Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Die kleine Geschichtsfälschung…

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Die kleine Geschichtsfälschung…

Schrift über Alanus "Vision" von 1492

Schrift über Alanus „Vision“
von 1492

…des (nicht Seligen) Alanus de Rupe, die von den Frommen der Welt getreulich weiterverbreitet wird, daß nämlich der Heilige Dominikus den Rosenkranz im Kampf gegen die Albigenser aus der Hand der Gottesmutter nebst fünfzehn Verheißungen erhalten habe (eben jene „Rosenkranzspende“), begründet Hans Conrad Zander, leicht ironisch, so:

„Wenn eine Frau schwanger wird, weiß man nie was dabei herauskommt. Manchmal sind es sogar Zwillinge. Wenn eine Religion schwanger geht, ist es das gleiche.
Mit Beginn des 13. Jahrhunderts bekommt die katholische Kirche plötzlich Zwillinge.
Aus der gleichen religiösen Bewegung heraus, der sogenannten Armutsbewegung, werden zu gleicher Zeit zwei gleiche Orden gegründet: Die Franziskaner und die Dominikaner.
Auf der Stelle gerieten die beiden Orden in erbitterte Konkurrenz.
FranziskusDabei hatten die Franziskaner eine unverschämte Vorgabe. Wie der Name sagt, hatten die Franziskaner den Heiligen Franz. So populär war der heilige Franz von Assisi, das man ihn auf lateinisch „alter [dt.: der andere] Christus“ nannte, Christus unserer Zeit. Wer ist dagegen der heilige Dominikus? Ja, das weiß noch heute niemand so recht. Im Unterschied zu Franziskus war der Stifter des Dominikanerordens zu Lebzeiten jedem Personenkult abhold.
Doch das wurde jetzt nach seinem Tod für seinen Orden in der täglichen Konkurrenz mit den Franziskanern zu einem beträchtlichen Handikap.
Da kam die große rettende Idee. Der heilige Franz hat gewiss erstaunliche Wunder gewirkt, aber der Heilige Dominikus hat noch viel Staunenswerteres getan.
Der heilige Dominikus hat den Rosenkranz erfunden.
Rosenkranzspende_mit DominikusJa, das ist die Legende, die noch heute in abertausend Kirchen über dem Rosenkranzaltar zu sehen ist. In der schwarzweißen Kutte hebt der heilige Dominikus flehend die Hand zum Himmel. Aus den Wolken senkt die Gottesmutter huldvoll ihre Hand herab und gibt ihm den Rosenkranz.
Gott, sagt Paul Claudel, schreibt auch auf krummen Zeilen gerade. Der fromme Schwindel, mit dem sich die Dominikaner gegen den heiligen Franz zu helfen suchten, war eine Fügung der Vorsehung“ (Hans C. Zander, Hörfunkbeitrag: „Der Computer Unserer Lieben Frau“)

Alanus_de_Rupe_2306_3Daß es ein (frommer) Schwindel war, schmälert nicht die Verdienste der Dominikaner um die Verbreitung des Rosenkranzes, aber ich meine, es wäre nach 500 Jahren an der Zeit, daß sie dem Vorbild ihres berühmten und gelehrten Ordensbruders Thomas (Hermann Josef) Esser OP folgen und endlich damit aufräumen. Es ist irgendwie bitter, wenn man auf unzähligen Rosenkranzseiten (auch seriösen, kirchlichen) immer wieder dem „frommen g’schichterl“ und nicht der Geschichte des Rosenkranzes begegnet: irgendwie peinlich, finden Sie nicht? Und nicht besonders ermutigend – so eine selbst beobachtete „Lügengeschichte“ läßt doch einen generalisierteren Zweifel und Verdacht gegenüber anderen Überlieferungen aufkeimen…

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4 Kommentare

  1. „Lügengeschichte“ ist sicher ein zu hartes Wort. Wollte man jede Heiligenlegende oder Heiligenvita auf „harte Fakten“ reduzieren, dann bliebe nicht mehr viel übrig. — Ja, in vielen Fälle würde gar die Existenz des Heiligen angezweifelt.

    Lassen wir den frommen Menschen doch bitte ihre Bilder – ob sie historisch stimmen oder nicht!

    Ist es nicht letztlich egal, ob Dominikus den Rosenkranz von der Gottesmutter erhalten hat oder nicht?
    Wichtig ist, daß noch heute die Menschen den Rosenkranz beten!

