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Die Sache mit dem Lachen

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Die Sache mit dem Lachen

Cover Kaufvideo

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Gerade erhitzen sich die Gemüter zugunsten des Showstars Dieter Nuhr, der von einem muslimischen Mitbürger wegen „Beschimpfung von religiösem Bekenntnis“ angezeigt wurde. Für mich ist das ein Anlaß über das Lachen oder besser das „geschäftsmäßig induzierte Gelächter“ nachzudenken.

Mit Werner Finck, Hanns Dieter Hüsch und Dieter Hildebrandt aufgewachsen, weiß ich, daß „Kabarettist“ ein Ehrentitel und Kabarett eine literarische Kunstform ist.
Für Nuhr und Konsorten lasse ich den Ehrentitel nicht gelten, warum?

Dazu vielleicht zunächst ein paar Gedanken zum Lachen. Zunächst ist das Lachen beim Säugling eine einladende und werbende Geste, um seine Eltern zur Stillung seiner Grundbedürfnisse zu ermuntern. Es ist ein soziales Zeichen zur Herstellung von Beziehung. Sind seine Bedürfnisse gestillt, lacht das Kind wieder aus Freude und Wohlbehagen. Auch im Geber des Guten breitet sich Freude und Zufriedenheit aus, weil sein Handeln von Erfolg gekrönt war. Mehr noch als das Lächeln hat das Lachen belohnende und aufmunternde Qualität: bitte mehr vom Guten. Das Kinderlachen oder das gutmütige Lachen der Erwachsenen hat immer mit Beziehung, mit Vertraulichkeit und Wohlbehagen zu tun.

Was aber hat es mit dem Gelächter in Gruppen auf sich?
Da wird es soziologisch interessant und gruselig zugleich. Jetzt hängt alles davon ab, woran sie ihre Freude haben, die Lacher mit ihrem Anführer. Häufig ist es Schadenfreude.
Was für ein erleuchtetes Wort in der deutschen Sprache: man kann sich am Schaden freuen. Alle Adjektive, die wir zum Gelächter fügen, wissen das auch:
spöttisches Gelächter,
hämisches Gelächter,
schallendes Gelächter,
höhnisches Gelächter,
höllisches Gelächter,
usw..

Eve Arnold © Magnum

Eve Arnold
© Magnum

Ob das Lachen Freude an der Bindung, am Wohlbehagen, an Wiedererkennen und Zustimmung oder Gelächter der Aggression, Herabsetzung und Ausgrenzung bedeutet, wird immer im Kontext von „wer wird ausgelacht“, „wer macht lächerlich“ und „wer lacht mit“ definiert.
Nur wer über emotionale Intelligenz verfügt, mit Empathie gesegnet ist, kann beobachten, wie das gutmütige Gelächter sich an der brisanten Grenze hält zwischen diesem und jenem und besonders in Gruppen hinüber kippen kann ins Böse, Entwertende, Verächtliche.
Individuen in Gruppen, sind immer in Gefahr, ihre Ich – Grenzen aufzulösen, eigene Werte und erlerntes soziales Verhalten aufzugeben, sich quasi im Geheul der Menge zu verlieren.
Der „Lächerlichmacher“, schon gar wenn er es öffentlich und gegen Geld tut, müsste sich seiner Verantwortung an der Grenze bewußt sein. Er darf mit ihr spielen, darf kurze Ausflüge ins Bösartige wagen, allein um sich und die Mitlacher auf diese Grenze hinzuweisen, sensibel dafür zu machen und schnell wieder heraus zu führen – heiße Platte.

sydesjokes.blogspot

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Die Meister unter den Lachenmachern waren dazu in der Lage. Ihre Bildung, Herzens- wie Verstandesbildung und ihr meisterlicher Umgang mit Sprache, auch ihr schauspielerisches Talent befähigte sie dazu. Wahre Komödianten hinterlassen ihre Zuhörer und Zuseher mit einem lachenden und einem weinenden Auge, wacher und aufmerksamer, mitfühlender und nachdenklicher. Sie gehen wie Chaplins Tramp wieder aus dem Bild und beanspruchen weder Macht noch Meinungsführerschaft. Sie bedienen weder gängige Klischees und Vorurteile noch gefallen sie sich als Brandstifter auf Biedermanns Dachboden. Gewöhnlich foppen sie Eliten und Mächtige und verbünden sich mit den Schwachen.
Die Zirkuszelte und Hallen füllenden Gelächtermatadoren aber, die heute Kassen und Einschaltquoten beherrschen, sind nicht mehr Künstler, die das Leben besser machen. Sie halten das „Texter“ – Thermometer in die Launen der grölenden Mehrheiten und bedienen nurmehr ihre zahlenden Kunden.

