Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Der Rosenkranz ist kein leichtes Gebet

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Der Rosenkranz ist kein leichtes Gebet

Rosenkranz Holz
19. Jrht.

Meist wird der Rosenkranz für ein leichtes Gebet gehalten, das in Erholungszeiten, beim Spazierengehen, beim Busfahren oder auch beim Warten gebetet werden kann; doch zugleich wird erfahren, daß dieses Gebet von allen möglichen Zerstreuungen begleitet wird; alles, was sich täglich ansammelt, kommt hoch. Meist wird er zwar mündlich gebetet, aber der Beter denkt dabei an alle möglichen Dinge.

Entgegen einer verbreiteten Ansicht ist der Rosenkranz kein leichtes Gebet, das in jedem beliebigen Augenblick vollzogen werden kann. Er ist ein Weg und ein Mittel, das Gebet zu erleichtern, führt aber nicht automatisch in die Sammlung. Vielmehr muß alles getan werden, um diese Sammlung zu ermöglichen. Dies setzt zunächst die rechte Gebetsatmosphäre voraus: Papst Johannes XXIII. konnte zwar das Brevier durchaus im Garten rezitieren, aber den Rosenkranz betete er jeden Abend in Stille auf den Knien vor dem Allerheiligsten.

© EPA/MASSIMO PERCOSSI

Die Schwierigkeiten bei dem Beten des Rosenkranzes rühren meist daher, daß der Beter den Rosenkranz sprechen will. Aber es geht nicht darum, den Rosenkranz (mündlich) zu beten, seine Geheimnisse wollen betrachtet werden. Der Rosenkranz ist kein mündliches, sondern ein betrachtendes Gebet.

Das Instrument des Rosenkranzes wird deshalb eingesetzt, damit sich der Beter nicht mit dem mündlichen Gebet befassen muß; ohne dieses Instrument soll der Rosenkranz darum nicht gebetet werden. Das Beten der Ave ist etwas Automatisches, es ist nicht dazu da, sich damit abzuquälen, das würde zu einem Kopfzerbrechen führen: Der Rosenkranz ist »Routine« im besten Sinn des Wortes.

Die erste Intention im Beten des Rosenkranzes besteht in der Betrachtung. Man muß nicht an die Worte des Ave denken, es ist auch nicht möglich: Keiner kann mehrere Dinge zugleich denken. Wenn man zum Beispiel das Geheimnis der Verkündigung nimmt, haben die Worte des Ave keinen direkten Bezug zu diesem Geheimnis. Hier gilt, was Ignatius von Loyola meint, wenn er sagt, daß man »ein Vaterunser lang« etwas tun soll; nicht anders Thomas von Aquin: »Es ist nicht notwendig, auf die Worte zu achten.«

 

Solches gilt aber nicht vom Credo, dem Vaterunser und den drei Ave, die am Beginn des Rosenkranzes gebetet werden; hier gilt es, auf die einzelnen Worte zu achten.

Das Credo ist die Zusammenfassung aller Geheimnisse, die im Rosenkranz betrachtet werden, das Vaterunser die »Zusammenfassung des Evangeliums« und das Gloria Patri erinnert an die dreifaltige Liebe Gottes. Werden diese mündlichen Gebete am Anfang des Rosenkranzes mit ganzer Aufmerksamkeit gebetet, geht es im betrachtenden Gebet der Gesätze eher um ein Verweilen und Auskosten. Hier ist die Anzahl der 10 Ave jeweils eine Zeiteinheit: Für die Zeit von 10 Ave wird das Geheimnis aus dem Leben Jesu betrachtet (der Beter betet »per modum unius«).

Solange es dem Beter schwerfällt, einen kurzen Rosenkranz zu beten, ist es ratsam, einen etwas längeren zu beten, indem man sich über Monate hin etwa eine Stunde Zeit nimmt, um sich in Betrachtung, Gesang, Stille, Fürbitte und im Herzensgebet das Heilsgeheimnis zu erschließen. Im Rosenkranz betrachtet der Beter seinen Alltag, denn in jedem Leben gibt es freudenreiche, schmerzhafte und eines Tages glorreiche Geheimnisse; diese Erfahrungen gilt es, in die Mysterien des Herrn zu integrieren – und umgekehrt. Die Kunst, sich eines solchen Gebetes zu bedienen, bedarf des Mutes, darauf zu verzichten, wenn es ein Hindernis wird, und der Demut, es wieder aufzunehmen, wenn es von Nutzen ist.

Papst Paul VI. schreibt in Marialis cultus (1974): »Ohne Betrachtung ist der Rosenkranz ein Leib ohne Seele, und das Gebet läuft Gefahr, zu einer mechanischen Wiederholung von Formeln zu werden, ganz im Widerspruch zur Mahnung Jesu: ‚Wen ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen.‘ Seiner Natur nach verlangt das Rosenkranzgebet einen ruhigen Rhythmus und ein besinnliches Verweilen, was dem Betenden die Betrachtung der Geheimnisse im Leben des Herrn erleichtert und diese gleichsam mit dem Herzen derjenigen schauen läßt, die dem Herrn am nächsten stand«.

Der Heilige Vater schreibt über die Wiederholung, sie sei »als Ausdruck einer Liebe zu betrachten, die nicht müde wird, sich der geliebten Person zuzuwenden. Obschon ähnlich in der Ausdrucksform, ist dabei das Ausströmen der Liebe wegen der Gefühle, die es durchdringt, stets neu«. Was mit dieser »Eigendynamik der Liebe« gemeint ist, beantwortet der Heilige Vater mit der dreimaligen Frage an Petrus: »Liebst du mich?« und der dreimaligen Antwort: »Herr, du weißt, daß ich dich liebe!« (vgl. Joh 21,15-17).

Über das Gloria Patri am Ende eines Gesätzes betont der Heilige Vater: »Die trinitarische Doxologie ist der Zielpunkt der christlichen Kontemplation. Christus ist tatsächlich der Weg, der uns im Geist zum Vater führt. Wenn wir diesen Weg bis zum Ende durchlaufen, finden wir uns immerfort vor dem Geheimnis der drei göttlichen Personen wieder, die wir loben, anbeten und denen wir danken. Es ist wichtig, daß das Gloria, der Höhepunkt der Kontemplation, beim Rosenkranzbeten gut hervorgehoben wird. Beim öffentlichen Beten könnte es auch gesungen werden, um so der tragenden Struktur und Perspektive eines jeden christlichen Gebetsvollzugs geeigneten Nachdruck zu verleihen«. Statt einer schnellen Beendigung des Gesätzes wird so eine »kontemplative Tonlage« erreicht und die Betrachtung des Geheimnisses »vertieft und wiederbelebt. So als ob der Geist sich zur Höhe des Paradieses erhebt und uns in gewisser Weise die Erfahrung von Tabor, die Vorwegnahme der zukünftigen Schauen wieder erleben läßt: ‚Es ist gut, daß wir hier sind‘ (LK 9,33)«.

Über den Anfang des Rosenkranzes heißt es, daß er auch mit der Anrufung des Psalmes 70 beginnen kann: »O Gott, komm mir zu Hilfe! Herr, eile mir zu helfen!« Schließen kann der Rosenkranz mit dem Gebet in der Meinung des Heiligen Vaters, wodurch das Gebet eine gesamtkirchliche Blickrichtung erhält, aber auch mit einem Salve Regina oder der Lauretanischen Litanei.

Auszug aus einem Vortrag von P. Michael Schneider SJ, Frankfurt

(Veröffentlicht von Radio Horeb)

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