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Guardini – Kirche und Persönlichkeit

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Guardini – Kirche und Persönlichkeit

Vom Sinn der Kirche – Fünf Vorträge von Romano Guardini
Matthias Grünewald Verlag Mainz 1922 (S. 26 – 33)

guardini_rothenfels_1„{…} Und die christliche Persönlichkeit ist nicht so geartet, daß sie sich erst nachträglich mit anderen zur Gemeinschaft zusammenfügte. Ihr Gemeinsamsein erwächst nicht aus einem Zugeständnis des einzelnen an den anderen. Da sind nicht Persönlichkeiten, die von Natur aus sich um einander nicht kümmern würden, und schließen einen Vertrag, in dem jede einen Teil ihrer Eigenständigkeit abgibt, um durch solches Entgegenkommen noch möglichst viel zu retten. So sieht der Individualismus das Verhältnis an.
Die katholische Persönlichkeit ist allseitig; so steht sie von vornherein und wesentlich auch in der Gemeinschaft, und zwar mit ihrem ganzen Sein. Bloße Zusammenzählung von Einzelnen ergibt nur Masse. Wenn viele sich durch bloßen Vertrag zu einem bestimmten Zwecke vereinigen, entsteht nur ein Zweckverband. Gemeinschaft hingegen kann nicht vom Einzelnen her gemacht werden. Sie ist da; ist eine überindividuelle Wirklichkeit, so schwer es sein mag, sie als solche genau zu erfassen.

Damit unterscheidet sich das katholische Verhältnis von Gemeinschaft und Einzelpersönlichkeit grundsätzlich von allen halben Ansichten: Kommunismus und Staatsallmacht auf der einen, Individualismus oder gar Anarchie auf der anderen Seite. Es ruht nicht auf seelischer Einseitigkeit oder einer Konstruktion des Verstandes, sondern auf der vollen Wirklichkeit. Der Persönlichkeitsbegriff des Katholiken unterscheidet sich von jeglichem Individualismus nicht etwa nur durch gradweise Abschwächung, sondern wesentlich. Denn die gleiche Persönlichkeit, die in sich ruht, weiß sich zugleich in ihrem ganzen Seinsbestand Glied der Gemeinschaft, hier der Kirche. Und ebenso ist ihre Gemeinschaft nicht nur schwächliche Einschränkung der Kommune oder Staatsverklammerung, sondern etwas grundsätzlich anderes. So verschieden, wie lebendige Allseitigkeit von blutleerer Konstruktion. Denn die Gemeinschaft weiß sich von Persönlichkeiten getragen, deren jede zugleich eine geschlossene Welt von einmaliger Eigenart bildet.

Paulus_St_Gallen(Einschub von S.24 mit Klärung des Begriffs „Persönlichkeit“: „Denn er ist der Gott aller Menschen. Er wendet sich an das Überpersönliche, an die Gemeinschaft, und so finden in ihm alle gemeinsam, wessen sie zumal bedürfen. Er ist aber auch der Gott jedes einzelnen. Das offenbart ja seinen höchsten Lebensreichtum, daß er für jeden Menschen ist „dessen Gott“. Die besondere Antwort auf das besondere Bedürfnis seines Wesens; jedem gehörig in jener nur einmal gegebenen, nur dieser Persönlichkeit gemäßen Weise; ihr so gehörig, wie keiner sonst, ganz wie sie, und sie allein ist. Das ist Gottes Reich in der Seele die christliche Persönlichkeit.
{Anmerkung Guardini: Das Wort ist nicht gut. Es ist von all den Schwingungen erfüllt, die aus dem Individualismus, der Autonomielehre und überhaupt der rein natürlichen Betrachtung kommen. Paulus hätte gewiß nicht von „Persönlichkeit“ gesprochen. Der Begriff der christlichen Persönlichkeit steht zum philosophischen wie „Kirche“, Christi Kirche, zu „Religionsgemeinschaft“. Ich weiß aber kein besseres Wort: so meine ich es denn in jenem Sinne, wie der Herr vom „Kinde Gottes“ spricht; wie Paulus in seinen Briefen vom einzelnen Christen im Unterschied zur Gemeinde.}
{…} Und sofort müssen wir betonen: Nicht als zwei voneinander lösbare Dinge; nicht als zwei „Reiche“.{…} Das Reich Gottes ist Kirche und ist Persönlichkeit; beides zugleich, von vornherein und wesentlich. {…} Man kann keins vom anderen lösen {…}. Sie sind vielmehr wesentlich und von vornherein auf einander bezogen und von einander abhängig. Ende Einschub)