    • Für die ersten 1000 Jahre lasse ich JEDE fromme Legende gelten: mündliche Überlieferung kann, wie man aus der Sagen- und Märchenforschung weiß, ziemlich akurat sein.
      Für’s 15. Jahrhundert gilt das nicht mehr. Die „Legende“ der Dominikaner wurde mit Hilfe des Buchdrucks verbreitet wider besseres Wissen und in Konkurrenz zu Zisterziensern, Kartäusern und Benediktinern. Menschlich verständlich, aber nicht überzeugend…

      Zudem wurde u.a. mit den „15 Verheißungen“ bis heute ein Umgang mit dem Rosenkranzgebet begründet, der seinem Geist als „Leben – Jesu-Betrachtung“ (Scherschel, „Das Jesusgebet des Westens“) nach der Schrift vollkommen verzerrt. Das ist auch der Grund dafür, daß so viele Fromme immer neue Variationen und Alternativen entwickeln und verbreiten: das Leben Jesu „sättigt“ sie nicht – sie hängen an der „Perlenkette“ als Gegenstand, aber nicht an der tiefen Spiritualität des eigentlichen Gebetes.

      Wir haben ja viele „back to the roots“ Katholiken unter uns: Alanus war noch nicht geboren, da verbreitete sich der „Leben – Jesu – Rosenkranz“ und machte aus einer reinen Frömmigkeitsübung („paternoster“ als Psalmenersatz für „Ungebildete“) DAS Schriftgebet schlechthin (Dominikus von Preussen, Adolf von Essen, Heinrich von Kalkar).
      Ich finde daher die Argumentation inkonsistent: nicht wegen beliebter „Wunderg’schichtl“ wenden wir uns „mit Maria dem Antlitz Jesu zu“ (Johannes Paul II.), sondern weil er für einen Christenmenschen keine ersehntere Blickrichtung geben kann als auf den Erlöser, wie ihn die Schrift bezeugt.

      Wollen wir das Rosenkranzgebet als Kostbarkeit der Volksfrömmigkeit und Evangelisierung redlich an die nachfolgenden Generationen weitergeben, dann können wir es nicht tun, wie die Prediger der Voraufklärung und „die Leut'“ mit „Wunderg’schichtl“ und Ablässen quasi „zwingen“, dieses Gebet zu erlernen.
      Wozu braucht es denn die „spektakulären“ Erscheinungen und „himmlischen“ Anordnungen? Natürlich weil der „Leben – Jesu – Rosenkranz“ nicht vernünftig und nachhaltig gelehrt wird. Weil man lieber in die Breite, als in die Tiefe geht. Es ist ein Phänomen der letzten 100 Jahre…
      Ich finde, daß sowohl Romano Guardini in „Der Rosenkranz unserer lieben Frau“ als auch Sel. Johannes Paul II. in „Rosarium Virginis Mariae“ aber auch Hl. Therese von Lisieux alles Notwendige erschöpfend klargestellt haben.

  2. Aber wer hat denn nun den Rosenkranz in die Katholische Kirche gebracht?

    • Eine heilige Allianz von Betern würde ich sagen…
      Der „Startschuß“ für seinen „Siegeszug“ war eindeutig die
      Einfügung der Clausulae durch die Kartäuser mit der Leben Jesu Betrachtung. Eigentlich können Sie das in vielen Artikeln hier nachlesen 😉
      z.B.
      http://rosenkranzbeten.info/rosenkranzbeten/das-betende-herz-der-kirche/
      http://rosenkranzbeten.info/rosenkranzbeten/rosenkranz-und-jesusgebet/
      http://rosenkranzbeten.info/rosenkranzbeten/evangelium-am-schnuerchen-in-gefahr/
      http://rosenkranzbeten.info/rosenkranzbeten/falsche-anleitung-zum-rosenkranzbeten/

