Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

„Evangelium am Schnürchen“ in Gefahr

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„Evangelium am Schnürchen“ in Gefahr
In Sorge um den Rosenkranz – what goes wrong?

Warum in Sorge?

In Sorge, weil Verwirrung herrscht im Lande der Rosenkranzbeter. Verwirrung, wie da auf dem “unordentlichen” Bild.

Wenn ein Neugieriger im Netz sucht und will wissen, was hat es denn nun mit dem Rosenkranz der Katholiken auf sich, dann trifft er auf ungezählte Seiten, z.T. ungewissen Ursprungs. Es ist Interessantes und Erbauliches dabei, aber leider auch Fragwürdiges, das alles widerspiegelt, aber nicht DEN Rosenkranz, den wir hier meinen, nicht DEN Rosenkranz, den die Kirche meint.

“So gerne schwierige Themen verdrängt werden, so aufschlussreich sind sie in der Regel. Dies gilt auch für den Rosenkranz. Darum drei Feststellungen zu Beginn, die deutlich ausgesprochen werden müssen:

1. Keinem Ausdruck der katholischen Frömmigkeit haftet so sehr das Odium des Traditionellen, gar Traditionalistischen, des Unzeitgemässen, ja Antimodernen an wie dem Rosenkranz.

2. Kein anderes Gebet der Christenheit hat eine so spannende, vielfältige und vielschichtige Geschichte wie die monotone, repetitive Frömmigkeitsübung des Rosenkranzes. Doch kaum jemand kennt sie.

3. Diese Frömmigkeitsübung hat die abendländische Kultur so sehr mit geprägt, dass im Katholizismus bis weit ins 20. Jahrhundert hinein Beten praktisch bedeutete: den Rosenkranz beten. Zweifelsohne ist der Rosenkranz als die Meditationsform des westlichen Christentums zu bezeichnen, nur ist sich praktisch niemand in der Öffentlichkeit dessen bewusst.” (1)

Das schreibt der Schweizer Theologe Urs-Beat Frei in einem Artikel für die Schweizer Kirchenzeitung im Jahr 2003.

Und wirklich: der Rosenkranz, das Rosenkranzbeten ist “gekapert”, ja “gekidnapped” worden. Immer wieder wird er aus der Mitte der katholischen Alltagsfrömmigkeit “herausstibitzt” und fremden Zwecken zugeführt. Allen voran wird er zum Mittelpunkt einer z.T. sehr ungeklärten und diffusen “Marienfrömmigkeit” erklärt. Er wird regelrecht vereinnahmt, mit Mariengebeten zu etwas „aufgebläht“, das er nicht ist und immer weiter von seinem Kern entfernt: “dem Evangelium am Schnürchen”.

Was am Habit von Ordensleuten seinen Platz hatte, was gläubige Eltern ihren Kindern beibringen, was man gemeinsam und in Solidarität in der abendlichen Kirche betet, wenn wieder einer von uns “vorausgegangen” ist, was uns alle hält, wenn alle Hilfe fehlt, das ist dieses Schlichteste aller Gebete. Eine Betrachtung des Evangeliums eingebettet in die Grundgebete der Kirche und ergänzt um die Anrufung des Bernhardin von Siena  “Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder JETZT und in der Stunde unseres Todes. Amen”

Und nun?

Auf “frommen” Seiten vereinnahmt, mit “überfrommen” Traktaten und Traktätchen belegt. Ja gar zur „Waffe im Kampf“, zum „Symbol des Kampfes“ erklärt, gespickt mit angeblichen Ansagen der Gottesmutter aus Privatoffenbarungen (an die zu glauben und an deren Weisungen sich zu halten kein gläubiger Katholik vom Lehramt verpflichtet wird) wird er dem Neugierigen verleidet, wird der Hungrige vertrieben, weil ihm nicht dargeboten wird, was er sucht: das schlichte alte Gebet, das wie ein Band um die Jahrhunderte der pilgernden Kirche geschlungen ist.

