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Gebet – Kunst – Geschichte

Die Irrtümer des Alanus de Rupe

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Die Irrtümer des Alanus de Rupe

Handschrift Alanus de Rupe Der Psalter der seligen Jungfrau Maria Universitätsbibliothek Kiel

Handschrift Alanus de Rupe
Der Psalter der seligen Jungfrau Maria
Universitätsbibliothek Kiel
Titelblatt

Alanus de Rupe (1428 – 1475) gehörte einem Reformzweig des Dominikanerordens, der „Congregatio Hollandica“ an und war zeit seines Lebens eine schillernde Gestalt. Ihm verdanken wir zwei getreulich weitergetragene Irrtümer in der Geschichte des Rosenkranzes:

1. der Heilige Ordensgründer Dominikus von Guzman (1170 – 1221) mag sehr wohl, wie unter Mönchen und zu seiner Zeit üblich, mit einer Gebetsschnur gebetet haben, er ist jedoch nicht wie vielfach in Abbildungen dargestellt, der Empfänger der „Rosenkranzspende“ durch die Gottesmutter, er hat nichts mit der Entstehung des uns bekannten „Rosarium Virginis Mariae“ zu tun. Wie wir heute aus der umfangreichen Rosenkranzforschung wissen, verwechselte Alanus de Rupe den Karthäuser Dominikus von Preußen (*1384 – † 1460) mit seinem Ordensgründer. Dominikus von Preußen aus der Karthause St. Alban in Trier war es, der unter dem Einfluß seines Priors ab 1410 das Ave Maria mit den „Clausulae“, 50 Sätzen aus dem Leben Jesu, verband und sein Prior Adolf von Essen († 1439) förderte und betrieb deren Verbreitung mit „Tausenden von Abschriften“. Auch verteilte er die Blätter bei seinen Visitationen in befreundeten Klöstern. „Meditationes et clausulae vitae Jesu ad Rosarium Beatae Mariae ipse primus addidit. – Als erster fügte er Betrachtungen und Klauseln vom Leben Jesu dem Rosenkranz der seligen Maria bei.“ (Liber experientiarum I, 38: Th. Esser 410 zit. nach Scherschel) „Hier ist besonders zu beachten, daß Dominikus von sich sagt, er habe als erster „Meditationen“ des Lebens Jesu mit dem Rosenkranz verbunden, und nicht nur Klauseln….Hiermit war die Gebetsweise gefunden, die auch Adolf von Essen sofort aufgriff und von da an als DIE Form des Rosenkranzes zu verbreiten half.“ (Scherschel)

Cosmas Damian Asam Rosenkranzspende

Cosmas Damian Asam
Rosenkranzspende

In der Tradition der Dominikaner, denen unbestritten das Verdienst zukommt, den Rosenkranz  (nach Karthäusern, Zisterzienser/inne/n und Benediktinern) weit verbreitet zu haben, wird an dieser von Alanus gebildeten Legende noch sehr lange festgehalten und bei den Rosenkranzbetern wird sie, dank Unkenntnis, auch so weitererzählt. In vielen Lexikonartikeln und Abhandlungen über den Rosenkranz findet man die Geschichte des Alanus. Scherschel schreibt: „Auf diese Weise konnte es zu merkwürdigen Widersprüchen kommen; denn einerseits lag die Erkenntnis vor, daß die heutigen Rosenkranzklauseln auf die Trierer Kartäuser zurückverweisen, und andererseits versuchte man weiterhin, den Rosenkranz als einheitliches Ganzes auf den Heiligen Dominikus zurückzuführen – die Version, die letztlich auf den Dominikaner Alanus de Rupe zurückgeht. Im Gefolge dieser Auffassung bemüht sich Kirsch (Handbuch des Rosenkranzes, Wien 1950) nachzuweisen, daß die Betrachtung von Gesätzen und Geheimnissen bereits im 13. Jahrhundert anzutreffen ist.“