      Bei Zenz finden Sie eine recht gut ausgearbeitete Chronologie
      vor 1408: Dem Karthäuser Heinrich (Egher) von Kalkar (1328-1408) wird die Gepflogenheit zugeschrieben, zu Ehren Marias fünfmal zehn Ave-Maria zu beten, wobei jeder Zehnerblock mit einem Paternoster-Gebet beginnt und einem „Ehre-sei-dem-Vater-Gebet“ schließt. Die dafür neue entwickelten Gebetsschnüre wurden aber weiterhin Paternoster genannt.
      Advent 1409: In einer Kartause in Trier entstand die gegliederte, uns heute vertraute Form des Rosenkranzgebetes. Diese Vorform ist das Verdienst des dortigen kurz vor 1400 eingetretenen und 1409 zum Prior gewählten Kartäusers Adolf von Essen (1370/1375-1439) und seines Novizen Dominikus=Dominicus von Preußen (+1427). Im Advent 1409 „erfand“ der Novize den Rosenkranz, indem er an den Namen „Jesus“ in jedem Ave eine clausula anfügte, die aussagte, was Jesus getan oder gelehrt hat und weshalb er deshalb „gebenedeit“ sei. Insgesamt schlug er zunächst 50 clausulae vor, die alle den Evangelien entnommen waren. In dieser Form wurde der Rosenkranz dann in der Kartause St. Alban gebetet und alsbald auch in anderen Kartausen und Benediktinerklöstern verbreitet. Adolf von Essen war es dann, der ihn systematisierte, auf 15 „Geheimnisse“ reduzierte und in dieser vereinfachten Form verbreitete.{…}
      vor 1444/1459: Der Bitt-Teil der heutigen Form ist zuerst beim Franziskaner Bernardin von Siena (1380-1444) und beim Dominikaner Antoninus von Florenz (1389-1459) nachzuweisen und ist wohl in toskanischen oder umbrischen Laienbruderschaften in der Mitte des 15. Jahrhunderts entstanden.{…}
      vor 1475: Der bretonische Dominikaner Alanus=Alain de Rupe=de la Roche=van der Clip (1428-1475) verbreitete noch einen Rosenkranz mit 150 „Clauseln“ (vgl. Alanus : Psalter Unser Lieben Frauen von den drey Rosenkränzen . Augsburg, 1502), außerdem die Dominikus-Legende, die von Papst Leo X. in mehreren Bullen bestätigt wurde. Nach ihr überreicht Maria dem hl. Dominikus den Rosenkranz. Daher wird die Verbreitung der Rosenkranzfrömmigkeit auch stark dem Dominikaner-Orden zugeschrieben.
      (Anm.: siehe http://rosenkranzbeten.info/rosenkranzbeten/die-irrtuemer-des-alanus-de-rupe/ )
      8.9.1474: Gründung der ersten urkundlich bezeugten und in der Folgezeit größten Kölner Rosenkranzbruderschaft durch den damaligen Prior des Kölner Dominikanerklosters Jakob Sprenger (1435-1495). 1481 soll die Bruderschaft bereits 100000 Mitglieder gehabt haben. Diese verbreitete geradezu europaweit noch ein Rosenkranzgebet ohne „Clauseln“, aber bereits geteilt in 15 Gruppen von je 10 Ave. Im Jahr darauf 1475 legte Jakob Sprenger die gebräuchlichste Form der Gebetskette „Rosenkranz“ fest. Am Beginn befindet sich das sogenannte „Kredokreuz“, gefolgt von einer Paternoster-Perle und drei Ave-Perlen, die an einem Kranz von fünfmal zehn Ave-Perlen angeschlossen sind. Zwischen jeweils zehn Ave-Perlen ist immer eine Paternoster-Perle eingesetzt, also insgesamt fünf Stück.{…}
      1515: Papst Leo X.: Rescriptu[m] ex originali S. Leonis decimi Indulgen[tia] super Celeste Rosarium. [S.l.], [1515]
      1568 Papst Pius V. nimmt den Englischen Gruß ins Römische Brevier auf, und zwar mit seinem Bitt-Teil in der heute üblichen Form, die dadurch offiziell wurde.
      17.9.1569: Das Breve Consueverunt von Pius V. legt den Ave-Maria-Text endgültig fest und erlässt eine offizielle Regelung des
      Rosenkranzgebetes.
      7.10.1571: Den entscheidenden Durchbruch der Rosenkranzfrömmigkeit für die ganze Kirche bildete der Sieg der christlichen Flotte über die Türken in der Schlacht von Lepanto. Diesen Sieg interpretierte man als Erhörung intensiven Rosenkranzgebetes durch die Rosenkranz-Bruderschaften und besonders den Gebeten des Papstes Pius V.
      Seit 1572: Feier des Rosenkranzfest am 7. Oktober.
      1.4.1573 Papst Gregor XIII.: Apostolische Konstitution „Monet Apostolus“ führt das Rosenkranzfest für alle Kirchen, die eine Rosenkranzkapelle oder einen Rosenkranzaltar besitzen, am 1. Sonntag im Oktober ein.{…}
      17. Jahrhundert: Der Name „Rosenkranz“ setzt sich gegenüber „Pater noster“ durch, nicht zuletzt aufgrund der Gegenreformation und der Aktivität der Jesuiten.{…}
      August 1716: Die Österreicher besiegen unter Prinz Eugen die Türken erneut.
      Oktober 1716: Papst Clemens XI.: Dekret „Cum alias“ führt daraufhin das Rosenkranzfest für die Gesamtkirche ein.
      22.9.1724: Papst Benedikt XIII. privilegiert die Servitenkorone (Anm. „Sieben Schmerzen Korone“) durch eine eigene Bulle (Exponi nobis)
      1883-1901: Papst Leo XIII. gilt als einer der großen Rosenkranzverehrer. Er widmet ihm zahlreiche Enzykliken und apostolische Schreiben
      1884-1926: Der Aachener Priester, Dominikaner, spätere Kurienbischof und letzte Indexsekretär Hermann Josef=Thomas Esser (1850-1926) hat mit seinen Forschungen zur Geschichte des Rosenkranz Meilensteine gesetzt:
      Geschichte des englischen Grußes, in: Historisches Jahrbuch der Görres-Gesellschaft, 5, 1884, S. 88-116
      (Mitarb.): Unserer Lieben Frauen Rosenkranz. Paderborn 1889.
      Beitrag zur Geschichte des Rosenkranzes. Die ersten Spuren von Betrachtungen beim Rosenkranz. In: Der Katholik 77/II (1897), S. 346-360, S. 409-422 und S. 515-528.
      Zur Archäologie der Paternoster-Schnur. Freiburg, Schweiz 1898.
      Über die allmähliche Einführung der jetzt beim Rosenkranz üblichen Betrachtungspunkte. Mainz 1906.
      http://www.helmut-zenz.de/rosenkranz.html

