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Gebet – Kunst – Geschichte

Wie beleidigt ist Gott?

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Wie beleidigt ist Gott?

Gestern habe ich bei der geschätzten Kollegin von „Frischer Wind“ ein insgesamt ansprechendes Bild zum Ablauf der Beichte gefunden und dabei bin ich auf die Wendung  „Das sind meine Sünden. Es tut mir von Herzen leid, daß ich Gott beleidigt habe.“ gestossen. Es fällt mir in den letzten Jahren auf, daß die Rede vom „Gott beleidigen“, vom „beleidigten Gott“ immer häufiger auftaucht und stellenweise geradezu inflationär gebraucht wird. Ich zucke jedesmal zusammen und meine „Nackenhaare sträuben sich“ (als Hundefreund darf ich das Bild bemühen…).
Warum?
Es löst einen ganz spontanen Protest in mir aus, weil die Rede vom „beleidigten Gott“ absolut inkompatibel mit meinem Gottesbild ist. Der dreifaltige Gott ist in seiner ewigen Allmacht doch nicht von einem Menschen zu beeinträchtigen im Sinne des „Beleidigtseins“! Da wird Gott in die Sphäre des Menschlichen geradezu herabgezogen.
Christusstatue(Bildquelle)
Natürlich kenne ich das Wort aus der Frömmigkeitsliteratur vergangener Jahrhunderte und es ist mir – je nach Kontext – mehr oder weniger „anstößig“, weil ich weiß, was es meint.

Die Sünde als Treuebruch gegenüber Gott und seinem Gebot, das willentliche Ignorieren der göttlichen Weisung hat immer den bitteren Geschmack der Leugnung von Gottes Weisungsbefugnis an sich. Man kann sie mit Fug und Recht als Angriff auf seine göttliche Integrität und als Verneinung seiner Majestät und seiner Herrschaft über das All begreifen.
Würde ich nur das Alte Testament kennen, wäre mir wohl auch das Wort von der „Majestätsbeleidigung“ ganz natürlich.

Ich kenne aber Jesus Christus, weiß vom Neuen Bund und das genügt, um dieses Wort mindestens fragwürdig werden zu lassen.

Wann hören oder gebrauchen wir das Wort beleidigen, was benennen wir faktisch mit dem Zustand „Beleidigtsein“?
Bilder tauchen auf:
das motzende Kleinkind, das einen Insult mit der Drohung „Du bist nicht mehr mein Freund“, „mit dem spiele ich nicht mehr“, „die lade ich nicht zu meinem Geburtstag ein“… ahndet,
der beleidigte Teenager, der sich von der Gruppe zurück zieht und in vorwurfsvollem Selbstmitleid oder Rachephantasien schwelgt,
die „Märtyrer – Mutter“, die gewohnt ist, mit emotionaler Erpressung ihre Familie zu beherrschen und sich am Heiligabend mit hysterischer Migräne ins Bett begibt, weil die Schwiegertochter sich unbeeindruckt gezeigt hat,
der grimmig schweigende Mann, der jeden Blickkontakt meidet, weil ihm im Konflikt nicht Recht gegeben wurde. Aber schauen Sie, liebe Leser, ruhig ihre eigenen Assoziationen zum Thema „Beleidigt“ an.
Das erste Wort, das aus der Umgangssprache auftaucht, ist eindeutig: „Beleidigte Leberwurst“ und stellt bereits klar, daß es sich um eine sozial wenig verträgliche Reaktion handelt. Ist ein Wort oder eine Redewendung so klar und eindeutig mit Inhalten und Bedeutungen besetzt, wie eben heute das Verb „beleidigen“ nurmehr im Sinne von Kränkung verstanden wird, dann sollte ernstlich überdacht werden, ob es noch tauglich ist, eine Handlung oder einen Zustand im Verhältnis des Menschen zu Gott zu beschreiben.

Gipfelkreuz  © M. Wolf

Gipfelkreuz
© M. Wolf

Was wir meinen ist: wir geben dem Schöpfer die Ehre, indem wir seine Gebote halten. Ergo geben wir ihm nicht die Ehre, wenn wir sündigen. Tatsächlich „verletzen“ wir die Beziehung, richten einen Schaden an einer guten Ordnung an, bringen etwas in Unordnung. Durch Erkenntnis, Eingeständnis, Reue, Buße und womöglich Wiedergutmachung und dank Lossprechung, Vergebung und göttlicher Liebe und Barmherzigkeit kann der Schaden geheilt und die „Unordnung“ behoben werden.
Passt da wirklich das Wort „Beleidigung“?  Ist es richtig, im Zusammenhang mit dem Großen Gott Bilder zu evozieren, die mit Kränkung und den möglichen menschlichen Antworten darauf zu tun haben? Wollen wir dem Dreifaltigen Gott wirklich menschliche Reaktionen zuschreiben wie
gekränkten Rückzug aus der Beziehung,
Rachephantasien,
Vergeltungswünsche,
Unversöhnlichkeit,
Rechthaberei usw.?
Wer heute das Wort „beleidigen“ gebraucht, der kann nicht verhindern, daß er auch den Zustand des „Beleidigtseins“ bezogen auf den Adressaten der Beleidigung als Vorstellung evoziert und damit Gott klein macht. Weder ist Gott kränkbar, noch passt irgendetwas, was ich jemals von ihm erfahren habe zur Assoziation „beleidigte Leberwurst“.
Der Wortsinn läßt in unserem Sprachverständnis nur zwei Vorstellungen zu:
Ich mache Gott klein mit der Behauptung ich könne ihm die Ehre abschneiden, ihn kränken und ihn zum „Beleidigtsein“ herausfordern,
oder ich mache mich (über-) groß, indem ich in der Idee gefangen bin, seine Allmacht mit meiner Sünde korrumpieren, beeinflussen zu können.
Die „Groß – Klein“ – Falle ist ein Phänomen der narzisstischen Störungen in der menschlichen (Persönlichkeits-) Entwicklung.
Zur Beschreibung der Beziehung des Menschen zu Gott taugen Worte wie „beleidigen“ nicht mehr. Sprache und Denken sind untrennbar verbunden. Da Worte semantischen Veränderungen unterworfen sind, muß um die Worte gerungen werden, die auch heute die Größe unseres Gottes und unsere Haltung zu ihm zutreffend und angemessen beschreiben. „Gott beleidigen“ ist ein „verbranntes“ Wort und seiner nicht mehr würdig. Es nährt ein falsches Gottes- und Menschenbild, das nichts mit SEINER Wirklichkeit und Wahrheit zu tun hat, aber viel über uns aussagt.

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