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Gebet – Kunst – Geschichte

Ferdinand Reisner SJ – eine Predigt von 1782 zum Rosenkranzfest

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Ferdinand Reisner SJ – eine Predigt von 1782 zum Rosenkranzfest

Diesen schönen Fund will ich den Lesern dieser Seite nicht vorenthalten: eine Predigt zum Rosenkranz aus bewegter Zeit. Ferdinand Reisner SJ (1721 – 1789) schrieb sie für die Predigtsammlung „Fünffache Lob und Sittenpredigten auf die Festtage Mariä, und auch des heiligen Rosenkranzes“ als Benefiziat in Pasenbach, wo er nach der Aufhebung des Jesuitenordens lebte. Eine spannende und streckenweise amüsante Lektüre mit einer Apologie zum Rosenkranzgebet durch einen gelehrten Pfarrherrn und Doktor der Theologie im Zeitalter der Aufklärung.
Die Abschrift ist in Orthographie und Interpunktion der Druckausgabe belassen worden, die Hervorhebungen stammen vom Autor. Sie können den Text auch als PDF laden und in Ruhe ausgedruckt lesen.

Ferdinand Reisner SJ
Zweyte Predigt
auf das hochfeyerliche Fest des allerheiligsten Rosenkranzes

Den Weizen aber sammelt in meinen Scheuern

Reisner_1Nichts fällt einem guten wirthschaftlichen Hausvater  verdrüßlicher, als wann in seinem sonst guten fruchtbaren Acker unter dem guten Weizen vieles Unkraut, oder Afterkorn mit aufwächst. Die getreuen Knechte, oder Dienstbothen eifern über derley Unkraut, und fragen: Willst du, daß wir es ausreuten?

Nein, spricht der Hausvater; denn es konnte sich ereignen, daß ihr sammt dem Unkraut auch den guten Weizen auswurzelt; weil sich manchmal die beyden Wurzeln vermengen, und in einander flechten.

Geliebteste! auch in dem marianischen Acker läßt sich oft neben dem guten Saamen manches Aftergewächs blicken. In derley Versammlungen, Bruderschaften, Verbindnissen giebt es nicht selten neben der wahren Andacht auch unächte Afterandachten.

Weisheit, und Geduld müssen da in das Mittel treten, man muß zuwarten bis zur Zeit der Ernde, des Schnittes. Dann wird der göttliche Hausvater, oder die göttliche Mutter den Engeln befehlen: Bindet zuvor das Unkraut in Büscheln zusammen, werfet selbes in das ewige Feuer; aber den guten Weizen sondert ab, und sammelt in meine Scheuern; sondert, scheidet ab die Undiener, die falschen, die Afterdiener von den wahren Dienern Mariä, und sammelt diese aus allen Congregationen, Bruder = und Schwesterschaften; führet diese meine Diener, oder vielmehr Kinder zu mir in die ewige freudenreiche Wohnungen; dieses auserlesene Getraid in die ewige Scheuern; es gehöret nur meinem Sohne, und mir zu.

Bettlerin mit RosenkranzSo einen ausgewählten Weizen ersehe ich heute in hiesiger marianischen Versammlung unter dem Titel des allerheiligsten Rosenkranzes.  Deutlicher zu reden: ich sehe in dieser Versammlung eine wahrhaft kernigte Andacht zu Maria; denn man läßt sich nicht nur lediglich in diese Bruderschaft einschreiben, sondern man entrichtet, was die Satzungen ohne einigen Zwang, ohne auch nur kleiner Verbindlichkeit unter einer läßlichen Sünde vorschreiben. Man reiniget monatlich sein Gewissen durch eine reumüthige Beicht, und das Sakrament der Buße; man genießt das Brod der Engel andächtig; man erscheinet bey gewöhnlichen Versammlungen auferbäulich; man hält die ausgezeichneten Bethstunden genau; die wahren lieb = und ehrfurchtvollen Kinder flechten ihrer Mutter wochentlich einen dreyfachen Rosenkranz, mit welchem sie Mariam verzieren, und ausschmücken.
Sie üben Werke der Liebe in einer wahren Gemeinschaft der Heiligen, da sie besonders heutiges Tages einen Theil ihrer Verdienste den verstorbnen Mitbrüdern, und Schwestern angedeihen lassen,  und stellen auf solche Weise die ersten Christen vor, bey welchen kein Eigenthum war; indem sie alle ihre Habschaften zu den Füßen der Apostel zum allgemeinen Gebrauche hinlegten.