Das müssen wir tief begreifen. Hier wurzelt nicht nur die rechte Anschauung von der Kirche, sondern auch katholische Gemeinschaftslehre überhaupt. Weder bei Kommunismus, noch Staatssozialismus, noch Individualismus dürfen wir borgen gehen. Sie alle zerreißen einem überspannten Teilstück zuliebe die lebendige Einheit, sind unwahr und krank. Katholische Gemeinschafts- und Persönlichkeitsanschauung hingegen geht — wie jede katholische Lehre — nicht von losgelösten Sätzen und seelischen Sondervoraussetzungen, sondern von der frei erfaßten Ganzheit des wirklichen Lebens aus. Das Menschen-Sein ist als Persönlichkeit und als Gemeinschaft zugleich gegeben. Und beides steht nicht getrennt nebeneinander; vielmehr ist die Gemeinschaft bereits als Anlage lebendig in der Persönlichkeit vorhanden, so wie diese notwendig bereits in der Gemeinschaft enthalten ist — ohne daß dadurch die relative Eigenständigkeit der beiden Urformen des Lebens angetastet würde.

camillo_pepponeAuch hierin atmet heute der katholische Mensch auf und schüttelt endlich den Bann der Staatsanbetung oder auflösenden Selbstvereinzelung ab. Auch hier sehen wir wieder Wirklichkeiten statt der Worte; stehen in lebendigem Zusammenhang statt in der Gewalt von Begriffen.

An uns liegt es, ob wir uns von neuem knechten lassen, oder ob wir uns bewußt bleiben, daß wir berufen sind, aus dem Herzen der Wirklichkeit, frei und wahrhaft gerecht das Wesen der Dinge anzusprechen.

So ist die Gemeinschaft der Kirche wesentlich persönlichkeitsbezogen; und die christliche Persönlichkeit richtet sich wesentlich auf die Gemeinschaft. Beides zusammen jedoch ist die vollendete Auswirkung des Reiches Gottes. Die Tatsache des polaren Stromes ist nicht anders möglich als polar geordnet. Ein Pol kann ohne den anderen nicht sein, ja nicht gedacht werden. So ist die große christliche Grundtatsache „Reich Gottes“ nicht möglich, es sei denn als Kirche und Einzelpersönlichkeit zumal; jedes klar in sich bestimmt, aber zugleich auf das andere bezogen. Es gibt keine Kirche, deren Gläubige nicht zugleich in sich ruhende Innenwelten wären, mit sich und ihrem Gott allein. Es gibt keine christliche Persönlichkeit, die nicht zugleich als lebendiges Glied in der kirchlichen Gemeinschaft stünde. {…}

Aus all dem wird uns eines klar: Die christliche Persönlichkeit ist in ihrem Tiefsten daran beteiligt, wie es mit der Kirche steht. Und für die Kirche hängt unmessbar viel vom Stand der christlichen Persönlichkeit ab. Was die Kirche angeht, geht mich an. Sie fühlen, was das heißt. Nicht etwa nur, daß ein Kind schlecht belehrt werde, wenn der betreffende Diener der Kirche unfähig ist. Es handelt sich vielmehr um eine innerste Solidarität des Lebens. Das gleiche Reich Gottes lebt in der Kirche und in der katholischen Persönlichkeit. Ihrer beider Stand entspricht sich, wie der Wasserspiegel in verbundenen Röhren. Der Einzelne kann sich der Kirche gegenüber nicht unbeteiligt erklären — das wäre ein individualistisches Trugbild — so wenig, wie die Zelle gegenüber dem Gesundheitszustand des Gesamtkörpers. Ebenso aber bedeutet es unabsehbar viel für die Kirche, ob ihre Gläubigen wertvolle, eigenstarke Persönlichkeiten sind. Niemals könnte die Kirche ihre Größe, Kraft und Tiefe auf Kosten der christlichen Persönlichkeit suchen, denn damit würde sie sofort Größe, Kraft und Tiefe des eigenen Lebens gefährden. {…}

Das Verhältnis von Kirche und Persönlichkeit darf nie so gesehen werden, als ob die Größe des einen auf Kosten des anderen gehe. Das ist die letzte Wurzel unkatholischer Haltung: protestantisch oder byzantinisch. Wir sind soweit katholisch, als wir begreifen — nein, das ist nicht genug, als wir es leben, es als selbstverständlich im Blut haben, daß Reinheit, Größe und Kraft von Persönlichkeit und Kirche miteinander steigen und fallen.

