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Gebet – Kunst – Geschichte

Zeitgeistballast abwerfen

| 4 Kommentare

Zeitgeistballast abwerfen

nikolausflueMein Herr und mein Gott,
nimm alles von mir,
was mich hindert zu dir.

Mein Herr und mein Gott,
gib alles mir,
was mich fördert zu dir.

Mein Herr und mein Gott,
nimm mich mir
und gib mich ganz zu eigen dir.

(Bruder Klaus von Flüeli)
und

Jesus Dir leb‘ ich,
Jesus Dir sterb‘ ich,
Jesus Dein bin ich tot und lebendig.

Zwei Gebete von großer Kraft und Schönheit hat das 19. Jahrhundert mit einem Wortschwall überzogen, den ein Bloggerkollege dokumentiert.

Altes Gebet nach der hl. Kommunion
O Du mein allerliebster Herr Jesus Christus, ich bitte Dich, nimm von mir hinweg, was mich scheidet von Dir.
O Du mein allerliebster Herr Jesus Christus, ich bitte Dich, gib mir alles, was mich führet zu Dir.
O Du meine einzige Hoffnung und Trost, Herr Jesus Christus, ich bitte Dich herzlich, nimm mich mir selbst, auch der Welt und dem Satan samt seinen Eingebungen, Rat und Tat, und gib mich ganz Dir zu eigen, dass ich immer und ewig bei Dir verbleibe.
O Du allerliebster Herr Jesus Christus, Dir lebe ich.
O Du meine einzige Hoffnung, Dir sterbe ich.
O Du mein einziger Trost und Schatz, Herr Jesus Christus, Dein bin ich tot und lebendig. Amen.
aus: Herr, den du liebst, der ist krank! Ein Kranken- und Trostbuch für katholische Familien, besonders aber zum Gebrauche für Seelsorger,
von Dr. Franz Oettinger, Herder, 1904, S. 168

Was hat dieses schwarmgeistige, von Kitsch und Geschmacklosigkeiten durchsetzte „fin de siecle“ im wilhelminischen Deutschland nicht alles an Unsäglichkeiten über die katholische Frömmigkeit gebreitet. Im Historismus war alles „Neo“ und nichts war echt und hatte Klasse. Worttünche, die hysterisch eingeschnürten Frauenbusen Seufzer religiöser Ergriffenheit entlocken sollte.
Wie man echte Kunst mit Minderwertigem übermalte, das dem Zeitgeschmack entsprach; wie man Kirchenarchitektur und – inventar durch bürgerliche Größenphantasien und Schreinergotik ersetzte, so ging das (klein-) bürgerliche Jahrhundert auch mit der Sprache von Gott um.
Wie gut, daß dieser Zeitgeistballast, dieses ganz und gar Fremde, aus katholischem Gebetsleben verschwunden ist. Nie mehr zurück in dieses Pathos, diese Künstlichkeit, wo jeder offene Raum mit Wortgeräusch zugenagelt wurde.
Wer heute die Oberflächlichkeit und Großmannssucht, den Hedonismus der Zeitgenossen beklagt, der sollte die Parallelen sehen und den Ausgang bedenken zum 100. Jahrgedächtnis der Katastrophe von 1914.

Teresita_wichtigstes_BildWalter Nigg schreibt so treffend über Theresia von Lisieux:
“Man steht vor dem Bild eines Menschen, der eindrücklich beweist, dass, wie unfruchtbar und öde auch immer eine Zeitepoche sein mag, der in ihr lebende Mensch stets zum Ewigen durchbrechen kann. In jeder Geschichtsperiode besteht die Möglichkeit, der Aufforderung des Angelus Silesius nachzukommen: Mensch werde wesentlich! Nie ist ein Christ durch den Leerlauf seiner Zeit entschuldigt, denn auch im oberflächlichsten Jahrhundert kann er im Göttlichen verwurzelt sein.”