„Fatal war, daß er (Alanus) schon früh den Kartäuser Dominikus von Preußen mit dem heiligen Stifter des eigenen Ordens verwechselte und diesen Irrtum mit immer neuen Phantasien als geschichtliche Wahrheit zu „beweisen“ suchte. Darum und wegen anderer Vorwürfe wurde er bei dem für ihn zuständigen Bischof von Tournai verklagt und schließlich vor dessen Gericht geladen. Eine ausführliche Schrift, die ihn rechtfertigen sollte, enthüllt aber nur seine rätselhafte Persönlichkeit. Er wird vom Ordenskapitel nach Lille gerufen; auf der Reise dorthin besucht er P. Laurentius van Musschezele und stirbt im gleichen Jahr 1475 in Zwolle (Holland).“
(P. Karl Joseph Klinkhammer, 500 Jahre Rosenkranz, Die Entstehung des Rosenkranzes und seine ursprüngliche Geistigkeit, S.43)
Zur Berichtigung seiner Irrtümer durch die Oberen kam es also offenbar nicht mehr. Er starb auf seinem Weg zum Prozeß. Mir kommt die freundliche Beschreibung der Forscher zwar rücksichtsvoll gegenüber Alanus de Rupe, jedoch nicht besonders glaubhaft vor. Alanus und Dominikus von Preussen waren Zeitgenossen und die erleuchtete Arbeit der Trierer Kartäuser hatte bereits weite Verbreitung gefunden. Ich fürchte, man muß den vorreformatorischen Konkurrenzkampf der Orden, die Wirren in der Kirche vor dem Schisma und nicht zuletzt die Eitelkeit des unsteten Dominikaners bedenken, will man sich einen Reim auf diese merkwürdige „Verwechslung“ machen. Manche Autoren berichten, Alanus habe in seinen Visionen gesehen, wie die Jungfrau dem Heiligen Dominikus den „Psalter“ überreicht und ihm die Verheißungen mitgibt. Es wurde eine unhaltbare Historizität behauptet und weitergegeben.

Alanus Schrift zum Marianischen Psalter, wie sie nach seinem Tode gedruckt wurde

Alanus Schrift zum Marianischen Psalter, wie sie nach seinem Tode gedruckt wurde

2. Alanus war es, der die Kunde von den
„15 Verheißungen des heiligen Rosenkranzes“ empfangen und überliefert haben will. Bis heute wird das so erzählt: „Die fünfzehn Verheißungen des heiligen Rosenkranzes“.

„Alanus, Visionär und glühender Marienverehrer, gründete 1468 die erste Rosenkranzbruderschaft in Douai. Weitere in Lille und Gent folgten. Wahrscheinlich kam es vor 1475 auch zu einer Gründung in Rostock. In einer in seinem Todesjahr 1475 geschriebenen Apologie faßt Alanus noch einmal die Ziele der Bruderschaft zusammen, nachdem seine Visionen, in denen er Dominikus von Preußen mit dem Ordensstifter verwechselt und diesem die Erfindung des Rosenkranzgebetes zuschreibt, wegen ihres ekstatischen und gelegentlich vulgären Inhalts von seinen Ordensoberen verurteilt worden waren. Joseph Lortz (1987 – 1975) nennt die Meditationen des Alanus „abgeschmackt, zuweilen auch religiös – sittlich nicht ungefährlich“, ein Urteil, das von den meisten Kirchenhistorikern wohl geteilt wird.“ (Hatto Küffner, 500 Jahre Rosenkranz, Zur Kölner Rosenkranzbruderschaft)

Alanus de Rupe Hl. Dominikus lehrt den Rosenkranz

Alanus de Rupe
Hl. Dominikus lehrt den Rosenkranz

Alanus verlangte von den Mitgliedern seiner Bruderschaften das tägliche Beten des marianischen Psalters (so Küffner), den er seit 1464 propagierte und überfrachtete die „Clausulae“ so mit eigenen Eingebungen, Vortrags- und Predigttexten, daß sie in ihrer Kompliziertheit dem Gebet entfremdet wurden und die Bruderschaften alsbald zu einer „unlebendigen Angelegenheit“ (Klinkhammer) wurden. Die Benennung „Rosarium Beatae Mariae“ des Dominikus von Preußen lehnt er, als dem profanen Liebesleben entliehen, ab und besteht auf dem „Psalterium Mariae“. An den Paternosterperlen, die der Kartäuser Heinrich von Kalkar in den Rosenkranz eingefügt hat, läßt er „die Sündenschuld“, „den sicheren Tod“, „das Gericht“ und „die Hölle“ betrachten. Die einseitige Entstellung des Rosenkranzes der Kartäuser als „Leben Jesu Betrachtung“ ist deutlich. Und bis heute zieht sich diese Spaltung in der Auffassung des Rosenkranzes: was für die einen „Leben Jesu Betrachtung“ und Jesusgebet, ist für die anderen „Buß- und Sühnemittel“ geworden.