Ich kann demnach heute nichts nützlichers thun, als daß ich die aufrichtigen, andächtigen Kinder einer so liebevollen Mutter, die Pflegkinder Mariä in ihrer kindlichen Andacht stärke, und zur Beharrlichkeit auffrische; ich habe Ursach zu behaupten, daß die Pflegkinder Mariä jener edle auserlesene Weizen seyn, der nur in die himmlische Scheuern gesammelt werden wird. Diese haben den beßten Theil erwählet.

Reisner_2Denn diese krönen ihre Mutter in der Zeit; und werden entgegen als wahre Kinder von ihrer Mutter gekrönet in der Ewigkeit.

Fürwahr, Maria kann mit größerm Rechte, als der heilige Paulus von seinen Philippern sprechen:  Ihr seyd meine Herzensfreude, meine Krone.

Weil sie diese Königinn krönen mit dem heiligsten geheimnißreichen Rosenkranze; da sie diese Krone flechten, das ist sammtlich, oder einzel insbesonder den Rosenkranz abbethen, erinnern sie sich mit Andacht der Freuden Mariä, als der reinesten Jungfrau; sie erinnern sich der Schmerzen Mariä, als einer Mutter, derer Herz das Schwert der Schmerzen durchbohret hat; sie erinnern sich der Glorie, oder Herrlichkeit Mariä als der Königinn aller Heiligen, und dieß heißt Mariam krönen in der Zeit, ist der erste Theil.

Und diese getreue Jungfrau, diese liebliche Mutter, diese mächtige Königinn bewahret, beschützet, krönet ihre Nachfolger, ihre Kinder, ihre Vasalen in der Ewigkeit, ist der zweyte.

Ich bitte nicht um Geduld, denn die Kinder hören immer gern von der Mutter reden; ich bitte aber Gott um Gnade, und Mariam um ihren mütterlichen Segen, damit meine Worte nicht nur auf die Ohren, sondern auch wirksam in die Herzen dringen. Gott segne meine Absicht.

 

Erster Theil.

Die Kinder krönen ihre Mutter in der Zeit.

O heiliger, unaussprechlich göttlicher Gruß! rufet aus der vorzügliche Diener Mariä Franciscus von Sales, dessen Urheber, und Verfasser die allerheiligste Dreyfaltigkeit selbst ist; welchen Gruß einer der fürnehmsten Himmelsfürsten zuerst im Namen Gottes verkündiget hat; welchen die heilige, von dem heiligen Geiste erleuchtete Elisabeth vermehret, welchen die katholische Kirche vollendet hat, welchen wir von unsern gottseligen Vorältern ererbet haben! Betrachtet diesen Gruß, diese Abbethung Bildschirmfoto 2013-05-26 um 02.12.49des heiligsten Rosenkranzes nach allen ihren Umständen. Alles ist in dieser Uebung vernünftig, heilig, göttlich; der Name: Rosenkranz, die Gebethe, die Wiederholung dieses Grußes, die Abzählung, die Korallen, oder Kügeln selbsten.

Der Name Rosenkranz, der unsern Glaubensgegnern,  oder den Religionsspöttern so verdrüßlich fällt, wie viele Geheimnissen decket er uns auf? Ist nicht Maria jene geheimnißvolle geistliche Rosen, jene jerichuntinische Rose, welche allein ohne Dörner, ohne Mackel der Erbsünde geblühet hat?  Zeiget dieser Name nicht das an, was Gott in dem hohen Liede sowohl von der wahren Kirche, der Braut Jesu Christi, als von Maria, der Braut des heiligen Geistes so ausdrücklich vorgesagt, prophezeyet hat? Komm, meine Geliebte! von dem lieblichen Geruche der Cederbäume, von dem so angenehm duftenden Berg Libanus, komm, du wirst gekrönet werden.