Ironie und Satire bis hin zum beissenden Zynismus der Verbitterten und Verachtenden: Erwachsene und sprachlich Geübte können das Gesagte entschlüsseln und sich zum „Hintersinn“, zur verborgenen Absicht, zum Witz des Gesagten verhalten. Gegenüber Kindern bis zum 12. Lebensjahr, die erst in diesem Lebensalter über die ausreichende Sprachkompetenz zur Kommunikation mit diesen Stilmitteln verfügen, gegenüber weniger Sprachgewandten, gar Fremdsprachlern entpuppt sich das als Humor Getarnte allzu oft als Mittel sprachlicher Gewalt und Machtausübung. Dem kollektiven Lachzwang ausgeliefert, werden sie ihrer selbst, ihrer Urteilsfähigkeit noch weiter entkleidet, lachen zum eigenen Schaden – giftige Demütigung von Unbedarften.

Arthur Wittman Missouri

Arthur Wittman
Missouri

Dabei fällt mir seit Jahren eine Entwicklung auf. Wer eben noch das Zeug zum Künstler hatte, über Kleinstadtbühnen tingelte und herzliches Lachen verbreitete mit seinen Sprachkapriolen, der wandelt sich im Handumdrehen zum „Comedian“ neuerer Machart. Sobald er Blut geleckt hat an den Schaulust- und Gelächtertrieben, zu TV – Ruhm gelangt ist und sich von nun an als Anführer größerer Menschenmengen in Hallen gefallen kann, wird er rauschartig erfasst vom „bösen Gelächter Virus“. Die Sprache wird roher, die Bilder klischeehafter und zunehmend tauchen Redewendungen auf, die eh‘ in aller Munde sind.
Das geneigte Publikum wird nicht mehr gegen den Strich gebürstet, zum Denken oder in ungemütliche Wachheit gedrängt. Nein, es entsteht ein großes „WIR sind uns einig“ und was noch schlimmer ist, „WIR sind die Guten“.
Wie oft schon habe ich das Entstehen dieses unheimlichen „WIR“ zwischen (Gelächter-) Anführer und entinividualisierter Menge beobachten müssen. Und plötzlich wird der Anführer zum Sprachrohr, zum Lautsprecher für das Ungesagte in der Menge, ihre Antriebe, ihre Lüste, ihren Hass. Der Geübte hört es am Lachen und sieht es in den Gesichtern: ein hypnotischer Zustand, der nach jedem Individuum greift und es bis ins Innerste bedrängt. Anfangs sieht man noch das Widerstehen einzelner und dann fallen auch sie ins große Gelächter ein. Wenn’s alle tun….
Unter dem Schutzdach höherer Güter unserer freien Gesellschaft, nämlich Toleranz und Meinungsfreiheit nehmen wir dieses Treiben hin in unbegreiflicher Verwirrung ob anderer Werte, die im sozialen Leben von größter Bedeutung sind.

Leuten wie Dieter Nuhr muss man widerstehen lernen. Man muß fasten lernen vom wohlfeilen Gelächter in der Menge. Ja, das erwarte ich von einem reifen katholischen Menschen: daß er sich die schlichte Frage stellt (abgeleitet von der goldenen Regel) „möchte ich Gegenstand dieses höhnischen Gelächters sein?“. Auch das Mitlachen ist eine Gewissenssache und muß meinem ICH mit seinem Wertekanon unterstellt bleiben.
Ich habe zu wählen, wer mich zum Lachen bringen darf und ich habe zu verantworten, wen ich auslache und wie laut!
Auch das gehört zur Unterscheidungsfähigkeit, die Christen aus ihrem Glauben zu lernen haben: wo liegt die Grenze zwischen gutartigem, heiterem, ja erlösendem Lachen, wie wir es am Ostermorgen anstimmen und dem bösen Gelächter der in Trance Gefangenen mit der billigenden Menschenfeindlichkeit. Das Giftige dringt im Gelächter besonders unbemerkt und nachhaltig in unsere zum Heil bestimmte Seele. Man muß sich wehren können – und einfach mal nicht mitlachen (selbst wenn’s gegen welche geht, denen wir es dank dauerhafter Ungeschorenheit ein bißchen gönnen würden…).

