Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Es ist ein Schnitter, heißt der Tod – barocke Emblematik

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Es ist ein Schnitter, heißt der Tod – barocke Emblematik

Ich packe die Gelegenheit beim Schopf und zeige Ihnen nochmals das emblematische Bild zum Juli von Gottfried Bernhard Göz (1708 – 1774) aus dem spätbarocken Heiligenkalender der Gebrüder Klauber, Augsburg (um 1740).

Vorsatz Juli Heiligenkalender  Gebr. Klauber, Augsburg ca. 1740 - 1750

Vorsatz Juli
Heiligenkalender
Gebr. Klauber, Augsburg
ca. 1740 – 1750

Die Menschen unserer Zeit können im Allgemeinen mit der Bildsprache des Barock oder gar des Spätbarock in unseren Kirchen wenig anfangen. Sie sehen nur eine veraltete „Dekorationskunst“ voll der Sinnenfreude und Verschwendung des absolutistischen Zeitalters. Für Protestanten ein Greuel, für asketisch orientierte Katholiken ein Ärgernis.

Stellvertretend mag folgende Anekdote von einer lieben Freundin stehen:
„Nach dem Kriege wurde ich von meinem alten Onkel aus Ostfriesland besucht. Ein aufrechter Patriarch, Vorsteher seiner calvinistischen Gemeinde und gezeichnet vom Verlust seiner fünf Söhne im Krieg. Wir wollten ihm als junges Ehepaar eine schöne Zeit machen und unternahmen Ausflüge durch die schöne Landschaft der Schwäbischen Alb. Bei einem dieser Streifzüge kamen wir am Kloster Zwiefalten vorbei und mein katholischer Mann wollte ihm die schöne Basilika zeigen. Wir betraten den eindrucksvollen, reich geschmückten Raum. Mein Onkel blickte auf, sein Gesicht erstarrte, er wandte sich um, ging hinaus – UND ES WURDE NIE WIEDER DARÜBER GESPROCHEN…“

Unverstanden bleibt die barocke Emblematik. Man kann diese Kirchen „lesen“ und wird nicht fertig damit. In meiner Wahlheimat Oberschwaben bin ich an der „schwäbischen Barockstraße“ umzingelt von diesen Kirchen, von klein und dörflich bis groß und majestätisch. Darin ausgebreitet und vielfach verschlüsselt das Weltwissen des 17. und 18. Jahrhunderts. Wer sich in christlicher Ikonographie und Emblematik nicht auskennt (und dieses Wissen verdünnt sich in rasanter Geschwindigkeit und droht ganz aus der Allgemeinbildung zu verschwinden), der steht vor diesen Kunstwerken „wie der Ochs am Berg“. Er erfasst nur die bare Oberfläche der Bilder – die Tiefe der Aussage, der oft verborgene Humor, die „Holographie“ des christlichen Denkens darin entgeht dem unkundigen Betrachter.

Die barocke Emblematik ist eine besondere Spielart der Allegorie. „Gemäldepoesie“ nannten Barockpoeten die Embleme und Herder bezeichnete sie treffend als „Denkbilder“. Ein Emblem besteht aus einem (rätselhaften) Kupferstich oder Holzschnitt (Pictura), einer sentenzhaften Überschrift (Inscriptio, Motto) und einem den Bildinhalt deutenden Epigramm (Subscriptio), meist in lateinischer Sprache. 
Diese dreiteilige Bauform ist für das Emblem charakteristisch, die Doppelfunktion von Abbild und Deutung gehört zum Wesen des Sinn – Bildes.
Solchen dreiteiligen, aus allegorischen und mythologsichen Versatzstücken komponierten Sinnen – Bildern begegnen wir in Barockkirchen, in denen sie Deckengemälde kommentierend umranken, in Schloss – Sälen und Rathäusern, auf Epitaphen (Grabinschriften) und auf Titelkupfern. Emblemsammlungen waren begehrte, weit verbreitete Werke. ANDREAS ALCIATUS‘ Emblematum Libellus (1531) galt als das emblematische Standardwerk der Epoche. Amblembüchern dienten Malern als Vorlage für ihre Bildprogramme; Intellektuelle verwendeten ihren Scharfsinn die rätselhaften Anspielungen der Bilder zu entschlüsseln.
Die Umsetzung der res picta, der abgebildeten Sache in sprachliche Bilder, ist für das Verständnis barocker Metaphorik unverzichtbar. {…}“ aus: Wissensdatenbank Kerber

