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Die Crux mit dem Kreuz

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Die Crux mit dem Kreuz

Jüngst hat der „Landkaplan“ einen sehr denkwürdigen Artikel, quasi als Zeitzeugnis, auf seinem Blog veröffentlicht:  Aus dem Leben eines Landkaplans – heute: Buh-Mann: eine zeitgeistkonforme Lehrerin schlägt vor, die in der Schule befindlichen Kreuze etwas „lieblicher“ und weniger „anstößig“ zu gestalten, gewissermaßen „Abhängen light“ und selbstverständlich im Sinne der „kindlichen Psychohygiene“. Dazu zwei Anmerkungen aus meiner Sicht.

Warum ist das Kreuz, besonders aber der Kruzifixus in unserer Kultur so „strange“, fremd?
Wie verhalten Katholiken sich zum Schlüsselsymbol ihrer Religion?

Da ich ja innigen Umgang pflege mit Rosenkränzen aus drei Jahrhunderten und insgesamt ein ungezwungen neugieriges Verhältnis zu Erscheinungen der Volksfrömmigkeit habe, sind mir die unterschiedlichsten Typen von Kreuzesdarstellungen einigermaßen geläufig. Ob Drei- oder Viernageltypus, ob zerschlagener Schmerzensmann oder Todesüberwinder im romanischen Stil, das Thema bietet in Kunst und Volkskunst eine unerschöpfliche Vielfalt und hält immer neue Überraschungen bereit.

© wikipedia

© wikipedia

Die älteste uns erhaltene Darstellung des Kruzifixus ist das Gerokreuz im Kölner Dom. Im zehnten Jahrhundert (andere sagen seit dem sechsten Jahrhundert) beginnen die Frommen mit der Betrachtung des leidenden Gottmenschen Jesus Christus am Kreuz, identifizieren sich mit ihm und schöpfen Hoffnung, weil sie wissen, daß das Leid nicht das Ende ist und nicht das letzte Wort haben wird. In der frühen Kirche wurde Jesus Christus meist als Pantokrator (Weltenherrscher) oder als Kind auf dem Schoß seiner Mutter (als das fleischgewordene Wort) dargestellt und verehrt, der Kruzifixus war unbekannt.

Im Kreuz ist Heil

Das Kreuz läßt uns nicht los. durch zwei Jahrtausende haben unzählige Apostelnachfolger, Theologen und Mystiker uns die Kunde von der Überwindung des Todes durch Gottes Sohn verkündet und „verdeutscht“. Bis hin zu Edith Steins „Kreuzeswissenschaft – Studien über Johannes a Cruce„, an dem sie bis zu ihrer Deportation gearbeitet hat, würde es mehr als ein Menschenleben dauern, wollte man in summa studieren, was der menschliche Geist in Begegnung mit dem Kreuz Christi über Gott und sein Erlösungswerk an uns erfahren hat.

Sieger Köder  Kreuzweg Jesus begegnet seiner Mutter

Sieger Köder
Kreuzweg
Jesus begegnet seiner Mutter

In gewisser Weise bleibt jeder Christ auf sich zurückverwiesen und muß sich ganz neu dem Geheimnis der „göttlichen Alchimie“ (Hans Urs von Balthasar) stellen, wie nämlich Gott selbst Schmerz, Schuld und Tod in Liebe, Erlösung und ewiges Leben verwandelt im Leben und Sterben der Getauften und dazu „nur“ unser kleines „Ja“ verlangt.
Die Lebens – Erfahrung, daß im Kreuz Heil ist, läßt sich nur schwer „theoretisch“ vermitteln. Es ist ein „Einweihungsweg“, den jeder Christ im eigenen Leben (und Sterben) gehen muß. Jede Schmerz- und Leiderfahrung kann zur Sinnerfahrung werden mit Blick auf das Kreuz. Der Blick auf das Kreuz jedoch hat nur Sinn, wenn man um Auferstehung und Erlösung, um die Liebestat Gottes in seinem Sohn weiß.

Warum ist das Kreuz, besonders aber der Kruzifixus in unserer Kultur so „strange“, fremd?