© wikipedia

© wikipedia

„Mein Beruf?
Liebender Spott,

gütiger Zorn.“
Wener Finck
in einem
Interview

„Die Eintagsfliege wird bereits zwölf Stunden nach ihrer Geburt von ihrer Midlife-Crisis erwischt. Das muss man sich mal klarmachen!“
Loriot

Die Schwarzweißfotographien sind dem Austellungskatalog „The Family of Man“ des Museum of Modern Art, New York entnommen.

Und hier der lesenswerte Beitrag eines Bloggerkollegen: Was ist und was darf Satire

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11 Kommentare

  1. Liebe Ankerperlenfrau, liebe Annette!

    Du hast all das ungute Gefühl, das mich in den letzten Jahren u.a. beim Ansehen von div. Kabarettsendungen beschlichen hat, ganz grandios in Worte gefasst!!!!
    Dem ist einfach nichts mehr hinzuzufügen und ich werde mir deine Gedanken dazu merken und zu gegebener Zeit – wenn es passt – „in die Runde“ werfen….

    Es ist wirklich so traurig, dass man kaum mehr wen sieht und hört, der mit der „feinen Klinge“ wichtige und wahre Dinge unters Volk bringt. Das meiste ist in Brachialhumor verpackt und ich kann da nicht anders als flüchten. Ich kann div. Sendungen einfach nicht mehr sehen, die gezielt immer auf eine Person gehen (z.B. die Kanzlerin) und alle wissen besser, was sie machen soll.
    Aber wie gesagt, du hast das schon viel besser geschrieben.

    Wünsche dir ein gesegnetes Allerheiligenfest!
    Regina

  2. Wirklich gut beschrieben, wie dümmlich die Spötterei im Fernsehen ausgegossen wird. Man fühlt sich nur noch abgestoßen.
    Den Toren fehlt der Sinn für die Weisheit!

  3. Wirklich schockiert bin ich übrigens von der Tatsache, daß es (nach Google Recherche) KEINERLEI Kritik an Dieter Nuhr gibt: so gleichgeschaltet ist hierzulande die „öffentlich erlaubte“ Meinung. Das ist unheimlich und erschreckend.
    Dabei ist nichts weiter passiert, als daß sich ein Religionsangehöriger rechtsstaatlicher Mittel unter Berufung auf geltendes Recht bedient hat…

  4. Ich finde diesen Beitrag einerseits im Grundsatz richtig, ja: erhellend. Andererseits stoße ich mich an dem Satz „Leuten wie Dieter Nuhr muss man widerstehen lernen“ … ich muß zugeben: Allzu viel habe ich von Dieter Nuhr bislang nicht gesehen, das Wenige aber unterschied ihn in meinen Augen durchaus von der „Masse“ aktueller „Kabarettisten“ und – vor allem – „Comedians“. Doch wie gesagt: eigentlich kenne ich diesen Nuhr viel zu wenig.

    Hüsch und Hildebrandt sah ich früher zuweilen, allerdings wohl eigentlich noch zu jung dazu, um deren Kabarett wirklich ermessen zu können; Hildebrandt war mir damals nicht geheuer, während Hüsch gewiß eine große Lücke hinterlassen hat, die bis heute niemand füllen konnte. Gewiß kein Nuhr, kein Deutschmann, kein Priol, Schramm oder Hirschhausen … ganz zu schweigen von Pocher, Raab oder Cindy aus Marzahn …

    Zurück zu Nuhr: Wenn ich trotzdem nicht in den derzeitigen Lobgesang einstimmen will, dann vor allem aus der Vermutung, daß so manche, die Nuhr heute feiern, morgen die Zähne fletschen, weil anstelle des Islam wieder der Katholizismus aufs Korn genommen wird.

    • Lieber Andreas,
      gut, daß Du einschlägige Namen nennst: Hildebrandt hat ja viele Fremdtexte interpretiert und da ist es ein gewaltiger Unterschied gewesen, ob z.B. Sammy Drechsel (Lach- und Schieß…) oder Werner Schneyder (blitzgescheit und extrem giftig!). Hildebrandt habe ich auch deshalb stellvertretend genannt, weil ich es auch durchaus „scharf“ vertrage von einem guten Kabarettisten – gutes Gewürz.
      Auch Bruno Jonas („wer bin I denn, wer bin I denn – da ist der Nil, wer‘ I wohl der Ägypter sei…“).
      Juden und Katholiken halte ich für genuin humoraffin und vor allem humortauglich – kann man nicht von jeder Weltanschauung / Religion behaupten…

