Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Lectio Divina und Rosenkranzgebet

| 2 Kommentare

Lectio Divina und Rosenkranzgebet

vita_contemplativaVor 25 Jahren hatte ich die unvergessliche Gelegenheit eine ganze Woche in und mit der Kathedrale „Notre Dame de Chartres“ zu verbringen. Seither hängen über meinem Schreibtisch die Figuren der „Vita contemplativa“, eine Serie von kleinen Fotographien mit den Schritten der Lectio Divina.

Es handelt sich dabei um sechs Figuren der „Vita contemplativa“ am Nordportal der Kathedrale (dem Portal der Jungfrau Maria / Menschwerdung, links vom Mittelportal), die  sechs Figuren der „Vita activa“ gegenüber gestellt sind. Zusammen mit den Figuren der Glückseligkeiten der christlichen Seele (Schönheit, Freiheit, Ehre, Wonne, Behendigkeit, vorhallenbogen_chartresTapferkeit, Eintracht, Freundschaft, Langlebigkeit, Tatkraft, Sicherheit, Wissen nach Anselm von Canterbury und identifiziert von Étienne Houvet, von dem auch meine Bilder stammen), bilden sie die beiden äußersten Bögen der Vorhalle. Die Figuren der Vita activa sind mit den verschiedenen Stufen der Wollverarbeitung „beschäftigt“.

Die Balance zwischen „Vita activa“ und „Vita contemplativa“ gilt als die christliche Lebenskunst im Mittelalter und lebt bis in unser Heute fort mit dem  „O R A   E T   L A B O R A“ der Benediktregel.

Die „Lectio Divina“ meint traditionell die Lektüre der Heiligen Schrift in spezifischen Stufen (werden andere geistliche Werke gelesen, spricht man von „lectio spiritualis“). Die Stufen sind:

Chartres, Nordportal Portal links, Inkarnation Portal der Jungfrau Maria

Chartres, Nordportal
Portal links, Inkarnation
Portal der Jungfrau Maria

– Lectio,
– Meditatio,
– Oratio,
– Contemplatio,
( – auch Collatio, Disputatio und Praedicatio, je nach Zeit, Stand und Tradition)
Wörtlich übersetzt heißt „lectio divina“ göttliche Lesung, zutreffender könnte man sagen „Gottes wahres Wort lesen“ und um mit der Enzyklika „Lumen Fidei“ zu sprechen, Gottes Wort „hören, sehen, schmecken, berühren“, Gott suchen im Wort.
Benedikt XVI. hat 2008 bei seiner Frankreichreise das „Leben aus dem Wort“ als Wurzel europäischer Kultur charakterisiert:

„Ursprünge der abendländischen Theologie und die Wurzeln der europäischen Kultur“ .

Ich unternehme den Versuch die Stufen der kontemplativen Schriftlesung in meinen Worten zu beschreiben. Zunächst muß der Lesende folgende Vollzüge erlernen:
– er muß lernen, sich zu konzentrieren, seine Aufmerksamkeit auszurichten (in Zeiten des „Aufmerksamkeits – Defizit – Syndroms“ bereits eine nicht unerhebliche Hürde),
– er muß üben, persönliche Gefühle, Gedanken, Impulse und Projektionen zu beobachten, zu erkennen und beiseite zu lassen (auch das dürfte für den reizüberfluteten Zeitgenossen deutlich schwieriger sein, als für den Menschen des Mittelalters)
kurz und gut, er sollte mit der Zeit im eigenen Inneren einen Zustand der Ruhe bei gleichzeitiger Wachheit herstellen können.

Dann kann der Suchende mit der Lectio Divina beginnen, wie sie der Kartäuser Guigo II. (†1193) in seinem Brief an Bruder Gervasius „Scala claustralium“ (Die Leiter des Mönchs zu Gott) hinterlassen hat. Ich werde das nicht weiter ausführen, es gibt Berufenere (auch im Internet), die diese Arbeit schon getan haben. Gerne möchte ich auf die Übersetzung von P. Daniel Tibi OSB hinweisen, dessen Büchlein zum Rosenkranz ich hier schon mehrfach empfehlen durfte: Scala Claustralium. Die Leiter der Mönche zu Gott (PDF)