Betrachten wir also unseren Kupferstich nach der emblematischen Dreiteilung: ich will Ihnen ein bißchen Lust auf die Entschlüsselung dieser Bilder machen!

Inscriptio,
das „Motto“ des Bildes:
„MENSE SEPTIMO. LEV. 23“
verweist auf das Dritte Buch Mose (Levitikus):
22 
Wenn ihr die Ernte eures Landes einbringt, sollst du dein Feld nicht bis zum äußersten Rand abernten und keine Nachlese deiner Ernte halten. Du sollst das dem Armen und dem Fremden überlassen. Ich bin der Herr, euer Gott.
Der Neujahrstag 23 Der Herr sprach zu Mose: 24 Sag zu den Israeliten: Im siebten Monat, am ersten Tag des Monats, ist für euch Ruhetag, in Erinnerung gerufen durch Lärmblasen, eine heilige Versammlung. 25 Da dürft ihr keine schwere Arbeit verrichten und ihr sollt dem Herrn ein Feueropfer darbringen.“ (EÜ) 
„Si foenum agri Deus sic vestit, quanto magis vos? Matth.6.“ ist eine Kurzfassung von Matthäus 6, 24 – 26 (Einheitsübersetzung)
24 Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.
25 Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt. Ist nicht das Leben wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung?
26 Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?“

Pictura (Icon), die chiffrierte Bildaussage:
Nichts an diesen Bildern ist „zufällig“, ungewollt. Sehen Sie die Schematisierung unseres Bildes:

EmblemLesen wir das Bild von links nach rechts und von unten nach oben:

SchnitterWir sehen den Tod als „Schnitter“ mit Sense, wie er weit ausholt, vor ihm eine „Lilie auf dem Felde“ (Unschuld), frisch geschnitten. Überragt und umrahmt ist er von den „Mitteln zum Heil“ unter besonderer Berücksichtigung dessen, was Ignatius von Loyola lehrt (ihn sieht man auch im Meßgewand auf einer Wolke liegend, mit Blick auf die Gottesmutter und auf die heilige Schrift zeigend, im oberen rechten Quadranten dieses Bildausschnittes). Wir sehen am linken Bildrand das Kreuz mit „Heilswerkzeugen“, die wie die Marterwerkzeuge aus Jesu Leidens-geschichte, am Kreuz ausgestellt sind („Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“): die Werkzeuge der geistlichen Arbeit.
Neben dem alles überragenden Kreuz finden wir da den Rosenkranz und das Skapulier (wohl vom damals sehr verbreiteten Berge Karmel), darunter das Emblem der Jesuiten (uns neu vertraut durch das Wappen von Papst Franziskus), die Heilige Schrift, Andachtsbilder (wohl die Zugabe der frommen Kupferstecher) und die Lilie als Symbol für die evangelischen Räte – Armut, Jungfräulichkeit, Gehorsam.
Dann folgen zwei Rosen im Gebinde mit Geißel und Dornengürtel (die Ausstattung der Büßer) und zuletzt Hut, Pilgerstab und Reiseranzen (die Grundausstattung des Pilgers).
Die Pflanze am Fuß des Kreuzes ließe sich als Dornengestrüpp interpretieren („…da haben die Dornen Rosen getragen, Jesus und Maria…“).

