Rosenkranz + Pilgerzeichen

Gebet – Kunst – Geschichte

Von der Dummheit mancher „Spezialisten“

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Sie tanzen auf der …
Quelle: kirchensite.de

Es gibt in katholischen Kreisen, die für sich in Anspruch nehmen, besonders fromm und traditionsbewußt zu sein, die unschöne Ansicht, es sei ein unverzeihlicher Fehler gewesen, daß Johannes Paul II. das Rosenkranzgebet um fünf Geheimnisse erweitert habe.

Aus „Protest“ gibt die berüchtigte Bruderschaft ein Anleitungsblatt zum Rosenkranzgebet heraus, in dem die Lichtreichen Geheimnisse fehlen. Daß die Gläubigen in diesen Kreisen geradezu um dieses Geschenk des Seligen Johannes Paul II. betrogen werden durch die lückenhafte Anleitung zum Rosenkranzgebet, läßt mich mit verständnislosem Kopfschütteln zurück: gute Argumente für diesen sinnlosen „Protest“ habe ich noch nicht gelesen.

Dank der zahlreichen Veröffentlichungen der letzten Jahrzehnte ist der Forschungsstand zu Entstehung und Geschichte des Rosenkranzes besser denn je. Man könnte also wissen, daß die „Lichtreichen Geheimnisse“ bereits in den ursprünglichen Clausulae des Dominikus von Preussen (um 1410, Kartause Trier) enthalten sind.

Damit beginnt die Geschichte des Rosenkranzes als Betrachtung des Lebens Jesu nach der Schrift. Durch die Clausulae des Dominikus wird er zur zentralen Verkündigungsform der Heiligen Schrift, zum „Evangelium am Schnürchen“. Vorher wurde an der Perlenschnur nur der biblische Teil des Ave oder das Pater Noster 50 – 150 mal wiederholt – eine Devotion wie sie alle Weltreligionen kennen. Der Gehalt und die Wirkung des christozentrischen Rosenkranzes, der seit der Zeit der Trierer Kartäuser durch die Rosenkranzbruderschaften „unter das katholische Volk“ gebracht wird, ist in seiner Bedeutung für die Evangelisierung kaum abzuschätzen.

Das Einfügen des Geheimnisses von der Hochzeit zu Kanaa (Joh 2,1) durch Johannes Paul II. schließlich ist der Rolle der Muttergottes in der Heilsgeschichte geschuldet: „Was er Euch sagt, das tut!“ In „Rosarium Virginis Mariae“ ist der Sinn der Ergänzung sehr gut ausgeführt und die Leben Jesu Betrachtung im Rosenkranz nähert sich wieder der Fülle des Ursprungs. Bei der Reduktion auf 15 Clausulae handelte es sich schon immer um eine Verkürzung, einen geschichtlichen Umstand, der pastoralen Erwägungen folgt und durchaus nicht als „sakrosankt“ und bewahrenswert anzusehen ist. Allein schon die Lektüre der Clausulae des Dominikus von Preussen läßt die ganze Bedeutung dieser Gebetsform neu erfassen.

Ich zitiere aus der Arbeit von P. Karl-Joseph Klinkhammer SJ:

„Doch nun zeigt sich, wie sehr durch die Schreibtätigkeit der Trierer Kartause und durch die Benediktiner die biblischen Sätze des Dominikus von Preußen im Volk verbreitet waren (im Gegensatz zu den wortreichen Ausweitungen des Alanus de Rupe. Anm.)

Vor allem die süddeutschen Mitglieder der dominikanischen Rosenkranzbruderschaft sind unbedingt für die Beibehaltung der Leben-Jesu-Meditation nach den einfachen Clausulae des Dominikus. Sie reduzieren jedoch die 150 (50) Sätze auf nur 15, so daß in jeder Zehnergruppe der Ave nur ein biblischer Satz zur Meditation vorgelegt wird. Auf diese Weise findet auch der einfache Beter leichter zur Betrachtung. Bereits 1483 sind so fast alle heutigen Rosenkranzgeheimnisse in dem Rosenkranz-Buch des Ulmers Konrad Dinckmuk enthalten, das in der Folge viele Auflagen erlebte; es endet nur statt mit der Krönung Mariens mit dem Kommen Christi am Ende der Tage. Ein Holzschnitt von 1488 aus Barcelona zeigt zuerst die heutigen 15 Geheimnisse.

Zur jetzigen Form des Rosenkranzes fehlte nurmehr zweierlei: Die Ausweitung des alten biblischen Ave-Maria durch den nicht-biblischen Teil „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes“ und die Einfügung des „Ehre sei dem Vater…“  zu jeder Zehnergruppe. {…}

Paul Cezanne
Alte Frau mit Rosenkranz

Unsere Vorfahren waren einfache Leute; viele konnten nicht lesen und schreiben; sie erfaßten aber tiefer als wir heute die wenigen Gebete, die sie gelernt hatten. Sie scheuten sich darum nicht, Texte, die sie als unergründlich erfahren hatten, immerzu wie etwas Neues zu wiederholen. Solch ein Text war von Anfang an das Vaterunser, dies heiligste Gebet der Welt, das Christus, die menschgewordene Weisheit des Vaters, den Seinen geschenkt hat.

