Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Gelobt seist Du, mein Herr

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Gelobt seist Du, mein Herr
…eine katholische Erfahrung

Der Dokumentarfilmer Reinhard Kungel hat einen Film über die „Babyboomer“, die Jahrgänge 1958 – 1965 gedreht und nennt sie „Generation Waldsterben“.  Sehenswert!
Für uns Kinder der frühen Sechziger hat alles im Wald begonnen: mangels Unterhaltungsindustrie hielten wir uns in jeder freien Minute dort auf zum Spiel mit Freunden. Die Natur und unsere Freunde waren vielen von uns mehr Zuhause, als das Gebäude in dem unsere „wirtschaftswundergebeutelten“ Eltern unser Bett aufgestellt hatten und uns reichlich Essen verabreichten…zwischen ihren Terminen.
Gestern habe ich von Pierre Brice geschrieben, Indianerlager, Hütten im Wald waren beliebt und Holzgewehre waren noch kein Anlaß für Moralpauken zuhause. Das war eine ziemlich freie Kinderwelt, noch nicht durchseucht von pädagogischen Experimenten.

Keinem von uns Waldkindern konnte entgehen, was das Wirtschaftswachstum, dieses goldene Kalb, um das alle unablässig tanzten, mit unserer direkten Umgebung anstellte.
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„Flurbereinigung“ wandelte Landschaft in „Anbauflächen“.
Alter Mischwald wurde abgeholzt und es entstanden tote Nutzholzplantagen.
Herrliche Wälder, uralte Solitärbäume mussten für Autos und Versicherungspolicen Platz machen. Wer Wachstum hemmen wollte, konnte ruckzuck enteignet werden: jetzt is‘ er futsch, der Obstgarten vom Opa mit den alten Sorten und die Autobahn rauscht durch’s ehemalige Eigentum.
Gewässer hatten in schöner Regelmäßigkeit Schaumkronen wie in der Badewanne und stanken zum Himmel.
In den Städten husteten sich die Kinder an Pseudokrupp die Lunge aus dem Leib und hatten schwarze Ringe unter den Augen…
Wisst Ihr noch, wie der Rhein vergiftet war durch Ciba Geigy (Sandoz)?
Erinnert Ihr Euch an die unzähligen Ölpestbilder, die Exxon Valdez vor Alaska?
Und der Gipfel war eindeutig, wie eines schönen Frühlings der radioaktive Fallout von Tschernobyl jedes Radieschen im Garten zum Gift machte.
Viele von uns waren empört, wie das „Technopol“ (so der Titel einer Analyse von Neil Postman) wie ein wildgewordener Bulldozer unsere Welt veränderte.

(Apropos Neil Postman: In seinem Buch vertrat er die These, daß „Weltwirtschaft“ völlig autonom und ungebunden funktioniert und Regierungen (Völker) nur marginalen Einfluß haben. Recht und Religion hält er für den einzigen wirksamen Sand im Getriebe dieses „Automaten“, oder soll ich Moloch sagen? 1992 verfasst und längst eingetroffen, Stichwort TTIP – „Verhandlungen“…).

Schon damals habe ich mich gewundert, warum die Kirche sich zu all dem nicht äußerte.
tumblr_n6efm5sAN11rqkjy0o4_1280Das war doch jedem Kind klar, daß solch ein Umgang mit Schöpfung nicht Wille des Schöpfers sein kann.
Dann wurde halt wieder mal Geld gesammelt, Biafra, Bangladesh, die armen Kinder…ein paar Milliönchen für Entwicklungshilfe…Gewissen beruhigen, mehr hatten sie nicht drauf!
Eine Welt voller Almosenempfänger – Gottes Plan oder doch Ausgeburt unserer Sünde?