      Ein äußerst positives Beispiel für „standup comedy“ (nicht genau Kabarett) in Hallen ist Michael Mittermaier, der auf allen Registern spielen kann (hat bei den guten US – standups viel gelernt).
      z.B. „Atomaus – ein – ausstieg: Da bleibt einfach nix kleben, Frau Merkel, die alte Teflonpfanne.“ In der Gesamtdarstellung immer drei Schritte vor ins Freche und dann ein bis zwei zurück, um wieder Balance herzustellen: sehr gut. Man muß sich seine Islamwitze anhören, dann erkennt man sofort den Unterschied.
      In Deiner Einschätzung, daß Nuhr vielversprechend angefangen hat pflichte ich bei dann die Abwärtsspirale: einfach nur noch die giftige Dauerhaltung: „ich weiß, wer die Arschlöcher sind und wenn Ihr lacht, seid Ihr so schlau wie ich: unangenehm und egoman. Ich habe einen „Alarmbauch“ für Gift und Menschenfeindlichkeit…auf den ist Verlaß… 😉
      Wir haben in Deutschland solch eine feine Kabarett – Tradition mit hochkarätigen Namen, echten Künstlern: wie da ein Nuhr oder eine „Heute – Show“ auf der Suppe oben schwimmen kann, bleibt mir ein Rätsel – wahrscheinlich ist er einfach ein Vermarktungsgenie, wie alle Narzißten…nuhr.de

      Dabei gibt es doch tollen Nachwuchs, auch richtig gute Frauen in dem Fach…

      Hanns Dieter Hüsch hat keinen Nachfolger gefunden bisher…
      „Ich sing für die Verrückten, die seitlich Umgeknickten, die eines Tags nach vorne fallen und unbemerkt von allen…“ oder
      „Gemacht aus Bauern- und Beamtenschwäche kam ich in diese Welt hinein…“ was der Mann zwischen zwei Zeilen vermittelt hat – so habe ich das Genre lieben gelernt und umso größer mein Ärger über die Billigheimer. Selbst in den 70ern/ 80ern, wo jedes Gift gerne genommen wurde, blieb er am Menschen, voller Respekt! Für immer: chapeau!
      Hanns Dieter Hüsch

  5. Alfons Knoll hat in FB diesen Artikel kommentiert:
    „Ich habe die neuesten Sendungen nicht gesehen, kann also die derzeitige Diskussion nur bedingt nachvollziehen. Ich denke nur mit Schrecken an eine frühere Sendung von Dieter Nuhr, bei der ein angeblicher „Comedian“ (oder „Kabarettist“? oder was auch immer, sein Name und seine Profession seien dahingestellt) einen flammenden Appell zum Kirchenaustritt hielt und Dieter Nuhr im Hintergrund sich nicht mehr halten konnte vor Lachen. War das nun Satire? Ironie? Häme? Unverschämt fand ich es auf jeden Fall, da in dem (komödiantischen?) Appell alle (!) Priester als Perverslinge dargestellt wurden. Ich hinterließ auf der Homepage von Dieter Nuhr eine kurze Stellungnahme mit deutlicher Kritik an einer solchen unkommentiert bleibenden „Darbietung“. Reaktion: Keine! Nun wusste ich, dass Dieter Nuhr kein Interesse an Rückmeldung hat, vermutlich auch kein Interesse an einem Priester als Zuschauer. Seitdem schalte ich einfach nicht mehr ein! Einige Stellungnahmen hier zeigen mir, dass ich offenbar nicht ganz daneben liege. Lachen ist gesund. Lächerlichmachen ist fies, finde ich – egal, ob es um katholische Priester oder muslimische Frauen geht.“

  6. Im Saarland hat man einen schönen mundartlichen Ausdruck für die Vorträge von Dieter Nuhr: Das ist ein „Footzer“! (Anm.: = (Dumm-)Schwätzer)

    Ich sehe in Dieter Nuhr den Prototyp des Spießers mit folgenden Eigenschaften: Gehässigkeit, Klatschsucht, Verleumdung, Verrat, Dünkel, Besserwisserei, Aufgeblasenheit. Mensch ohne wahren Geist. Gott schütze unser Land vor solchen Pseudointellektuellen.

    • Lieber Lupus,
      das ist interessant, was Du sagst: man müsste wirklich mal drüber nachdenken, wie heutzutage „Spießer“ zu definieren ist. Die Häkelgardine hinter der giftig hervorgelugt wird, hat ja ausgedient. Aber was ist HEUTE die Häkelgardine?
      Auf jeden Fall gehört exzessive Mülltrennung ins Bild…und die Verfolgung von Mülltrennungssündern. 😉
      Schönen Sonntag noch,
      A.

