Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Schweigen brechen…

| 4 Kommentare

… ist nicht leicht!

Ankommende Flüchtlinge © D. Butzmann

Ankommende Flüchtlinge
© D. Butzmann

Seit Anfang Oktober 2015 verbringe ich meine Zeit im Dienst syrischer Flüchtlinge.
Eine gewissermaßen vaterländische Pflicht, die das Wort meiner christlichen Regierungschefin einzulösen hilft.
Ich tue das für mein Dorf, mein Land – mit Stolz und großer Befriedigung. Vor allem aber tue ich es zur Wiedergewinnung meines seelischen Gleichgewichtes: Viel zu lange musste ich tatenlos und ohnmächtig den schrecklichen Bildern aus Syrien zuschauen…ich habe es nicht mehr ausgehalten und es hat mich krank gemacht.

Auch das Geschwätz der selbsternannten „Abendlandretter“ habe ich nicht mehr ausgehalten, darum habe ich konsequent alle Medien gemieden, in denen sie ihre herzlosen und zutiefst unchristlichen Thesen verbreiten und damit unsere Brunnen vergiften. Was sind das für Christen, denen man ihren Glauben nicht am Handeln ansieht? Was ist das für ein „Abendland“? So viel Grausamkeit von Christen, soviel Gleichgültigkeit habe ich in den vergangenen Jahren erleben müssen, man kann daran irre werden.

Jetzt habe ich Gewichtiges von Bastian Volkamer auf „ECHO ROMEO“ gelesen und damit ist, Gott sei Dank, alles Wichtige jenen gesagt, die meinen, „wir hätten genug Anderes zu tun“ :

„Angst herrscht vor der Flüchtlingswelle. Unser Wohlstand und unsere Identität sind bedroht! Sind sie?
Wirtschaftlich: 500 Millionen Europäer sollen ca. 2 Millionen Flüchtlinge aufnehmen, also vielleicht 0,5% der eigenen Bevölkerung, und gehen deswegen in die Knie.
Religiös: 2 Millionen Muslims stellen eine Gefahr für mehrere hundert Millionen Christen dar.
In der Gesellschaft tobt eine Diskussion darüber, was fremdenfeindlich ist und was berechtigte Sorgen sind. Oder besser gesagt geht es inzwischen darum, wer ein Rassist ist und wer ein blauäugiger Trottel.

