Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Der Rosenkranz wird gerne missverstanden – ein Gastbeitrag

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Der Rosenkranz wird gerne missverstanden – ein Gastbeitrag

von Pater Dr. Jörg Müller SAC, München

Rosenkranz Holz 19. Jrht.

Rosenkranz Holz
18. Jrht.

Wer Menschen oder Sachverhalte nicht kennt, ist schnell versucht, sie im negativen Licht zu sehen. So geht es auch dem Rosenkranzgebet. Wenn im Fernsehen Dokumentarfilme über monoton betende Buddhisten oder Moslems gezeigt werden, durch deren Finger eine Perlenkette gleitet, dann mit großem Respekt. Bei Christen hingegen, die ihre Perlenkette in der Hand halten, wird eher mal eine Schieflage präsentiert. Fair ist das nicht.

Das 59 Perlen umfassende Band dient der Meditation über das Leben Jesu; in 5 Gesätzen betrachtet der Beter verschiedene Stationen und lässt dabei je 10 Perlen pro Gesätz durch die Finger gleiten. Das „Herunterleiern“ der Ave-Marias ist kein Hinweis auf mangelnde Konzentration, sondern dient der Zeitvorgabe von ca. 3 Minuten pro Gesätz, wobei die Monotonie nur eines zum Ziel hat: Erzeugung von Alphawellen als Voraussetzung für den meditativen Versenkungszustand.

rosenkranzMutterTeresaSo dauert ein vollständiger Rosenkranz ca. 20 Minuten. Das ist genau jene Zeit, die der Mensch benötigt, um in einen angenehmen Ruhezustand zu kommen. Die ständigen Wiederholungen sind der eigentliche Knackpunkt dieser Gebete. Sie bauen im Gehirn die Alphawellen auf. Untersuchungen haben ergeben, dass regelmäßige Beter Wellnesshormone erzeugen: So finden sich bei ihnen mehr Serotonin und Dopamin als bei gestressten Nichtbetern. Meditative Versenkungen fördern also die Gesundheit.

Es gibt also keinen Grund, hämisch und abwertend derartige „langweilige“ Gebete lächerlich zu machen. (P. Jörg Müller SAC)

Joerg_muellerJörg Müller absolvierte 1966 das Abitur im Bischöflichen Konvikt in Prüm (Eifel). 1969 gründete er den Krankenhaussender RADIO PICCOLO[1] in Trier, Saarburg und Hermeskeil. 1971 erwarb er das Diplom in Theologie und Philosophie in Trier und Innsbruck. 1975 promovierte er in Psychologie und Psychopathologie in Salzburg mit der Zusatzausbildung in Graphologie, Entspannungsverfahren und Gruppendynamik. Danach diente er als Assistent an der Theologischen Faktultät in Salzburg. Das Zweite Staatsexamen erwarb er in Pädagogik und Psychologie. Danach lehrt er als Professor für Religion und Psychologie in Salzburg, Tamsweg und ist Oberstudienrat in Trier, Saarburg und Bernkastel-Kues. Ab 1976 arbeitet er als klinischer Psychologe und ist therapeutisch tätig. 1989 trat er in die Gemeinschaft vom Katholischen Apostolat (Pallottiner) ein und empfing 1994 die Priesterweihe in Freising. 1995 gründet er eine therapeutischen Einrichtung im Pallotti-Haus („Heilende Gemeinschaft“.) {Kathpedia}

Ergänzend darf ich noch aus Science Blog zitieren, Dezember 2001:

Reciting Ave Maria linked to a healthy heart

Effect of rosary prayer and yoga mantras on autonomic cardiovascular rhythms: comparative study BMJ Volume 323, pp 1446-9

Reciting the rosary prayer or yoga mantras enhance some aspect of heart and lung function and might be viewed as a health practice as well as a religious practice, finds a study in this weeks Christmas issue of the BMJ.

Luciano Bernardi and colleagues recorded breathing rates in 23 healthy adults during normal talking, during recitation of the Ave Maria and yoga mantras, and during six minutes of controlled breathing.

Normal talking reduced the breathing rate more irregularly. Breathing was markedly more regular during controlled breathing, the Ave Maria, and the mantra. Both the Ave Maria and the mantra slowed breathing to around six breaths per minute, inducing a favourable effect on the hearts rhythm.

The benefits of breathing exercises in the practice of yoga have long been reported, and mantras may have evolved as a simple device to slow respiration, improve concentration, and induce calm. Similarly, the rosary may have partly evolved because it synchronised with the bodys natural heart rhythms, and thus gave a feeling of wellbeing, and perhaps an increased responsiveness to the religious message, suggest the authors.

As such, the rosary might be viewed as a health practice as well as a religious practice, they conclude.

Ein Kommentator des BMJ, Tobit Emmens, schreibt dazu:

Beyond Science?