  7. Hmm,

    irgendwas verstehe ich hier falsch.

    Angezeigt (und nicht weiter verfolgt übrigens) wurde ein Bürger, der Witze über den Islam bzw, einige seiner Anhänger macht.

    Daraus entwickelte sich die Frage: darf man das in unserem Staat oder ist diese Meinungsäußerung vom Grundrecht auf Meinungsfreiheit nicht mehr gedeckt? (wie gesagt, der Staat hat das bereits entschieden: man darf)

    Es geht also nicht um die Frage, ob man Dieter Nuhr witzig findet oder nicht – das ist Geschmackssache.

    Es geht mehr um diesen Satz, der fälschlicherweise immer Voltaire zugeschrieben wird:“Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen“.

    • Lieber Ralf,

      ja, das alles ist von unseren Gesetzen zur Meinungsfreiheit im demokratischen Rechtsstaat gedeckt: man darf zur Katholischen Kirche „Kinderfickersekte“ sagen und man darf einen greisen Papst (80+) mit verschissener und verpinkelter Soutane abbilden.
      So weit so gut. Es ist Ausdruck unserer Freiheit, daß es mich nicht kümmern muß, ob ich gerade jemanden damit verletze.
      Auch darf man als Bürger jederzeit an die Polizei und die Staatsanwaltschaften wenden, wenn man fürchtet, daß Grundrechte und Gesetze verletzt wurden. Es ist Ausdruck unseres Rechtsstaates, daß dieses Mittel von jedem Bürger OHN‘ ANSEHEN DER PERSON genutzt werden darf.
      Für dieses wie jenes kannst Du die idealistischen Sätze der Aufklärer bemühen.
      Der Beweis im ersten Fall dürfte geführt sein, braucht man dafür jeden Monat ein Exempel samt dazugehöriger medialer Selbstbefriedigung?
      Der Beweis im zweiten Fall fällt ernüchternd aus: ist der Beschwerdeführer ein Religionsangehöriger, dann wird er in generalisierter Häme der Lächerlichkeit preisgegeben. Er wird bis in den Lebenslauf hinein seziert und „der Moslem“, „der Jude'“ (Beschneidungsdebatte), „der Katholik“ (Mißbrauchsvorfälle innerhalb katholischer Institutionen) werden zur Metapher (Susan Sontag „Krebs als Metapher“ 1977, heute im Sammelband: http://www.fischerverlage.de/buch/krankheit_als_metapher_aids_und_seine_metaphern/9783596162437), die man nur fallen lassen muß, um ganze Bedeutungsräume mit einem Wort zu eröffnen: ausnahmslos abwertend in unserer Gesellschaft. Es ist keine erhellendere Darstellung für DIESE Auffassung von Freiheit und Toleranz zu finden, als die Karikatur der Giordano Bruno Stiftung zur Beschneidungsdebatte, die zusammen mit dem Schlachtruf: „KEINE MACHT DEN DOOFEN“ von Schmidt-Salomon ausgegeben wurde:

      Der Staat kann (bzw. soll) nur die „Außengrenzen“, die äußersten Limits zu Übertretungen, die nicht im Sinne der Allgemeinheit sind, reglementieren und „bewachen“.
      Das ist sein Auftrag und seine Rechtfertigung. Aber ist er wirklich dazu da, unser Zusammenleben bis in die Räume, wo nur „Kinderstube“, persönlicher Anstand und Respekt weiterführen, hineinzuregieren per Gesetz und Verordnung?

      Im alltäglichen Zusammenleben hilft nicht der Staat mit seinen Gesetzen, sondern einzig und allein das Vermögen seiner Bürger zu Respekt, Beachtung persönlicher Grenzen und Umstände, Rücksichtnahme und Solidarität mit Schwächeren, um uns vor der Mentalität des „Survival of the Fittest“ zu schützen. Da braucht es Wertesysteme jenseits von „law and order“.

