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Maria von Nazareth und Theresia von Lisieux

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Maria von Nazareth und Theresia von Lisieux

Wie sprechen wir Maria von Nazareth, die Mutter unseres Herrn, Jesus Christus an, wenn wir über sie nachdenken, wenn wir über sie reden, wenn wir zu ihr rufen?
In der Frömmigkeitsgeschichte der Jahrhunderte sind unzählige Namen und Titel entstanden. Kirchenväter, Theologen, Minnesänger, Mystiker und heilige Frauen, Heilige und Sünder wurden nicht müde, die Jungfrau zu preisen – in der ihnen gemäßen Weise, in der Sprache ihrer Zeit. Manches ist zeitlos gültig, schön und treffend. Anderes war bereits zu seiner Zeit übertrieben oder sentimental – es erschöpfte sich allzu oft in der Selbstbespiegelung seines Urhebers.
weigerJosef Weiger zeigt in diesem Text das Marienbild der heiligen Theresia von Lisieux und sagt uns Gültiges auch für unsere Zeit. Joseph Ratzinger / Papst Benedikt stellte einmal zu Weigers Schriften über Maria fest, daß „wir Seminaristen erst durch ihn zu einem tieferen Verständnis Marias gekommen sind“. In der zurückhaltenden Sprache aller guten Theologen hilft er uns mit diesem Text zur Unterscheidung. Ich zitiere aus „Maria von Nazareth“ (München 1954), Kapitel „Maria und Theresia“, S.216:

„Die Größe Marias ist ihre Einfachheit. Diese Einfachheit zeichnet das Marienleben. Das tief erkannt, verstanden und verteidigt zu haben, bleibt das Verdienst der Heiligen von Lisieux. Ihr letztes Gedicht gilt der Mutter Gottes. Und schon die erste Strophe stellt die entscheidende Frage: Theresia will nicht in den übernatürlichen Auszeichnungen Marias von Nazareth  schwelgen, aus Angst, darob das schlichte Verhältnis zu ihr als Kind zu verlieren. Die Begründung ist aufschlußreich. Die ThereseHeilige teilte die Meinung nicht, daß man von der Mutter Gottes nur in den höchsten Tönen sprechen könne. Sie fürchtet sogar, sich durch eine solche Sprache der Mutter Gottes zu entfremden. Mit gutem Recht. Es gibt eine Sprache des Lobes, die peinlich wirkt; sogar unangenehm empfunden wird von dem, der damit gemeint ist. Gehäuftes Lob verdeckt vielfach den Mangel an Bereitschaft, sich ernstlich mit dem Gegenstand des Lobes zu beschäftigen, womit doch eigentlich die Verehrung, die Einschätzung und Liebe des einen Menschen zum anderen anfängt.

Szenenbild "Maria von Nazareth" BR

Szenenbild
„Maria von Nazareth“
BR

Maria ist die Große schlechthin; auch ohne unsere Nachhilfe, und es wäre zum Schaden des kirchlichen und biblischen Marienbildes, wenn wir uns bei seiner Nachbildung verweltlichender Hilfen bedienen wollten. Gott hat der lieben Mutter seines Sohnes ein warmes fühlendes Herz gegeben, ein Herz voll Lauterkeit und Tapferkeit, des Mitleidens und der Mitfreude fähig; ein Herz, dem Herzen Christi gleich. Und nicht hat er aus ihm ein Schulbeispiel aller nur denkbaren Tugenden und aller nur möglichen Frömmigkeitsweisen gemacht, wie sie der Heilige Geist im Laufe der Jahrhunderte in den Herzen der Gläubigen zum Segen der Kirche geweckt hat. Schon Thomas von Aquin wehrte sich gegen eine solche Deutung des Wortes, du bist voll der Gnade. Heißt es doch auch von Stephanus in der Apostelgeschichte, er sei voll des Heiligen Geistes gewesen.