Da findet sich mehr “privates” Verständnis, private Vorliebe, private Auffassung von (Marien- ) Frömmigkeit, als ein Bild dessen, was es heißt: ROSENKRANZ BETEN. Aus pastoraler Sicht eine Fehlentwicklung und eine echte Gefahr für die Weitergabe dieser kostbaren Kontemplationsmethode der Kirche.

” Diese Feststellungen müssen zu denken geben, zugleich beinhalten sie eine gewaltige analytische beziehungsweise diagnostische Herausforderung: Wie und warum ist die Meditationsform des westlichen Christentums in die Situation gekommen, in der sie sich aktuell befindet, wohingegen andere, vor allem östliche Meditationsformen boomen? Was führte zum heutigen Image des Rosenkranzes? Und welche Schlüsse sind daraus zu ziehen? Natürlich kann auf diese Fragen hier keine umfassende Antwort gegeben werden. Um aber in diese Richtung wenigstens vorzuarbeiten, gilt es zunächst, schnelle und vereinfachende Antworten abzuweisen und die Frage möglichst umfassend anzugehen. Es ist im wörtlichen Sinne not-wendig, sich zuerst geschichtlich kundig zu machen. Dabei ist der distanzierte, klärende Blick nach beiden Seiten zu richten: auf die Tradition, um sie vom Traditionalistischen zu befreien, und auf die Moderne, um deren Antireflex zu überwinden.” (2)

Und ist es denn wirklich so, daß der moderne Mensch per se nichts mehr mit diesem alten Gebet, dieser Gebets- und Betrachtungsweise anfangen kann? Meine Erfahrung ist da durchaus eine andere.

Ablehnung begegnet mir bei Menschen, die als Kinder mit dem Rosenkranz überfordert wurden, die auf nicht kindgemäße Weise von den Erwachsenen “ins Gebet genommen” wurden. Bei Erwachsenen, denen nie der Sinn der Betrachtung vermittelt wurde und die nur das monotone Herableiern von Gebeten im Ohr haben. Erwachsene, die mit dem “Du mußt noch deinen Rosenkranz beten” aufgewachsen sind.

Ganz große Ablehnung, ja geradezu Gegenwehr erlebe ich bei Leuten, die mit dem ganzen Wust von “volkstümelnder” Frömmigkeit, Privatoffenbarungsaussagen und kitschig bunter Ästhetik nichts anfangen können und wollen.

Bei “Unbelasteten” erlebe ich viel Neugier, Unvoreingenommenheit und Bereitschaft, sich auf diese Gebetsform einzulassen. Schon oft habe ich erlebt, daß durch eine kundige UND nüchterne Unterweisung, gepaart mit der entsprechenden Praxis, die Türen sich öffnen auch bei (ehemaligen) Skeptikern. Lassen wir noch einmal Urs-Beat Frei zu Wort kommen:

“Um die Erneuerung (Anm. des Blogautors: “wie sie von Johannes Paul II. in Rosarium Virginis Mariae angestossen wurde”.) konsequent und mit Bedacht fortzuführen, ist ­ nochmals ­ der Blick auf die Anfänge des Gebets respektive des Betens mir der Kette zu richten, das mehr durch seine rhythmisch-repetitive Form gekennzeichnet ist, als durch seinen Inhalt. Bruder Klaus jedenfalls kannte eine Vielfalt von Inhalten, mit einer klaren christologischen Ausrichtung. Das macht eine neue Interpretation der bekanntesten Darstellung von ihm, des Sachsler Altarbildes von 1492, überraschend deutlich. Auf diesem wird der Eremit mit einer schlichten Gebetskette ohne Einteilung dargestellt. {…}

Bruder Klaus mit „Bätti“,
eher Paternosterschnur, noch nicht
„Rosenkranz“

Was bislang nie im Zusammenhang mit der entsprechenden Typologie gesehen wurde, ist die Physiognomie des Heiligen auf diesem Bild. Diese wurde stets nur unter dem Aspekt der Porträtähnlichkeit diskutiert. Meines Erachtens müssen aber die gewiss vorhandenen individuellen Züge vor dem Hintergrund der allgemeinen Typologie gelesen werden, und zwar nicht nur in kunsthistorischer Optik!