***

romano guardiniUnd nun fühlen Sie gewiß, wie sehr es unseren Anschauungen und noch mehr unserem tiefsten, unmittelbaren Empfinden an dieser katholischen Haltung fehlt. Wie sehr wir die heutige Spannung zwischen Gemeinschaft und Einzelwesen auf das Verhältnis von Kirche und Persönlichkeit übertragen und so dessen tiefstes Wesen gefährdet haben.
Wir fühlen eine Spannung zwischen Kirche und Persönlichkeit, darüber helfen alle begeisterten Reden nicht hinweg. {…}
So ist das Persönlichkeitsgefühl des heutigen Menschen nicht mehr gesund, dem Gesamtgefühl des Lebens organisch eingefügt; es hat sich übersteigert und aus dem Zusammenhang gelöst. Der Einzelne muß die gegenüberstehende Kirche mit ihrem Autoritätsanspruch als feindlich empfinden. Aber kein Haß zerreißt tiefer, als der zwischen zusammengehörigem Leben; so mögen wir ahnen, was tiefe Spannung bedeutet.

Der kommenden Zeit ist aufgegeben, das Verhältnis zwischen Kirche und Persönlichkeit wieder recht zu sehen. {…} Jede Zeit hat ihre Aufgabe, auch in der Entfaltung des religiösen Lebens. Einzusehen, wie Persönlichkeit und Kirche mit einander verbunden sind; wie sie aus einander leben; wie innerhalb dieses Verhältnisses die Autoritätsstellung der Kirche begründet ist — das einzusehen, es wieder zu einem Bestandteil unseres Seins und Empfindens zu machen, ist die Kernaufgabe unserer Zeit. {…} Wir müssen wieder rückhaltlos katholisch sein, aus dem Mittelpunkt unserer eigenen Wesenshaltung heraus denken und empfinden; aus jenem ganz geraden Blick auf den Mittelpunkt der Dinge, wie es das Vorrecht des wahrhaft katholischen Menschen ist.

{…} Aber eine große, erlösende Freude empfindet, wem der Sinn der Kirche aufgeht. Wer sieht, wie sie die lebendige Voraussetzung seines persönlichen Daseins ist, der wesensgemäße Weg zur eigensten Vollendung. Wer der tiefen Solidarität seines eigenen Seins und des der Kirche inne wird; inne, wie eins aus dem anderen lebt, und die Lebensfülle des einen auch die Kraft des anderen ist.

Das ist für uns Heutige die größte Gnade, und die uns am bittersten not tut: daß wir die Kirche lieben können. Sie nur deshalb lieben, weil es in ihr geboren ist, kann unser Geschlecht nicht; die Persönlichkeit ist zu bewußt geworden. Ebensowenig aus einer Begeisterung, wie sie durch Reden und Versammlungen gemacht wird; nicht nur im Gebiet des staatlichen Lebens haben solche Äußerlichkeiten ihre Wirkung verloren. Wir können’s auch nicht aus undeutlichen Gefühlen heraus; unser Geschlecht ist dafür zu ehrlich.
Uns hilft nur eins, klare Einsicht in Wesen und Sinn. Uns muß aufgehen: in dem Maß bin ich christliche Persönlichkeit, als ich Glied der Kirche bin, und die Kirche in mir lebendig ist. Spreche ich zu ihr, dann sage ich in einem ganz tiefen Verstande nicht „Du“ sondern „Ich“.

Ecclesia Straßburg

Ecclesia
Straßburg

Sind diese Dinge mir aufgegangen, dann ist mir die Kirche nicht mehr geistige Polizei, sondern Blut von meinem Blut, Fülle, aus der ich lebe.
Dann ist sie meines Gottes allumspannendes Reich, und das Reich drinnen ihr lebendiger Widerhall.
Dann ist sie mir Mutter, dann ist sie mir Königin, Christi Braut. Dann kann ich sie lieben! Und dann erst habe ich Frieden!

Wir werden mit der Kirche nicht eher fertig, als bis wir so weit sind, sie lieben zu können.

Nicht eher… – „

 

 

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Diesen Text des großen Meisters widme ich allen, die aus dem Raum von säkularer Welt, den „Kirchen“ der Reformation und anderen Weltanschauungen zur Römisch Katholischen Kirche gefunden haben – durch die Gnade Gottes – und dabei sind, sich als Konvertiten oder (in evangelischer Sprache) Bekehrte in das Wesen des Zusammenspiels von katholischer Persönlichkeit und katholischer Kirche einzuleben und einzuüben.

Trostreicher Rosenkranz

Jesus, der als König herrscht. (Offb. 19,6)

Jesus, der in seiner Kirche lebt und wirkt. (Eph. 1, 22-23)

Jesus, der wiederkommen wird in Herrlichkeit. (2 Petr 3,8–13)

Jesus, der richten wird die Lebenden und die Toten. (Röm 2,1–11)

Jesus, der alles vollenden wird. (1 Kor 15,35–58)

(aus: „Vom Sinn der Kirche“ Fünf Vorträge von Romano Guardini, Mainz 1922
alle Rechte an den Werken von Romano Guardini liegen bei der Katholischen Akademie in Bayern, München)

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