Von dem Haupte Amana, von der Scheitel, oder dem Gipfel Sanir, und Hermon, von den Höhlen der Löwen, von den Bergen der Leoparden. Dies will sagen, Geliebteste! Völker, welche vom Greuel der Sünden so überwachsen, und verwildert sind, wie die zween Berge Sanir, und Hermon vom dichten Holze; Völker, welche so wüthend, tobend, und grausam waren, wie die grimmigen Löwen, und Leoparden, werden durch den heiligen Rosenkranz, durch die errichteten Andachten, Bruderschaften des heiligsten Rosenkranzes gebändiget, und zahm werden; da sie sammentlich der seligsten Jungfrau Maria einen Ehrenkranz flechten. Sprach nicht Maria selbst zum heiligen Dominikus, den Urheber, oder doch Hauptbeförderer dieser Andacht: Nimm hin, mein Sohn! dieses heilige Schwert, diesen Rüstzeug, den Rosenkranz, mit diesem wirst du die Feinde meines Volkes, die Ketzer zu Albiga schlagen, überwinden, besiegen; predige, verkünde allenthalben diese mir, und meinem göttlichen Sohne so gefällige Andacht? So kräftig ward diese Andacht, daß, nachdem Dominikus sechs Jahre hindurch nichts anders, als diesen geprediget, viele Tausende der Albigenser von ihrem Irrthume bekehret; und fast ganz Frankreich von der ketzerischen Seuche ist vorbehalten worden. Soll dies Gott nicht gefallen, wenn die irrende Schäflein zur ächten Weyde zurückgeführet, und die Unschuldigen bewahret werden?

800px-Rot-an-der-Rot_Rosenkranzuebergabe

Bruderschaftskirche St. Johann
Rot an der Rot

Warum so oft, so wiederholet? warum fünfzehnmal das Vater unser,  hundert fünfzigmal das Geplär: Gegrüßet seyst du Maria? sagt nicht Christus: Wenn ihr bethet, schwätzet nicht viel Plauderwerk, so machen es die Heyden, die Vielgötterer; mein himmlischer Vater versteht euere Sprache, wenn ihr einmal, wenn ihr kurz mit wenigen Worten bethet? Er versteht sogar die Sprache des Herzens, nicht nur des Mundes, der Lefzen.

Antwort: Christus hat gesagt: man soll nicht plaudern, nicht unnütz daher schwätzen; er hat aber nirgendwo gesagt, man soll nicht oft, nicht lange, nicht anhaltend bethen.

Er rieth und that selbst das Widerspiel.

Christus bethete oft und lange, ganze Stunden, ganze Nächte; er wiederholte das nämliche Gebeth; er wählte zum Gebeth einen hohen Berg. Man hieß ihn nur den Berg Jesu, den Berg des Herrn; Christus bethete lang gleich nach dem Abendmahl, lese man das ganze siebzehnte Hauptstück Johannis. Dreymal wiederholte er kurz vor seiner Gefangennehmung auf dem Oelberg die nämlichen Worte: Vater! wenn es  möglich ist, nimm diesen Kelch von mir; doch dein Wille geschehe, dein Wille geschehe, dein Wille geschehe. Und was noch überzeugender ist, eben da der göttliche Lehrmeister vom Vater unser, vom Gebethe redet, sagte er: Man soll nicht nachlassen im bethen, man soll gleichsam im Bethen ungestüm seyn, bis uns Gott erhöret.

Wie, erkläret er diese anhaltende Ungestümigkeit nicht durch zwo auffallende,

einleuchtende Gleichnissen? Wollte er nicht dadurch anzeigen, wie beharrlich man bethen soll.

„Welcher ist unter Euch, der einen 

„Freund hat, und um Mitternacht zu ihm gehe, spreche:

„Freund, leih mir drey Brod; denn es ist mein

„Freund von der Straße zu mir gekommen, und ich

„habe nichts, das ich ihm zur Labung aufsetzen könnte;

„wenn nun der im Hause antwortet: störe mir meine

„Ruhe nicht; die Thür ist schon verschlossen, meine

„Kinderlein sind bey mir in der Schlafkammer, ich

„kann nicht aufstehen und dir geben; wenn er nun mit

„seinem Anklopfen verharret, so sage ich euch, (spricht

„die ewige Wahrheit) ob er gleich nicht aufsteht und

„deswegen giebt, weil er sein Freund ist, so wird er

„doch der Anhebigkeit, der Ungestüme wegen

„aufstehen und ihm so viel Brod geben, als er

„bedarf.“ Merken die Glaubensgegner diese Stelle, weil sie ohne das immer auf die Schrift pochen.

