Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Die einfachen Dinge

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Die einfachen Dinge

alte_frau_mit_rosenkranzSchon immer hat mich das Rosenkranzgebet in seiner Schlichtheit fasziniert. Ich konnte seine Tiefenwirkung an einfachen und hart arbeitenden Menschen beobachten, die sicher niemals ein theologisches Buch in der Hand hatten. Sie lebten aus dem „immerwährenden Gebet“ des Kirchenjahres in ihrer Gemeinde und dem „Evangelium am Schnürchen“, ihrem Rosenkranz.
Nun ist ja das Wort „schlicht“ seit Jahren zum Schimpfwort verkommen, zum hochmütigen Urteil des „Gebildeten“, der sich zu höflich dünkt um „dumm“ oder „ungebildet“ zu sagen.
Eine Gebetsweise, der es seit Jahrhunderten gelingt, für jedermann, auch den „Schlichtesten“, verfügbar, erlernbar und im Alltag praktikabel zu bleiben, muß jenen, die ihre „Einweihung“ im Glauben aus (theologischer / philosophischer) Bildung und Gelehrsamkeit beziehen, doch sehr suspekt sein.

Und tatsächlich, ich erlebe in Gespräch, Debatte oder Lektüre eine Mehrheit katholischer Gebildeter, die das Rosenkranzgebet mit einem Nebensatz „auf seinen Platz verweisen“ und für sich selbst als irrelevant abtun: Volksfrömmigkeit heißt es gönnerhaft, Gebet für „alte Mütterchen“ und hat der Sprecher evangelische Wurzeln, dann entweicht ihm schon einmal der Satz vom „frommen Geplapper“, das Jesus nach Matthäus 6,7 ein Graus gewesen sei.

Als nunmehr alt werdendes „Mütterchen“ rufe ich Romano Guardini, einen der umfassendst Gebildeten meines Jahrhunderts, an und höre ihn sagen:
Je länger man lebt, desto deutlicher sieht man, dass die einfachen Dinge die wahrhaft größten sind.“. Oder soll ich besser Nikolaus von Kues „Idiota de sapientia“ (Der Narr / der Laie und die Weisheit) bemühen?
Der Vernunft und ihren Begriffen sind natürliche Grenzen gesetzt in der Gottesbegegnung, im Erfassen der Wahrheit. Nur jener Vernünftige, der sich vor der Grenze demütig und „schlicht“ ins einfache Beten und Schauen zu versenken wagt, in die Erfahrung der Gottsucher aller Zeiten, begegnet IHM. Die Betrachtung der Heilsgeheimnisse nach der Schrift im echten Rosarium Virginis Mariae ist ein alter und gut erprobter Weg der „Grenzüberschreitung“.

Mutter_vom_guten_Rat_RosenkranzDabei machen die Beter eine bemerkenswerte Erfahrung: wer „plappernd“ anfing (und das „Plappern“ meint jene, die der Versuchung einer absichtsvollen Leistungsfrömmigkeit verfallen sind, die Rosenkränze zählen, wie Siegpunkte in einem Spiel oder Wettbewerb) und damit Sinn und Geist des Rosenkranzbetens verfehlte, wird bei anhaltender Übung des Rosenkranzgebetes über kurz oder lang von seiner Wirkung erfasst werden. Er „fällt“ – jenseits seiner anfänglich vielleicht irrigen Aufassungen und verkehrten Absichten – irgendwann in die wahre Betrachtung der Heilsgeheimnisse und – durch die Gnade Gottes – beginnt er sich im Gebet zu verwandeln. Im Englischen gibt es den schönen Begriff „to fall in love with“ – in Liebe fallen, stürzen, stolpern. Ganz gleich, wie man beginnt, irgendwann kommt der Moment des „falling in love with the rosary“.

„Der Rosenkranz gehört zu den Dingen, die einfach sind. In ihm nimmt der christliche Glaube die Gestalt einer schlichten Gebetsform an, und in Ihm begegnet man einer tiefen Volksfrömmigkeit.

