Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Rosenkranz und Jesusgebet

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Der Rosenkranz ist ein Verweilen in der Lebenssphäre Mariens, deren Inhalt Christus ist.
(Romano Guardini)

Rainer Scherschel, Der Rosenkranz – das Jesusgebet des Westens

Kapitel „Grundsätzliche Schlußbemerkungen“

In beiden Gebetsformen, im Rosenkranz wie im Jesusgebet, haben wir es mit christozentrischem Gebet zu tun, mit direkter oder indirekter Anrufung Jesu Christi. Doch ist diese Feststellung an einige spirituelle und theologische Bedingungen geknüpft ohne die sowohl der Rosenkranz wie auch das Jesusgebet formelhaft und sinnentleert vollzogen werden könnten.

Von der spirituellen Theologie her muß im Bewußtsein bleiben, was „Anrufung des Namens Jesu“ überhaupt bedeutet, und wie man im Sinne Christi seinen Namen überhaupt anrufen soll. Hier bietet das Neue Testament einige Hinweise; denn schon in neutestamentlicher Zeit war es offenbar notwendig, Mißverständnisse in der Anrufung des Herrn abzuwehren. So heißt es in der Bergpredigt: „Nicht jeder, der zu mir sagt; Herr! Herr! wird in das Himmelreich eingehen, sondern nur, wer nach dem Willen meines Vaters im Himmel handelt. Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten und haben wir nicht in deinem Namen Dämonen ausgetrieben und mit deinem Namen viele Wunder vollbracht? Dann werde ich ihnen antworten: ich kenne euch nicht. Weg von mir, ihr Gottlosen!“ (Mt 7, 21-23).

Hier ist ohne Umschweife ausgedrückt, daß Jesus nicht danach fragt, welche eindrucksvollen religiösen Empfindungen oder Einsichten unter Verwendung seines Namens erzielt worden sind, sondern ob sich mit der Anrufung seines Namens auch die Erfüllung der Gebote des Vaters verbindet.

Auch die Apostelgeschichte weiß vom Mißbrauch bei der Anrufung des Namens: „Auch einige der umherziehenden jüdischen Beschwörer versuchten, den Namen des Herrn Jesus über den von bösen Geistern Besessenen anzurufen mit den Worten: ich beschwöre euch bei Jesus, den Paulus verkündet. Das taten sieben Söhne eines gewissen Skeuas, eines jüdischen Oberpriesters. Aber der böse Geist antwortete ihnen: Jesus kenne ich, und auch Paulus ist mir bekannt. Doch wer seid ihr? Und der Mensch, in dem der böse Geist hauste, sprang auf sie los, überwältigte sie und setzte ihnen so zu, daß sie nackt und zerschunden aus dem Haus fliehen mußten.“ (Apg 19, 13-16)

Diese Episode macht deutlich, daß es entscheidend darauf ankommt, in welchem Geiste, aus welchem Motiv und in welchem Glaubens- und Lebenszusammenhang der Name des Herrn angerufen wird, wenn Segen daraus erwachsen soll. Dies gilt allgemein, und ist somit zweifellos für die Gebetsform des Rosenkranzes und des Jesusgebetes ebenfalls maßgebend.

In beiden Gebetsformen besteht nämlich die Gefahr, daß eine authentische Orientierung an Jesus Christus verloren gehen kann.

Diese Gefahr besteht beim Jesusgebet darin, die Göttlichkeit und Macht des Namens „Jesus“ so zu verabsolutieren, daß die menschliche Gestalt des Erlösers mit Wort und Tat, mit dem Beispiel seines irdischen Lebens und seiner sittlichen Forderung aus dem Blickfeld gerät. Auf diese Weise kann praktisch die Heilsgeschichte in der Gebetsspiritualität verloren gehen. Wenn aber die konkreten, in den Evangelien enthaltenen Züge auf dem Antlitz Jesu verblassen, so wird auch aus dem Jesusgebet eine sinnentleerte und formelhafte oder magische Angelegenheit. (…)