Erst mit der Gründung der Kölner Rosenkranzbruderschaft 1475 durch seinen Mitbruder Jakob Sprenger verbreitet sich die Kunde im Volk und die Beliebtheit des Rosenkranzgebetes (nun auch als Gemeinschaftsgebet und mit Ablässen versehen) wächst stetig. Klinkhammer schreibt:
„Aus der Satzung der alanischen „Confratria“ wird von den Gründern der Kölner „Rosenkranz-Bruderschaft“ vieles wörtlich übernommen, wie der Erforscher der dominikanischen Bruderschaften G.G. Meerssemann OP urteilt, Übertreibungen werden reduziert, in den ältesten Urkunden wird sogar das wesentliche Element – die Betrachtung des Lebens Jesu – nicht mehr erwähnt. Offenbar als Reaktion gegen die Überfrachtung der „Clausulae“, die Alanus bis zur Unmöglichkeit betrieben hatte, läßt die Kölner Bruderschaft sie zunächst ganz fallen. Erst ein wenig später, wohl auf Drängen süddeutscher Beter hin, werden sie verändert (Anm. wie von Dominikus und den Trierer Kartäusern verbreitet) wieder aufgenommen. So kamen durch die Kölner Bruderschaft die Vater Unser mit der Zehner-Einteilung der Ave, die sogenannten Gesätze, in den heutigen Rosenkranz….Bereits 1483 sind so fast alle heutigen Rosenkranzgeheimnisse in dem Rosenkranzbuch des Ulmers Konrad Dinckmuk enthalten, das in der Folge viele Auflagen erlebte; es endet nur, statt mit der Krönung Mariens mit dem Kommen Christi am Ende der Tage. (Anm. Diesen Vorschlag belebte R. Guardini in seinem Buch „Der Rosenkranz Unserer lieben Frau)“

Rosenkranzspende Bruderschaftskirche von 1737 Rot an der Rot ©wikipedia

Rosenkranzspende
Bruderschaftskirche St. Johann von 1737 Rot an der Rot
©wikipedia

Die Gebetspflicht des einzelnen Mitglieds lag im Kern darin, wöchentlich – bei freier Zeiteinteilung – mindestens ein Psalterium, bestehend aus 150 Ave Maria und 15 Pater Noster zu beten: „… so sol der mensch beten all wochen drey rosen krentz. Das ist zu dreyen malen finffczig Ave Maria und zu dreyen malen finff Pater Noster. Das ist, nach czehen weissen rosen secz er ein rote rosen enczwischen, welche in dem pater noster bedeüttet wird … . Und die drey rosen krencz mag der mensch beten auff einen tage oder auff mer in der wochen, wie es im aller fugelichest ist.“(Siegfried Schmidt)
Sprenger weist ausdrücklich darauf hin, daß ein Unterlassen des Rosenkranzgebetes keine Sünde ist, die gebeichtet werden muß.

„Zur Ehre der ehrwürdigen Mutter und unvermählten Jungfrau habe ich, Bruder Jakob Sprenger, Doktor der Heiligen Schrift und Prior des großen Konvents des Predigerordens zu Köln im fünfundsiebzigsten Jahre am Tage der Geburt unserer Frau erneuert und wiederaufgerichtet das alte übernommene Gebet des Rosenkranzes Unserer lieben Frau. Es gibt viele Bruderschaften, deren kein armer Mensch teilhaftig werden kann, weil er nicht das Geld hat, das man in der Bruderschaft reichen muß. Hier ist niemandem der Eintritt verwehrt. Je ärmer, verschmähter und verachteter, desto genehmer, lieber und teurer wird er dieser Bruderschaft. Denn das Gebet dieser Armen ist Gott wohlgefälliger als das der Reichen.“
Allein in Augsburg werden zu Allerheiligen 1477 21 000 Mitglieder gezählt, 1479 mehr als 50 000 und drei Jahre später 100 000 Brüder und Schwestern. (Küffner)

