Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Illum oportet crescere me autem minui

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Illum oportet crescere me autem minui

Johannes der Täufer unter dem Kreuz Isenheimer Altar

Johannes der Täufer
unter dem Kreuz
Isenheimer Altar

Jenem gebührt zu wachsen, mir aber kleiner zu werden! (Joh. 3,30)
Mathis Gothart Nithart, gen. Matthias Grünewald hat Johannes den Täufer unter das Kreuz gestellt und nicht nur der überdeutlich zeigende Finger weist auf den Gekreuzigten, er legt dem Täufer auch die Worte des Apostels in den Mund, damit es auch nur jeder versteht.

Der Täufer und der Messias
22 Darauf ging Jesus mit seinen Jüngern nach Judäa. Dort hielt er sich mit ihnen auf und taufte.
23 Aber auch Johannes taufte damals, und zwar in Änon bei Salim, weil dort viel Wasser war; und die Leute kamen und ließen sich taufen.
24 Johannes war nämlich noch nicht ins Gefängnis geworfen worden.
25 Da kam es zwischen den Jüngern des Johannes und einem Juden zum Streit über die Frage der Reinigung.
26 Sie gingen zu Johannes und sagten zu ihm: Rabbi, der Mann, der auf der anderen Seite des Jordan bei dir war und für den du Zeugnis abgelegt hast, der tauft jetzt, und alle laufen zu ihm.
27 Johannes antwortete: Kein Mensch kann sich etwas nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben ist.
28 Ihr selbst könnt mir bezeugen, dass ich gesagt habe: Ich bin nicht der Messias, sondern nur ein Gesandter, der ihm vorausgeht.
29 Wer die Braut hat, ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dabeisteht und ihn hört, freut sich über die Stimme des Bräutigams. Diese Freude ist nun für mich Wirklichkeit geworden.
30 Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden.
31 Er, der von oben kommt, steht über allen; wer von der Erde stammt, ist irdisch und redet irdisch. Er, der aus dem Himmel kommt, steht über allen.
32 Was er gesehen und gehört hat, bezeugt er, doch niemand nimmt sein Zeugnis an.
33 Wer sein Zeugnis annimmt, beglaubigt, dass Gott wahrhaftig ist.
34 Denn der, den Gott gesandt hat, verkündet die Worte Gottes; denn er gibt den Geist unbegrenzt.
35 Der Vater liebt den Sohn und hat alles in seine Hand gegeben.
36 Wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben; wer aber dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen, sondern Gottes Zorn bleibt auf ihm.

(Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Kath. Bibelanstalt 1980)

Wenn ich im Rosenkranz betrachte „…Jesus, der von Johannes am Jordan getauft worden ist, …“ steht mir öfter dieses Bild vor Augen, erinnere ich mich an diesen Satz unter dem Kreuz. (Johannes der Täufer konnte nicht unter dem Kreuz gestanden haben, er war bereits ermordet und sein Hinweis auf den Gottessohn war zum Verstummen gebracht worden.)
Der Evangelist zieht eine unüberbrückbare Linie zwischen menschlicher und göttlicher Sphäre und Meister Mathis betont es in eindrucksvoller Weise:

Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden. Er, der von oben kommt, steht über allen; wer von der Erde stammt, ist irdisch und redet irdisch. Er, der aus dem Himmel kommt, steht über allen.“
Propheten, Heilige, Apostel, Märtyrer und selbst die Gottesmutter sind NICHT göttlicher Natur. ER, der aus dem Himmel kommt, Sohn des Vaters steht über allen!

Es lohnt sich, diese Tatsache immer wieder mit den Rosenkranzgesätzen vom Besuch der Gottesmutter bei Elisabeth und der Taufe am Jordan zu betrachten. Das „Ave Maria“ meint in immerwährender Wiederholung diese Wahrheit im Gruß des Engels, wie im Gruß Elisabeths „Gepriesen bist Du unter den Frauen und gepriesen ist die Frucht Deines Leibes, Jesus!“: der, den Du Jungfrau trägst, der kommt aus dem Himmel, der steht über allen, er ist der Messias, dem die Schöpfung entgegen ging, der allein uns erlöst.

All unsere Frömmigkeit, unsere Verehrung der Gottesmutter, aller Heiligen und Engel, unsere Verbindung mit der unsichtbaren Kirche, richtet sich an diesem Satz aus.
Wo er vergessen wird, wird alles falsch. „Der Vater liebt den Sohn und hat ALLES in seine Hand gegeben.“

DARUM trägt der Heilige Vater den Kreuzstab, der ganz ohne Zweifel in seiner Ikonographie dem Isenheimer Altar folgt: Illum oportet crescere me autem minui.

