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Marianische Volksfrömmigkeit – eine Antwort

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Dom zu Eichstaett

Marianische Volksfrömmigkeit – eine Antwort

Heute hat „Frischer Wind“ einen Artikel von P. Bernward Deneke für das Schweizer Katholische Sonntagsblatt mit dem Titel „Marianische Volksfrömmigkeit“ veröffentlicht. Daran kann ich natürlich nicht „vorbeigehen“. Der Artikel gefällt mir sehr gut.

Sagen wir bis auf den Anfang: wie so oft bei traditionsliebenden Katholiken wird erst einmal kräftig ausgeteilt und geschimpft. Wenn ich das so lese, dann frage ich mich manchmal, ob ich in einer Art „katholischen Parallelwelt“ gelebt habe, wo all die „Mißstände“, von denen berichtet wird, einfach nicht vorkamen. Ich persönlich kenne kein katholisches Gemeindeleben ohne Maria. Ich kenne keine „massiven Attacken“ und in immerhin 50 katholischen Jahren habe ich auch jenen „Kahlschlag“ nicht erlebt, von dem die Rede ist. In meiner Kinderfrömmigkeit in der Diözese Speyer war Maria so selbstverständlich präsent, daß man selbst ohne frommes Elternhaus eine Beziehung zu ihr hatte. „Mängel“ waren der altersgemäßen Unwissenheit geschuldet.
_38348257_vt_poperosary_ap150Katholisch erwachsen geworden bin ich seit 1978 mit einem höchst marianisch orientierten Papst. Der Selige Johannes Paul II. tat in Vorbild und Katechese wirklich alles dafür, die Gläubigen zu einem gesunden Verhältnis zur Gottesmutter zu erziehen, auch in der Volksfrömmigkeit. Immer wieder zitiere ich hier sein apostolisches Lehrschreiben „Rosarium Virginis Mariae“. Wie Paul VI. in „Marialis Cultus“ gibt er hier klare Orientierung und Anleitung, ja er schreibt sogar die über fünfhundert Jahre reichende Geschichte des Rosenkranzbetens, als wichtigstes Gebet der Volksfrömmigkeit, fort und schließt mit den lichtreichen Geheimnissen eine schmerzhafte Lücke in der Leben – Jesu – Betrachtung.

P. Deneke kommt allerdings in seinem Artikel zu folgender Analyse:

„Einfache Gläubige, die täglich den Rosenkranz beten und ihre Anliegen der Fürsprache Mariens anempfehlen, die im Monat Mai und auch sonst das Bildnis der Jungfrau schmücken und in Ehren halten, die gelegentliche Wallfahrten zu ihren Gnadenorten unternehmen und manches mehr tun, ihre kindliche Liebe zur Gottesmutter zu zeigen, können sich gegen die Attacke kaum wehren. Und wenn sie es dann erleben müssen, dass ihre Seelsorger, infiziert vom Virus jener Kritik, einen marianischen Kahlschlag anrichten und Kirchenraum wie Gottesdienstordnung von den Elementen der verachteten Volksfrömmigkeit „reinigen“, ziehen sie sich oft still zurück, sammeln sich mit Gleichgesinnten und praktizieren das, was ihnen in der Pfarrei nicht zugestanden wird, andernorts. Dort freilich, wo ihnen der nötige kirchenamtliche Halt fehlt, steigern die Frommen ihre Marienverehrung nicht selten bis zu einem ungesunden Überschwang, vermischen sie mit schwärmerischem Beiwerk, das ihrer eigenen Phantasie oder fragwürdigen Visionen entstammt, und bestätigen so nur das, was ihnen die angeblichen Aufklärer vorwerfen… „
marianisch?Ich verstehe die Aussage (etwas überspitzt gesagt) so, als seien Gläubige, die mit besonderer Liebe an Maria als Mutter der Kirche und Fürsprecherin der Gläubigen, Advocata Nostra, Wegweiserin im Glauben, hängen, durch böse Mariengegner in eine ungesunde, übertriebene Marienfrömmigkeit abgedrängt worden. Dort fristen sie jetzt isoliert, verachtet und geschmäht ein Leben dominiert von Sehern und „Warnern“ und sind Visionen, Phantasie und Überschwang ausgeliefert….
Ohne Frage mag das aus der Sicht der Gemeinten so sein, mag es sich subjektiv und in Einzelerfahrungen so anfühlen. Aber ist es gerecht, jede Kritik an Übertreibungen, an Sentimentalität, an Kitsch und Entstellung gleich als „antimarianisch“ zu geißeln? Ist es (sach)gerecht, wenn umgekehrt Protestanten von „antijesuanisch“ sprechen bei jeder Marienverehrung?