3 January 2002

It has been with interest that I have read this paper, the paper on the Effect of rosary prayer and yoga mantras on autonomic cardiovascular rhythms and all the associated rapid responses.

I think that perhaps a more appropriate title for the section would have been: Before Science.

From the beginnings of recorded time up until the fairly recent past (1700s and the advent of people such as Descartes), techniques such as mantras and intercessory prayer have formed a substantial part of any available healthcare service, and in many parts of the world are still being used today.

Whether or not the science or ethics are sound in this research, we should treat techniques such as prayer with respect. Rather than mocking such research we should applaud those that are breaking „new“ scientific ground. Just because we ignore, are unaware, or do not understand it does not mean that it cannot be possible. Just as, if a technique or procedure is yet to have a clear scientific rationale does not mean that it is invalid. Many thanks for such stimulating topics of discussion.“

An dieser Stelle auch herzlichen Dank an Pater Jörg Müller für die wichtige Ergänzung zur Bedeutung des Rosenkranzbetens in unserem Glaubensleben!

3 Kommentare

  1. Er spricht mir aus dem Herzen. Ich habe noch nie verstanden, warum die selben Leute, die nach einem VHS-Kurs hinduistische Mantras chanten oder vor der weißen Wand meditieren, den Rosenkranz so verurteilen.

    • Vielleicht weil Jesus keine 21 Rolls Royce hatte? 😉
      Allerdings muß ich gestehen, daß auch ich erst nach den Belehrungen einer nicht unbedeutenden Meditationslehrerin (katholische Wurzeln, dann buddhistisch geschult) VERSTANDEN habe, was für Schätze ich da in der Hand halte.
      So war ich in einer Gruppe, die Gurdjieff Movements machte (als Versuch das EGO auszuhebeln über die Körperwahrnehmung).
      Wow, dachte ich am Ende, so fühle ich mich seit ich denken kann während der Eucharistiefeier…

      Es ist durchaus beklagenswert, daß unsere Geistlichkeit (mit wenigen Ausnahmen wie Pater Beda, Niederaltaich, Jalics, Enomiya – Lasalle u.ä.) den Menschen nicht die Kostbarkeiten vermitteln kann, die in der katholischen Tradition verborgen liegen. Es wird in den Gemeinden ja nicht einmal das Psalmodieren vermittelt/geübt. Ich kenne um mich herum fast nur Gemeindegottesdienste, wo z.B. zweite Lesung und Psalm als Zwischengesang wegfallen und selbstgedichtete Sprache die kontemplative Versenkung (wir nennen es Andacht) stört, zerreißt, wo der Zelebrant dich ins „Persönliche“ zurückplappert (sein Ego, Dein Ego). Bin immer froh, wenn ein älterer Priester zelebriert, der allein schon weil er abgeklärter ist (sein kann) nicht so viel störendes Getöse macht. Mein alter Pfarrer in Tübingen (Pfarrer Gropper seligen Angedenkens) war „live“ ein moderner „Tausendsassa“ aber in der Eucharistie ein Starez…das war ein Glück.

      Pater Müller spricht vom Zeitfaktor, den es braucht, um auf „Alpha“ zu schalten – ein konzentrierter Wortgottesdienst kann das, wenn er nicht „zerredet“ wird und dann ist man zur Eucharistiefeier maximal empfänglich und frei für das Große. An der Art, wie ein Priester zelebriert, kannst Du sehen, ob er ein „Kontemplativer“ ist, oder eben nicht.
      Die Brüder in Taizè (oder die Orden, die das öffentliche Chorgebet üben, allen voran die Benediktiner) tun mehr für die liturgische Bildung der Jugend als irgendjemand sonst: sie lehren „ANDACHT“, die Grundbedingung für jede „liturgische Haltung“, jedes liturgische Verständnis.

      Beim Rosenkranzgebet wird auch seit Jahren „aufgebläht“ und „abgelenkt“ mit frommen Gebeten (geplappert), statt sich der Aszese des Eigentlichen zu widmen…it’s a pity. Kürzlich erlebte ich einen Rosenkranz in einer Stadtgemeinde (ausgerechnet nach der weltweiten eucharistischen Anbetung), wo sage und schreibe jedem Gesätz das „Remitte“ (O mein Jesus…), das ominöse „Frau aller Völker“ angefügt wurde und am Ende 5 (in Worten: fünf) Mariengebete und eines zum Heiligen Josef gesprochen wurde: Da kann man nur bedauernd feststellen: sie wissen nicht, was sie tun.

  2. Hallo Ankerperlenfrau,

    schön ist Dein Hinweis auf die Brüder von Taizé und Pater Jalics SJ. Drei mal Schweigeexerzitien in Taizé (Ach, die Wiese „Sumba“!) haben mich schnurstracks zu den Jesuiten und der Kontemplation nach P. Jalics gebracht, der nächste Schritt werden ignatianische Exerzitien sein. *froi*

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