Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Josef Weiger: Maria und Theresia, Teil 2 von 3

| Keine Kommentare

Josef Weiger: Maria und Theresia, Teil 2 von 3

Mater Sacrum Maria Elisabeth Stapp 1953

Matri Sacrum
Maria Elisabeth Stapp
1953

(Fortsetzung Maria von Nazareth und Theresia von Lisieux )

Von einer Mutter verlangt Theresia, daß sie die Leiden ihres Kindes teile. Diese Fähigkeit verehrt sie an Maria: Das Buch der Bücher habe ihr Trost und Mut gegeben; Maria führte kein Ausnahmedasein, „du mußtest leiden und sterben wie ich“. Theresia sah auch nicht ein, warum die Mutter Jesu niemals körperlich gelitten habe. Mit Vollkommenheit hat das nun wirklich nichts zu tun und Leidensfähigkeit war bei der Heiligsten eben nicht Folge der Sünde, sondern einfach Ausweis der Geschöpflichkeit. Die Frage des alten Kirchen-schriftstellers. ob Maria gestorben sei oder nicht, bestand für Theresia nicht. Mit solchen Erwägungen gab sie sich nicht ab. Sie konnte Maria mit der Schrift nur als die treueste Dienerin Jesu sehen; als die gottgesandte Mutter, Jüngerin und Begleiterin auf seinem Lebensweg. Der Gedanke, daß die Mutter dem Sohne nicht auch im Sterben gleichgestaltet war, kam der Karmelitin nicht. In allem fühlte sie menschlich und fand dabei oft überraschende Einsichten. Sie wich allen Absonderlichkeiten aus.
Es ging ihr nicht ein, warum Maria nach der Leidensweissagung des alten Simeon immer mit dem Kreuz vor Augen sollte gelebt und keine menschlich frohe Stunde mehr gehabt haben; hierin mit den Gesetzen des verborgenen Lebens in Christus besser vertraut als mancher Prediger. So stellte sie sich auch das Leben Marias in Ägypten gar nicht trostlos vor; wo Christus, dort das Vaterland; ohne Christus die Fremde und Heimatlosigkeit und wäre es am Genezareth. Mit scharfem Auge verfolgte Theresia das Glaubensleben der Mutter Gottes. Aus der Antwort des Zwölfjährigen hört Theresia die Aufforderung, Gott im Glauben zu suchen, auch wenn alles Licht weggeht. Eines ihrer schönsten und reifsten Worte ist dieses:
W i r  h a b e n  n u r  e i n m a l  d a s  G I ü c k,  e i n  L e b e n  d e s  G l a u b e n s
z u   f ü h r e n.
Wozu also das Verlangen nach Visionen?

Theresia_von_LisieuxWie gesund die Frömmigkeit der Heiligen war, sehen wir an ihrer Einschätzung der Heiligen Schrift. Obwohl sie die „Nachfolge Christi“ des Thomas von Kempen auswendig konnte, sich schon als junges Mädchen in den nicht leicht zu lesenden Schriften des Kirchenlehrers Johannes vom Kreuz sicher und frei bewegte, mit den Schriften der großen Theresia sich wohl vertraut zeigte, legte sie gegen das Ende ihres Lebens die geliebten Berater doch mehr und mehr zur Seite, um sich in das Evangelium zu vertiefen. Und es war ihr, im Gegensatz zum verehrten Lehrer Johannes vom Kreuz, eine edle Leidenschaft eingeboren, den nächstliegenden Sinn der Schrift zu erheben.
Sie wollte das Wort Gottes nicht einfach in der Glut der Empfindung und des Gleichnishaften verdampfen lassen, sie wollte wissen, was Jesus nun wirklich gesagt und gelehrt hat, soweit wir das mit Hilfe der kirchlichen Wissenschaft noch ausmachen können; und von der Art muß – ich glaube, wir dürfen das annehmen – auch Maria von Nazareth gewesen sein. Einfach, gerade und voll verhaltener Glut; ohne einen anderen Anspruch an den Reichtum der göttlichen Gnade als den, die demütige Magd des Herrn zu sein. Wie hätte sie sonst ihr Leben durchstehen können.