Kreuzigung Isenheimer Altar Colmar

Kreuzigung
Isenheimer Altar
Colmar

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4 Kommentare

  1. Nun weiß ich zwar zwischenzeitlich, was Dir der Kreuzstab Pauls VI. alles bedeutet, aber den Bezug zum Isenheimer Altar würde ich doch für etwas sehr gewagt erachten; bestenfalls scheint mir beiden Werken eine betonte Expressivität eigen, welche auf die je künstlerische Sprache der Zeit zurückgreift … 😉

    • Hast Du, lieber Andreas, diesen Artikel gelesen? http://rosenkranzbeten.info/rosenkranzbeten/die-ferula-pauls-des-vi-lello-scorzelli/
      Scorzelli war Sohn eines Malers und selbst Zeichner, bevor er Bildhauer wurde. Glaubst Du wirklich, er hätte einem der bedeutendsten Werke der Kunstgeschichte ausweichen können in seiner Berufung zum sakralen Künstler? Wenn schon das kleine Schulmädchen aus Deutschland (meine Wenigkeit 🙂 )mit diesem Bild aufgewachsen ist? Weiger hat es den Dorfschulkindern in Mooshausen als Druck gezeigt… Ich kenne sonst keine Vorbilder aus der christlichen Ikonographie, wo selbst der Kreuzbalken sich ächzend krümmt unter der Last des getöteten Weltenherrschers…aber ich lerne gerne dazu…Von meiner Bildhauerfreundin weiß ich, daß jeder ernsthafte Künstler sich mit der Geschichte und Ikonographie lange beschäftigt, bevor er an ein „Thema“ herangeht. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Scorzelli ohne profunde ikonographische Kenntnisse im Vatikan (Museen – Restauration) und für die Päpste beschäftigt worden wäre. Hier gibt es einen interessanten Sammelthread zu Scorzelli: http://www.roma-antiqua.de/forum/rom_88/lello_scorzelli_1921_1997_a-25167/
      Ich freue mich SEHR, daß Du meine kleine Seite mit Kommentaren beehrst!

      • Ich fang mal von hinten an: Also ich freue mich, daß es diese Seite gibt, auch wenn wir nicht immer einer Meinung zu sein scheinen 😉

        Gewiß wird Scorzelli Isenheim gekannt haben. Aber ich sage es jetzt mal so: Ich halte diesen Kreuzstab für zu eigenständig, als daß er – in irgendeiner Weise – eines „Vorbildes“ bedurft hätte. Suchte man nach „Vorbildern“, man würde für den Herrenleib gewiß naheliegendere in der Ikonographie finden … so kann man zählen und wägen – letztlich schafft kein Künstler in einem Vakuum, sondern ist immer umgeben von jenen Werken, die zuvor geschaffen wurden.

        Was die Krümmung betrifft: ein dynamisches Element, in der jüngeren Kunst gerne verwendet. Meines Dafürhaltens steht die Krümmung der Kreuzesarme eher in Korrelation zum leicht nach vorn gekrümmten Schaft (worin man eine leise Andeutung des bischöflichen „Krummstabes“ sehen könnte).

        Man könnte schließlich auch die Frage in den Raum stellen: Wäre Grünewald wirklich dezidiert Pate gestanden, müßte man dies Scorzellis Kreuzstab dann nicht doch deutlicher ansehen?

        • Es ist alles möglich und letztlich ist alles, was nicht der Künstler selbst erzählt, Spekulation. Aber dazu genau animiert ja große Kunst: man wird nicht fertig damit. Was sagst Du dazu: wenn meine These stimmen würde, dann wendete der Gekreuzigte sein Haupt in Richtung Täufer und bekräftigte das Illum oportet crescere …des Meister Mathis…!
          Gell, Kunstbetrachtungen sind etwas Tolles.
          Und hier noch ein Netzfund zu meiner These (nachdem ich mir unzählige widerliche Tradi statements zu der Arbeit Scorzellis „reingezogen“ habe (nausea)
          „Marshall also posted the Grunewald crucifixion, without specifically attributing it as an inspiration for the bent cross. But really, all you have to do is look at it to grasp the connection between the Grunewald painting and the Scorzelli staff.“ http://catholicpunditwannabe.blogspot.de/ und http://www.taylormarshall.com/2007/12/papal-pastoral-staff-or-crosier.html
          Damit wären wir schon 2 – 3, die an Meister Mathis denken… 😉

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