Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Jetzt ist Krieg

| 4 Kommentare

Jetzt ist Krieg

Heute habe ich den alten Herrn (89) gesucht und ich fand ihn in seinem ehemaligen Arbeitszimmer, wo er still und versunken vor einem Bild seiner Herkunftsfamilie stand.

© Helene Souza, pixelio.de

© Helene Souza, pixelio.de

Mit dem Stock deutete er auf die ernsten Gesichter der neunköpfigen Familie, seine älteren Brüder in Uniform, der Nachkömmling noch in kurzen Hosen und er, da noch im Sonntagsanzug des Jugendlichen,  hatte sich dann mit sechzehn freiwillig gemeldet, folgte seinen Brüdern und „hat alles mitgemacht, die ganze Scheiße“.
„Der ist gefallen und der ist gefallen und der ist krank aus der Gefangenschaft zurückgekommen und das bin ich…“ erklärt er mir und nennt die Namen seiner toten Brüder.

Viele glückliche Fügungen und kleine Wunder haben ihn den Krieg überleben lassen. Zuletzt hat sich eine Ordensschwester in einem badischen Kriegslazarett des jungen Soldaten angenommen und den schwer an Lungen- und Rippenfellentzündung Erkrankten „unbedingt durchbringen wollen“.
Seine junge Frau und seine beiden Schwestern waren gleichzeitig mit den kleinen Kindern auf der Flucht aus Ostpreußen. Sein erstes Kind ist im Säuglingsalter auf der Flucht an Lungenentzündung gestorben. „Mein Hauptmann hat es gut mit mir gemeint und hat mich zu meiner Frau in Urlaub nach Österreich geschickt, damit wir das Kind beerdigen können. Da bin ich dann einfach geblieben und der Krieg war für mich vorbei.“

Vorbei, aber nicht vergessen. Wie oft gleiten die Gedanken des alten Mannes zurück in diese Zeit, wieder und wieder erzählt er mir davon und wenn er in der Tagesschau von Krieg hört, wird sein Gesicht grimmig und manchmal kommentiert er erbittert „immer dieselbe Scheiße, diese Idioten“ (nur im Zusammenhang mit Krieg benutzt er diese Kraftausdrücke…).

Er sieht ein Pferd auf einem Spaziergang und erzählt, wie er in Russland sein Reitpferd angetroffen hat (sie hatten es requiriert vom Hof seiner Eltern in Ostpreussen) „es hat mich sofort erkannt und ich habe es lange gestreichelt“ sagt er mit Schmerz im Gesicht.

Wie wir das Zimmer verlassen sagt er „alle tot“ und fügt hinzu „nur ich bin noch da und der G.“ (sein um 10 Jahre jüngerer Bruder). „Glaubst Du denn an den Himmel, und daß Du einmal alle Deine Lieben wieder triffst?“ frage ich. „Ja“, sagt er und nach kurzem Zögern, „aber nichts Genaues weiß man nicht…“.

Herr,
mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,
dass ich liebe, wo man haßt;
dass ich verzeihe, wo man beleidigt;
dass ich verbinde, wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;
dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.

Herr,
lass mich trachten,
nicht, dass ich getröstet werde,
sondern dass ich tröste;
nicht, dass ich verstanden werde,
sondern dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde,
sondern dass ich liebe.
Denn wer sich hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergißt, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.

(Frankreich 1912)

Krieg: selbst im großen Vergessen des Alters bleibt er und sagt „jetzt ist Krieg!“
Herr, befreie uns!

Print Friendly, PDF & Email

4 Kommentare

  1. Dieses vom dem Pferd, das ihn erkennt – da muss man doch einfach losweinen, oder? Es wird geschnaubt haben oder gewiehert.

    Weine jetzt nochmal ein Ströphchen um meinen Vater. Er hat nur sehr wenig erzählt und meine Mutter musste ihm versprechen auch nichts zu erzählen. Ihr hatte er viel anvertraut.
    Ich denke bei allem sollte ich das nicht vergessen: dass sie kleine Kriegskinder waren und ihre Herzen in winzig kleine Stückchen zerbrochen sind. Es ist ein Wunder, dass sie überhaupt ihre Fassung so wahren.

  2. Seltsam. Alle toten Brüder berühren mich nicht so wie das Pferd, das -so stelle ich mir vor- wieherte. Ich glaube, ich stelle mir vor, sogar die einfache Kreatur merkt, dass Krieg widernatürlich und böse ist. Ein Triumpf des Bösen. Vielleicht ist es auch einfach zu schlimm nachzuempfinden, dass der Krieg die „Liebsten“, die „Meinen“ abschlachtet.

  3. Geht es dir gut? Du bist so still hier.

    • Ja, es geht mir gut! Danke für das „Suchen nach dem verlorenen Schaf“!!! 😉 Ich pflege seit Juli ein altes Ehepaar im Freundeskreis und bin ziemlich „eingespannt“. Da fehlt mir die Muße und Konzentration und zudem ein vernünftiger Internetanschluß. Ich bedauere das sehr, werde aber mein Versprechen einlösen und 365 Artikel hier einstellen, wenn auch nicht mehr bis zum Ende des „Jahr des Glaubens“…
      Liebe Grüße (Dein Buch ist nicht vergessen…)

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.