Ähnlich und doch wieder anders wurde später das Ave, vor allem bei den neubekehrten Franken und Sachsen, zu einem Gebet, das man gern wiederholte. Die Häufigkeit einer sinnvollen Wiederholung erfuhr man bald als begrenzt durch unsere Konzentrationskraft: Beim Ave liegt diese Grenze offensichtlich bei seinem etwa fünfzigfachen Beten. {…}

Adolf von Essen kannte das Neue Testament so gut, daß er beim Beten der fünfzig Ave „vor seinem inneren Auge“ das Leben Jesu lauschend vorüberziehen sah. Dabei ward er sich bewußt: Dies ist das menschliche Leben dessen, der seiner Gottheit nach allgegenwärtig ist und uns umfängt. Liebe macht hellhörig für den anderen; doch wie arm ist unsere Liebe vor Gott! Wie bleibt sie an der Oberfläche des Lebens Jesu!

Gottes Gnade setzt die Natur voraus und überhöht sie. „Das Leben Jesu mit dem Herzen Mariens zu meditieren“, so wie es „das Rosengärtlein“ erklärt, ist eine Gnade, die von der Oberfläche in die Tiefe, vom Bruchstückhaften zum Ganzen und von der Trägheit  (acedia) zum offenen Herzen führt.(…)

(Die Betweise Adolfs war) Dominikus von Preußen trotz allen Bemühens unmöglich: Er konnte sich nicht konzentrieren; die Gedanken flatterten weg … Doch weil er sich mühte, sein Leben zu bessern und Christus zu dienen, wollte er beten, versuchte er es immer wieder. Bei ihm knüpfte Gottes Gnade an seinen Einfallsreichtum an: Dominikus zerlegte das Leben Jesu in fünfzig Sätze.

So entstand eine zweite Art, den Rosenkranz zu beten. Was nur eine Brücke sein sollte zum Beten AdoIfs, öffnete dem gläubigen Volk den Weg zum Rosenkranz und stärkte in ihm das Verlangen nach der Heiligen Schrift. Darum folgt hier der wahrscheinlich älteste Text:

Gegrüßet seist du, Maria! Der Herr ist mit dir!

Du bist gebenedeit unter den Frauen,

und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes,

Jesus Christus.

1.  Den du, reine Jungfrau, empfingst vom, Heiligen Geist. Amen.

2.  Mit dem du gingst zu Elisabeth in das Gebirge. Amen.

 

3.  Den du, reine Magd, geboren in großer Freude. Amen.

4.  Den du in Tücher gewunden und in eine Krippe gelegt hast. Amen.

5.  Den die‘ heiligen Engel lobpriesen mit himmlischem Gesang. Amen.

6.  Den die Hirten suchten und fanden zu Betlehem. Amen.

7.  Der am achten Tage beschnitten und Jesus benannt wurde. Amen.

8.  Dem die drei Könige opferten Gold, Weihrauch und Myrrhe. Amen.

9.  Den du aufgeopfert im Tempel Gott, seinem himmlischen Vater. Amen.

10. Mit dem du nach Ägypten geflohen und nach sieben Jahren heimkehrtest. Amen.

11. Den du in Jerusalem verlorst und nach drei Tagen wiederfandest. Amen.

12. Der alle Tage zunahm an Alter, Weisheit und Gnade. Amen.

13. Den Johannes im Jordan taufte wie die sündigen anderen. Amen.

14. Den Satan versuchte und doch nicht überwinden konnte. Amen.

15. Der dem Volk das Reich Gottes verkündete mit seinen Jüngern. Amen.

16. Der allerhand Kranke gesund machte mit göttlicher Kraft. Amen.

17. Dessen Füße Maria Magdalena mit ihren Tränen wusch trocknete und mit

kostbarem Öl salbte. Amen.

18. Der Lazarus und andere Tote vom Tod erweckte. Amen.

19. Der auf dem Berge Tabor sich vor seinen Jüngern verklärte. Amen.

20. Der am Palmtag zu Jerusalem mit hohen Ehren empfangen wurde. Amen.

21. Der seinen Jüngern gab seinen heiligen Leib beim Abendmahl. Amen.

22. Der im Garten betete und blutigen Schweiß vergoß. Amen.

23. Der sich ließ gefangen nehmen, binden und führen von einem Richter zum

anderen. Amen.

24. Der von vielen falschen Zeugen unwahrhaftig verklagt wurde. Amen.

25. Dessen hochgepriesenes Antlitz angespien, verbunden und geschlagen wurde.

Amen.