Hier beginnt jetzt mein Widerspruch: in der Frage muß auch historisch gedacht und nüchtern analysiert werden. Nach den Erschütterungen durch Aufklärung und Säkularisierung setzt im 19. Jahrhundert (ungefähr mit der Zeit der Romantik) eine neue Form der Marienverehrung ein, die maßgeblich durch Erscheinungen und Privatoffenbarungen geprägt und geformt wird. Von manchen wird ein „marianisches Zeitalter“ gefeiert. Mit Blick auf die Geschichte der Marienmystik und Marienfrömmigkeit melde ich meine deutlichen Zweifel an.

monkDa ist nicht mehr die mystische Schau und „Marienminne“ der Kirchenväter, der Heiligen und Kirchenlehrer, für die die Frage nach Maria immer die Frage nach der Begegnung Mensch und Gott, Menschwerdung Gottes, also das umfassende Mysterium der Erlösung des Menschen durch Jesus Christus war.

Zunehmend tritt nun Maria in Erscheinungen und Visionen quasi „autonom“ auf und greift gewissermaßen mit Anweisungen und Aufträgen, mit konkreten Anleitungen und Willensbekundungen in die Heilsgeschichte der Menschheit ein. Kein christliches Zeitalter kennt eine solche Flut von „Erscheinungen“ (auf dieser Seite im Netz kann sich der geneigte Leser ein Bild machen: „Gott und die Gottesmutter“). Kein Zeitalter (vielleicht mit Ausnahme von Reformation und Gegenreformation) hat Maria, die Königin des Friedens, so zum Zankapfel werden lassen und diese Phase hält an.

Inzwischen sind wir an einem Punkt angekommen, wo nach einem Dogma „Maria Miterlöserin“ verlangt wird. Unter theologischen Laien wird massiv dafür geworben. Altehrwürdige Darstellungen der Gottesmutter sollen weltweit durch eine höchst fragwürdige Erscheinungsabbildung ersetzt werden. Im Bewußtsein der Gläubigen, die zu Maria Zuflucht nehmen in ihren irdischen Lasten, ihrer Erlösungsbedürftigkeit, soll durch millionenfache Aussendung und Verbreitung das Bild der „Frau aller Völker“ (samt seiner Aussage) verankert werden. Mit dieser „missionarischen“ Anstrengung will man eine „Vox Populi Maria Mediatrici“  stiften, die alle von Pater Deneke im zweiten Teil seines Artikels postulierten Vorschläge zur „Erneuerung der Marianischen Volksfrömmigkeit“ konterkarriert.

Bestimmte (sehr genau definierbare) Kreise „Marianischer Frömmigkeit“ wollen das gläubige und sehr wohl kirchlicher Lehre bewußte Volk zur Annahme von Behauptungen von Sehern und Visionären „zwingen“ (Dogma), also Erscheinungen und Privatoffenbarungen in einen dogmatischen Rang erheben, der ihnen nach der Lehre der Kirche eindeutig nicht zukommt. Bei der Rezeption und Interpretation von Kritik an „marianischer Volksfrömmigkeit“ werden Ursache und Wirkung zu oft verwechselt.

Von über 300 „Erscheinungen“ der letzten 183 Jahre wurden weniger als 10 (zehn) Schauungen Mariens kirchlich anerkannt und als glaubensfördernd unterstützt (u.a. die Visionen der Catherine Labouré, Lourdes, Fatima). Die Mariendogmen von 1854 und 1950 haben eine lange theologische Vorgeschichte und wurden in LUMEN GENTIUM, Kapitel VIII nachvollziehbar für jeden Gläubigen in die katholische Glaubenslehre eingeordnet – sie beruhen NICHT auf Privatoffenbarungen, sondern wurden höchstens von diesen „gestützt“. Sollte die Kirche tatsächlich zu einem weiteren Mariendogma „Miterlöserin“ unterwegs sein, dann müssten Theologie, Mariologie und Lehramt das jenseits von Privatoffenbarungen und Erscheinungen zu begründen wissen.
„Nach allgemeiner Lehre werden Privatoffenbarungen nie als Gegenstand allgemeiner Glaubensverpflichtung vorgelegt. Ihre Anerkennung begründet die Kirche innerlich aus den ihr unfehlbar anvertrauten STAMMDOGMEN der Glaubenshinterlage.“ So der Schlußsatz in dem von Kardinal Scheffczyk herausgegebenen Marienlexikon (St. Ottilien 1989, Bd. 2, S. 395 – 398) zum Stichwort „Erscheinungen“.
Siehe auch: Doktrin über die Volksfrömmigkeit PDF
und Privatoffenbarungen in der Lehre der Kirche