Es sind besonders die einfachen Menschen, die sich mit diesem Gebet identifizieren, und es liegt an Maria, daß diese Identifikation so intensiv ist. Der Rosenkranz und seine marianische Gravur sind Optionen des Volkes Gottes, der entscheidenden Größe der Kirche. Er wird speziell dann praktiziert, wenn Not ins Leben einzieht – wenn jemand gestorben ist, wenn man sich Sorgen machen muß, wenn eine Krankheit akut wird und schwerwiegende Schritte notwendig werden, wenn eine Beziehung kriselt oder scheitert, wenn jemand aus der Familie leidet, überhaupt wenn das Leben schwer geht.

Irakische Christin © Azad Lashkari, Reuters

Irakische Christin
© Azad Lashkari, Reuters

Da es kein Leben gibt, das nicht irgendwann und irgendwo schwer geht, ist dieser Ausdruck von Volksreligiosität ein echtes Angebot des Glaubens an alle.

Denn wie so vieles, was einfach und schlicht ist, steckt auch in diesem Gebet eine eigene und besondere Größe. Die Einfachheit der Gebetsweise öffnet eine Tür in die ganze Welt des Glaubens. Man kann eintreten in seine lichtdurchfluteten Höhen und in seine existentiellen Tiefen. In diese Welt führen natürlich auch noch andere Türen als der Rosenkranz. Aber hier bedarf es keiner besonderen Feierformen  wie in der Liturgie, keiner speziellen Wissensformen wie in den Glaubensformeln der dogmatischen Tradition und keiner vielfachen Abwägung wie in den gläubig motivierten Lebensformen.

Auf den Rosenkranz kann man sich an allen Orten einstellen, seine Aussagen lassen sich für jede Vorbildung im Glauben verstehen und seine mitfühlende Solidarität kann alle Handlungsvollzüge beleben.

Es sind drei Größen, an denen sich die Einfachheit des Rosenkranzes besonders zeigt:

Er erleichtert die innere Konzentration auf das, worauf es ankommt,
er beschränkt sich auf Entscheidendes im Leben Jesu, und
er verwendet nur wenige, dafür aber die wichtigsten Gebete.

Hans-Joachim Sander: Eine Berührung in der Not und im Segen des Gebetes, (aus: Edelsteine und Himmelsschnüre – Rosenkränze und Gebetsketten, Dommuseum zu Salzburg, 2008)

Bei einer gewissen Beständigkeit des Betens und einem heilsamen Fasten von zu vielen Variationen des Betens mit dem Rosenkranz wird dieses „einfache Gebet“ seine Wirkung nicht verfehlen. Im persönlichen Gebetsleben muß größtmögliche Freiheit herrschen, die Zwiesprache des Menschen mit seinem Gott verträgt keinen Zwang. Wer genug Sehnsucht hat, der mag sie freiwillig nehmen, die „Ankerkette des Glaubens“ und mag eintreten in den Erfahrungsraum der Rosenkranzbeter aller Zeiten. Den „von oben Herabschauenden“ jedenfalls sei gesagt: Ihr täuscht Euch in der Sache wie in den Menschen.

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3 Kommentare

  1. Trotz „evangelischer Wurzeln“ und obwohl ich sicherlich auch zum „intellektuelleren“ Teil der Bevölkerung gehöre, kann ich mich ganz besonders auch diesem Ihrem Beitrag von Herzen anschliessen. Ich sehe im Rosenkranzgebet, (ganz ähnlich wie in einem Stossgebet, oder in den Psalmen), eine Möglichkeit, auch aus verwirrenden Situationen zu Gott aufzuschauen, und nicht erst Neues dahingehend ausprobieren zu müssen, ob es mir jetzt gerade zufällig gut tut, und dafür erstmal grosse heilige Bücher aus dem Regal holen zu müssen 🙂 .

    • Für einen geübten Rosenkranzbeter genügt schon das Berühren des Gegenstandes „Rosenkranz“ um an seine Gebetserfahrung „mental“ und seelisch anzuknüpfen…das sind seine Qualitäten als „Ankerkette des Glaubens“!
      Danke für Deinen Beitrag! 🙂

  2. Verstehen kann es nur der, der vertraut. Es kann nur der Vertrauen aufbauen, der sich fallen lässt. Der Gefallene muss seinen freien Willen dorthin führen, wo der Glaube ihn auffängt.

    Ich hoffe um Verständnis meiner einfachen Worte.

    Monika

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