Auch wir haben keine Entschuldigung…

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4 Kommentare

  1. Liebe Autorin,

    Sicherlich ist das Gebet in der Fassung, wie es in dem Buch von Franz Oettinger abgedruckt ist, nicht mit dem überlieferten Original zu vergleichen. Wenn uns auch die Ausdrucksweise etwas barock erscheinen mag, so ist es für mich eher einer Komposition vergleichbar, in der ein Komponist zu Ehren eines anderen großen Künstlers oder aus Freude an einer bekannten und beliebten Melodie eine Variation über ein Thema geschrieben hat. Man erkennt die Melodie, aber man hört die Klangwelten des Komponisten.
    Zur Kirchenarchitektur:
    Als ein Mensch, der sich seit Jahren von der sog. Gotik faszinieren läßt, habe ich mich auch mit der Architektur des ausgehenden 18., 19, und 20. Jh. beschäftigt, der man durch die Vorsilbe „Neo“ den Vorwurf des billigen Nachäffens gemacht hat. Ich bin dieser Einschätzung vieler sog. Experten aus dem Bereich KIrche und Kunstgeschichte lange genug gefolgt, bis ich mich eines Besseren belehren ließ. Es gibt die Gründerzeithäuser mit „austauschbaren Kulissen“. Sicherlich. Aber im Kirchbau ist nicht bloß „geschreinert“ worden! Die durchaus tiefe Zahlensymbolik „echter Gotik“, die ein einzigartiges Zusammenspiel von Mathematik, Musik, Philosophie, Bibel, Statik, Ästhetik etc. ist, läßt sich ebenfalls bei den großen Meistern der Gotik des 19. und 20. Jhs nachweisen. Es ist Rückbesinnung und Weiterentwicklung. Es ist kein bürgerlicher Stil, wie z.B. der Jugendstil oder das, was uns heute unter „bauhaus“ verkauft wird. Es ist Ausblick in die Ewigkeit, es ist Aufbegehren gegen die „Bürgerlichkeit“ bismarckscher Religionsgesetze. …

    • Lieber Kommentator,
      man kann das so sehen, muß aber nicht…

      Das Rheinland war preußisch und besonders „zeitgeistkonform“: die aus Berlin diktierte „Ästhetik“ hat das Land überrollt. Wer etwas gelten wollte, übernahm den „Stil“. Selbst hier im Süden gab es massive Eingriffe in alten Kulturbestand (heute zum Glück dank Denkmalschutz weitgehend „bereinigt“).
      Allerdings kann man hier im Unterallgäu sehr schöne Beispiele finden, wie sich das „Preußische“ bis in Struktur und Baubestand der Dörfer ausgewirkt hat: ein reformiertes, lutherisches und katholisches Dorf nebeneinander, da versteht man etwas.
      Ja, die zweite Hälfte des Jahrhunderts hat solide Handwerkerleistungen hinterlassen, aber keine große Kunst (sehen wir von einzelnen Highlights der Literatur, Malerei und Musik einmal ab) und die „Kaiserreichszeit“ war geradezu von Leere und Stillstand auf künstlerischem Gebiet gelähmt.
      Kunstgewerbe auf der Basis von „deutscher Eiche“ mit preußisch – lutherischem Mißverstehen des Spätmittelalters / der Dürerzeit.
      („Großes“ kann man dieser Zeit allein auf technisch – wirtschaftsrelevantem Gebiet, der Medizin anrechnen…!)

      Und nein, die Sprache dieses Gebetes ist nicht „barock“, sondern sentimental und ohne Achtung für das Große, das vorher war. Die reich ausgestatteten Gebetbücher der Zeit sind voll davon.

      Ich habe Verständnis für die von Säkularisation und Kulturkampf gebeutelten Katholiken in Deutschland, ihre Selbsterhaltungsversuche.
      (Für Reanimationsversuche oder gar Idealisierungen wider bessere historische Einsicht fehlt mir allerdings jedes Verständnis!)
      Ihre Gründungen sterben reihenweise aus, weil sie Frucht einer weltlich – politischen „Kampf- und Selbstbehauptungsstrategie“ waren. Eine auf Geld basierende Scheinblüte. Was „voll des Heiligen Geistes“ sich verjüngen konnte, soll bestehen. Geschichtsgerümpel mag verschwinden (auch wenn „katholisch“ draufsteht!).