Ein Kenner der östlichen Spiritualität, und des Jesusgebetes, A. M. Amman kommt nicht von ungefähr zu folgenden, kritischen Äußerungen über die Spiritualität des Jesusgebetes: „… Der Gottmensch Jesus Christus nimmt trotz der Formulierung des Herzensgebetes nicht, wie man wohl erwartet hätte, die entscheidende Stelle als Weg, Wahrheit und Leben im Leben des Hesychasten ein … Es ist dies ein großer Unterschied vom abendländischen Frömmigkeitsleben, nicht nur der ignatianisch beeinflußten Jahrhunderte. Schon Franziskus und Dominikus hatten doch in Christus den Mittelpunkt ihres Frömmigkeitslebens gesehen. Der Hesychast hingegen sieht in Christus vor allem die Offenbarung Gottes an die Menschheit. Und im Jesusgebet, das, wie erinnerlich, in die Worte gefaßt ist: „Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner!“ sucht er vor allem die Macht des ,Namens‘, also die Offenbarung der Herrlichkeit Gottes. Es liegt hier die dem Ostländer naheliegende und im Jahre 1912 auch wirklich gewordene Gefahr vor, daß aus diesen Worten gleichsam nach Art eines Sakramentes ein Behältnis der Majestät Gottes werde … “ (A.M. Amman, „Die Gottesschau im palamitischen Hesychasmus“, Würzburg 1938)

In einem solchen, die konkrete Heilsgeschichte außer acht lassenden Gebetsinhalt besteht die Gefahr der sinnentleerten Formelhaftigkeit und zugleich der bloß in religiösen Gefühlen schwelgenden Spiritualisierung. Dasselbe gilt jedoch mutatis mutandis auch für den Rosenkranz. Denn nicht nur das Jesusgebet unterliegt der Gefahr, daß die authentische Christozentrik verlassen wird; auch der Rosenkranz kann sich in einer verselbständigten Marienfrömmigkeit erschöpfen, in der praktisch vergessen wird, daß Maria zu Christus hin führen will und soll. Wenn vor allem die Himmelskönigin und ihre Hilfs- und Schutzmacht ins Blickfeld rückt, so geht ebenfalls der Charakter authentischen Jesusgebets verloren.

Für beide Gefahren und Entartungen gibt es nur ein sicheres Gegenmittel: die authentische Orientierung an Jesus Christus durch Einbeziehung der konkreten Aussagen der Heiligen Schrift, vor allem des Neuen Testamentes.

Ludolf von Sachsen
aus Wikipedia

Bei der Darstellung der Rosenkranzfrömmigkeit der seligen Herzogin Margarethe von Bayern haben wir schon festgestellt, daß sie nach den Angaben ihres geistlichen Biographen regelmäßig im Alten und Neuen Testament las. Sie besaß zahlreiche geistliche Bücher, lateinischer und deutscher Sprache, darunter mit großer Wahrscheinlichkeit auch eine oder mehrere Fassungen des meistgelesenen Buches des Spätmittelalters, der Vita Jesu Christi des Kartäusers Ludolf von Sachsen. Nur aufgrund einer so breiten Orientierung an den Evangelien konnte das entstehen, was wir in den Rosenkranzklauseln des Dominikus v. Preußen vorliegen haben; und nur auf dieser Basis konnte auch der Kartäuser-Rosenkranz, wie ihn die Herzogin betete, nachvollzogen, gebetet und gelebt werden.

Dieses Gesetz ist im Grunde nach wie vor gültig.

Der Leben-Jesu-Rosenkranz der Trierer Kartäuser ist unseres Erachtens als ein bedeutender Fortschritt in der Christozentrik des Ave-Fünfzigers, wie er vordem üblich war, anzusehen. Dieser Fortschrift im Gebet des Rosenkranzes kann aber nur mitvollzogen und festgehalten werden, wenn eine entsprechende biblische Orientierung und Frömmigkeit, wie sie bei den damaligen Kartäusern lebendig war, angestrebt und gepflegt wird. Ein solcher, das Leben Jesu meditierender und zum Maßstab nehmender Rosenkranz lebt davon, daß das Neue Testament gelesen und betrachtet wird und eine vergleichbare Literatur gepflegt wird, wie sie damals in der Vita Jesus Christi Ludolfs von Sachsen und ihren zahlreichen Kurzfassungen vorlag.