Der Heiland vergleicht in einer anderen Stelle sogar seinen gütigen Vater einigermassen mit einem ungerechten Beamten, mit einem stolzen hartherzigen Richter, der weder Gott fürchtet, noch der Menschen achtet.

„Es ward ein Richter in der Stadt, der weder

„Gott fürchtete, noch sich vor den Menschen scheuete.

„Zu diesem kam eine bedrängte Wittwe und sprach:

„Rette und schütze mich vor meinem Widersacher,

„und er wollte lange nicht, endlich dachte er bey sich:

„Ob ich mich schon vor Gott nicht fürchte, noch vor

„den Menschen scheue, jedennoch weil diese Wittwe

„mir so ungestüm Mühe macht, will ich sie retten,

„auf daß sie nicht zuletzt komme, und mich übel

„ausrichte.“ Dann macht der Heiland diese merkwürdige Folgerung: Höret, was der Richter der Bosheit, der Ungerechte sagt: Sollte nicht auch Gott seine Auserwählten retten, welche Tag und Nacht zu ihm rufen? Alle Zeit soll man bethen, und nie es am Gebethe ermangeln lassen, noch ermüden. Bethet, bittet, suchet, klopfet an, ihr werdet erhöret, ihr werdet finden, es wird euch aufgethan werden; so spricht der Heiland zu allen ohne Ausnahm; und ganz anders talfern die Weltwitzlinge. Wer hat Recht?

Uebrigens sind die eingeschalteten Vater unser allezeit ein Anfang von einem neuen göttlichen Geheimnis unsrer Religion; der fünf freudenreichen, der fünf schmerzhaften, und eben so vieler glorreichen. Die erstern vermehren in uns den Glauben; die mittlern entflammen in uns die Liebe, die letztern stärken in uns die Hoffnung. Welches wir in einer oder mehrern Anreden, und wir haben zwölfmal das Jahr hindurch Gelegenheit, betrachten und behandeln wollen.

Die hundert und fünfzigmal wiederholte Ave Maria aber machen endlich aus den marianischen Psalter, und sind eine löbliche Nachahmung der priesterlichen Tagzeiten. Denn gleichwie von diesen und fast allen Klosterpersonen der davidische Psalter von hundertfünzig Psalmen öfters andächtig abgebethen oder chorweise gesungen wird; also haben die Weltlichen, die Layen Gelegenheit, diesen löblichen Gebrauch nachzuahmen, da sie in Versammlungen oder Privathäusern diesen marianischen Psalter wochentlich andächtig abbethen. Was kann Löblichers seyn, was hat man mit Fug und Grund hier infalls zu tadeln oder zu ahnden? Was in der Errichtung derley Bruderschaften? Was in dem Ziel, in der Absicht, was in den herrlichsten und heilsamsten Wirkungen dieser marianischen Andacht?

 

Wozu das Abzählen durch so viele Corallen oder Kügeln? Aberglaubisches Betragen; und ich antworte entgegen: Kindische Anmerkung, eitles grundloses Beschnarchen. Wem ist jemals beygefallen, als wollten wir durch dieß Abzählen Gott oder die Mutter Gottes aufmerksam machen? Derley Lästerung hat nicht Platz in dieser Versammlung. Da wir unser Gebeth an derley Ringeln zählen, macht sich nur der Bethende aufmerksam. Unsrer Flüchtigkeit und Schwachheit wegen bedienen wir uns dieses Mittels, unser flüchtiges, ausschweifendes Gemüth vor tausend Zerstreuungen zu bewahren. Der nämlichen Ursache wegen wechseln wir im Gebethe ab. Oder klingt es nicht auferbaulich, wenn eine Menge von tausend und mehrern Versammelten so wechselweise aufhöret und wieder anfängt? Langsam, deutlich, mit einer Zwischenruhe oder Verschnaufung die heiligsten Geheimnisse unserer Erlösung, unsers Heils abspricht oder betrachtet?

Quelle unbekannt

Quelle unbekannt

Noch eine kurze Anmerkung muß ich auf dieses heiligste Gebeth machen, ehe ich zum zweyten Theil schreite. Der heilige Rosenkranz ist ein Buch, welches alle lesen können, auch diejenigen, welche niemals Buchstabieren oder Lesen gelernet haben; und wieviele sind deren besonders auf dem Lande unter dem Bauernvolk? Sogar die Blinden, die Kranken, die Gefangenen in finstersten Kerkern mögen dieses Buch lesen, sich mit selbem nützlich und heilig die Zeit vertreiben. Auch in Geheim, im Gehen und Stehen, bey der Reise, im Fahren und Reiten, bey der Haus = und Feldarbeit hat diese heilsame und heilige Beschäfftigung Platz.

