Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Der Rosenkranz von Paul Spiegel

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Paul Spiegel erzählt von seinem Rosenkranz                                                 (nacherzählt von Prälat Dr. Heiner Koch)

„Ein ganz normaler Fernsehabend, im Programm findet sich nichts besonders Anregendes, ich „zappe“. Dann bleibt mein Blick an einer Szene hängen. Das Gesicht kenne ich. Es gehört Paul Spiegel, dem Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland. Die Sendung heißt „mittwochs live“ und läuft im WDR. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein solcher Mann im Fernsehen interviewt wird. Ungewöhnlich ist, was er in der Hand hat und in die Kamera hält: einen Rosenkranz.

Rosenkränze aus den 30er Jahren

Paul Spiegel erklärt, was es damit auf sich hat. Der in Warendorf geborene Jude war als Kind während des Nazi-Regimes nach Belgien gebracht worden, wo er in einer katholischen Bauernfamilie Aufnahme fand. Es war für den jüdischen Jungen sicher nicht leicht, katholisch aufzuwachsen und es wäre durchaus verständlich, wenn er – erst recht in seiner jetzigen Position – mit Unbehagen auf eine Zeit und auf Erinnerungsstücke blicken würden, die mit dem Versteckenmüssen seiner jüdischen Herkunft zu tun haben. Doch Paul Spiegel spricht mit großer Dankbarkeit und liebevoll von den Menschen, die ihm das Überleben ermöglicht haben. Die Bäuerin sei eine herzensgute Frau gewesen und von Grund auf katholisch gläubig. An Weihnachten, als es so gut wie nichts zu verschenken gibt, schenkt sie dem Jungen einen Rosenkranz. „Ich habe ihn gehütet wie meinen Augapfel. Ich trage ihn immer bei mir. Ich würde ihn um keinen Preis hergeben.“ Das sind seine Worte.

Ein Rosenkranz aus der Hand einer belgischen Bäuerin, die ein jüdisches Kind in ihrer Familie versteckt. Ein jüdischer Mann, den dieser Rosenkranz nie losgelassen hat. Offenbar ist hier jenseits aller religiösen Unterschiede etwas Wesentliches spürbar und greifbar geworden.

In die Perlen dieses Rosenkranzes hineingeflochten ist die Liebe einer gläubigen Frau, die selber sicher mit dem Rosenkranz gelebt hat. Die den Blick auf Jesus Christus in den Gesätzen des Rosenkranzes so tief verinnerlicht hat, dass sie diesem Christus nachgefolgt ist. Ohne Aufsehen, in der Sorge für ein Kind, dessen Leben in Gefahr war. Wenn der Jude Paul Spiegel „seinen“ Rosenkranz in Ehren hält, dann nicht weil er ein „Souvenir“ in Händen hat, sondern weil diese Perlenschnur wirksam gewordene Betrachtung des Christusgeheimnisses ist, die er als überzeugter Jude nicht nachvollziehen kann, die er dennoch am eigenen Leibe erlebt hat. Dass er das so offen zu zeigen bereit ist, muss uns Christen zu denken geben.“ (aus: PDF – Handreichung zum Rosenkranz, Erzbistum Köln – sehr lesenswert!)

Kardinal Lehmann in seinem Nachruf auf Paul Spiegel

Kardinal Lehmann und Paul Spiegel

{…} Viele konnten in diesen Tagen wieder hören, dass der junge Paul Spiegel – er war bei Kriegsanbruch zwei und am Kriegsende acht Jahre alt – mit seiner Mutter in einem katholischen Bauernhof Belgiens überlebte. Öfter hat er mir davon erzählt. Außer der Bauersfamilie wusste wohl nur der Pfarrer am Ort, dass die Spiegels jüdischer Herkunft waren. Paul Spiegel ging auch in den Sonntagsgottesdienst der Gemeinde, zumal er so auch etwas untertauchen konnte und dadurch eine gewisse Tarnung hatte. Als er nach der Befreiung das Versteck verlassen konnte, bekam er von der Bäuerin (oder vom Pfarrer?) einen Rosenkranz geschenkt. In späteren Jahren erzählte er auch im Fernsehen davon. So konnte man auch in diesen Tagen sehen, wie er den Rosenkranz geradezu andächtig aus einem Beutel zog und ihn zeigte. Immer hat er dazu gesagt, dass dieser Rosenkranz in seinem Tresor bestens aufbewahrt werde, weil es sein größter Schatz sei.

So hat er überlebt. Seiner Schwester war dies nicht vergönnt gewesen. Sie wurde ermordet. Kein Wunder, wie kostbar ihm der Rosenkranz mit den Erinnerungen war, die er daran knüpfen konnte.

Ich wusste schon lange von dieser Geschichte. Aber dieses Geheimnis konnte er nur selbst preisgeben. Nachdem aber in diesen Tagen die Bilder wieder über den Schirm gingen, in denen er selbst davon erzählt und auch den Rosenkranz in der Hand hatte, darf man davon sprechen, ohne falsch verstanden zu werden.

Paul Spiegel hat schon früh dadurch Toleranz erfahren und selbst gelernt. Deswegen war er auch ein wichtiger Brückenbauer zwischen Christen und Juden in Deutschland und darüber hinaus. Wenn man einmal mit ihm zu tun hatte, kann man dies alles nicht vergessen. Gerade darum tut Erinnerung Not.“

© Karl Kardinal Lehmann, Bistum Mainz

Paul Spiegel (1937 – 2006) war Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland

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