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Gebet – Kunst – Geschichte

Die Ferula Pauls des VI. – Lello Scorzelli

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Die Ferula Pauls des VI. – Lello Scorzelli darf ich meinen Lesern hier etwas ausführlicher in ihrer künstlerischen und religiösen Bedeutung beschreiben:

Die Geschichte der römischen Päpste ist spätestens seit der Renaissance auch die Geschichte des Mäzenatentums für die künstlerische Avantgarde einer Epoche. Die Kirchengeschichte kennt hoch gebildete und kunstsinnige Päpste, bei denen Künstler in Lohn und Brot standen. Im Jubiläumsjahr der Sixtinischen Kapelle ist es wahrscheinlich besonders im Bewußtsein der Gläubigen, daß sich liturgische Kunst nicht in Volkskunst erschöpfte.

Und es liegt in der Natur der Sache: avantgardistische Kunst ist umstritten. Nicht erst im 20. Jahrhundert.

Wie hier angekündigt, komme ich nun zum Schöpfer der Ferula Pauls des VI., Lello Scorzelli, der die zweifelhafte Ehre hat, von Traditionalisten „geschmäht“ zu werden. „Modernistisch“ oder Schlimmeres schimpfen sie sein Werk. (Cave canem: radiochristianidad – man wundert sich schon, was so kreucht und fleucht im „katholischen Universum“…) Daß der Künstler dabei in die Strudel der Herabwürdigungen gegenüber seinem Auftraggeber geriet, muß ich nicht eigens erwähnen.

Raffaele „Lello“ Scorzelli ist 1921 als Sohn eines bekannten Malers in Neapel geboren. Ohne spezielle „akademische“ Ausbildung machte er schon in jungen Jahren durch Zeichnungen von sich reden. Schon mit 21 Jahren nahm er an der Biennale in Venedig teil. Während des Krieges geriet er in deutsche Gefangenschaft und landete in einem Konzentrationslager. Schon während des Krieges wandte er sich der Bildhauerei zu und erregte auch hier Aufmerksamkeit mit seinen Arbeiten. Unter Johannes XXIII. wurde er als Restaurator in den Vatikanischen Museen beschäftigt. 1963 erhielt er ein eigenes Atelier im Vatikan, das er 15 Jahre innehatte. In diesem Zeitraum schuf er bedeutende Arbeiten für die Kirche, u.a. das „Portal des Gebets“ für St. Peter. Sein mit Abstand bekanntestes Werk bleibt die Ferula, die Paul VI. für die Abschlußsitzung des II. Vatikanischen Konzils in Auftrag gab.

Die Ferula hatte ursprünglich die Bedeutung einer Herrschafts- und Autoritätsinsignie, dem Zepter vergleichbar. Seit dem 16. Jahrhundert verzichteten die Päpste auf den Gebrauch in der Liturgie. Paul VI. nahm den Brauch wieder auf und verband das Vorrecht des römischen Pontifex, den Kreuzstab zu tragen, mit der Form des Bischofsstabes. Als „primus inter pares“ zum Abschluß der größten Bischofsversammlung der Geschichte ein wichtiges Symbol. Sicher ist es kein Zufall, daß die nach unten gewölbte Form des Kreuzbalkens an ferulae der Orthodoxie erinnert.

Da dieser Hirtenstab mich zeitlebens „begleitet“, hatte ich viel Gelegenheit, ihn zu betrachten, mir Gedanken darüber zu machen und insbesondere die Gestalt des Kruzifixus zu meditieren.

Abgesehen von der liturgischen und theologischen Bedeutung und Aussage, die dem „neuen“ Hirtenstab des Papstes von 1965 zukommt, hat mich der unübersehbare Rückgriff auf ein bedeutendes Werk der Kunstgeschichte beschäftigt. Scorzelli als Zeichner muß sich ausgiebig damit beschäftigt haben.Die sogenannte „kleine Kreuzigung“ des Matthias Gruenewald (Badisches Landesmuseum, Karlsruhe), die Vorwegnahme der „großen Kreuzigung“ am Isenheimer Altar  (es gibt andere Parallelen in der Kunstgeschichte, aber diese hier ist die eindeutigste) zeigt den Erlöser erschütternd wie nie zuvor.

