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Pierre Brice ist gestorben – Winnetou lebt

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Pierre Brice ist gestorben – Winnetou lebt

(Ohne den Bloggerkollegen „Bellfrell“ wäre mir das fast entgangen: Danke für Deinen Beitrag „R.I.P. Pierre Brice“ – dem dort Gesagten kann ich nur aus eigener Erfahrung zustimmen.)

Pierre-BriceHeute war nun die Trauerfeier für den bekennenden Katholiken und Menschenfreund Pierre Brice (1929 – 2015) in München. Eine Tumba mit Blumen und weltlichen Ehrenzeichen war in der Kreuzkapelle von St. Michael aufgestellt und Trauernde hatten Gelegenheit am Wortgottesdienst teilzunehmen.

Warum diese Nachricht im Blog „Rosenkranz + Pilgerzeichen“?
Heute wird ja viel geredet über Werte, gar „Wertegemeinschaften“. Das ist mir höchst verdächtig, denn was einer geschwätzig vor sich her trägt, stets betonen muß, bestimmt selten seine (Lebens-) Praxis.
Als gläubiger Katholik hat man den ethischen Idealismus im Gewebe oder – noch schlimmer – in der DNA. Eigentlich muß ich sagen, man HATTE die eingeborene Affinität zum „Guten, Wahren, Schönen“, war magisch von ihm angezogen und wollte unbedingt GUT SEIN. Der Glaube hat „hellhörig“ gemacht für das Wirken des Heiligen Geistes im Herzen von Menschen.
Wie sich der Begriff „gut sein“ doch geändert hat: heute versteht man da nur noch „Erfolg haben“, „andere überrunden“, „besser sein“, „smarter sein“, „cooler sein“.
Das einfache Lebensziel „altertümlicher“ Katholiken, das Johannes XXIII. in seiner Jugend schlicht mit „Ich will gut sein!“ formulierte, hat wohl zuletzt die Generation der „Babyboomer“ beschäftigt.
Vom Zynismus der Zeitgenossen wird man damit der Naivität und des Romantizismus bezichtigt und sogar als „Gutmensch“ abgetan. Diese Hybris des Zeitgeistes hat auch längst von der „katholischen Denke“ Besitz ergriffen. Ob „Modernist“ oder „Traditionalist“ (häßliche, unkatholische Worte), das „Gutseinwollen“ hassen sie wie die Pest. Besonders jene, die sich selbst als zeitgeistimmune Elitetruppe des Katholizismus beschreiben, krampfen geradezu vor Verachtung, wenn sie angesichts schlichten „gut sein Wollens“ das Wort „Gutmensch“ züngeln. Da wünscht man sich manchmal die „Schmetterhand“, um dreinzufahren.

Als bekennende Altmodische singe ich jetzt ein Loblied auf zwei Romantiker, Idealisten, Träumer, die in ihrem Leben mehr Menschen beeindruckt und erzogen haben, als heutige Zyniker jemals erreichen werden: Karl May und Pierre Brice!
Karl MayDer Traum vom „edlen Menschen“ zieht sich durch das Werk von Karl May, von den schlichten Anfängen als Kolportageautor über die Reiseerzählungen bis zum religiös anmutenden Alterswerk. Seine Biographie ist außergewöhnlich und spannender als jeder erdachte Roman: eindringlich spiegelt sie das 19. Jahrhundert als Wiege aller Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Deutschlands größte literarische Gesellschaft ist die Karl-May-Gesellschaft, die nicht müde wird, das „Phänomen Karl May“ wissenschaftlich zu erschließen.
Unter den vielen Gestalten, die May ersonnen hat, dürfte der Häuptling der Apachen, WINNETOU, wohl eine der eindrücklichsten sein. Winnetou, der rote Gentleman (so der Originaltitel von Winnetou I), entspricht ganz und gar dem Paradigma des englischen Gentleman, ja mehr noch, des mittelalterlichen Ritters.
Generationen von jungen Lesern beschäftigten sich mit einem Tugendkatalog, den ohne die Fabulierfreude des Karl May niemand so leicht „an das Kind, den Jugendlichen“ gebracht hätte. Bis heute lese ich gerne in „Tugenden“ von Romano Guardini oder in den Tugendkatalogen seines Schülers Joseph Pieper, der uns Thomas von Aquin „verheutigt“ hat und ich finde nichts, was mir als Kind bei Karl May gefehlt hätte, wofür er nicht empfänglich gemacht hätte:
Tapferkeit, Gerechtigkeit, Maß und Höflichkeit, Selbstlosigkeit, Treue, Güte, Ehrfurcht, Klugheit, Dankbarkeit, Milde, Wahrhaftigkeit…ja, auch Freundschaft und Menschenfreundlichkeit.

