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Effata – vom falschen Schweigen

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Effata – vom falschen Schweigen

Ein Text zum Nachdenken von Ida Friederike Görres

„Daß es zahllose Sünden und Verfehlungen durch das Reden gibt, bedarf keiner Erörterung. Die Schrift weiß, daß ein vollkommener Mensch ist, der nicht durch die Zunge fehlt. Daß es in der viel zu lauten, übergeschwätzigen, in Wortgeräusch ertrinkenden Zeit ein Zuviel an Schweigen geben kann, das uns ebenfalls in Schuld und Sünde verstrickt, steht weit weniger in unserem Bewußtsein.

Jesus heilt den Taubstummen

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Zuviel Schweigen?
Sagen wir lieber: Schweigen am unrechten Ort, zur unrechten Zeit.
Das falsche, das gefährliche Schweigen ist immer eine Verweigerung, entspringt der Furcht, dem Geiz, dem Mangel an Liebe.
Was wird verweigert? Frage, Mitteilung, Lob, Trost, Aufklärung, Schuldbekenntnis, Eingeständnis der Schuld, Verzeihung, Bekenntnis: immer wieder das lösende, tröstende, heilende, helfende, erhellende, ja das rettende Wort.
Denn  das Wort ist nun einmal eine der stärksten Mächte zur Lebenshilfe; vieles Notwendige kann nicht ohne das Wort gewirkt werden: Mißbrauch ist schlimm, Verweigerung kann ebenso schlimm sein.
Da ist die Frage: das schlichte Werkzeug des Mitgefühls, der Teilnahme, des Interesses. Die simple Alltagsfrage: „Wie geht es Ihnen? Was ist denn heute los mit Dir? Haben sie etwas?“ {…}
Die teilnehmende Frage verrät Aufmerksamkeit und Offenheit: der andere wird überhaupt einmal zur Kenntnis genommen. Seine Einsamkeit, sein Befinden, seine betrübte oder sorgenvolle Miene ist dem Beobachtenden nicht gleichgültig: der Befragte ist nicht „niemand“ für ihn. Und schon dies ist ein Geschenk, das gegeben oder verweigert werden kann.
Warum verweigern wir sie eigentlich, diese Kleinigkeit?
Weil wir uns fürchten. Weil die Frage unter Umständen eine Tür öffnet, die sich vielleicht nicht wieder so leicht schließen läßt, durch die Unvorhergesehenes, Unerwünschtes in unser Leben eintreten könnte: das Mitwissen um eine Not, Bitte, Verantwortung.
Frage ist Zu – Wendung; wer fragt, öffnet sich, er „läßt sich ein“ mit den anderen, er läßt den anderen ein – weiß man, wie lang er dann bleiben wird? Also lassen wir die Tür lieber zu.
„Er sah ihn und ging vorüber.“
Trägheit unseres Herzens, Armut der Herzen!
Aperi, Domine, os meum. Öffne, o Herr, meinen Mund – zur rechten Zeit!“

Effata – öffne Dich! (Markus 7, 31 – 37)

Ida-Friederike-GörresIda Friederike Görres,
Der karierte Christ,
„Vom falschen und vom rechten Schweigen“, Frankfurt 1964

Siehe auch:
Der gute Rat als Werk der Barmherzigkeit

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