In unserer Kultur (und damit in allen Industrienationen mit relativem Wohlstand und politischer Sicherheit für alle) ist das Kreuz zunehmend ein Anachronismus. Sicher darf man sagen, daß keine Zivilisation vor uns so erfolgreich darin war, Leid- und Schmerzerfahrungen, Erfahrungen des Ausgeliefertseins und der Abhängigkeit von sich zu weisen. Jedes Lebewesen, das über ein Nervensystem verfügt,  flieht Schmerz, weicht ihm aus, vermeidet ihn. Es ist natürlich.

In unserer Zeit genügt allerdings bereits die Vorstellung von Schmerz und Leid und wir werfen ihr das gesamte Arsenal unserer „Verteidigungsmöglichkeiten“ entgegen. Nicht nur die Betäubungsmittel der Zeit (Sucht, Macht, Geld, Ablenkung, Abstumpfung), die technologischen Möglichkeiten (Medizin, Unterhaltungsindustrie, „Zukunftstechnologien“) sollen uns vor schmerzhaften Limitierungen bewahren.
Seit Jahrzehnten beschäftigen wir uns damit, dem Leben selbst den Stachel des Schmerzes zu nehmen: Geburt soll „schmerzfrei“ sein und weltweit grassiert der terminierte Kaiserschnitt unter Betäubung als Methode der Wahl, die Welt zu betreten (zum Schaden von Mutter und Kind). Die Tendenz, die Weitergabe des Lebens ganz zu unterbinden (Verhütung, Abtreibung, Kindstötungen) ist in den wohlhabenden Staaten am höchsten, wird dort am meisten „propagiert“.
Elisabeth_TeresaDas Sterben, der Tod wurde erst aus dem persönlichen Erfahrungsraum „ausgelagert“ in Krankenhäuser und Pflegeheime, wurde weiter tabuisiert und versteckt und heute zeichnet sich ab, daß auch der „Exit“ mit Betäubungsmitteln zum „selbstgewählten“ und schmerzfreien Finale stilisiert wird und das Sterbenmüssen und der Weg dorthin so unaufdringlich und ignorierbar wie möglich „gestaltet“ werden kann.

Zwei Frauen, zwei Ruferinnen in der Wüste hielten ihrer Zeit den Spiegel vor: Elisabeth Kübler – Ross und Mutter Teresa.
Aber auch mit dem Verdrängen und Ignorieren des Todes ist die schmerzvermeidende Kultur noch nicht zufrieden: der Trend zur preiswerten Einäscherung, zur anonymen Bestattung in Urnengräbern auf kleinstem Raum, auf namenlosen Rasenflächen (Betreten Verboten!), in Friedwäldern und Meeren, das „in-alle- Winde-verstreut-werden“ hält ungebrochen an.
Bereits 1997 wurde nurmehr jeder fünfte Evangelische und jeder dritte Katholische auf den Friedhöfen der Hauptstadt beerdigt (persönliche Mitteilung des Leiters der Berliner Kirchenfriedhofsverwaltung). Es ist absehbar, daß der Friedhof, das feierliche Erdbegräbnis mit anschließender Pflege der Grabstätte als Gebets- und Erinnerungsort „aussterben“ wird. Auch das letzte „Memento Mori“, die letzte Erinnerung an „Gedenke Mensch, daß Du Staub bist und wieder zu Staub werden wirst“ wird aus dem öffentlichen Raum getilgt sein.

ioanpaulllWer will in solcher „Gemütsverfassung“ ständig den „Schmerzensmann aus Nazareth“, den Gemarterten, den „ausgestellten“ Tod vor Augen haben? Wenn ich mir die geistige und seelische Verfassung meiner Zeitgenossen vor Augen führe, mich einfühle, dann „verstehe“ ich die Abneigung, ja den Hass auf das Kreuz mit dem Kruzifixus.

Und auch Katholiken sind von der Krankheit der Zeit erfasst: man lese nur die Kommentare zur Ferula Pauls des Sechsten, einer der expressivsten Darstellungen des Gekreuzigten der modernen Kunst (von Lello Scorzelli). Auch die sehr unterschiedlichen Reaktionen aus katholischen Kreisen auf das „öffentliche“ Leiden und Sterben des Seligen Johannes Paul II., der wie kein Zweiter der „Zivilisation des Todes“ entgegengetreten ist bis zum letzten Atemzug, habe ich mit Befremden zur Kenntnis genommen.
So werde ich im zweiten Teil des Artikels fragen,
Wie verhalten Katholiken sich zum Schlüsselsymbol ihrer Religion?

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