Es waren dann Christen, die die ökologische Bewegung in Deutschland „losgetreten“ haben. Herbert Gruhls „Ein Planet wird geplündert – Die Schreckensbilanz unserer Politik“ dürfte in meiner Generation eine ziemlich verbreitete Lektüre gewesen sein. Die politisch Motivierten setzten große Hoffnung in die Grüne Aktion Zukunft (GAZ). Leute wie Horst Stern, Bernhard Grizmek und Horst Sielmann waren Vorbilder, man hörte ihnen selbstverständlich zu.
118Daß später „Die Grünen“ entstanden sind, wurde mehr als begrüßt. Daß sie dann aber von Altkommunisten der ’68 er Generation in „Realos“ und „Fundis“ gespalten und zur Protestpartei umfunktioniert wurden, habe ich schon 1983 als unerträglich erlebt.
Mit ihren Standpunkten zur „Familienpolitik“, dem unverhohlenen Sympathisantengehabe der ganz Linken mit der RAF und der Marginalisierung der Christen in der Partei war es dann mit meiner Begeisterung (und Mitgliedschaft) vorbei. Die „Landgrünen“ aus dem Süden waren übrigens nie so durchgeknallt wie die nordischen „Stadtrevoluzzer“ – nur nebenbei. Auch dieser gute Vorstoß ist an der ewig destruktiven „rechts – links“ – Mauer in den Köpfen zerschellt. Wer „Die Grünen“ satt hat, sollte nicht im gleichen Atemzug seine Verantwortung, seine Pflichten gegenüber der geliehenen Welt in die Tonne treten. Blöde Sprüche aus katholischen Kreisen, die linke Politik meinen und Umweltbewußtsein treffen, dabei die Jüngeren zum Nachplappern auffordern, halte ich für sträfliche Dummheit!

Die ökologische Frage wurde in der katholischen Kirche immer als Randthema behandelt. In Katechesen, Predigten und apostolischen Schreiben kam sie vor, mir war es immer zu wenig. Wie konnte man derart existentielle Fragen allein säkularen Gruppierungen, gar der Berufspolitik überlassen? Immerhin, es war Teil der Soziallehre, aber das Gros der Katholiken hat sie nicht mal rezipiert oder ignoriert. Ein Refugium für gemeinsame Ideale waren für Kinder die Pfadfinder, aber im Erwachsenenalter fehlten solche Gemeinschaften im kirchlichen Kontext fast völlig.

Der Heilige Franziskus, ja. Der Sonnengesang, die Vögel auf den Bäumen in Assisi…

Für nachfolgende Generationen Jugend hat Johannes Paul II. die Weltjugendtage institutionalisiert – wir „Waldkinder“ standen in der Kirche rum, wie die Blöden. Die Schlechtverankerten sind dann ohne viel „Gedöns“ einfach weg geblieben.
Im Prinzip kann man sagen, die katholische Kirche hat eine ganze Generation Jugend mit ihren Einsichten, Idealen und berechtigten Anliegen im wahrsten Sinne des Wortes „links liegen gelassen“. Immer noch nerven die Ewiggestrigen mit ihrem „McCarthy“ – mind, ihrer veralteten Kommunistenparanoia – sie sind genauso besoffen von Verschwörungstheorien über „Liberals“, wie die Linken sich an jedem Neonazi besaufen…daß nebenher die Zukunft „verfrühstückt“ wird, „stört ja keinen großen Geist“: „Judgement Day is coming“, I can see the signs on the wall, pray and save your soul…sagen die Frommen „hab’n wir’s doch gewußt“.
Jedesmal, wenn ich solchen Quatsch lese, denke ich mir „und wie erzählst Du das morgen beim Frühstück Deinen Kindern, Deinen Enkeln?“

Rom2015_817230 Jahre später, ich steuere knallhart auf’s „Altersgleis“ zu und endlich: ein aufrüttelndes Lehrschreiben zur „Ökologie von Mensch und Umwelt“ – Laudato Si.