Ich möchte Ihnen gerne die Stufen der Lectio Divina zeigen, wie sie von den Meistern von Chartres in Stein gehauen worden sind.

lectio

lectio

LECTIO: das gesammelte Lesen eines Abschnittes der Heiligen Schrift, aufmerksames Lesen, Wort für Wort, manchmal laut – Lesen und Hören – ohne Eile, ohne große Anstrengung, eventuell in Wiederholung: ein Gleichnis, ein Psalmvers, ein kurzes Kapitel – die Länge und Komplexizität des Textes sollte sich nach der Geübtheit des Lesenden richten.
lectio_a

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.“

 

meditatioMEDITATIO: das Nachdenken und Reflektieren über den gelesenen Text, beginnend mit der „ruminatio“, dem wiederholten „Kauen auf den Worten“ oder dem entspannten „Wiederkäuen“ der Tiere, bis jedes Wort im Geist bewegt und beleuchtet worden ist und sehen Sie, wie hellwach unsere „Meditatio“ schaut!
(Anm. Nach der „Theory of Mind“ müssen zunächst „Begriffe“ mentalisiert worden sein. Dieser Vorgang beginnt beim sehr kleinen Kind mit dem Spracherwerb. Die Mentalisierungsfähigkeit ist Grundlage der Reflektionsfähigkeit. Es leuchtet ein, daß ein durch „sprechende Eltern“ sprachlich gut geschultes Kind auch in der von uns beschriebenen geistigen Disziplin bessere Fortschritte machen kann.).
meditatioDabei verdichtet sich die Reflektion meist auf einen Satz, eine Wendung, die den inneren Raum der Ruhe immer mehr ausfüllt und die Aufmerksamkeit tiefer bindet, gleichzeitig entsteht eine „Gestimmtheit“ von „lichter Wachheit“.
Gefühle und Gedanken, körperliche Empfindungen werden gelassen registriert, aber nicht verfolgt. Gelingt es, die Aufmerksamkeit stabil zu halten, dann geht man eigentlich ganz natürlich und mühelos über zur Stufe der Oratio.
„Halte fest das Vorbild der gesunden Worte, die du von mir gehört hast, in Glauben und Liebe, die in Christus Jesus sind! Bewahre das schöne anvertraute Gut durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt!“

OratioORATIO: man könnte es auch „Antwort geben“ nennen, in Zwiesprache treten, Resonanz geben auf das Wort Gottes, wie ich es gehört und verstanden habe. Ein Sprechen mit Gott setzt nun ein, so frei und wahrhaftig wie möglich soll dieses Erwägen und Betrachten im Angesicht Gottes sein, wie die vertraute Unterhaltung mit einem liebenden Freund. Weniger aus unserem Denken und Reflektieren (Kognition) wird dieses Sprechen gespeist, sondern aus dem Raum und Begriffsvermögen des Herzens (neurologisch nicht zu beschreiben, sorry! dieser Raum ist der Beschreibung durch Neurologen und Psychiater entzogen, zu privat…).
oratio

„Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen.“

„Da sagte Maria: Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.Denn der Mächtige hat Großes an mir getan und sein Name ist heilig.“

vita_contemplativaCONTEMPLATIO: das Ruhen in der „nüchternen Trunkenheit des Geistes“, das Ruhen im Wort Gottes und der Resonanz unseres Herzens, wie der Resonanzkörper eines Musikinstrumentes, nachdem es nicht mehr gespielt wird, ein Nachklingen. Letztlich ein stilles und sanftes Bleiben mit dem Erfahrenen, ohne daß Geist und Begriffsvermögen danach „greifen“, sich seiner bemächtigen.

