Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Hellwache Versunkenheit – Kontemplativer Rosenkranz

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Diesen schönen Text fand ich heute per Zufall und er gehört unbedingt hier her! Das Bild vom „versunkenen Mönch“ kannte ich noch nicht, um so mehr freue ich mich über den Fund! Und ist diese „hellwache Versunkenheit“ nicht auch die rechte Haltung während der Sedisvakanz? Ich jedenfalls nehme diesen Zufallsfund als Fingerzeig, wie ich warten soll!

Hellwache Versunkenheit – Kontemplativer Rosenkranz

„Ave, Maria, gratia plena, Dominus tecum; benedicta tu in mulieribus, et benedictus fructus ventris tui, IESUS, Sancta Maria, Mater Dei, ora pro nobis peccatoribus nunc et in hora mortis nostrae. Amen.

Köln, Dom, Chorschrankenmalereien, Sylvesterlegende, N II, Feld 6–7
© Dombauarchiv Köln, Matz und Schenk

Das Bild aus den Chorschranken-Malereien des Kölner Domes zeigt die wohl älteste Darstellung eines Beters mit dem Rosenkranz. Diese Wandmalerei über dem Chorgestühl gehört zu den umfangreichsten und qualitätvollsten aus der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts nördlich der Alpen. Es war dies zur gleichen Zeit, als Giotto in Italien seine großen Werke schuf. Über einer Sockelzone mit den Darstellungen der Kaiser und der Kölner Bischöfe erkennt man sieben Szenen in sieben Feldern. Die Felder sind gerahmt durch gemalte gotische Architekturblenden. Erst wenn man näher hinsieht, erkennt man die ganze Schönheit der Bilder, die in ihrer Qualität die großartigen Buchmalereien der gleichen Zeit erreichen. Uns interessiert hier das Feld mit Szenen aus der Legende des Papstes Silvester I.

Detail Sylvesterlegende
1. Hälfte 14. Jahrhundert
Dom zu Köln

Über unserem Bild ist der Tod des Papstes Miltiades († 314) im Beisein seines Nachfolgers und anderer Bischöfe dargestellt. Darunter, in tiefer Trauer und doch sehr gesammelt, Beter, die einen Rosenkranz halten. Die geschlossenen Augen des Mönches auf unserem Bild wollen nicht Müdigkeit und Schlaf signalisieren, sondern Aufmerksamkeit, Sammlung und tiefe Konzentration. Der Mönch hört offensichtlich nach innen, lässt dabei entspannt die Perlen durch die Finger der rechten Hand gleiten. Zwischen mehreren weißen Perlen erkennt man in regelmäßigen Abständen eine rote. Während die linke Hand den Kopf des meditierenden Mönches stützt, liegt die rechte auf Schenkel und Knie, die schon gebeteten „Gesätzlein“ einfach aus der Hand ins Leere fallen lassend …

Hellwache Versunkenheit

Der Mönch schläft nicht, es ist die „hellwache Versunkenheit“ des kontemplativ lebenden Menschen: Was er schaut, lässt sich mit den Augen des Leibes nicht sehen. Die Einkehr und das Hören in die Stille der eigenen Tiefe leben von einer über alles Fassbare hinausgehenden Wirklichkeit. Die affektive Gesammeltheit des Beters will eigentlich nur eines: bezeugen, dass Gott da ist. Er, der lebendige Gott, ist immer zugegen, ob wir ihn wahrnehmen oder nicht. Im Bild, so scheint es, hört der Beter etwas wie eine himmlische Musik. So ähnlich mag die „Musik“ gewesen sein, die der Prophet Elia hörte (1 Kön 19). Im leisen, wortlosen Säuseln des Windes erfuhr er eine Gegenwart, die alles bisher Geläufige überstieg.

Solches Beten in seinem wachen Nicht-bei-sich-Sein murmelt Worte in einem immer gleichbleibenden Rhythmus (vgl. Ps 1,2). Der Rosenkranz als Rhythmusgebet ist immer wieder in Gefahr, in seiner Kostbarkeit verkannt zu werden. Häufig meinen wir, alles Beten müsse spontan sein, sollte jeweils eine eindeutige, intellektuell durchschaute und verantwortbare Bedeutung haben. Nicht nur das Jesus-Gebet des Ostens, auch der Rosenkranz als Jesus-Gebet des Westens sind jedoch Wiederholungsgebete, Gebete, die intellektuell „entlasten“ wollen und somit auch Gebete, auf die wir nicht unbedingt eine verstehbare Antwort erhoffen. Hierher gehört die tiefe Erfahrung eines Schriftstellers unserer Tage: „Gott lernst du nur kennen, wenn du dich in Gebete versenkst, auf die dir keine Antwort zuteil wird. Denn nur das, was dir außerhalb deiner verströmenden Tage gewährt wird, erfüllt dich mit einem Glück, bei dem du keine Abnutzung zu befürchten brauchst.“ (Anm. Antoine de Saint-Exupéry, Die Stadt in der Wüste)

Keine Abnutzung zu befürchten! – Mechthild von Magdeburg (1207–1282), die große Visionärin, berichtet einmal, wie sie, vom göttlichen Licht überwältigt, „das fließende Licht der Gottheit“ in großer Betroffenheit erlebt. Sie sagt da in einem „Gespräch“ mit Christus von sich und ihrer Seele: „Im schönsten Licht ist sie blind in sich selbst, in der größten Blindheit sieht sie wundervoll klar, in der größten Klarheit ist sie tot und lebendig.“

Die Malereien waren jahrhundertelang – da sie dem Zeitgeschmack nicht entsprachen – abgedeckt und sind daher in ausgezeichnetem Zustand. Trotz der großen Bombenschäden am Kölner Dom während des zweiten Weltkrieges haben diese Wandmalereien alle Katastrophen überstanden, erzählen uns Heutigen von Glaube, Vertrauen und Hingabe an das göttliche Geheimnis, wie es unsere Vorfahren verstanden.“

P. Josef Bill SJ, Aachen

aus: Geist und Leben, Einübung und Weisung, GuL 80/6 (2007) 468–469

 

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