 

O daß ich so glücklich wäre, die Hausväter und Mütter bereden zu können, daß in ihren Wohnungen so wohl die Kinder als Ehehalten, die Hausgenossen wochentlich diesen marianischen Psalter langsam, deutlich abbethen, wie viele Ungereimtheiten, eitles Geschwätz, wie viele Ehrabschneidungen, ungeziemende Possen würden vermieden werden! Bey der Arbeit, beym Flachsbrechen, beym nächtlichen Gunkeln, beym Spinnrade, wie mancher Segen würde auch in der Hauswirthschaft dem ganzen Hause von Jesu und Maria ertheilet werden! Bethet, bethet gute Herzen, wenn ihr auch im Bethen einschlummert, was lieget daran?

Ists dann nicht heilsamer, verdienstlicher, wenn ihr beym Schlafengehen im Gebethe einschlafet, als wenn euch der Schlaf bey eiteln, unflätigen, unkeuschen Gedanken und Verunreinigungen überraschet.

O daß bey allen nicht nur der Schlaf anfange, sondern auch das Leben in der Sterbestunde sich endige, da ihr halbstammelnd bethet: Gegrüßt seyst du Maria…du bist gebenedeyt..und gebenedeyt ist die Frucht deines Leibes Jesus…Heilige Maria! heilige Maria bitt..itzt und in der Stunde unsres Absterbens…Ja dieß wird geschehen im Tode, wenn ihr es im Leben oft andächtig geübt, gewohnet habt. Ja die Kinder krönen mit dem heiligen Rosenkranz ihre Mutter in der Zeit, und diese getreue Jungfrau, diese gutige Mutter, diese mächtige Königinn krönet ihre Nachfolger, ihre Kinder, ihre Diener in der Ewigkeit, ist noch zur Betrachtung übrig im

 

Zweyten Theil.

Maria krönet entgegen die ihrigen in der Ewigkeit.

 

Wenn ich mit göttlichem Beystand erweise, daß Maria ihren getreuen Pflegkindern zuwege bringe, erstens Stärke im Streit; zweytens Beharrlichkeit im Tode; drittens die Belohnung in der Ewigkeit im Himmel, die ewige Krone, dann kann ich billig den Schluß machen: ja wahr ist es, daß der Tag des heiligsten Rosenkranzes ein Tag sey einer doppelten Krönung; daß die Mutter von den Kindern, und die Kinder von der Mutter gekrönet werden. Nun zur Probe.

Zeugnis genug für gut katholische Seelen, daß noch in unserm Jahrhundert das allerhöchste Kirchenhaupt der Stadthalter Christi Benedict der Dreyzehnte, die durch die Kraft des heiligsten Rosenkranzes erhaltene Siege so anrühmet, und alle Wahrgläubige zu dieser Andacht aufmuntert: Lasset uns demnach die heiligste Mutter Gottes mit dieser ihr angenehmsten Andacht beständig und für und für verehren, damit sie durch öffentliche, hochfeyerliche Abbethung des heiligsten Rosenkranzes bewogen, uns eben so die unsichtbare höllische Feinde überwinden helfe, gleichwie sie die zeitliche, sichtbarliche Feinde unserer Religion, unsers Glaubens kraft dieser Andacht so scheinbar besieget hatDieß ist der Beschluß  heutiges Breviers.

Dreymal sind in Sonderheit die Erb = und Erzfeinde des christlichen Namens, und die Schwärmer, welche die Ehre Mariä mit schändlichsten Lästerungen entheiligten, durch Verkündigung und durch Abbethung des heiligen Rosenkranzes gedemüthiget und überwältiget worden.