BauerSpiegelbildlich der Bauer als Schnitter, der „im Schweiße seines Angesichtes“ erntet und reiche Frucht heimfährt. Das Bild wird rechts begrenzt von den Werkzeugen der irdischen Arbeit: ein Grasrechen, der gleichzeitig als Stock für die Erntemieten dient, umrankt wird er von der Wicke, die im Juli blüht und Demut, Treue und Geduld symbolisiert. Sense, Forke, Sonnenhut, Wasserkrug, Brotkorb und Wetzstein im Kumpf lassen einen sommerlichen Erntetag nachempfinden. Wie Ignatius im ersten Bild, sieht man nun Verstorbene wie Erntearbeiter in der Ruhe oder beim Angelus auf der Wolke, die dem Bauern am nächsten ist.

In unserer Zeit wird der Tod verdrängt, verborgen und zum Tabu erklärt. Unsere Vorfahren erlebten ihn als tägliche Realität und der Glaube gab ihnen Ziel und Richtung in der Lebensführung. Erde und Himmel waren weit weniger voneinander entfernt, als in unserer rein weltlich, materialistisch ausgerichteten Epoche. Die Liedsammlung „Des Knaben Wunderhorn“ überliefert uns das „Schnitterlied“:

Es ist ein Schnitter, der heißt Tod,
Hat Gewalt vom höchsten Gott,
Heut wetzt er das Messer,
Es schneidt schon viel besser
Bald wird er drein schneiden,
Wir müssens nur leiden.
Hüte dich schöns Blümelein!

PaeoniaWas heut noch grün und frisch da steht,
wird morgen schon hinweggemäht:
Die edlen Narzissen,
Die Zierden der Wiesen,
Die schön‘ Hyazinthen,
Die türkischen Binden.
Hüte dich schöns Blümelein!

Viel hundert tausend ungezählt,
Was nur unter die Sichel fällt:
Ihr Rosen, ihr Liljen,
Euch wird er austilgen
Auch die Kaiser-Kronen,
Wird er nicht verschonen.
Hüte dich schöns Blümelein!

Das himmelfarbe Ehrenpreis,
Die Tulipanen gelb und weiß,
Die silbernen Glocken,
Die goldenen Flocken,
Senkt alles zur Erden,
Was wird daraus werden?
Hüte dich schöns Blümelein!

RanunkelIhr hübsch Lavendel, Rosmarein,
Ihr vielfärbige Röselein,
Ihr stolze Schwertliljen,
Ihr krause Basiljen,
Ihr zarte Violen,
Man wird euch bald holen.
Hüte dich schöns Blümelein!

Trotz! Tod, komm her, ich fürcht dich nicht,
Trotz, eil daher in einem Schnitt.
Werd ich nur verletzet,
So werd ich versetzet
In den himmlischen Garten,
Auf den alle wir warten.
Freu dich du schöns Blümelein.

Laut Wikipedia ist das Lied auch in katholischen Gesangbücher des 17. und 18. Jahrhunderts eingegangen, besonders in die Gesangbücher des Martin von Cochem und in das Geistliche Psälterlein P. P. Societatis Jesu, In welchem Die ausserlesenste alte und neue Kirchen- und Hauss-Gesäng … verfasset ist (1668 u.ö.). Der Text ist auch unter verschiedenen anderen Titeln bekannt (Der Schnitter Tod, Erntelied). Johann Wolfgang von Goethe bemerkte in seiner Rezension von Des Knaben Wunderhorn zu dem Lied: „Katholisches Kirchen-Todeslied. Verdiente protestantisch zu seyn.“ (Anm.: Witzbold protestantischer….)

Die Quelle der Zuversicht: Der Himmel

ErloesungTrotz! Tod, komm her, ich fürcht dich nicht,
Trotz, eil daher in einem Schnitt.
Werd ich nur verletzet,
So werd ich nur versetzet
In den himmlischen Garten,
Auf den alle wir warten.
Freu dich du schöns Blümelein.
Der Regenbogen der „neuen Schöpfung“ mit dem Löwen als Symbol für die Majestät des Erlösers, des Weltenherrschers Jesus Christus, spannt sich über Himmel und Erde. Darunter im Zentrum Maria in Zwiesprache mit der hl. Afra und im Blickkontakt mit Ignatius. Maria in Fürbitte für die Menschen mit gefalteten Händen. Direkt neben ihr die verstorbenen Ernteleute „in der Ruh'“. Der Berg mit Kloster, der Fluß mit Brücke und die Stadt mit Kirche symbolisieren die „Gnadenorte“ der Christenheit, die Orte, wo Mensch und Gott sich im Sakrament begegnen.