Im III. Hochgebet heißt es: „Darum, gütiger Vater, feiern wir das Gedächtnis deines Sohnes: Wir verkünden sein heilbringendes Leiden, seine glorreiche Auferstehung und Himmelfahrt und erwarten seine Wiederkunft.

So bringen wir dir mit Lob und Dank dieses heilige und lebendige Opfer dar. Schau gütig auf die Gabe deiner Kirche. Denn sie stellt dir das Lamm vor Augen, das geopfert wurde und uns nach deinem Willen mit dir versöhnt hat. Stärke uns durch den Leib und das Blut deines Sohnes und erfülle uns mit seinem Heiligen Geist, damit wir ein Leib und ein Geist werden in Christus.“

Die Kirche stellt uns sein heilbringendes Leiden, das Lamm, das geopfert wurde, vor Augen. Ist das in Scorzellis Ferula nicht in einer schier unerträglichen Unmittelbarkeit symbolisiert? Und hat er nicht mit der Intuition des Künstlers gespürt, daß wir den Blick auf den Gekreuzigten mehr als nötig hatten und haben?

In seinem Monument für Paul VI. im Dom zu Brescia (Geburtsort des Montini – Papstes) wird die Aussage noch deutlicher: der Papst (dargestellt bei der Öffnung der Heiligen Pforte 1975) zeigt die Kirche in all ihrer Schwäche und Vorläufigkeit und einzig das Kreuz mit dem „Lamm, das geopfert ward zu unserem Heil“ zieht im offenen Raum alle Blicke auf sich: elevatio und petitio – das Gebet der Kirche.

Das Gesicht des Papstes, seine „Rechte“ verschwindet in Verneigung und liturgischem Kleid: „Du allein der Höchste…“Die gesamte Haltung drückt aus, was schon Gruenewald am Isenheimer Altar dem Täufer expressis verbis über den zeigenden Finger schreibt:

„Illum oportet crescere me autem minui“

Es ist die Stelle aus dem Johannes-Evangelium (3,30), die übersetzt lautet „Jenem gebührt zu wachsen, mir aber, kleiner zu werden“.Mag sein, daß es eine Generationsfrage ist: das harmlose Lamm aus der Offenbarung des Johannes auf der Ferula Papst Benedikts berührt mich deutlich weniger in seiner Symbolkraft als es der erschütternde Kruzifixus von Scorzelli tut. Vielleicht ist es den Zeitgenossen, die Sehnsucht nach anderen liturgischen Zeichen hegen, zu direkt, zu „indiskret“ – mir jedoch fehlt nun in der Hand des Papstes diese Herausforderung. Ob die „Gutmeinenden“ um Guido Marini dem Heiligen Vater wirklich einen „Gefallen getan“ haben, als sie ihm den Hirtenstab abnahmen und dafür das Vortragekreuz in die Hand gaben, bleibt einstweilen offen. Mein Votum ist eindeutig.

„Papst Johannes Paul II. erinnert uns: »Die Kunst um der Kunst willen, die auf niemanden als auf ihren Schöpfer verweist und keine Verbindung mit der göttlichen Welt herstellt, hat im christlichen Bildverständnis keinen Platz. Jede Form sakraler Kunst muß nämlich, unabhängig davon, welchen Stil sie sich angeeignet hat, den Glauben und die Hoffnung der Kirche ausdrücken« (Duodecimum saeculum,11).“

Ikonographie und Liturgie Erzbischof Piero Marini, Päpstlicher Zeremonienmeister

Papst Benedikt XVI. trägt nun die Ferula des Theologen, des Patriarchen des Westens. Paul VI., Johannes Paul I. und Johannes Paul II. trugen die Ferula der „pastores“…

Zeichnung Lello Scorzelli 1975 „Petrus und Paulus“ – Hand in Hand.

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