Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Tante Josefa – Nachruf auf „die Tante“

| 4 Kommentare

Ich habe im Verzeichnis des Marburger Bildindex eine wunderschöne Zeichnung von Wilhelm Leibl gefunden: „Tante Josefa“

 

Wilhelm Leibl
Betende Frauen
1881

Leibl war der berühmteste Vertreter des deutschen Realismus, lebte von 1844 – 1900 und sicher kennt jeder aus dem Kunstunterricht sein bekanntestes Bild mit den betenden Frauen. (Da hockt die Tante, klein, mit ihrem Herrn Jesus zwischen Jungbäuerin und Schwiegermutter…jetzt verstehe ich erst das Bild…Spannungsabbau…)

Auch „Tante Josefa“ könnte um 1880 gezeichnet sein, nur sieht sie aus, wie eine „bürgerliche“ Tante. Ihr altmodisches Kleid, die Frisur stammen noch aus dem Biedermeier und sie sitzt am Küchentisch, weil’s in der Küche noch warm ist, hat ihre Bibel gelesen und Rosenkranz gebetet.

Vielleicht war es „der Schmerzhafte“ und da bleibt sie noch ein Weilchen, sinnt nach, „macht sich so ihre Gedanken“, wohl über die Familie, bei der sie lebt, für die sie betet. Die Tagesarbeit ist gemacht und vielleicht kommt ja noch jemand auf ein „Schwätzchen“, auf eine warme Milch oder ein Tässchen von ihrem Kräutertee vorm Schlafengehen.

Die „Tante“, ledig geblieben, jung verwitwet, jedenfalls kinderlos und ohne „eigene Familie“, war früher aus den bürgerlichen und bäuerlichen Familien nicht wegzudenken. Überall gab es eine Tante Josefa, Tante Anna, Tante Berta, Tante Klara.

Manchmal war es „die arme Tante“, die gegen Kost und Logis in Haus und Hof mitarbeitete, manchmal war es die „strenge Tante“, die nach einem Leben „in Stellung“ als Gouvernante, Köchin, Krankenschwester im Alter zu ihren Geschwistern „heim“ kam. Es gab auch die „besondere“ Tante, eigentümlich frei im Denken und Handeln, so ganz anders, als Mutter, Großmutter, Schwiegermutter.

Obwohl „verwandt“, blieb sie eine „Außenstehende“, zu der man gehen konnte, wenn es in der Familie brenzlig wurde. Sie war verfügbar, ansprechbar, hatte Zeit. Sie konnte im besten Falle raten, vermitteln, oder einfach nur zuhören, trösten. Ja, und meistens war sie fromm. Man rief sie, wenn jemand krank war oder Hilfe brauchte. Sie hütete Kinder, half den jungen Frauen. Und wenn sie ein „gutes Herz“ hatte, war sie ein Segen für die Familie, besonders für die Hausfrau, für die Kinder. Hatte man Glück, dann war sie sparsam, hatte jeden Pfennig ihres Lebens „auf die Seite gelegt“ und war dann, nach Abzug der Beerdigung, auch noch die „Erbtante“. Das Leben wurde besser, leichter durch den Beitrag dieser Frauen.

Rosenkranz Ebenholz / Messing
Ende 18. Jahrhundert
ein „Tante Josefa“ – Rosenkranz

Franz Werfel hat mit Tante Teta in „Der veruntreute Himmel“ so eine Tante beschrieben, Annie Rosar hat sie im gleichnamigen Film unvergleichlich gespielt. Unsere Tante Josefa hier ist zwar fromm, aber sieht nicht so naiv aus, wie Werfels Tante Teta und auch nicht so „abgeschafft“ wie die Tante auf Leibls „Betende Frauen“ – Bild. Sie wirkt eher wie eine Frau, die schon viel erlebt hat und deshalb „mitreden“ kann.

Auch ich hatte eine wunderbare Tante (so lange sie ledig war, jedenfalls). Sie war Kindergärtnerin und liebte uns Kinder abgöttisch. Jede freie Minute verbrachte sie mit uns, brachte Fröbelspielzeug, lachte und kicherte, drückte uns und war unermüdlich im Vorlesen: „Die Kinderbibel“ von Anne de Vries, der glückliche Löwe, Kasimir zieht in die Welt…bis heute habe ich ihre Stimme im Ohr – ein „schwarzer Tag“, als sie heiratete…da war sie irgendwie weg, die Tante.

Und heute? Da gibt es nur noch „Singles“, „Karrierefrauen“ mit Lebensabschnittspartner, weitgereist und erfolgreich, die jederzeit vorziehen, die einsame, gut designte Eigentumswohnung abzuwohnen. Höchstens zu Weihnachten tauchen sie „genervt“ unterm Weihnachtsbaum ihrer Geschwister oder alten Eltern auf. Fromm sind sie auch nicht mehr, Vorlesen finden sie langweilig und Kinder „anstrengend“. Und „Tante“ darf man auch nicht sagen, da fühlen sie sich noch zu jung….

Die „Berufung“ oder auch der „Beruf“ der „lieben Tante“ hat keinen Platz mehr im postmodernen Zeitalter. Es ist kälter geworden ohne sie.

Wie schade das ist.

Wie sehr uns das fehlt.

Tante Josefa, wo bist Du?

Print Friendly, PDF & Email

4 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.