      Mit Thomas Essers Arbeit und den Arbeiten Stephan Beissels ist die geschichtliche Entwicklung weitgehend geklärt und „Mythen“ müssten nicht weiter gepflegt werden.

      1940: Romano Guardini, „Der Rosenkranz unserer lieben Frau“ (in der bündischen katholischen Jugend wird seit WK I der Leben – Jesu – Rosenkranz gepflegt)
      1944: L. Gonzaga da Fonseca: Maria spricht zur Welt. (die Geschichte von Fatima wird geschrieben und das Buch wird weltweit zum Bestseller)
      1943: „Family Rosary Crusade“ (Familienrosenkranz, das klassische Beten der Kirche ohne Zusätze), Patrick Peyton
      ab 1947: es werden „Fatima – Gebetsbruderschaften“ gegründet mit obligatorischer Anfügung des „Fatima – Gebetes“ nach jedem Gesätz (z.B. P. Paclicek, Wien)
      1951: Fulton Sheen empfiehlt den Rosenkranz der Kirche (keine Veränderungen!) in Fürbitte für die ganze Welt („Missionsrosenkranz“)
      ab 50er Jahre: Verbreitung unzähliger „Rosenkranz“ – Variationen im Zusammenhang mit Privatoffenbarungen und Erscheinungen, inhaltlich ganz abweichend vom „Rosarium Virginis Mariae“
      1974: Papst Paul VI. Apostolisches Schreiben „Marialis Cultus“ mit Erläuterungen zum „Leben – Jesu – Rosenkranz“ der Kirche
      2002: Johannes Paul II. Apostolisches Schreiben „Rosarium Virginis Mariae“ mit Klarstellung zum „Jesusgebet des Westens“ und Erweiterung des Rosenkranzes auf 20 Gesätze in Anlehnung an die „Clausulae“ der Kartäuser

      Es gibt noch weitere „nationale und internationale (Gebets-) Initiativen zur Verbreitung des Rosenkranzgebetes in der authentischen Form, ich habe hier nur einige genannt, die für den deutschen Sprachraum wichtig sind.
      Siehe auch: http://rosenkranzbeten.info/rosenkranzbeten/das-rosenkranzbeten-nach-den-regeln-der-kirche/

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