Diese Haltung ist gemeint, wenn es in der Antiphon heißt: „Schweige und lausche, neige deines Herzens Ohr“.

contemplatio
Du o Gott mein Licht und Wonne,

Du o Gott mein Stern und Sonne,

Du o Gott mein Lieb und Leid,

Du o Gott mein Trost und Freude,

Du o Gott mein Morgen, Heute,

Du o Gott mein Ewigkeit.

collatio LehreDas letzte Bild in meiner Reihe habe ich PRAEDICATIO untertitelt, also „nach außen gehen“, Lehren, das Erfahrene öffentlich machen, gar predigen, verkünden. Auf jeden Fall aber Lobpreisen und Rühmen, IHN, dem ich durch seine Gnade begegnet bin.
Collatio heißt in der Tradition allgemein das Reden über das Erfahrene mit Gleichgesinnten, das über das Gelesene und Gehörte „konferieren“.
Disputatio meint den gelehrten Disput unter Theologen.
praedicatio

All diese Bewegungen wenden sich wieder nach außen und werden in gewisser Weise zum Teil der „Vita activa“, die jedoch von der „Vita passiva“ bzw. „contemplativa“ gespeist, genährt wird.

„Herr, öffne meine Lippen. Damit mein Mund Dein Lob verkünde.“

ExtasisIm Vorhallenbogen von Chartres gibt es noch ein sechstes Bild,  EXTASIS, die Verzückung, das Entrücktsein.
(Das überlasse ich jetzt vollkommen den Heiligen, die von Gott das Rüstzeug dafür erhielten!)

Ich erlaube mir nur den Hinweis, daß der mittelalterliche Bildhauer weiß, daß mit diesem Seinszustand NICHT irgendeine Art von affektivem Ausnahmezustand, „Arousal“ zu deutsch „Ausflippen“ gemeint ist…

So weit die „Lectio Divina“ der Meister von Chartres.


Was ist nun aber die Gemeinsamkeit der „Lectio Divina“ mit dem Rosenkranzgebet?

Wie in unserem Blog mehrfach ausgeführt, ist auch das Rosenkranzbeten ein Beten der Heiligen Schrift nach spezifischer Ordnung und Disziplin. Die „Lectio Divina“ war im ersten christlichen Jahrtausend jenen vorbehalten, die lesen konnten. Umso einschneidender war die Einführung der 50 „Clausulae zur Leben Jesu Betrachtung durch Dominikus von Preussen“ im Jahr 1409/10. Der „Rosarium Beatae Mariae“ löste den „Paternoster“ mit 150 Vaterunser und den „Marienpsalter“ mit 150 bzw. 3 x 50 Ave Maria  ab und verbreitete sich in Windeseile über den Weg der Rosenkranzbruderschaften.
Das Besondere und bis heute „Durchschlagende“ war die betende Schriftbetrachtung, die mit der Eingrenzung auf 15 zentrale „Geheimnisse“ des Lebens Jesu“ von jedem Analphabeten auswendig gelernt werden konnten. Man stelle sich vor, welchen Einschnitt das für die einfachen Gläubigen bedeutet haben muß. Nur so ist der gewaltige Zustrom zu den Rosenkranzbruderschaften zu erklären.

Mit dem Rosenkranz „durchstreifen“ wir nicht die Heilige Schrift in der Freiheit der „Lectio“, sondern wir wenden uns ausgewählten wichtigen Ereignissen im Leben Jesu nach der Schrift zu, die wir im Wort sprechen und hören, manchmal singen und in der Betrachtung „nachklingen“ und Mitschwingen lassen. Wenn man so will, tauchen wir wie Delphine im Gebet auf und ab durch Lectio, Meditatio, Oratio und Contemplatio. Das kontinuierliche Sprechen des Ave Maria hilft uns dabei in zweierlei Weise: es gibt uns ein Zeitmaß, ohne daß wir auf Zeit achten müssen und es bindet unsere Aufmerksamkeit so stark, daß wir uns sofort „verhaspeln“, wenn unsere Gedanken „abirren“. Darin liegt eine  Wahrheit über die Funktion unseres Gehirns, daß wir nämlich nicht zwei Dinge gleichzeitig sprachgebunden „denken“ können. Sehr wohl aber können wir Sprache benutzen (linke Hemisphäre) UND Bilder betrachten (rechte Hemisphäre).

