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Gebet – Kunst – Geschichte

Romano Guardini: Das Gebets – Ich fortschreitend ausweiten

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Romano Guardini: Das Gebets – Ich fortschreitend ausweiten

Sehr passend zu den laienhaften Bemerkungen im gestrigen Beitrag ist mir der Text eines Meisters in die Hände gefallen. Romano Guardini schreibt in Liturgische Bildung, erstes Bändchen, Rothenfels 1923, Imprimatur Mainz:

romano_guardiniDiese Kirche ist lebendig gegeben in Bistum und Gemeinde. Keine unverbindliche Weltkonstruktion, sondern ein lebendiger Leib, der für uns gegeben ist dort, wo wir stehen, in der Gemeinde, mit ihren besonderen Verhältnissen, Aufgaben, Nöten, ihrem Schönen und Armseligen. Damit zeichnet sich eine weitere Aufgabe rechter liturgischer Bildung ab: Sie soll zum religiösen Gemeinschaftsbewußtsein erziehen. Der Gläubige muß sein religiöses Bewußtsein, sein Gebets – Ich fortschreitend ausweiten. Er muß die individualistische Absonderung, die sentimental – romantische Subjektivität überwinden, und sich in Gebet, Opfer und Sakramentalhandlung ganz in die große Gemeinschaft der Kirche stellen – der Kirche, nicht eines gleichgestimmten „Kreises“. Und der Kirche nicht überhaupt, sondern in seiner Gemeinde. Diese Gemeinschaft mag herb sein, zuweilen streng, fast kalt. Aber der Sinn ist wieder dafür offen, wie edel und stark diese Haltung ist, stärker und edler als alle frommen Lyrismen und romantischen Sonderheiten (sic!).

Solche Ausweitung des Bewußtseins muß errungen werden. Der Einzelne hat sich ganz davon unabhängig zu machen, ob er „Gemeinschaft fühlt“, oder nicht. Hier handelt es sich nicht um Erlebnisse, sondern um Zucht, um bewußte Haltung, die gelernt werden muß. Was sie erfüllt sind keine Konventikelempfindungen (Anm. „Empfindungen privater religiöser Zusammenkünfte“), sondern das Wissen um die weltumspannende Gemeinschaft der Kirche und der Wille, darin zu stehen. Das Ichbewußtsein muß in das Gemeinschafts – Ich ausgeweitet werden, bis ein großes „Wir“ als Subjekt des Betens und Opferns im Sinne steht. Das Selbstinteresse muß geöffnet werden, bis es gelernt hat, die Lebensinhalte der Anderen, ihre Heilssorge, ihr Leid, ihre Anliegen, als eigene aufzunehmen.

guardini_rothenfels_1Die ÜBUNG wird etwa damit anfangen, daß der Einzelne sich mit den Anwesenden in lebendige Gemeinschaft setzt. Er weitet Ichbewußtsein und Selbstinteresse auf „alle Umstehenden“ aus. Dabei gilt es, aristokratische Scheu vor der Menge, zu große Empfindlichkeit, stumpfen Sinn, geistige Trägkeit zu überwinden. Das „Wir“ muß lebendig verwirklicht werden: Ich und die hier rechts und links; der alte Mann vor mir, die Frau mit dem sorgenvollen Gesicht dort; jene gleichgültig Dastehenden usw. Also ins Einzelne eingehen, damit die Widerstände wirklich überwunden werden, und das „Wir“ konkreten Inhalt bekommt. Anders kommen wir aus der individualistischen Haltung nicht heraus. Dann geht er (Anm. der Sinn des Einzelnen) auf die ganze Gemeinde über: Alle Kranken; alle, die verhindert sind, zu kommen; die nicht kommen wollen; die besonderen Verhältnisse und Mißstände; Nöte und Aufgaben…. Er schließt die Gemeinden zusammen zum Bistum, und vereinigt sich mit dem Bischof als dessen Oberhaupt. Darüber hinaus greift die Vorstellung vom „Abendland“ (die politischen Ereignisse geben ihr einen starken Inhalt). Endlich gelangt die Übung zur weltumspannenden Kirche. Das Kirchenbewußtsein muß sorgsam entfaltet werden. Der Betende denkt an die verschiedenen Länder, Erdteile und Kulturkreise, und wie sie sich in der Kirche zusammenschließen. Er denkt, welche Völker ihr noch fremd gegenüberstehen, und stellt sich zu ihnen. Er durchgeht im Geiste die große Zahl derer, die gleiches Schicksal bindet: Die Armen, Kranken, die Ratlosen, die Suchenden und Ringenden, die Sterbenden…. Erinnert sich der verschiedenen Stände in der Kirche: Laien, Priester, Bischöfe, Papst und verbindet sich mit ihnen. Bedenkt die Aufgaben der Kirche in der Verkündigung des Wortes Gottes, in den Wirren der Welthändel, der Arbeit für Wohlfahrt, Caritas und geistiges Leben; nimmt irgendeine gerade dringliche Schwierigkeit der Kirche heraus, eine Aufgabe, einen Mißstand, einen Fehler, ein Ärgernis, ein Versagen, und trägt sie vor Gott. Endlich wird er auch die Kirche auf Erden einbauen in die allumfassende Eine. Wird an jene denken, die noch im Läuterungszustand sind und für sie eintreten; sich zum unendlichen Lichtreich der Verklärten erheben, und mit ihm das ewige „Heilig, Heilig, Heilig“ sprechen.

Durch solche ÜBUNG wird das Bewußtsein geweitet. Es wird ihm leibhaftiger Inhalt gegeben, daß es nicht leer bleibt. Andererseits bleibt es vor unklarem Massenwesen bewahrt, indem die Fülle der Inhalte gegliedert wird.

guardini_rothenfelsDamit wird eine lange, und besonders für individualistisch Veranlagte recht mühsame Arbeit gefordert. Daß sie nötig ist, daß wir uns nicht der schöpferischen „Spontaneität“ des religiösen Empfindens überlassen dürfen, wird keiner bestreiten, der weiß, wie verwahrlost unsere seelische Verfassung ist; wie sehr wirkliches seelisches Leben auf bewußter Übung ruht, und wieviel Trägheit, Sentimentalität und geistige Zuchtlosigkeit sich oft hinter der Ablehnung der Übung verbirgt.In solcher Arbeit erwacht das Bewußtsein von jenem Ich, das in der Liturgie zum unendlichen Gott spricht.“

(S. 60/61)

Soweit Romano Guardini. Die (Aufmerksamkeits-) Übung, die er vorschlägt scheint mir tatsächlich konstitutiv für das rechte Beten mit der Kirche, das Feiern der Liturgie zu sein. Es wird auch deutlich, daß die liturgische Feier mehr von der Haltung, der liturgischen Bildung der Einzelnen abhängt, als von „Äußerlichkeiten“. Und wir verstehen seinen epochemachenden Satz „die Kirche erwacht in den Seelen“ etwas besser.

 

(Alle Rechte an den Werken von Romano Guardini liegen bei der Katholischen Akademie in Bayern, München)

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Ein Kommentar

  1. …sentimental – romantische Subjektivität …
    …nicht der schöpferischen “Spontaneität” des religiösen Empfindens überlassen…
    …Trägheit, Sentimentalität…
    Tsihi, na, das ist doch für mich geschrieben und gepostet!!!
    Tapfer weiter üben. Kann ich mir da nur sagen. 🙂
    Liebe Grüße,
    Huppicke

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