Ich komme da nicht mehr mit. Offenbar ist es nötig, sich einmal ein paar eigene Gedanken zu machen.
Mir fällt als erstes eine gewaltige Diskrepanz auf. Da ist das Europa, das es zu schützen gilt. Christlich verwurzelt ist es, Freiheit und Wohlstand sind seine Attribute. Nur: sollte es stimmen, dass dieses Europa ein knappes Prozent Flüchtlinge nicht mehr wegsteckt, wäre es gesellschaftlich wie wirtschaftlich eine Ruine, die zu schützen sich nicht lohnt. Ja was denn nun?
Ich werde den Verdacht nicht los, dass hier nicht von den Ursachen her gedacht wird, sondern vom gewünschten Ergebnis her. Und das ist: Wohlstand und die nötige Ruhe, ihn zu genießen. Längst werden bei uns nicht mehr die gewählt, die die Grundlagen für unseren Wohlstand stärken. Wahlen gewinnt man, indem man den Leuten Konsum verspricht. Indem man ihnen beweist, dass es das Beste für alle ist, wenn es ihnen persönlich gut geht. Dass ein reiches Deutschland das Beste ist, was der Welt passieren kann. Und so liest man dann sogar bei Christen, dass Kapital grundsätzlich sozial sei, weil niemand es für sich behalte und es so Wohlstand für alle schaffe, und dergleichen Unsinn mehr. Das ist sehr überzeugend, vor allem, wenn es der sagt, dem das Kapital gehört. Und niemand merkt, dass das Gleichnis des Reichen, von dessen herunterfallenden Krümeln der elende Rest lebt, hier zur Tugend erhoben wird.
Dass man selbst die einzig wahre Adresse für Geld und Finanzhilfen ist, sitzt so tief, dass es bereits für Zusammenhänge blind macht. Die Kosten für die Flüchtlinge sind enorm. Milliarden. „Das wird problemlos bezahlt, aber für uns ist kein Geld da!“ Erstaunlich, dass so ein Blödsinn überhaupt über die Medien verbreitet wird! Kein Flüchtling nimmt das Geld, steckt es ein und lässt es in der Tasche. Er gibt es aus für Kleidung, Essen, Getränke, Möbel und ein wenig sonstigen Konsum. Dieses Geld landet tatsächlich zu 100% in der Wirtschaft und stellt so ein gigantisches Konjunkturprogramm dar. Dieses Programm wäre noch um einiges besser, könnte man den lokalen Faktor stärken. Derzeit schöpfen Ketten wie IKEA erhebliche Teile davon ab. Auch überall dort, wo statt Geld Sachleistungen geboten werden, geht die Investition an der Bevölkerung vorbei direkt in die Kasse des günstigsten Großanbieters. Doch in einer Gesellschaft, in der Geiz geil ist, werden Discounter eben groß.
Diese Betrachtung der Kosten ist die logische Folge der undurchdachten Einstellung „Hauptsache, für mich gibt es Geld und billige Angebote“.
Und was machen die Christen? Wie macht man es, dass man beim gelebten Prassertum und dem Ausgrenzen Hilfsbedürftiger noch in den Spiegel schauen kann? Man konstruiert.
Das Christentum sei kulturstiftend und unterstütze die Ordnung, auch die gesellschaftliche. Beides sei daher zu schützen. Nun, das stimmt erst einmal. Das Christentum ist nicht nur kulturfähig, sondern es bringt sozusagen automatisch Kultur und Wohlstand hervor, wenn es herrscht. Es gab schon viele große und stabile Reiche auf der Welt, doch niemals eine derartige Vielfalt, ein derartiges Wissen und einen derartigen Wohlstand wie in Europa während seiner christlichen Zeit. Soll man das alles aufgeben? Ist das nicht wert, verteidigt zu werden?
Nur: sind denn 10% Muslims für 90% Christen eine Gefahr? Wenn Andersgläubige für eine Religion zur Gefahr werden, deren Wesen die Mission ist, dann stimmt etwas nicht.
Christus sagt nicht: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt, verteidigt seine Früchte.“ Er sagt: „Wer in mir bleibt, bringt reiche Frucht.“
Das Christentum bringt Kultur (und noch viel mehr und Besseres) hervor, weil es in Christus wurzelt. Es wurzelt nicht in Christus, weil man seine Früchte schützt. Wir müssen am Weinstock hängen, um Früchte zu bringen. Wer stattdessen denkt, man müsse die Früchte einlagern und aufheben, damit der Weinstock eine Daseinsberechtigung hat, hat ein Problem. Ohne neue Früchte kann man sich keiner Herausforderung stellen. Bringt das Christentum nichts mehr hervor, wird das Alte irgendwann vergammeln, ohne nahrhaft gewesen zu sein.
Das schlägt sich in der Gesellschaft nieder. Konservativismus, wie er nötig ist, nämlich Treue zum Weinstock, vergeht. Man gibt diese Treue vor, doch man bringt nichts hervor, sondern verwaltet den Besitz. Man erklärt die Traube zum Weinstock selbst, verehrt sie und huldigt ihr. Heraus kommt ein formelhafter politischer Konservativismus, der so nahrhaft und einladend ist wie ein schimmeliger Sack alter Kartoffeln, der macht, dass der ganze Keller muffig riecht, auch wenn man ihn anderen im Zuge der Mission als Partyraum verkaufen will.
Bürgerlichkeit wird mit Christentum verwechselt, Unbeweglichkeit mit Gesundheit und der eigene Angstschweiß mit dem Wohlgeruch des Himmels. Und messerscharf wird geschlossen: der Islam ist stärker als das Christentum und eine Gefahr, wo man doch tatsächlich meint: diese Herausforderung könnte stärker sein als unser Wohlstand. Wäre man in Christus verwurzelt, wüsste man, dass es wieder und wieder neue Früchte geben wird. Dass der Weinstock wachsen muss, nicht sich unser Kühlschrank mit Trauben füllen muss. Das erste, was verginge, wäre die Angst. Und der Blick wäre ein anderer.
Diese Angst, die sich als Glaube tarnt, macht viele Christen unfruchtbar. Sie führt zu der paradoxen Situation, dass viele Ungläubige derzeit den Christen vormachen, was es heißt, der Botschaft Christi zu folgen.
Auch ich habe Angst und bin daher mein eigener Adressat. Ich bin an einen bestimmten Lebensstil gewöhnt. Einen sehr bequemen. Auch ich würde meinen Kindern gern ein Land im Wohlstand übergeben, in dem man ein gutes Leben haben wird. Doch noch lieber übergäbe ich ihnen ein Land, das nicht seinen Kühlschrank verwaltet, sondern liebevoll und zuversichtlich aus Gott heraus handelt und deshalb eine große Zukunft hat.
In diesen ganzen ängstlichen Argumentationen verlieren sich die Menschen. Jeder pickt sich sein Körnchen heraus, betrachtet es ausgiebig von allen Seiten und erkennt, dass alle anderen nicht wirklich aufgeklärt sind, weil sie das Korn nicht haben. Borniert meditiert er es, das Körnchen Wahrheit, bis es ihm offenbart, dass seine Weltanschauung die wahre ist.
Für mich ist das an den ganzen Diskussionen derzeit das einzige, das sich zu betrachten lohnt: die Fantasie, mit der viele das Eigene zur Wahrheit erklären, und die Logik, die sie konstruieren, um zu zeigen, dass Europa Weichei und Held zugleich ist. Fehlt nur noch das sympathisch romantische Europa, der weiche Kern in harter Schale.