      Und nein, es gibt keine Gotik im 19. und 20. Jahrhundert. An den Geist des Mittelalters konnte das „Möchtegernjahrhundert“ an keiner Stelle anknüpfen.
      Großes muß man mit der Lupe suchen und natürlich bestätigen Ausnahmen immer die Regel.

      Die selbstmörderischen Kriege, die in Europa gewütet haben, sind Ausdruck und Ende einer geistigen Dekadenz, die ganz Europa ergriffen hatte und nur vom Industrialisierungstaumel (und seinem Geld) übertüncht (aber auch durchsetzungsfähig gemacht) wurde.

      Katholisches Geistesleben, daß durch das Sieb von Aufklärung und staatstragendem, preußischem Luthertum gedrückt wurde, ergibt bürgerlich – betuliche Wohnzimmerästhetik à la „Gartenlaube“ …
      Ich hege keinerlei nostalgische Gefühle gegenüber dieser „katholischen Überanpassungsleistung an den Zeitgeist“ oder gar „Rückkehrwünsche“ in die spätpreußische Epoche. Noch immer hängt der Katholischen Kirche in Deutschland dieses Jahrhundert wie ein Klotz am Bein mit einem kurzen Luftholen in der „Guardini – Zeit“, den 20er und frühen 30er Jahren, von Hitler erfolgreich durchgestoppt und im Krieg verheizt!
      (Und allein die Volksfrömmigkeit blieb sich treu und die bäuerliche Volkskunst…daher gilt ihr meine unverstellte Liebe!)

      Walter Nigg hat vollkommen Recht und auch unserem deutsch – fetten Verwaltungs – Katholizismus würde es gut tun, wir würden seine Warnung beherzigen:
      „Walter Nigg schreibt so treffend über Theresia von Lisieux:
      ““Man steht vor dem Bild eines Menschen, der eindrücklich beweist, dass, wie unfruchtbar und öde auch immer eine Zeitepoche sein mag, der in ihr lebende Mensch stets zum Ewigen durchbrechen kann. In jeder Geschichtsperiode besteht die Möglichkeit, der Aufforderung des Angelus Silesius nachzukommen: Mensch werde wesentlich! Nie ist ein Christ durch den Leerlauf seiner Zeit entschuldigt, denn auch im oberflächlichsten Jahrhundert kann er im Göttlichen verwurzelt sein.”

      Auch wir haben keine Entschuldigung…“

  2. Wenn ich das Gebet von Nikolaus von Flüe mit der Fassung unten vergleiche, fällt mir ein, was der Redakteur uns Autoren von Radioandachten erzählt hat:
    Jedes überflüssige Wort (was man also weglassen kann, ohne daß die Botschaft leidet) mußte man sich vom seligen Chefredakteur Wolf Schneider persönlich vier Treppen hoch absegnen lassen. Laut Schneider fängt ein Text an im Leser zu leben, wenn er viele Verben, wenig Substantive und am Besten kein Adjektiv enthält.
    Der kurze Text von N.v.F. schafft mir Beter einen großen Raum, in den ich – in welcher Verfassung auch immer, mit welchem Anliegen auch immer, egal welcher Herkunft, welchen Alters, welchen Standes – eintreten kann und frei und gleichzeitig gebunden bin.
    Im Plagiat bin ich unfrei. Ich bin gezwungen, mich mit dem Befinden und der Verfassung des Autors zu befassen und erfahre darüber entschieden zu viel. Durch das Dickicht von Substantivierungen, Beiwörtern, schwurbeligen Bildern finde ich knapp ein Eckchen, in dem ich mich wiederfinden darf. Erholen kann ich mich nicht. Das beste Gebet ist für mich eines, daß mich nüchtern und wach werden lässt.
    Nach Wolf Schneider wäre Flües Gebet literarisch und journalistisch makellos, für den Beter ist es ein immerwährender Schmaus für Geist und Herz und eine Erholung fürs Herz!

    • Vielen Dank!
      Liturgische Sprache und mithin gute Gebetssprache erfüllt diese Bedingungen und wird dadurch zeitlos schön.
      Wie sehr sehnt man sich nach diesem klaren Wasser in der Hitze des „Gefühligen“ und Geschwätzigen….

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