      Es ist leider zum Volkssport geworden, sowohl die Bereitschaft des Rechtsstaates zur Limitierung von herausfordernden Einzelinteressen, als auch die Grenzen der persönlichen Belastbarkeit auf’s Äußerste zu testen und zu strapazieren.
      Das kommt mir vor, als seien die Bürger dieses Landes (besonders im urbanen Umfeld) eine dauerpubertierende, daueraufmüpfige Rowdietruppe, die stets unterwegs ist, zu provozieren, Grenzen auszutesten und zu prüfen, ob die Autorität, „die Eltern“, der Staat vertrauenswürdig und sicher sind. Auch ist die „Truppe“ oder besser diese infantile Mentalität stets gewillt, „rechtsfreie Räume“ zu erobern und zu verteidigen…
      Nichtstaatliche Wertesysteme und Rechtsauffassungen werden der Lächerlichkeit preisgegeben und sind bereits zur Unkenntlichkeit erodiert.
      Dazu kann man Erhellendes in diesem Buch finden: „Manieren“ (Eichborn, Frankfurt am Main 2003, 388 Seiten, ISBN 3-8218-4739-5) und Asfa-Wossen Asserate dürfte ja nicht im Verdacht stehen, ein Feind der Demokratie oder Meinungsfreiheit zu sein.

      Mir persönlich wäre es tatsächlich lieber, man würde Demokratie, Meinungsfreiheit und Menschenrechte dort verteidigen, wo sie tatsächlich bedroht sind, statt sich hierzulande mit Scheingefechten und Schattenboxen nur selbst als „lupenreine Demokraten“ zu beweihräuchern und sich gegen „religiöse Hinterwäldler“ toleranzmäßig einen runterzuholen (gegen gutes Geld).
      Sehr gerne würde ich unter erwachsenen, dem Gemeinwohl verpflichteten Bürgern leben, die zum Ausbau von politischem Bewußtsein nicht den Beweis antreten müssen, daß man hierzulande einen alten Mann, weil er Papst ist und damit zu den „Eltern“ gehört, ungestraft mit verschissener Hose abbilden kann. Auch würde ich gerne in der Gewissheit leben, daß die mit Nuhr und Titanic grölenden Dauerpubertären ihre Toleranznummer auch dann noch schieben, wenn ich mit 80+ als demente, kinderlose Alte mit Kakanachthemd im Altersheim herumhänge und hoffe, daß die Berliner oder Hamburger Meinungsfreiheit mir dann nicht die gnädige Pille verordnet, um meine Menschenwürde zu verteidigen.

      Ich habe beim gegenwärtigen Zustand unserer „Meinungsbildungskultur“ keine Geschmacksfragen mehr, ich zweifle an der psychischen Ausreifung, dem Verstand, der Bildung und den strukturbezogenen Fähigkeiten von ganzen Jahrgängen dieser Gesellschaft. Pubertät (und damit Kakabilder und schlechte Witze) finden gewöhnlich zwischen 12 und spätestens 25 statt: danach ist dies Mütchen gekühlt und man kann sich wichtigeren Dingen zuwenden.

      Die Infantilisierung unserer Gesellschaft ist derart fortgeschritten, daß die Pubertät inzwischen von 10 bis 80 toleriert wird, die wirklichen Kinder und Jugendlichen in staatliche Obhut gegeben werden müssen, während die „Erwachsenen“ mit ihrem „Rebellen-Mind“, ihren Lüsten und der Spielzeugbeschaffung beschäftigt sind.

      Was uns hier aus den Städten (allen voran Berlin) als „Freiheit“ und existentiell für demokratische Gesellschaften verkauft wird, ist nichts anderes, als gut getarnte Tyrannei der Vertreter eines bestimmten Lebensstils.
      Ich persönlich habe weniger Angst vor Dieter Nuhr und Konsorten, mich beschäftigen die Lacher und der breite „Kaka“ – Konsens.

      Würde ich als Einwanderer in dieses Land kommen, dann würde auch ich sofort einen eigenen Kiez mit meinen Leuten und eigener Polizei aufmachen, weil ich für die Pubertären, die hier das Gemeinwesen bestimmen, Freiwild bin mit meinen lächerlichen, voraufklärerischen Gewohnheiten und Empfindlichkeiten. Ich bin hier Zeuge einer Neuauflage von „am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ oder besser „am urbanen Wesen soll die Welt genesen“. Ja, wirklich, in einer Demokratie, wo ich von Natur aus und per ordre de Stadt – Mufti zu den DOOFEN zähle, fühle ich mich doch frei und würdig…und der „Pseudo – Voltaire“ bleibt mir im klammen Halse stecken!
      Mit Demokratie, Meinungsfreiheit und Menschenrechten oder gar Menschenwürde hat das alles nichts zu tun: it’s survival of the fittest.

      Die Freiheit besteht in erster Linie nicht aus Privilegien, sondern aus Pflichten.

      Albert Camus

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