Vielleicht ist das der Grund, warum man Karl May nur in jungen Jahren mit „Haut und Haar“ verschlingt: Lebenserfahrung und Abgeklärtheit, Verbitterung, Depression und Zynismus trennen einen noch nicht vom Träumen des Idealen. Aber Karl May sorgt auch da für seine Leser: die „Gentlemen“, gar die „Helden“ sind in deutlicher Unterzahl (sehr realistisch) und über weite Strecken der Geschichte triumphiert das Böse, die Gewalt, die Niedertracht (s’is, wie’s is…).  Selbst Winnetou muß sterben, niedergestreckt von einem Gauner. Ja, da wirst Du kinderträumend vorbereitet: das Leben ist kein Sonntagsspaziergang.
Letztlich bleibt die Botschaft: mit Gottes Hilfe am Guten festhalten, Urteilen und Unterscheiden, die eigene Wahl treffen. Aus jeder haarigen Lage gibt es einen Ausweg, Du mußt nur mutig sein. Es gibt Anstand und Ehre: kein leichter Weg, laß Dich nicht beirren, bleibe Dir und Deinen Werten treu „und wenn die Welt voll Teufel wär'“.

Ich bedauere jeden, dem dieser kindliche Leserausch entgangen ist. Die Schulmeister wollten den Kindern diesen „Schundautor“ schon immer aus der Hand nehmen, dann hat man ihn eben heimlich gelesen und hat sich im Status des „rebellischen Kindes“ mit seinen Idealen beschäftigt. Damit kann man schon mal ein paar Stunden Kindheit verbringen und nebenher das Lesen und Nacherleben lernen. Zeige man mir heute ein Kind, das sich über unendliche Seiten durch eine topographische Beschreibung des Llano Estacado arbeitet… Arme Kinder von heute: Ihr dürft das nicht mehr, wenn Ihr „IN“ sein wollt, weil es „uncool“ ist und „naiv“ und nicht „politisch korrekt“ und zudem fehlt ja die „action“. Wie man mit Büchern lebt und erlebt, Eure Phantasie, grenzenlos reitend durch’s Abenteuer Leben, auf Euch wartet nur noch Vorgekautes.

600px-Pierre_Brice-LotRDa hat es dann ein paar Jahre einen Glücksfall gegeben: Winnetou in seiner ganzen idealen Schönheit wurde von einem Franzosen verkörpert (und ins Heute gerettet), der diese Rolle nicht einfach nur „gespielt“ hat: Pierre Brice (eigentlich Pierre Louis Baron de Bris). Wie man hört kannte er weder Karl May, noch war er begeistert, einen Indianer zu spielen. Als Karl May Leser war man den Filmen gegenüber immer ambivalent bis negativ gestimmt: das hat doch nichts mit dem Buch zu tun…und doch…
Unstrittig und einhellig war immer die Zustimmung zu Pierre Brice als Winnetou (auch Lex Barker als „Old Shatterhand“ war eine gute Wahl). Viele Schlauberger haben sich feuilletonistisch an dem Mann abgearbeitet: hämisch wurde er karikiert als verkrachter französischer Schauspieler, der nur in deutschen Karl-May-Heimatfilmen reüssieren kann, mal als „androgynes“ Sexsymbol, mal als alternder Sonny Boy, der nie über den einstigen Erfolg hinausgekommen ist. Jeder sieht halt nur, was ihn selbst ausmacht…

1044476_1_200910_212462_5_024Für mich ist die Beliebtheit von Pierre Brice als Winnetou dem Charisma und der Transparenz seines tatsächlichen Charakters geschuldet. In Baron de Bris haben wir nämlich tatsächlich mit einem europäischen Gentleman alter Schule zu tun, also genau dem, was Karl May bei der Beschreibung seines „roten Gentleman“ vorschwebte. Jeder Karl May Leser weiß das und wer nur den Baron sieht, weil er den literarischen Winnetou nicht kennt, der assoziiert bald „Winnetou“ mit „Pierre Brice“ und ihn mit „guter Mensch“.

Drehe und wende man es, wie man will, die Symbiose Karl May – Winnetou – Pierre Brice bleibt ein Glücksfall deutscher Literaturgeschichte. DER deutsche Schriftsteller schlechthin, der uns weit jenseits von preussisch – lutherischer 19. Jahrhundert Moral ins Weite geführt hat; der verfemte sächsische Webersohn, der, um sich selbst zu retten, unsere Phantasie beflügelt und unseren Geist zum Weltreisenden gemacht hat, wurde von einem Franzosen ins 21. Jahrhundert gerettet. Wenn das mal keine gute Fügung deutsch – französischer Freundschaft ist.
Pierre-Brice-als-Winnetou-Segeberg-SHPierre Brice war Schauspieler und hat einen schönen „Winnetou“ gegeben, ja, so fing es an.
Baron Pierre de Bris jedoch hat uns mit seinem Leben eine wahre Geschichte erzählt, deutsch – französisch, ganz europäisch, ganz katholisch, durch und durch von „ethischem Idealismus“ bestimmt: die Geschichte vom „gentilhombre“, vom Guten Menschen, der nach dem Guten strebt, obwohl er weiß, daß er nur Bruchstückhaftes erreichen kann.
Chapeau! Ruhe in Frieden!

(In Erinnerung an meinen Vater (1928 – 2002), einem deutschen Gentleman, zu seinem 87. Geburtstag – R.i.P.)

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