Irgendwoher kenne ich die doch, diese Diskrepanz zwischen stark und schwach. Richtig: von Sandburgen. Meine ist die stärkste, aber wehe, du stößt dran! Das christliche Europa ist zu einer Sandburg geworden und fürchtet sich vor der Flut. Mit Recht.“

Und:
„Ich kenne die Verhältnisse.
Und ich war mal in Kalkutta und Bangladesh.
Ich habe mir viele Gedanken gemacht. Teils viel zu viele.
Ich habe nichts gegen Wohlstand. Ich habe nur etwas gegen seine Vergötterung und gegen den unsinnigen Versuch, ihn dadurch zu bewahren, dass man gegen den Willen Christi handelt. Wenn wir den Segen verspielen, um den Wohlstand zu bewahren, verlieren wir beides.
Ja, es gibt bei uns Armut.
Wer aber dazu denkt, das falsche Gerücht unseres Reichtums habe die Menschen hergelockt, war noch niemals in einem armen Land. Wer vergisst, dass ein Vielfaches an Menschen in der Türkei, in Griechenland und in arabischen Flüchtlingslagern leben, hat wenig kapiert. Wurden die auch vom Geld angelockt? Oder ist es gut, dass die dort bleiben, weil sie uns dann nicht belasten und wir uns mit etwas Unterstützung nebenbei die Gefügigkeit der betroffenen Länder kaufen?“

Version 2Konnte man es besser sagen?
Ich bedanke mich von Herzen!
Auch im Namen von klein Jad. Er ist 21 Tage alt, hat im Bauch seiner Mutter die ganze Grausamkeit der „Balkanroute“ überlebt und ist nun in einem freien Land zur Welt gekommen.
IHM gehört die Zukunft und das ist gut so.

Gott segne Dich, Du Kind der Hoffnung!
Möge Dir niemals Böses widerfahren in meinem Land!
Mögest Du geachtet sein, wie es jedem Menschen zukommt!
Willkommen Zukunft!

4 Kommentare

  1. Liebe Ankerperlenfrau,

    ich danke Dir von Herzen für Dein Zeugnis und Deine klaren Worte!
    Auch bin ich froh, wieder von Dir zu lesen – ich habe mir schon Sorgen gemacht!

    Sehr herzliche Grüße und gelobt sei JESUS CHRISTUS

    Deine U.

  2. Liebe Ankerperlenfrau!
    Wie schön, dass du dich hier (zurück) gemeldet hast. Ich habe dich vermisst…
    Ich verstehe deine Zurückhaltung. Das ganz „normale“ Umfeld ist oft schon schlimm genug – wie erst in den Medien, wo man ziemlich anonym alles von sich geben kann ohne dass es Auswirkungen zeigt.
    Das geht an die Substanz!

    Umso mehr freut mich, dass du jetzt etwas tust, was die Ohnmacht geringer macht.
    Ich wünsche dir viel, viel Segen und Kraft für diese Aufgabe. Und dem kleinen Jad allen himmlischen und irdischen Beistand!!! Ich bin erschüttert, wenn ich in sein kleines Gesichtchen sehe… (bin ich doch am Heiligen Abend mit einem kleinen Enkelsohn beschenkt worden, der in Frieden und Geborgenheit das Licht der Welt erblicken durfte).
    Auch bei uns leben seit kurzer Zeit zwei Flüchtlingsfamilien im Pfarrhaus und ich bin immer wieder dankbar für die Begegnungen.

    Von Herzen alles Liebe und Gute,
    Regina

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.