Maria Victoria Kupferstich  Augsburg um 1740

Maria Victoria
Kupferstich
Augsburg um 1740


Den ersten Sieg erhielt durch sechsjähriges eifriges Predigen vom heiligsten Rosenkranze der heil. Dominicus über die ketzerische, unflätige Schwärmer, die Albigenser, welche mit ihrer Seuche im Jahre 1223 nicht nur die Bulgarey, Croatien und Dalmatien, sondern und besonders Frankreich, die narbonensische Landschaft unter der Regierung Philipp Augustus und Ludwig des Achten angestecket und bemackelt hatten.  Da bekam vor fünf und einhalb hundert Jahren der eifrige Diener Mariä Dominikus von der Mutter Gottes selbst den ausdrücklichen Befehl, den heiligen Rosenkranz zu predigen, und das Versprechen, daß er über die Feinde des Volkes Gottes den Sieg sicher erhalten werde, der dann auch erfolget ist.

 

Den zweyten Sieg über die Erzfeinde des christlichen Namens erhielt Pius der Fünfte, dieser heilige Papst mit den sämmtlichen christlichen Fürsten bey den Echinadischen Inseln, und zwar in Kraft der Andacht vom heiligen Rosenkranz, fast zur nämlichen Stunde, als die Brüder und Schwestern der Rosenkranz=Bruderschaft eine öffentliche feyerliche Procession nebst andächtiger Abbethung des Rosenkranzes hielten. Deßwegen verordnete Gregor der Dreyzehnte, daß in der ganzen Christenheit den ersten Sonntag im Weinmonate die Tagzeiten mit größerer Feyerlichkeit gebethet, der hochfeyerliche Festtag festgesetzet, und die Bruderschaften vom heiligen Rosenkranz mit unzähligen Ablässen begnadiget wurden.

 

Die dritte Besiegung der Türken geschah im Jahre 1716 unter der glorreichsten Regierung des allerdurchleuchtigsten großmächtigsten Kaisers Karl des Sechsten. Er trieb die türkische Macht und das ganze Türkenheer von der Insel Coreyra weg, um die nämliche Stunde, als in der Stadt Rom der feyerlichste Bittgang von den marianischen Versammlungen des heiligsten Rosenkranzes angestellet wurde. So viel von der Ueberwältigung der sichtbarlichen Feinde in Kraft des heil. Rosenkranzes und des Beystandes Mariä in Betracht der gesammten Christenheit.
Was läßt sich itzt schließen auf die Besiegung der unsichtbaren Feinde, des höllischen Geschwaders, welche immer auf einzelne Seelen lauern, und wie brüllende Löwen umher brummen, und sowohl die Unschuldigen als die Sünder zu verschlingen trachten? Mit diesen haben wir alle zu kämpfen, spricht der heilige Petrus zu den ersten Christen. Deßwegen ermahnet er sie zur Wachsam= und Nüchterkeit. Drey Feinde umzingeln uns immer, so lange wir leben, sagt der heilige Johannes, der keusche und sorgfältige Bewahrer der jungfräulichen Mutter. Itzt und in der Stunde unseres Absterbens fliehen wir unter den Schutzmantel Mariä. Aus tausend Unschuldigen, welche nicht nur dem Leibe nach keusch, sondern auch der Seele nach in einem reinen Herzen bis an das Ende verharren, werden nicht zehn seyn, welche nicht dankbar erkennen, daß sie durch die Fürbitte Mariä in der ersten in heiliger Taufe empfangenen Unschuld seyn erhalten worden, und aus tausend Gefallenen, nun aber Büssern werden nicht zehn anzutreffen seyn, welche nicht mit dankbarem Herzen und Freudenthränen aufrufen: O Maria, du Helferinn der Christen, du Zuflucht der Sünder, du hast uns Reue und Gnade durch deine Fürbitte zuwegen gebracht. So beschützet die getreue Jungfrau ihre Nachfolger; die liebliche Mutter ihre Pflegkinder; die mächtige Königinn des allerheiligsten Rosenkranzes ihre Vasallen, ihre Diener. Nun in wem zweifelt ihr, marianische Zuhörer? An derer Macht? Ist sie nicht eine angewünschte Tochter des Allmächtigen, der ihr große Dinge erwiesen hat? An der Güte und Liebe? Ist sie nicht eine Braut des liebevollesten heiligen Geistes? An derer Treue? Ist sie nicht eine leibliche Mutter des getreuesten Sohnes Gottes, der so deutlich spricht: Wohl an mein guter und getreuer Knecht, weil du über wenig getreu gewesen bist, in dem Dienst meiner Mutter, will ich dich über viel setzen, geh ein in die Freude deines Herrn. Da gleichwie Jesus der einzige wahre Freund ist, der die Seinigen im Tode nicht verläßt; also ahmet Maria die Tugenden ihres göttlichen Sohns nach, und verläßt besonders in Todesnöthen die Ihrigen nicht.