Detail Altarbild Köln 1445

Detail
Altarbild
Köln 1445

Aus dem Gesagten komme ich zu der These, die ich in diesem Blog zur Volksfrömmigkeit mehrfach vorgebracht habe: der größte Feind einer fest in der Kirche und dem katholischen Glauben verankerten Marienfrömmigkeit ist eine ungesunde, übertriebene und mangelhaft CHRISTUSzentrierte „marianische“ Volksfrömmigkeit. Wundersucht, Eigenwille und Schwarmgeistigkeit sind seit knapp 200 Jahren dabei, den Christusgläubigen Maria von Nazareth zu „kidnappen“, sie zu verzerren und zu entfremden. Es ist nichts Falsches daran, auf Maria als unsere Mutter und Fürsprecherin zu vertrauen, sie zu preisen und zu verehren. Daß ich hier nur nicht (künstlich) mißverstanden werde! Je intensiver jemand das Leben Mariens studiert, betrachtet und in seinem Herzen bewegt, desto sicherer wird er im Glauben an Jesus Christus, desto tiefer begreift er das Mysterium unserer Erlösung. Mit den Augen Mariens das Erlösungswerk des Herrn betrachten: Im Prinzip ist dieser ganze Blog allein dieser Wahrheit gewidmet.
Es muß doch gesagt werden dürfen, daß es weite Kreise von Marienfrommen gibt, die vernünftige, gut katholische und an Evangelium und Lehre orientierte Menschen geradezu in die Flucht schlagen. Von (jungen) Menschen, die sich dem Geheimnis Mariens erst annähern wollen, gar nicht zu reden! Für mich ist es untragbar, wenn Marienfrömmigkeit auf „Erscheinungsfrömmigkeit“ reduziert wird.

So schließe ich mich dem Aufruf von P. Deneke an:
„Kristallklar tritt bei ihnen die Scheidelinie zwischen heidnisch-mythischen Muttergottheiten und der heiligen Gottesmutter hervor. Aus der Fülle der Schrift, aus Kirchenvätern und theologischer Tradition, aus Liturgie und Lehramt zeigen sie die Einbettung des Mariengeheimnisses im Erlösungswerk und lassen das feine Beziehungsgeflecht tiefer Zusammenhänge, in denen die Gottesmutter zu allen Bereichen von Glaubenslehre und Glaubensleben steht, aufstrahlen. Solche Mariologie, mag sie auch gläubige Leser ohne Vorkenntnisse eher überfordern, bestätigt doch deren Frömmigkeit. Daher kann und soll mit der Erneuerung der marianischen Theologie auch die der marianischen Volksfrömmigkeit einhergehen.
Beide Bereiche können und dürfen ja niemals voneinander getrennt sein oder gar gegeneinander stehen. Daher werden Hirten, Prediger und Priester gesucht, die es verstehen, anstatt die gelegentlich wenig erleuchteten Äußerungen in der Verehrung der Gottesmutter einfach abzuwürgen, diese vielmehr mit dem Licht der wahren Lehre zu erhellen und mit der Glut geläuteter Liebe zu erfüllen! Indem wir um solche Erneuerung beten, wirken wir mit an der Ankunft eines neuen „marianischen Frühlings“, der immer zugleich auch Wegbereitung des Reiches ihres Sohnes ist. „

Es ist tatsächlich die Verantwortung des Klerus in den Gemeinden, für Klarheit zu sorgen. Und ich widerspreche dem Vorurteil, daß die Wendungen gegen ungesunde Formen „Marianischer Volksfrömmigkeit“ gleichbedeutend sind mit einer Ablehnung der Marienfrömmigkeit / Volksfrömmigkeit überhaupt. Das stimmt SO eindeutig nicht. Man sollte im Diskurs mindestens konzidieren, daß man auch hier fromme und gläubige Katholiken vor sich hat, deren „sensus fidei“ sich berechtigterweise gegen eine Zeiterscheinung wehrt und sich NICHT etwa gegen Erscheinungungen und mystische Begegnungen von Heiligen mit der Gottesmutter wendet.
Nach meiner Überzeugung sollte der Läuterungsauftrag zunächst einmal in den Reihen der „Erscheinungsfrommen“ wahrgenommen werden, bevor man sich allzu sehr mit dem „Unglauben der Anderen“ beschäftigt (als gute Rechtfertigung für die selbstgewählte  fromme Exklusivität) und ihnen „antimarianische“ Affekte unterstellt.