Der Heilige Geist gibt jedem die Gnaden, die er zu seiner Sendung und seinem Heile braucht. Was hätte es der Mutter Jesu genutzt, die Gnade der Apostel zu empfangen und mit der Sprachengabe ausgerüstet zu werden, wenn sie die Sendung zum Glaubensboten nicht empfangen hat? Trotzdem überragt Maria als Mutter des Erlösers und der Erlösten alle Glieder der christusgläubigen Gemeinschaft an Gnade und Erwählung.

Vorbild ist sie geworden nicht für einzelne Formen der Frömmigkeit, so wechselnd und verschieden nach Zeit und Klima und Land, sondern für die Haltung der Frömmigkeit schlechthin. Eine Frömmigkeit, die sich vor dem Glauben der Jungfrau nicht ausweisen kann, hat kein Bürgerrecht in der himmlischen Gemeinschaft. Im Marienleben fließen auch die Quellen der lautersten Mystik. Gott ist nun einmal ein verborgener Gott und er liebt es, sich zu verbergen und trotzdem da zu sein. Die Schöpfung verkündet ihn nach dem Glauben beider Testamente und ist doch wieder der kostbare Mantel, der ihn verhüllt.      W i r  s e h e n  G o t t  n u r  i m  N a c h g l a n z  s e i n e r  H e r r l i ch k e i t.
chagall_dornbuschDas will es heißen, wenn dem Moses geoffenbart wird, er könne Gott nur vom Rücken sehen. Die ganze Schöpfung ist wie der Nachglanz der Herrlichkeit des Ewigen. Ein Aufleuchten, daß Er am Werke war. Und das ist mit der Menschwerdung unseres Herrn Jesus Christus nicht anders geworden: In seiner Person hat das Wort des ewigen Vaters Fleisch und Blut angenommen. Man sollte meinen, jetzt wäre der Herr seiner Geschöpfe von ihnen erkannt worden. Das Gegenteil war der Fall und der Freund Jesu, Johannes, hatte sich noch als Neunzigjähriger mit dieser Tatsache innerlich nicht abgefunden: „Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf“; obwohl er ihre Sprache sprach, ihres Blutes war, zur Synagoge gehörte, dem Gesetze unterworfen wie nur einer von ihnen. Aber vielleicht wurde er gerade deswegen nicht erkannt.
Am Himmel oben verhüllt ihn die Unermeßlichkeit des Raumes, am Genezareth die Enge eines menschlichen Daseins. Am Himmel zeugt von ihm die Weisheit; die Schönheit; die Ordnung. Am Jordan die frohe Botschaft; Wunder und Zeichen des Erbarmens und der Liebe.

Gott liebt es, sich zu verbergen. Jede Glaubenshingabe taucht ein in die Verborgenheit Gottes. Es gibt kein Leben aus dem Glauben, das nicht an die Verborgenheit Gottes rührte und irgendwie angehaucht wäre von dieser Verborgenheit. Die Verwandte der Mutter Gottes, Elisabeth, hat für alle Jahrhunderte die Wahrheit gesagt: „Selig bist Du Maria, weil Du geglaubt hast.“ Nach Maria gibt es kein Eingehen in die Welt des Glaubens, das nicht im Glauben Marias vorgebildet wäre. Ihr Glaube liegt jeder echten Frömmigkeitsbezeugung zu Grunde, befruchtet sie und weist sie zugleich aus. Auch darin drückt sich eine Wahrheit katholisch mystischer Lehre aus.“ (Fortsetzung in Teil II)

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2 Kommentare

  1. Dieser Tage habe ich eine Kleinschrift Weigers über Maria in einer Kiste zwischen alten Photos gefunden … werde ich mal lesen … 🙂

    • Das ist ein schöner Fund! Weiger war ein begnadeter Theologe, ausgewiesener Kenner der Kirchenväter. Man sagte von ihm, daß sein Freund Guardini nichts veröffentlichte, was er nicht auf theologische Haltbarkeit gegengelesen habe. Beide pflegten Freundschaft und Werkgemeinschaft von 1906 – 1966 (Weigers Tod).

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