Die alten Ignoranten jaulen auf. Mit Kinkerlitzchen und schwachen Witzen machen sie sich über den grünen Franziskuspapst lustig, den Mülltrennungspapst. Angeblich sind sie ja so belesen – 200 längst überfällige Seiten Enzyklika finden sie zu lang „in der Kürze liegt die Würze“ skandieren sie hämisch. Und angeblich sind sie ja so kinderlieb: Lippenbekenntnisse und nur auf’s eigene Wohlstandskind gemünzt. In bestimmten Kreisen gelingt einfach nicht der Transfer, daß Bewahrung der Umwelt, der zeitlich von Gott geliehenen Güter, unmittelbar mit der Sorge um nachfolgende Generationen zu tun hat.
Mein lieber Schwan…da bleibt Dir das katholische Hirn stecken, noch immer.

So lese ich also mit Freude – nicht, weil da viel stünde, was mir neu wäre: nein, allein weil es ENDLICH das Lehramt der Kirche sagt und zur Gewissensfrage erhebt, wie wir mit Gottes Geschenken umgehen. Daß ich das noch erleben darf.
Gelobt seist Du mein Herr in all Deinen Geschöpfen…

Also lest die guten Worte des Heiligen Vaters „Laudato Si“, liebe Leser von Rosenkranz + Pilgerzeichen, öffnet Euer Herz und vergesst den ganzen politischen Lagerquatsch.

Und weil ich grad so gut gelaunt bin und vielleicht ein paar Saarländer und Pfälzer mitlesen, hier noch eine Kindheitsbeschreibung von Fritz Wunderlich (hat er als junger Mann im Studium in Freiburg geschrieben):

Ich hab’s einfach gern…und das ist KEINE Alterserscheinung!

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2 Kommentare

  1. Danke schön! Da werden Kindheitserinnerungen wach … auch wenn ich Kusel nur vom Namen her kenne …

  2. Liebe Ankerperlenfrau,

    Danke für diesen Beitrag! Er beschreibt exakt was ich auch fühlte, aber leider scheint es so, dass “Laudato Si” in manchen “gutkatholischen” Kreisen nur mässige Begeisterung auslöst.
    Auch ich stellte mir immer die Frage warum die Kirche sich in dieser Frage nicht mehr engagierte, nicht Prophet, Wegweiser war. Und deine Bemerkung »Im Prinzip kann man sagen, die katholische Kirche hat eine ganze Generation Jugend mit ihren Einsichten, Idealen und berechtigten Anliegen im wahrsten Sinne des Wortes „links liegen gelassen“« trifft den Nagel 100% auf den Kopf. Ähnlich war es doch auch im 19. Jahrhundert mit der Arbeiterfrage: das “Kommunistische Manifest” von Marx und Engels wurde 1848 veröffentlicht, “Rerum Novarum” von Papst Leo XIII. erschien 1891! Die Arbeiterklasse hatte der Kirche inzwischen den Rücken gekehrt und kam auch nicht mehr zurück. Ob es Franziskus gelingt die Katholiken zu mobilisieren, Abseitsstehende zu begeistern? In der trägen konsumberauschten “Ersten Welt” vielleicht weniger, aber vielleicht, und das scheint auch seine Hoffnung zu sein, in der “Dritten Welt”. Und dort entscheidet sich auch die Zukunft des Planeten (und der Kirche!).
    Als Saarländerin, ist dir, so vermute ich mal, die französische Sprache nicht völlig fremd. Deshalb poste ich hier die Links zu 3 wunderschönen Videos die das Wochenmagazin “Pèlerin” zu “Laudatio Si” ins Netz gestellt hat:

    die schönsten Zitate aus Laudato Si
    https://www.youtube.com/watch?v=p7f-WzPG3xk

    das christliche Gebet mit der Schöpfung
    https://www.youtube.com/watch?v=QcHb_YYB1lE

    das Gebet für unsere Erde
    https://www.youtube.com/watch?v=ae45Kea9ZLs

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