Tauchen wir aus dieser „Gleichzeitigkeit“ auf, dann stossen wir denkend an die Worte des Ave Maria, der Doxologie oder des Vater unser und können uns daran „abstossen“, wie am Beckenrand eines Schwimmbades und wieder in die Tiefe des jeweiligen Geheimnisses eintauchen. Die Hauptgebete, allen voran das „Ave Maria“ führen und halten den Beter. Diesen „Halt“, den festen und wiederholten Rahmen brauchen wir „Weltmenschen“, wie der Mönch seine Zelle, die Clausur.
Mit der Zeit wird unsere innere Welt immer reicher an Bildern und Assoziationen, die mit den Geheimnissen des Lebens Jesu und seiner Mutter zu tun haben.

pfarrer weigerErfahrene Beter berichten, daß sich bereits beim Berühren bestimmter Perlen des Rosenkranzes bestimmte Vorstellungsräume öffnen und Betrachtungsbilder auftauchen.
Das rhythmische Sprechen (Murmeln – wie die „ruminatio“ der Lectio Divina) unterstützt dabei den „Raum der Stille“ oder wie Pater Müller es nannte, das Umschalten auf „Alpha – Wellen“ im Gehirn.

Meine hier oft wiederholte Warnung, den Rosenkranz nicht mit weiteren, den Geist und die Vorstellungskraft fordernden Gebeten zu überfrachten, bezieht sich auf die Gefahr, die wertvollen Elemente, die wir zur „Lectio Divina“ beschrieben haben, aus dem Rosenkranzgebet zu vertreiben. Insbesondere „Oratio“ und „Contemplatio“ werden durch Anfügungen empfindlich gestört.

Bei aller Liebe zum „Remitte“ und der schönen Wendung „O mein Jesus, verzeih uns unsere Sünden“, gebe ich zu bedenken: wer würde sich in der Lectio Divina dazu verleiten lassen, ausschließlich über Sünden und Hölle zu kontemplieren? Dieses Gebet reisst uns, ob wir wollen oder nicht, immer wieder ins Individuelle, ins Persönliche, denn was ist persönlicher und individueller, als unsere Sünden und die Sünden der anderen, von denen wir wissen? Und so leid es mir tut, das sagen zu müssen, es entfernt uns von der „Leben – Jesu – Betrachtung“ nach der Schrift und von den kostbaren Stufen der Oratio und Contemplatio im Rosenkranz. Wer gerne der Weisung der Gottesmutter in Fatima folgen will, der tut sich selbst und denen, die er lehrt einen großen Gefallen, wenn er das Remitte erst am Ende, mit den Schlußgebeten und nicht nach jedem Gesätz spricht.

Es widerspricht der inneren Ordnung und dem „Takt“ des Rosenkranzes und ich frage mich, warum man der Erfahrung der über 500 Jahre Rosenkranz so wenig vertraut und durch Variationen und Hinzufügungen sein „Geheimnis“ stört. Wer ständige „Rosenkranzvariationen“ sucht, hat den Sinn des Gebetes nicht voll erfasst. Es sei denn, er findet die „Alternative“ und bleibt dann in „stabilitas loci“ dabei!

Quellen:
Guigo der Kartäuser: Scala Claustralium. Die Leiter der Mönche zu Gott. Übers. v. Daniel Tibi OSB. Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 32010. ISBN 978-3-88309-455-7

„Ursprünge der abendländischen Theologie und die Wurzeln der europäischen Kultur“, Ansprache von Papst Benedikt am 12. September 2008 in Paris, Collège de Bernardins

Print Friendly, PDF & Email

2 Kommentare

  1. Oh je, die Aufmerksamkeit binden. Gerade, wenn in der Kirche ein Gesätz gebetet wird passiert es mir so leicht, dass ich mitspreche und über anderes nachdenke.

    Aber stimmt schon, wenn ich alleine bete und die Gedanken abschweifen, dann vergesse ich immer, das Geheimnis einzufügen oder ich vergesse eine Perle weiter zu rutschen und weil es plötzlich falsch klingt und sich falsch anfühlt werde ich zurückgerufen und fange neu an.
    Rosenkranzbeten ist eben nicht „Beten für Dummies“ sondern als betrachtendes Gebet ebenso anspruchsvoll wie andere kontemplative Gebetsweisen auch.

  2. Ein sehr schöner Text! Leider bin ich von der täglichen Schriftbetrachtung etwas abgekommen – leider! Aber nachdem ich das nun gelesen habe, habe ich eigentlich gut Lust, wieder etwas disziplinierter einzusteigen.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.