Theresia wäre gerne Priester gewesen, um ihrer Auffassung vom Marienleben Nachdruck zu geben. Und was hätte Theresia gepredigt? Daß das Leben Marias zum großen Teil unbekannt ist und daß es ganz einfach war. Sie warnte noch wenige Wochen vor ihrem Tode, man solle keine unwahrscheinlichen Dinge von Maria behaupten oder solche, von denen man nichts weiß. Eine Marienpredigt müsse das wirkliche Leben der Mutter Gottes zeigen, nicht ein vermutetes. Es sei in der Ordnung, von den Vorrechten Marias zu predigen; aber der Prediger solle sich nicht damit zufrieden geben; er müsse der Mutter des Herrn Liebe gewinnen.

Wenn man bei einer Predigt vom Anfang bis zum Ende nur immer gezwungen sei, innerlich Rufe der Bewunderung auszustoßen, ermüde den Zuhörer und das nähre die Liebe nicht, noch wecke es das Verlangen zur Nachfolge. Wer weiß, fragt sich Theresia, ob in einem Menschen, wenn er immer nur diesen Weg geführt wird, nicht eine Abwehrbewegung wider den Gegenstand der Verherrlichung einsetzt.

Theresia konnte sich, wie sie gelegentlich selbst sagt, nur von der Wahrheit nähren und noch einmal: Maria von Nazareth bedarf unserer künstlichen Nachhilfen nicht. Sie ist, was sie ist auch ohne viel Wortschwall von unserer Seite. Der weitaus beste Kenner der Heiligen von Lisieux, Andre Condes, bezeichnet es als einen wesentlichen Punkt ihrer Marienlehre, „daß der Sohn Gottes seiner Mutter weder die dunkle Nacht des Geistes noch die Herzensangst erspart hat“. (Prof. Dr. Andre Condes, „Einführung in das Geistesleben der heiligen Theresia vom Kinde Jesu“. Johann Jos. Zimmer Verlag, Trier, 1951, S. 429.)
Madonna1Trotz aller Gnadenvorrechte oder besser, gerade wegen ihrer. Maria sollte Vorbild werden. Die Befreiung von den Verwundungen durch die Urschuld ist kein Vorbild; die Gottesmutterschaft auch nicht aber der Glaube Marias und ihre Tapferkeit im Dunkel des Glaubens sind Vorbilder. Beides kostete die Mutter Jesu: die Freuden und Erhöhungen im Glauben, und die Leiden im Glauben. Theresia lehnt auf Grund der Schrift Wunder und Ekstasen im Leben Marias ab. Ihre Sendung lag in der Verborgenheit, eine Sendung, an der Josef, der Zimmermann, den innigsten Anteil nahm. Der Weg Marias sollte allen gangbar sein, nicht bloß den „großen“ und mit ungewöhnlichen Sendungen bedachten Seelen. Herzanrührend liest sich, was die Heilige vom inneren Adel der Mutter Jesu sagt:  S i e  z i e h e  s i c h  z u r ü c k,  u m
u n s  d e n  W e g  z u  J e s u s  f r e i z u g e b e n
, der habe alles gegeben, was er Gott anzubieten habe, der sich selbst als Gabe an Gott wegverschenke. Der Herr habe schon gewußt, warum er uns dieser Mutter in seiner letzten Stunde als Zuflucht anvertraute.

Wir leben in einer Zeit, die sehr stark ausgerichtet ist nach dem Ungewöhnlichen im geistlichen Leben. Gerade deshalb ist Theresia von Lisieux für uns eine Mahnung, die Gnaden des Heiligen Geistes würdig zu verwalten und in nichts von der Glaubensregel abzuweichen.“
(Hervorhebungen stammen vom Autor, Fortsetzung und Schluß folgt.)

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.