Da es sich bei der Sachsler Altartafel zweifelsohne um den physiognomischen Typ des Christusantlitzes handelt, wird diese Lesart auch aus theologischer Sicht höchst bedeutungsvoll. Bruder Klaus erscheint demnach als einer, der in ausgezeichneter Weise christusförmig geworden ist und auf vorbildliche Art die Imitatio Christi verwirklicht hat, und dies wohl nicht nur als Eremit, sondern auch als politischer Ratgeber, der er vom Ranft aus ebenso war. Genau diesem Zweck, der Imitatio Christi, aber diente im Mittelalter die Form der zergliedernden Meditation, insbesondere der Passion, mittels der Gebetskette.

Insofern erweist sich auf dieser Darstellung das «Bätti» (der Rosenkranz, Anm.) von Bruder Klaus als das Mittel und sein Antlitz als das (realisierte) Ziel der Meditation. Dadurch erfährt die Andachtskette eine sonst nie gesehene, völlig einzigartige christologische Nobilitierung und erweist sich, weil und insofern Christus als Idealtyp des Menschen gilt, als Signum des (religiösen) Menschen schlechthin.” (3)

Es ist eine der gewaltigsten Errungenschaften der katholischen Gebetstradition, daß es beim Rosenkranz zu dieser einmaligen Vereinigung von Schriftkenntnis, Beten mit der Kirche, Fürbitte, Betrachtung = christlicher Meditation kam. Oder wie Scherschel (4) sagt, zum JESUSGEBET DES WESTENS.

Wer dieses altehrwürdige und zutiefst schlichte Gebet mit Gebeten aus Privatoffenbarungen oder aus frommen Schriften überfrachtet, der muß sich bewußt machen, daß er auch Hand anlegt an die Früchte dieser Gebetsform: wie wir von Frei gehört haben, an nichts Geringeres als ein Gebet, das in die “Imitatio Christ” zu münden geeignet ist.

Um es nochmals in aller Deutlichkeit zu sagen: der Rosenkranz ist eine Leben Jesu Meditation. Wie der “Engel des Herrn” soll er dem Beter dazu verhelfen, sich in das Mysterium des “Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt” zu versenken.

Was man Maria von Nazareth antut mit einer verzerrenden Volks- bzw. Privatfrömmigkeit, ist hier nicht mein Thema…

Für das Beten mit dem Rosenkranz jedoch gilt ganz klar: durch Maria zu Jesus. Mit Maria betrachten wir das Mysterium der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Mir liegt die Erneuerung dieser Gebetsform sehr am Herzen und daher erlaube ich mir diesen Einspruch.

Seien wir also aufmerksam und lassen wir uns den Rosenkranz nicht von „Sondergruppen“ entreissen und entstellen. Dieses „Friedensgebet“ der Kirche musste stets in der Geschichte vor Mißbrauch geschützt werden und leider muß man das auch heute konstatieren.

 

Bei dieser Gelegenheit hier der Verweis auf die korrekte Anleitung zum Rosenkranzgebet und das Apostolische Schreiben von Johannes Paul II. Rosarium Virginis Mariae

Anmerkung 1 – 3 sind dem Artikel “Urs – Beat Frei, Der Rosenkranz – ein schwieriges Thema!” © Schweizer Kirchenzeitung 2003 entnommen
Anmerkung 4 bezieht sich auf die Dissertation von Rainer Scherschel, “Der Rosenkranz – das Jesusgebet des Westens”, Herder Freiburg 1979
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2 Kommentare

  1. Ein wunderbarer post. Wie für mich geschrieben. Warum es mir schwer fällt mich Rosenkranzbetend zu zeigen (sogar in der Kirche, ts). Warum ich den Rosenkranz aber so liebe, dass ich die Kette am liebsten um den Hals tragen würde. Mein Meditationsinstrument, mein Kette zu Gott.
    Dankeschön.

  2. Geht mir ebenso. Ich liebe inzwischen den Rosenkranz und habe ihn fast immer bei mir, sträube mich aber immer noch, ihn zu beten. Für mich tut es dann das Angelus.

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