Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Früher waren mehr Engel…

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…Loriots Opa Hoppenstedt Zitat „Früher war mehr Lametta“ darf ich heute am Fest der Erzengel mal bemühen.

Rembrandt Jakob und Engel

Rembrandt
Jakob und Engel

Ja, früher waren mehr Engel im katholischen Alltag. Am häufigsten wurde von den Schutzengeln geredet. Als Kind bin ich mit dem Fahrrad gestürzt. Damals waren Brillen noch aus veritablem Glas gemacht und meine zersplitterte bei dem Sturz eindrucksvoll. Beim Anblick der kleinen Schrammen um mein Auge rief meine Mutter erleichtert aus: „Gott sei Dank, da hast Du aber einen guten Schutzengel gehabt. Du hättest ein Auge verlieren können!“
Irgendwie war das stehende Rede, wann immer uns Kindern Unbill mit glücklichem Ausgang widerfahren ist: der Schutzengel war stets zur Stelle und hat Schlimmeres verhütet.
Ich will Sie nicht mit der biographischen Fortentwicklung meines Engelsglaubens ermüden.
Sei nur gesagt, die Überzeugung, daß sie existieren, daß sie „Schlimmeres verhüten“ und uns Menschen ganz nahe und ganz ähnlich sind, hat es unbeschadet in mein drittes Lebensviertel geschafft.
An einen persönlichen Schutzengel zu glauben, ist relativ leicht…tatsächlich habe ich zahlreiche Geschichten von unerklärlichen und wundersamen Rettungen gehört, vom Begleitetsein und Gehaltenwerden…oft zu privat, um erzählt zu werden, wie meine eigenen Erlebnisse…unter Christen ein wissendes Kopfnicken – Gott sei Dank, Schutzengel.
Die Erzengel?
Eine ganz andere „Hausnummer“, mächtige Wesen, Boten, Kämpfer…allein die Kunst wagt es, sich ihnen zu nähern, die Unsichtbaren in symbolischen Bildern und erschütternden Worten „einzufangen“: Rembrandt, Chagall, Klee, Dante, Rilke, Wenders… fallen mir ganz schnell ein.
Michael – wer ist wie Gott, Gabriel – Gott ist Kraft, Rafael – Gott heilt. Nah und fern zugleich, furchteinflößend und beruhigend.

Erzengel Gabriel Santa Prassede, Rom © A.Wolf, Kath. Blogger

Erzengel Gabriel
Santa Prassede, Rom
© A.Wolf, Kath. Blogger

Im Katechismus heißt es (etwas trocken): 328 „Daß es geistige, körperlose Wesen gibt, die von der Heiligen Schrift für gewöhnlich „Engel“ genannt werden, ist eine Glaubenswahrheit. Das bezeugt die Schrift ebenso klar wie die Einmütigkeit der Überlieferung.“ Es geht um die „unsichtbare Welt“, die Gott geschaffen hat im Kapitel „Himmel und Erde“ und es lohnt sich, den Artikel weiterzulesen.
Im deutschen „Te Deum“, dem Hymnus „Großer Gott wir loben dich“ begegnen uns die Engel noch regelmäßig, im Sanctus vereinen sich alle geistigen Geschöpfe, Menschen und Engel zum Lob Gottes.

336 „Von der Kindheit an [Vgl. Mt 18,10.] bis zum Tod [Vgl. Lk 16,22.] umgeben die Engel mit ihrer Hut [Vgl. Ps 34,8; 91,10-13.] und Fürbitte das Leben des Menschen [Vgl. Ijob 33,23-24; Sach 1,12; Tob 12,12.]. ,,Einem jeden der Gläubigen steht ein Engel als Beschützer und Hirte zur Seite, um ihn zum Leben zu führen“ (Basilius, Eun. 3,1). Schon auf dieser Erde hat das christliche Leben im Glauben an der glückseligen Gemeinschaft der in Gott vereinten Engel und Menschen teil.“

So weit, so gut! Aber mal ehrlich, reden wir über die Engel, hören wir über sie reden, fragen wir? Wagen wir es als Gläubige, unsere Vorstellungen oder gar Erfahrungen zu benennen – untereinander oder vor Andersdenkenden? Rufen wir die Engel zu Hilfe, wenn ihre Natur so ist, wie im Katechismus beschrieben?
Angst vor dem Psychiater keimt auf – wer Stimmen hört und Unsichtbares wahrnimmt, der hat im 21. Jahrhundert einen Freifahrtschein auf Kassenkosten an einen „beschützten Ort“, wer will sich denn schon „Psychotizismus“ nachsagen lassen…(nur den „Instanterlösten“, die  jeden gefundenen Parkplatz einem Engel oder gar Jesus höchstselbst zuschreiben, denen gönn‘ ich diese Schmach…).

Immer, wenn im Bewußtsein der Menschen, der Christen etwas Wichtiges in Vergessenheit zu geraten droht, gibt es nach meiner Beobachtung eine symbolische „Scheinblüte“, eine Inflation in Kitsch und Kunst, eine mysteriöse Angebotsflut in der profanen Welt zu dem Thema.
Haben Sie auch die Zeiten der „Engelschwemme“, „Herzschwemme“ beobachtet?
Die „Jenseitsfilme“ aus Hollywood, die Flut der „Untoten und Rückkehrer“ im Medium Film?
Sogar beim Rosenkranz war das seltsame Phänomen zu beobachten.

