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Meister Eckhart, Mariens Innerlichkeit

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Meister Eckhart, Mariens Innerlichkeit
Herz Marien am 9. Juni 2013

Maria_InnerlichkeitMariens Innerlichkeit

„In Unserer Lieben Frau waren alle Tugenden, so auch die Abgeschiedenheit, in höchster Vollkommenheit vorhanden. Ist nun diese höher als Demut, warum sprach dann Unsere Liebe Frau von ihrer Demut und nicht von ihrer Abgeschiedenheit, als sie sagte: „Er sah an die Demut seiner Magd?“
Darauf antworte ich: In Gott ist sowohl Abgeschiedenheit wie Demut, soweit man bei Gott überhaupt von „Tugend“ reden kann. Seine liebevolle Demut war es, die Gott dazu brachte, sich in die menschliche Natur herabzulassen, und doch blieb Er, indem Er Mensch ward, in sich selber so unbewegt, wie da Er Himmel und Erde schuf.
So blieb Unsere Frau in unbewegter Abgeschiedenheit, sprach aber nur von ihrer Demut und nicht von ihrer Abgeschiedenheit, wie der Prophet sagt:
„Ich will schweigen und hören, was mein Herr und Gott in mir rede.“
Und Boethius sagt:
„Ihr Menschen, warum sucht Ihr außer euch, was in Ech ist, die Seligkeit?“

Wahre Abgeschiedenheit bedeutet, daß der Geist so unbeweglich steht in allem, was ihm widerfährt, es sei Liebes oder Leides, Ehre oder Schande, wie ein breiter Berg unbeweglich steht in einem kleinen Winde.
Es könnte jemand einwenden: Hatte Christus auch da unbewegliche Abgeschiedenheit, als er ausrief: „Meine Seele ist betrübt bis in den Tod“?
Und Maria, als sie unter dem Kreuze stand – man redet doch viel von ihrer Klage? Wie verträgt sich das alles mit der unbeweglichen Abgeschiedenheit?
Nun, in jedem Menschen sind, wie die Meister lehren, eigentlich zwei Menschen: einmal der äußere oder Sinnenmensch; diesem dienen die fünf Sinne, die aber in Wahrheit auch ihre Kraft von der Seele haben – zweitens der innere Mensch, des Menschen Innerlichkeit.

In Christus also war ein äußerer und ein innerer Mensch, und ebenso in Unserer Lieben Frau. Und alles, was sie im Bezug auf äußere Dinge äußerten, das taten sie von dem äußeren Menschen aus und stand dabei der innere Mensch in unbeweglicher Abgeschiedenheit.In dieser Art hat Christus auch die Worte gesprochen: „Meine Seele ist betrübt bis in den Tod.“ Und wie sehr Unsere Liebe Frau auch klagte, so stand sie dabei doch in ihrem Inneren allezeit in unbeweglicher Abgeschiedenheit.

Internetfund Gnadenbild St.Matthias, Trier

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Gnadenbild
St.Matthias, Trier

Nimm ein Gleichnis: Zur Tür gehört eine Angel, in der sie sich dreht. Das Türbrett vergleiche ich dem äußeren und die Angel dem inneren Menschen. Geht nun die Tür auf und zu, so bewegt sich wohl das Türbrett hin und her, aber die Angel bleibt unbeweglich an einer Stellr und wird von der Bewegung gar nicht betroffen. So ist es auch hier.“
(Meister Eckhart ca. 1260 – ca. 1327)

aus: Maria in Dichtung und Deutung, herausgegeben von Otto Karrer, Manesse Zürich, 1962;
Das Bild Marias kann in der Benediktinerabtei St. Matthias in Trier angeschaut werden (entschuldigen Sie die schlechte Aufnahme – das Bild hängt hinter Glas und ist mit Laienmitteln nur schwer unverspiegelt einzufangen).

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