Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Romano Guardini – „Vorschule des Betens“

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Widmung Romano Guardini
Vorschule des Betens

Es ist leider eine Tatsache, daß der Rosenkranz als betrachtendes Gebet, als christliche Meditation des Evangeliums nicht wirklich verstanden wird. Das führt einerseits zur Ablehnung dieser Gebetsform als „Geplapper“. Oder das Mißverstehen führt zur Einführung von vielerlei Variationen, zur Auffüllung mit entfremdenden Inhalten.

Wer jedoch den Rosenkranz verstanden und in rechter Weise erlernt hat, als die tiefreichende Betrachtungsform der Heiligen Schrift, der empfindet keinerlei Bedürfnis nach Variation oder Erweiterung, im Gegenteil, er fühlt sich „gestört“ von „Ablenkungen“ dieser Art.

Die „Lectio Divina“, das betende und meditierende Lesen der Heiligen Schrift, der Evangelien, findet im Rosenkranz eines seiner wirksamsten „Instrumente“.

Hören wir Romano Guardini, der diese Gebetsform durch seinen Freund Josef Weiger immer tiefer verstanden hat und nicht müde wurde, es den Zeitgenossen ans Herz zu legen. Im Vorwort zur ersten Auflage schreibt er 1943: „Beten ist eine innere Notwendigkeit, Gnade und Erfüllung – Beten ist aber auch Pflicht, Mühe und Überwindung. So gibt es das Erlebnis, aber auch die Übung des Gebetes; seine Quelle, aber auch seine Schule.“

Guardini verfasste dieses Buch zu einer Zeit, da er zu seinem Freund Josef Weiger ins beschauliche Mooshausen zog, weil die Kriegswirkungen in Berlin unerträglich geworden waren. Man darf voraussetzen, daß man es mit der literarischen Frucht zweier kongenialer Priester mit benediktinischen Wurzeln zu tun hat, die aus eigener Gebetserfahrung sprechen. In der Pastoral sollte diese „vergessene Schrift“ neu entdeckt werden: sie ist jeder nachrangigen „Gebetsschule“ vorzuziehen.

Über den Rosenkranz als betrachtendes Gebet (S. 154 ff)

„Das folgende Kapitel wird über das betrachtende Gebet handeln; {…}

Das „Plappern der Heiden“, von welchem Jesus spricht, liegt nicht in der Zahl der Wiederholungen, sondern in der Art, wie man sie spricht, und daß man meint, man könne mit der Menge oder Großartigkeit der Worte eine Wirkung auf Gott ausüben. {…}

Die beste Weise wäre, wenn man Gott, wie einem sehr guten Freunde, vieles zu sagen hätte, seine Antwort zu vernehmen vermöchte und fähig wäre, in diesem heiligen Umgang zu verweilen – wer kann das aber? Jede Gelegenheit zeigt ja, wie mühsam unser Umgang mit Gott ist, wie bald alles versiegt. Es bleibt daher nur der Weg, den das christliche Gebet denn auch von der ersten Zeit an eingeschlagen hat, nämlich bestimmte, sehr reine und inhaltsreiche Gebetsworte zu wiederholen, so daß dadurch ein Raum entsteht, in welchem das Innere sich aufhalten kann; sie aber zugleich mit einem Gedanken zu verbinden, der fortschreitet und die Eintönigkeit überwindet. {…}“

Er spricht dann zunächst über Litanei und Angelus – Gebet, bevor er zum Rosenkranz kommt:

„{…} Als besonders oft geübte Form dieses Gebetes (Anm. Wiederholungsgebet mit Betrachtung) wäre weiter der Rosenkranz zu nennen. Er verbindet die beiden Grundmotive der Gebetsart, nämlich das wiederholende Verweilen und das langsame Fortschreiten, in vollkommener Weise. Wir können hier nicht näher auf ihn eingehen. Man müsste mit den Schwierigkeiten beginnen, die er besonders den heutigen Menschen macht und den Mißständen, die sich nicht selten in seinem Gebrauch zeigen.

Dann müsste man sein Wesen deuten, seinen inneren Aufbau erklären und endlich sagen, in welcher Weise er verrichtet werden soll. Das würde uns hier zu weit führen, und ich muß auf eine kleine Schrift verweisen, in der ich die Frage behandelt habe (Der Rosenkranz unserer lieben Frau, Würzburg 1940)

Man kann den Rosenkranz nicht immer beten; so wird zum Beispiel, wer in der Unruhe des religiösen Suchens und Fragens steckt, mit ihm nichts anfangen können und ihn lassen. Zum Rosenkranz gehört ein lebendiger Glaube; vor allem aber die Fähigkeit, still zu werden und zu verweilen.

Ihn schnell zu beten ist – vom Unrecht dem Heiligen gegenüber ganz abgesehen – sinnlos; er muß langsam und sinn-end durchgangen werden. Hat man keine Zeit, das mit dem Ganzen zu tun, so soll man eben einen Teil nehmen.

Besser ein Stück recht, als das Ganze schlecht.

Das Wesen des Rosenkranzes besteht darin, daß Gestalt und Schicksal des Herrn im Lebensbereich seiner Mutter erscheinen. Der Betende betrachtet fünfzehn Ereignisse des Herrenlebens; (Anm. seit 2003 zwanzig „Rosarium Virginis Mariae“) aber nicht in ihnen selbst, sondern aus dem Herzen derer heraus, die ihm von allen Menschen am nächsten stand. Und nicht bloß einfach nachdenkend, sondern eingebettet in die immer wiederkehrenden Worte des „Ave Maria“. Dieses Ineinander zu vollziehen ist die eigentliche Form des Rosenkranzes, und man muß es lernen.

Wer mit ihm vertraut geworden ist, dem wird es wie ein stilles, verborgenes Land, in das er gehen und wo er ruhig werden kann; oder wie eine Kapelle, deren Pforte immer offensteht, und in die er tragen kann, was ihn bewegt.“

aus: „Vorschule des Betens“, 2. durchgearbeitete Auflage, Benziger Einsiedeln 1948 heute neu aufgelegt: Grünewald Verlag

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