„Du warst mir getreu,

„wird sie sagen, in der Zeit, und ich bleibe deine

„getreue Mutter im Todbette und in der Ewigkeit. Ich

„will dich itzt schützen und beschirmen, forderst in jener

„Stunde, an der dir alles gelegen ist, und dort dich

„krönen in der Ewigkeit. Du dientest mir jährlich,

„monatlich, wochentlich, täglich, du gabst mir deine

„Andacht, dein Herz, und ich brachte dir Gnade,

„Salbung, Trost zuwege; du schenktest mir jährlich

„eine Bethstunde und ich stärke dich in der letzten

„Stunde. Du insonderheit, o Bauernvolk, o Handwerker,

„kammst alle Monate zur Versammlung von

„meinem Rosenkranz nach schwerer täglicher Haus= und

„Feldarbeit, schon in der Frühe, in Morgenstunden,

„unerachtet des Windes, Regens und Schnee, bey

„unsteter Witterung und großer Kälte, müde von der

„Arbeit, mit nüchterm Magen, mit andächtigem, reumüthigem

„Herzen, bereuetest und beichtetest deine Sünden,

„speisetest dich mit dem Brode der Engeln, mit

„dem Fleische und Blut meines Sohnes, der sich aus

„mir Fleisch anzunehmen gewürdiget, oder vielmehr

„verdemüthiget hat. Du bliebst manchmal ohne Labung

„bis zur Nachmittagspredigt, und begleitetest die Procession;

„das thatst du Getreuer! da andere noch

„im Bette, im Sündenwust vergraben waren, andere

„beym Trinken, beym Spielen, im weichen, wollüstigen

„Leben, in ärgerlichen Liebeshändeln ihre Zeit,

„Ehre, Habschaft, Gesundheit, ihre Seelen verschwendeten,

„da warst du bey mir, o Getreuer, und ich

„sollte dich verlassen? Nein, du empfandest schon

„Trost und Salbung bey der wirklich andauernden

„Andacht; nicht wahr? Fandest du nicht einen größern

„innern Trost, eine reinere Freude, als je bey einer

„Kurzweile, bey einem Tanze, in Kirchweihtagen

„und Hochzeiten, welche Scheinergötzlichkeiten nichts

„nach sich zurücklassen, als Angst, Verdruß, Eckel,

„Krankheiten, bittere Gewissensbisse, dahergegen nach

„der Andacht das Zeugnis des Gewissens die sicherste

„Probe eines wahren Vergnügens ist. So komm

„dann, ich will dich krönen in der Ewigkeit, weil du

„mich so emsig und andächtig gekrönet hast in der Zeit.“

So wird Maria sprechen, wenn es zum Sterben kömmt. Oder glauben wir, daß der Sohn dieser Mutter zulassen werde, daß die Spötter und Verhöhner marianischer Andacht uns zweymal, da und dort Hohn zuzischen derfen? Itzt rumpfen sie die Nase und geifern mit einer stolzen Miene über die Diener Mariä aus; wozu so viele Andächteleyen? Und dort sollen sie das Gespött, wie ehemals die Ehefrau des frommen gerechten Jobs, wiederholen: Bleibst du so lange in deiner Einfalt? Oder wie die Ehegattin des gottesfürchtigen Tobias: Es ist nun am Tage, daß deine Hoffnung eitel geworden ist, und itzt sind die Früchte deines Allmosens (deiner Andacht) als eitel erschienen. Nein, dieß kann ich mir nicht beyfallen lassen. Derley Verhöhner verdienen keine andere Antwort, als diejenige, welche ehemals der ehrwürdige Geistmann, Franciscus Neumayr, Domprediger zu Augsburg, denjenigen ertheilet hat, welche so wohl die Unsterblichkeit der Seelen, als die ewige Belohnung der guten Werke zu läugnen sich erfrechten: „Ihr Herren, wenn in der anderen Welt keine Ewigkeit und keine Belohnung der guten Werke ist, so verlieren wir Katholiken nichts, wenn wir uns gleich um die Tugend bewerben; wenn aber die Seele und die Belohnung für die Frommen ewig ist, so gewinnen wir viel, und ihr verlieret alles.“

 