Im Versuch, unseren Glauben „aufklärungskompatibel“ zu machen, um vor unseren ungläubigen Zeitgenossen (oder dem eigenen Unglauben) bestehen zu können, lassen wir stillschweigend zu viel vom Kernbestand der Glaubenswahrheiten des Christentums „über Bord gehen“, selbst Biblisches rutscht immer dramatischer Richtung Reling auf unserem 21. Jahrhundert Kirchenschiff bei schwerer See.
Wenn wir Getauften und Gerufenen, wir Gottsucher, aufhören, von Liebe und Barmherzigkeit, von Tod und Auferstehung, von der unsichtbaren Welt und dem Jenseits, von Engeln und Heiligen, vom Kampf zwischen Gut und Böse zu reden, darüber zu forschen, zu beten und zu meditieren, die „Väter“ zu hören, dann entfernen wir uns nicht nur vom eigenen Glauben, wir entfremden uns von unserer eigenen Seele und ihrer natürlichen Verbindung zur göttlichen Wahrheit. Und die profane Welt spiegelt uns das religiöse Versagen, unser Versäumnis, den Mangel – notfalls mit Plasteengeln, Plüschherzen und Esoterokitsch, aber auch mit Personen- und Sektenkulten, Aberglauben und politischen Erlösungsideologien.

Und genau darum liebe ich den Rosenkranz: er wirkt wie ein Lackmustest in Sachen Glaubenswahrheiten – denkst Du nur und legst Du Dir deinen Glauben „sozialverträglich“ zurecht oder glaubst Du noch an all die Unerhörtheiten und Unbegreiflichkeiten, die seit über 2000 Jahren jedem denkenden Wesen die Sprache verschlagen.
Vor dem Hintergrund der Ansprache des Engels an Maria vergegenwärtige ich mir im Rosenkranzgebet das umfassende „Skandalon“, das der christliche Glaube schon immer bedeutet hat. Jedes einzelne Gesätz konfrontiert mich „gnadenlos“ mit den Glaubenswahrheiten, die mich zum Christen machen. Nein, das ist kein „gemütliches“ Daherplappern (wie es viele der Bequemlichkeit halber gerne hätten) in festgefügten Bildern und Begriffen. Das ist eine tägliche „Nagelprobe“: wie ist es bestellt um Deinen Glauben? Wagst Du Dich in die Nähe des Geheimnisses, in den „Mystischen Strom“ (Otto Karrer)? Hältst Du das denkend und wissen wollend aus? Begnügst Du Dich mit Deinen liebgewordenen Begriffen oder wagst Du Dich von den sicheren Bildern aus in die Dunkelheit dahinter? „Wie soll das geschehen“ fragt Maria bevor sie zur Gottesgebärerin wird…

Fra Angelico Verkündigung, Museo Diocesano Cortona

Fra Angelico
Verkündigung,
Museo Diocesano Cortona

Nie wird im Rosenkranz ein Engel genannt und doch ist er dauernd da mit seinem unendlichen AVE!
Ich kann in den Gruß einstimmen und die Menschwerdung Gottes bestaunen (NICHT begreifen) oder ich kann es lassen (was Viele konsequenterweise tun), aber ich kann kein Yota an dieser Wirklichkeit ändern durch mein Tun oder Lassen –
„Denn Gott ist nicht etwas Unvernünftiges, sondern allenfalls Geheimnis. Das Geheimnis wiederum ist nicht irrational, sondern Überfülle an Sinn, an Bedeutung, an Wahrheit. Wenn der Vernunft das Geheimnis dunkel erscheint, dann nicht, weil es im Geheimnis kein Licht gibt, sondern weil es vielmehr zuviel davon gibt.“ (Papst Benedikt XVI. 21. 11.2012)
Manchmal ist Rosenkranzbeten wie in gleißendes Sonnenlicht schauen und die Größe der Sonne erahnen.

O mein Engel, mir zur Seite gestellt, laß mich nicht aus Furcht vor der Sonne das Sonnenlicht meiden!

engel_nigg
Dieses „Engelbilderbuch“ von Walter Nigg ist lange vergriffen,
aber antiquarisch leicht und preiswert zu bekommen –
Leseempfehlung für alle „Engelvergessenen“.

Und mit Johann Sebastian Bach
(aus der Kantate zum Michaelsfest von 1726: „Es erhub sich ein Streit“, BWV 19 – die Arie „Bleibt Ihr Engel, bleibt bei mir“ ab Minute 10.44)
grüßt die Ankerperlenfrau nach längerer Abwesenheit ihre Leser!

Ein Kommentar

  1. Und wenn man sich vor Augen hält, dass Schutzengel für alle Menschen, Glaubenswahrheit eben, natürlich auch die Anders- und Nichtglaubenden umfassen, so ist dies wieder einmal ein schönes Zeichen der umfassenden Liebe Gottes. Danke für Deinen Beitrag!

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