26. Der nackt an eine Säule gebunden und heftig geschlagen wurde. Amen.

27. Der mit einer Dornenkrone grausam gekrönt wurde. Amen.

28. Vor dem sie ihre Knie beugten und ihn zum Spott anbeteten. Amen.

29. Der zu einem Schandtod unschuldig verurteilt wurde. Amen.

30. Der sein Kreuz hinaustrug auf seinen heiligen Schultern. Amen.

31. Der dich, seine liebe Mutter, und andere Frauen ansprach und sich zu euch

kehrte. Amen.

32. Der an seinen Händen und Füßen genagelt wurde ans Kreuz. Amen.

33. Der für die betete, die ihn kreuzigten, quälten und töteten. Amen.

34. Der zum Schächer sprach: „Heute wirst du mit mir im Paradiese sein. Amen.

35. Der dich, seine betrübte Mutter, anempfahl dem heiligen Johannes, seinem

LIeblingsjünger. Amen. .

36. Der  ausrief: „Gott mein Gott, wie hast du mich verlassen !“  Amen.

37. Der mit Essig und Galle getränkt wurde, als er gesagt: „Mich dürstet!“ Amen.

38. Der da sprach: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Amen.

39. Der zuletzt sprach: „Es ist vollbracht (nämlich das, „was von ihm geschrieben

steht“)!“ Amen.

40. Der da starb eines bitteren Todes für uns Sünder. Amen, gottlob.

41. Dessen Seite aufgestochen wurde, und aus ihr floß Blut und Wasser. Amen.

42. Der dir in den Schoß gelegt wurde, wie man verständnisvoll annimmt (Scherschel: „ut pie dicitur“ – wie man in frommer Weise sagt). Amen.

43. Der von guten rechtfertigen Menschen gesalbt und begraben wurde. Amen.

44. Dessen heilige Seele zur Vorhölle fuhr und die Seelen der Stammväter erlöste. Amen.

45. Der am dritten Tag erstand von den Toten. Alleluja.

46. Der dich sehr erfreute und auch alle, denen er erschien. Alleluja.

47. Der, auch vor deinen Augen, zum Himmel fuhr und nun sitzet zur Rechten des

Vaters. Alleluja.

48. Der seinen Heiligen Geist sandte all seinen gläubigen Menschen. Amen.

49. Der einst das Urteil sprechen wird über die Lebendigen und die Toten. Amen.

50. Der dich, seine allerliebste Mutter, zu sich emporgenommen in sein Reich. Amen.

Der mit seinem himmlischen Vater und dem Heiligen Geist lebt und herrscht – und auch mit dir, o Königin der Ehren! – nun und immer ohne Ende in ewiger Freude. Amen“.

Rainer Scherschel kommentiert: „Es ist geradezu auffallend, wie sehr diese Klauseln an der heiligen Schrift orientiert sind und biblischen Geist atmen, ohne einem Biographismus oder Historismus zu verfallen. Dominikus von Preußen hütete sich, nicht schriftgemäße Fakten einzuflicken. In der 40. (hier 42.) Klausel, in der zu betrachten ist, wie man den toten Leib des Herrn in den Schoß seiner Mutter legte, fügte er hinzu: „ut pie dicitur – wie man in frommer Weise sagt“. (Anm.: Erhalten im Serviten – und Franziskus – Rosenkranz, Sieben Schmerzen – RK)
Diese kleine Bemerkung zeigt, wie sehr sich der Verfasser der Klauseln einerseits streng an die Evangelien hält – indem er ausdrücklich bemerkt, daß diese so oft betrachtete Szene nicht in der Heiligen Schrift steht – und wie er andererseits keinem Biblizismus verfällt, da er diesen Betrachtungspunkt für so wichtig hält, daß er ihn dennoch aufnimmt.
In gleicher freier Gesinnung nimmt Dominikus den Glauben an die Aufnahme Mariens in den Himmel und ihre Krönung zur Himmelskönigin auf sowie die Hoffnung, einst ebenfalls dorthin zu gelangen, wo sie mit ihrem Sohne in der Herrlichkeit Gottes lebt.“ S. 128 (Die lateinische Fassung der Clausulae, auf die sich Scherschel bezieht, ist schöner, ich habe sie jedoch nicht in wörtlicher Übersetzung vorliegen. Für die Nichtlateiner also die „zweitbeste“ Fassung von Klinkhammer.)
Update 2013: Hier nun die Clausulae des Dominikus von Preussen

Quellen:

1. Rosarium Virginis Mariae, 2002

2. Karl-Joseph Klinkhammer, Ein wunderbares Beten – So entstand der Rosenkranz, Leutesdorf 1981

3. Rainer Scherschel, Der Rosenkranz – das Jesusgebet des Westens, Freiburg 1979

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