Fahret fort, ihr Frommen, ihr Einfältigen in eurer zarten und kernhaften Andacht zu Maria; und die Adelichen, wenn je einige mit einem solchen Schleyer umnebelt sind, die Gelehrten, die sogenannten aufgeklärten, die starken Geister sollen wenigsten dieser Andacht nicht Hohn sprechen, und vielmehr mit einem bußfertigen gelehrten Augustin in der Stille seufzen: Die Ungelehrten, die rohen unerfahrnen aus dem gemeinen Haufen des Bauernvolkes, der Handwerker, stehen auf, und nehmen, erobern mit Gewalt den Himmel für sich, und wir Gelehrten stecken sammt unserer Wissenschaft im Schlamme der Sünden; wir sind nur Kinder der Finsternis in unserm vollen Scheinlicht und Sclaven des Fleisches, und nicht Kinder Gottes, nicht Diener Mariä. Wollen wir die Andacht zu Maria nicht im Herzen hegen, oder auch äußerlich bezeugen, welches eben frey steht, und nicht gebothen ist, so verachten und verhöhnen wir doch diejenigen nicht, welchen Gott ein so biegsames Herz und Zutrauen zu Maria, zu seiner Mutter eingeflösset hat.

 

Votivtafel_KrankheitEhe ich es beschließe, erzähle ich, was mir vor sieben Jahren zu München bey einem sterbenden Priester begegnet ist. Ich stand diesem marianischen Pflegkind in den letzten Zügen bey. Eine Viertelstund vor dem Tode gab er mir ein Zeichen, weil er damals nicht reden konnte, ich sollte den auf der Decke liegenden Rosenkranz um seinen Halz hinschlingen. Ich sagte: Euer Ehrwürden, sind sie getröstet, sie haben Mariam ihre Mutter recht kindlich verehret, geliebet, derer Ehre so viele Jahre in Congregationen befördert, diese liebe Mutter wird in Bälde kommen, und sie in den Himmel begleiten….Dann erhob der Sterbende seine Augen, sprach liebreich und fröhlich zu mir und etwelchen Umherstehenden: Maria, meine liebste Mutter, ist schon da, da ist sie, die Liebste, sehen sie selbe nicht? Mir und den Gegenwärtigen stunden die Augen in Freudentränen, und der Priester gab seinen Geist auf, ohne Zweifel in die Hände Mariä. Wer wünschet nicht so sterben zu können? Wer Mariam so krönet, so verehret in der Zeit, der wird so von Maria gekrönet, verherrlichet werden in der Ewigkeit. Ich beschließe diese Anrede mit jenen Worten, mit welchen der heilige Paulus sein Sendschreiben zun Römern endiget: Grüßet Mariam, welche Vieles für und unter euch gearbeitet, gethan und gelitten hat.

Reisner_3Grüßet sie andächtig mit dem Engel, flechtet ihr eine Krone, welche mit fünfzehn wichtigsten Glaubensgeheimnissen gleichsam mit so vielen Edelsteinen besetzet und gezieret ist. Betrachtet die dreyfache Reihen der freudenreichen, der schmerzhaften, der glorreichen Geheimnissen, und werdet durch derer Betrachtung reicher im Glauben, steifer in der Hoffnung, angeflammter in der Liebe zu Gott und dessen allerheilgste Mutter; ergreifet diesen Kunstgriff, die Abbethung des heiligen Rosenkranzes als ein Mittel,  fromm zu leben, verdienstlich zu  bethen, selig zu sterben. Dann wird diese getreue Jungfrau, diese liebliche Mutter, diese mächtige Königinn, am Ende des Lebens zu meinen Schutzengeln sagen: Sammelt diesen guten Weitzen in die himmlische Scheuern, versetzet ihn in die ewige Freude des Herrn. Amen.

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In Sachen Rosenkranz hat der Geistliche Rat viel Gültiges gesagt. Die von Alanus de Rupe verbreitete Legende von Dominikus konnte er noch nicht als falsch erkennen, da hat erst das 20. Jahrhundert die realen geschichtlichen Fakten erarbeitet. Der Trierer Kartäuser Dominikus von Preußen wurde in der Geschichte des Rosenkranzes für Jahrhunderte „vergessen“ und von den Dominikanern durch ihren Ordensgründer ersetzt.

Möge Ihnen die Lektüre des alten Textes Freude bereiten.

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