Romano Guardini

Es ist wohl nicht allzu gewagt, wenn wir annehmen, daß in manchen Christusbüchern unseres Jahrhunderts die Vita Ludolfs ihre Entsprechung findet. So kann z.B. für eine bestimmte Generation im deutschen Sprachraum ein ähnliches Werk mit ähnlicher Wirkung wie Ludolfs Vita Jesu Christi in Romano Guardinis „Der Herr“ (Betrachtungen über die Person und das Leben Jesu Christi, Würzburg 1937) gesehen werden. Nicht von ungefähr kommt es, daß gerade Guardini und seine Leserschaft besonderen Sinn für den Rosenkranz und seinen christologischen Gehalt entwickelten (R. Guardini, Der Rosenkranz Unserer Lieben Frau, Würzburg 1940)

Heute finden wir einen ähnlichen literarischen Zusammenhang auf dem Sektor des Jesusgebetes: Unter denen, die das Jesusgebet am meisten propagiert und vielen Lesern nahegebracht haben, ragt der sogenannte „Mönch der Ostkirche“ (L. Gillet) mit seinen

L. Gillet

Veröffentlichungen in französischer, englischer und deutscher Sprache hervor. Dieser Autor trägt in seinen neueren Betrachrungsbüchern mehr und mehr der Tatsache Rechnung, daß auch das Jesusgebet nur im Zusammenhang mit einer an den Evangelien orientierten Christusbetrachtung seinen vollen Stellenwert gewinnt. So dürfen wir wohl die Tatsache interpretieren, daß seine geistliche Literatur zwei Schwerpunkte enthält, nämlich einmal die Erforschung, Erklärung und Empfehlung des Jesusgebets und zum anderen biblische Christusmeditationen.

Guardini und Gillet mögen hier als zwei Beispiele für andere stehen, die je auf ihre Weise den Rahmen eröffnen, in dem der Rosenkranz bzw. das Jesusgebet sinnvoll vollzogen werden können.

Vielleicht ist es auch ein Hinweis in unserem Sinne, daß der „russische Pilger“, von dem wir bei der Darstellung des Jesusgebetes ausgingen, in seinem Wanderbeutel außer trockenem Brot als leibliche Nahrung nicht nur die russische „PhiIokalie“ trug, jene verbreitere Sammlung mit Väterzeugnissen für das Jesusgebet, sondern auch die Bibel.

Diese wieder stärker in die Gebetsform des Rosenkranzes wie des Jesusgebetes einzubeziehen, entspräche alter christlicher Gebetstradition in Ost und West.“

Mons. Dr. Rainer Scherschel
Domkapitular in Trier

Aus: Rainer Scherschel, Der Rosenkranz – das Jesusgebet des Westens, Freiburg 1979 – vergriffenDr. Rainer Scherschel wurde in Spiesen / Saar, „Am Butterberg“ geboren und verbrachte dort seine Kindheit und Jugend.

  • 1967 zum Priester geweiht
  • 1981 Regens am Bischöflichen Priesterseminar in Trier
  • 1996 Personalchef des Bistums
  • 2006 Papst Benedikt XVI. verleiht Dr. Rainer Scherschel den Ehrentitel eines Päpstlichen Ehrenprälaten.

Ein Kommentar

  1. Für mich persönlich sind Sinn, Ziel und Glück der Rosenkranzfrömmigkeit am trefflichsten in folgender Liedstrophe ausgedrückt:
    „Segne Du, Maria, Mutter Gottes mein, lass mich hier auf Erden Dir befohlen sein. Führe mich zu Jesus, deinem Sohne hin, dass in seiner Liebe ich geborgen bin.“ (GL 967 Speyerer Anhang).

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