Pope Benedict XVI prayes at a shrine ofWie die Katechesen zur Marienverehrung aussehen können, wie Maria in der Glaubenslehre zu zeigen ist, haben die Päpste des 20. und 21. Jahrhunderts eindrucksvoll vorgemacht. Ich erwarte eigentlich nichts anderes, als daß Klerus und Laien diesem Beispiel folgen und gläubige Katholiken nicht weiter den Firnis des 19. Jahrhunderts (mit seinen Irrungen und Wirrungen) über dem Bild der Gottesmutter ausbreiten.

Theresia von Lisieux betont, wie Pfr. Josef Weiger schreibt, die Einfachheit Mariens:
“Die Größe Marias ist ihre Einfachheit“. Diese Einfachheit zeichnet das Marienleben. Das tief erkannt, verstanden und verteidigt zu haben, bleibt das Verdienst der Heiligen von Lisieux. Ihr letztes Gedicht gilt der Mutter Gottes. Und schon die erste Strophe stellt die entscheidende Frage: Theresia will nicht in den übernatürlichen Auszeichnungen Marias von Nazareth  schwelgen, aus Angst, darob das schlichte Verhältnis zu ihr als Kind zu verlieren. Die Begründung ist aufschlußreich. Die ThereseHeilige teilte die Meinung nicht, daß man von der Mutter Gottes nur in den höchsten Tönen sprechen könne. Sie fürchtet sogar, sich durch eine solche Sprache der Mutter Gottes zu entfremden. Mit gutem Recht. Es gibt eine Sprache des Lobes, die peinlich wirkt; sogar unangenehm empfunden wird von dem, der damit gemeint ist. Gehäuftes Lob verdeckt vielfach den Mangel an Bereitschaft, sich ernstlich mit dem Gegenstand des Lobes zu beschäftigen, womit doch eigentlich die Verehrung, die Einschätzung und Liebe des einen Menschen zum anderen anfängt.(Maria von Nazareth und Theresia von Lisieux)

Jesus IkoneWarum sollte also in unserer Marienfrömmigkeit ein „seherbedingter“ Superlativ den anderen jagen? Sind wir so überzeugt, daß unsere effektorientierte Sprache der letzten 183 Jahre so viel mehr der Einfachheit der Gottesmutter entspricht, als die Früchte der Kontemplation der ersten 1400 Jahre Marienverehrung?

Ihr Priester und Bischöfe, zeigt uns das „Vera Ikon“ der Gottesmutter, damit wir das „Vera Ikon“ unseres Erlösers Jesus Christus sehen lernen. Zwingt uns nicht Seher auf, wo wir durch die Gnade Gottes Jesus Christus wollen (dürfen)!

Und ganz zuletzt meine Anfrage: Warum lehrt der Klerus nicht das Hauptgebet der Volksfrömmigkeit, den Rosenkranz, in der von der Kirche als richtig erkannten Form? Warum überläßt man ihn unwidersprochen den „Privatkatecheten“?

P.S. Auch hier noch einmal die Bemerkung von Walter Nigg über Theresia von Lisieux und dem Jahrhundert, das sie „überwunden“ hat mit ihrem Glauben:
“Man steht vor dem Bild eines Menschen, der eindrücklich beweist, dass, wie unfruchtbar und öde auch immer eine Zeitepoche sein mag, der in ihr lebende Mensch stets zum Ewigen durchbrechen kann. In jeder Geschichtsperiode besteht die Möglichkeit, der Aufforderung des Angelus Silesius nachzukommen: Mensch werde wesentlich! Nie ist ein Christ durch den Leerlauf seiner Zeit entschuldigt, denn auch im oberflächlichsten Jahrhundert kann er im Göttlichen verwurzelt sein.“

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2 Kommentare

  1. Wie interessant, abgewogen und differenziert argumentierend und schlicht sympathisch! Vielen Dank!
    Ich bin zwar aufgrund eigener, anders gelagerter Erfahrungen nicht bei Ihnen, wo Sie den von P. Deneke diagnostizierten „Kahlschlag“ relativieren, aber darüber ließe sich ggf. ja reden.
    Jedenfalls freue ich mich, Sie und Ihren Blog auf dem „Umweg über die Trollwiese“ 😉 gefunden zu haben!
    Auf bald!

    GL

    • Herzlich willkommen im Rosenkranz“blöglein“! Da ich mein Leben im Süden der Republik verbringen durfte,
      geht’s mir wohl besser, als den armen Diasporakatholiken im Norden. Wenn in den Grenzen des Limes jemand „Kahlschlag“ versuchen
      würde, müsste er auf Freunde verzichten… 😉
      Gerne auf bald!
      die ankerperlenfrau

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