?

    • Jetzt erst beim Surfen gelesen.
      Wunderbares Zeugnis. Persönlich glaube ich, ist es so, wenn man einmal die Wahrheit „geschmeckt“ hat, weil man mit einem Menschen vertraut war, der nach ihr „geschmeckt“ hat, dann erkennt man die als Wahrheit maskierten Lügen besser.

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