Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Mein fröhliches Sterbelied

| 2 Kommentare

Agnes Kunze 1962

Sr. Agnes Kunze 1962
© KKM Handweaving Society

Mein fröhliches Sterbelied

Agnes Kunze (* 12.08.1923 in München, † 14. November 1998 in Dehra Dun), die hochverehrte Gründerin der Weberkooperative Dehra Dun in Indien, hat uns diesen anrührenden Text hinterlassen. Regelmäßig wandte sie sich mit Briefen an Freunde und Unterstützer und erzählte von ihrem Alltag in Indien.
Während der NS – Diktatur hatte sie ihr Studium in München abgebrochen und arbeitete in einer Anstalt für geistig Behinderte.  Von 1953 bis 1961 war sie Gemeindeschwester im Hasenbergl (Münchens „sozialer Brennpunkt“ bis heute). 1961 ging Agnes Kunze nach Indien, um dort den Ärmsten der Armen, den Leprösen beizustehen.

© KKM Handweaving

Sr. Agnes bei der Krankenpflege
© KKM Handweaving

Auf abenteuerlichen Wegen und mit ungeheurer Durchsetzungskraft
„wählte sie den Weg, den sie geführt wurde“ (Edith Stein)
und baute eine Webereigenossenschaft auf, in der Leprakranke arbeiteten und medizinisch betreut wurden. Ihr Traum war, daß diese entrechteten Menschen in die Lage versetzt werden, für sich selbst in Würde zu sorgen, ohne auf Almosen und Mildtätigkeit angewiesen zu sein. Nicht Bettler, sondern Arbeiter in eigener Würde sollten sie sein dürfen. Seinerzeit war es Leprösen in Indien verboten, zu arbeiten, ihren eigenen Unterhalt zu verdienen, zu heiraten und Kinder zu bekommen, sie waren noch schlimmer gestellt, als Angehörige der Paria, der Kaste der „Unberührbaren“.
Das gesegnete Werk von Agnes Kunze lebt bis heute fort – „…because Hell had been pushed back by this saintly little woman.“

Mein fröhliches Sterbelied

Wenn ich sterbe,
lasst mich noch einmal das Licht sehen –
die Sonne, vielleicht sogar
zwischen Himmel und Erde einen Regenbogen,
und wenn es nachts ist,
den Mond und den großen Wagen  –
bereit zur Abfahrt.

Wenn ich sterbe,
lasst mich noch einmal ein Flötenkonzert hören,
und wenn es morgens ist,
das Zwitschern der Vögel im Pilkani-Baum,
das Gurren der Tauben, den Ruf der Koel.

Wenn ich sterbe,
lasst mich noch einmal frisches Wasser schmecken,
süße Melonen und Mangos
und  von festlicher Mittagstafel den Wein –
kurz vor dem Abschied.

Wenn ich sterbe,
lasst mich noch einmal Jasmin riechen,
und wenn es abends ist,
den Duft verblühender Rosen in verwunschenen Gärten
und an der Friedhofsmauer.

Wenn ich sterbe,
lasst mich noch einmal Hände spüren
bei Tag und des nachts –
warm in den meinen und kühlend auf heißer Stirn.
Hände, die segnen und die mir das Brot reichen zur Wegzehrung.

Lasst mich noch einmal,
wenn ich sterbe,
sehen, hören, schmecken, riechen
und spüren alle Lichter und Farben –
alle Klänge, jeden Wohlgeschmack, jeden Duft
und alle Umarmungen dieser geliebten Welt.

The Sunday Times Magazine 1973

The Sunday Times Magazine 1973

Geliebt und umarmt – jetzt und in der Stunde unseres Todes.

Amen.

Agnes Kunze, Dehra Dun, Indien 1990

Lektüre: Agnes Kunze, Verwobene Hoffnung – Briefe aus Indien, Mainz 1988 (antiquarisch)

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2 Kommentare

  1. Liebe Ankerperlenfrau!

    Danke für dieses anrührende Gebet und die Vorstellung dieser wunderbaren Frau! Bei uns in Ö ist sie nicht so bekannt (zumindest nicht mir).
    Ich freu mich immer sehr über deine Beiträge und hoffe, dass es dir gut geht!!!

    Alles Liebe für dich und Gottes Segen,
    Regina

    • Liebe Regina,
      schön, daß Du weiter mitliest! Danke!
      Ja, sie war eine bemerkenswerte Frau, ich habe sie über meine Freundin M.E. Stapp kennen und schätzen gelernt. Maria Elisabeth kannte sie gut, hat sie immer unterstützt und ihr ein kleines Vermögen hinterlassen für Dehra Dun.
      Was für besondere Menschen, Gottesfreunde das sind, die ihr ganzes Leben in die Waagschale werfen, um IHM zu folgen.
      Tiefdemütiges Staunen!

      Sei herzlich gegrüßt,
      die Ankerperlenfrau

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