HimmelDieser „schwäbische Himmel“, diese Unsichtbare Kirche ist bevölkert von Heiligen und Frommen in Anbetung und Fürbitte. Gleich über dem Kopf des Bauern sitzt der hl. Bischof Ulrich von Augsburg im Gespräch mit dem hl. Apostel Jakobus dem Älteren. Links, beim Volk, den Frauen,  der hl. Franziskus oder Antonius? Ein Franziskaner jedenfalls.
Ein breiter Fluß deutet die überbrückbare, begehbare Grenze zwischen Himmel und Erde an und Brücke für die hart arbeitenden, erlösungsbedürftigen Menschen ist die sichtbare Kirche mit ihren Gnadenmitteln.

Subscriptio, „die Moral von der Geschicht'“:
„Facti sunt sicut foenum agri, et gramen pascuae. Is.37.“ meint Jesaja 37, 27:
„Sie glichen den Pflanzen auf dem Feld, dem frischen Grün, dem Gras auf den Dächern, das im Ostwind verdorrt.“
So haben wir mit diesem Bild ein veritables „Memento Mori“ vor Augen. Mitten in der Sommerfülle werden die Tage kürzer und die Zeit der Ernte nähert sich. Bedenke, „kleins Blümelein“, daß Du Staub werden wirst, verstricke Dich nicht allein in weltlichen Dingen, Brotarbeit, sondern sammle Dir „Schätze im Himmel“.

Und nun viel Freude beim Betrachten von alten Stichen und vor allem bei der Besinnungs- und Betrachtungsreise durch unsere süddeutschen (Spät-) Barockkirchen – nehmen Sie Zeit mit!
Wer sich noch mehr in das Thema vertiefen möchte, dem empfehle ich den Text von Christina Eddiks (PDF).

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5 Kommentare

  1. Herzlichen Dank! Das drucke ich mir aus, wenn ich darf.

  2. Es ist ein Schnitter, der heißt Tod ist ein grandioses Lied!

    Trutz Tod, komm her, ich fürcht Dich nit
    trutz Tod, komm, tu Dein Schnitt
    wenn er mich zerfetzet,
    dann werd ich versetzet
    ich will es erwarten
    den himmlischen Garten
    Freu Dich, schöns Blümelein!

  3. Ups, hast Du ja schon auch geschrieben 😉

    Ich kenne es in einer leicht anderen Version, aber das ist ja egal. Interessant ist, daß moderne Adaptionen (bspw Liederjan) diese letzte Strophe – letztlich die katholischste von allen – weglassen. Diese Strophe ist es, die aus reiner Todesromantik, aus einem nur deprimierenden Lied, das genuin katholische machen. Grandioses Lied, wie schon gesagt.

    • Ja, ich kenne es auch leicht anders, diese Fassung kommt aus Brentanos „Wunderhorn“.
      Also wenn ich meine Phantasie bemühe (d.h. es ist kein gesichertes Wissen), könnte ich mir vorstellen, daß die vielen Blumen (es werden in anderen Versionen noch viel mehr aufgezählt) auch Sinnbilder sind für die unterschiedlichen Stände und evtl. Charakter. Ähnlich den im Spätmittelalter sehr verbreiteten Totentänzen. Die Renaissance war ja „blumentoll“. (Was den spanischen Mönchen in Mexico sehr geholfen hat bei der Evangelisierung: die Indigenes kannten die ornamentalen Blumen als Symbole der Gottesverehrung aus ihrer eigenen Kultur. Bis heute spielen Blumen im mexikanischen Gottesdienst eine zentrale Rolle.)
      In meiner „Zupfgeigenhansel – Jugend“ wurde die letzte Strophe noch laut und herzhaft – gegröhlt – gesungen.

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