Die „15 Verheißungen des Rosenkranzes“ gehen auf die „Schauungen“ eines religiösen Schwärmers zurück, wie man aus dem Gesagten konstatieren muß.  Alanus de Rupe ist weder ein Seliger, noch Heiliger der Kirche (nur in seinem Orden wurde der Ruf der Seligkeit gepflegt) und die „Verheißungen“ sind außer durch ein etwas zweifelhaftes Imprimatur, undatiert und unsigniert, des New Yorker Erzbischofs Patrick Kardinal Hayes (1919 – 1938 im Amt), ohne jegliche kirchliche Approbation oder gar Lehrempfehlung. (Vielleicht wurde der ehrwürdige Kardinal von den Dominikanerinnen seines Hauses zur „frommen Tat“ gedrängt….) Die Visionen des Alanus jedenfalls sind mehr als zweifelhaft, seine „durch Maria vermittelten Versprechungen zum Psalter“ können nicht einmal als glaubhafte Privatoffenbarungen gewürdigt werden.

Rosenkranzspende

Rosenkranzspende

Wenn wir also die schönen Darstellungen der Rosenkranzspende betrachten, dann dürfen wir uns an ihrem symbolischen Gehalt erfreuen. Die Legenden von und über Alanus de Rupe und den Heiligen Dominikus sollten wir jedoch nicht weiterverbreiten: sie sind nicht wahr. Alanus Schriften zum Psalter wurden von seinem Orden zur Zeit des Buchdrucks immer neu herausgegeben und so lebt er im Bewußtsein der Rosenkranzbeter. Die Frömmigkeitsgeschichte hat sich dieser Schriften bedient, um das Rosenkranzbeten zu verbreiten. So kam ein zweifelhafter Mann zu großer Ehre.

Die wahre Geschichte kennen wir seit über 100 Jahren und es ist nun Sache unserer Generation, sie richtig und unverfälscht weiterzugeben.
Mögen auch kommenden Generationen die Segnungen der Leben – Jesu – Betrachtung im Rosarium Virginis Mariae den Glauben vermehren, die Hoffnung stärken und die Liebe entzünden.

Siehe auch: Die kleine Geschichtsfälschung…

Quellen:
„500 Jahre Rosenkranz – 1475 Köln 1975, Kunst und Frömmigkeit im Spätmittelalter und ihr Weiterleben“ Erzbischöfliches Diözesanmuseum Köln, 1975;
Karl Joseph Klinkhammer, Ein wunderbares Beten, Leutesdorf 1981;
Rainer Scherschel, Der Rosenkranz – das Jesusgebet des Westens, Freiburg 1979;
Gislinde Ritz, Der Rosenkranz, München 1962;
Eine kurze Darstellung zum Charakter und der geistlichen Arbeit des Dominikus von Preußen (PDF) von historicum.net

Te Deum laudamus, nach der Krönung

Djch Edle Königin wir ehren/ Friedrich Spee nach Dominikus von Preußen

Fraw von Himmel/ dein Lob wir mehren.
Dich loben vnd ehren mit rechte/

Aller Creaturen Geschlechte.
Gott Vatter dich hat außerkoren/

Gott Sohn von dir Mensch ist geboren.
Der heylig Geist dich hat erhaben/

Vnd schön geziert mit grossen Gaben.
Dein Thron ist hoch nechst Gottes Throne/

Die Sonn dein Kleid/ zwölff Stern dein Krone.
Der Mon ist vnter deinen Füssen/

Die Stern dir alle dienen müssen.
Vmb deinen Thron die Engel schweben/

Sehr diensthafft alle dich vmbgeben.
Die Seraphin sich vor dir neigen.

Dir Cherubin all Ehr erzeigen.
Die Heyligen dich loben alle/

Dich preysen sie mit grossem Schalle.
Du bist ein Zier der gantzen Erden/

Durch dich geziert die Himmel werden.
Du bist ein Mutter außerlesen/

Dir gleich kein Mutter nie gewesen.
O Mutter! O Trost aller armen/

Wollest dich vber vns erbarmen.
Hilff vns hie Gnad von Gott erlangen/

Daß wir hernach die Kron empfangen.
Hilff daß wir dich sehn in Gloria,

O gnädigste Jungfraw Maria.

Friedrich Spee: Die anonymen geistlichen Lieder vor 1623, Berlin 1979, S. 93-96.

Ein Kommentar

  1. Ergänzend zu diesem Artikel finden Sie hier die Gesätze des Dominikus von Preußen:
    http://rosenkranzbeten.info/rosenkranzbeten/die-clausulae-des-dominikus-von-preussen/

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